Dissonanz, kognitive

28. Mai 2015


Oder: Lebensschutz für alle, aber nicht für jeden?

Wer in Sachen Peter Singer, Peter-Singer-Preis, Peter Singers Preis, Kritik an Peter Singer (und an seinem Preis) sowie in Sachen „Lebensschutz in Abstufungen“ so etwas wie Überblick behalten will (was dieser Tage wahrlich nicht leicht ist), der sei auf diesen ebenso informativen wie unterhaltsamen Artikel des Berliner Bloggers und Szenekenners King Bear verwiesen, der eindrucksvoll belegt, dass eine germanistische Grundausbildung auch dafür gut ist, mit etwas dichten und ganz viel denken eine dramatische Struktur ins epische Chaos hineinzulegen.

Mein Fazit: Man hat es heutzutage nicht leicht, wenn man als linker Atheist Euthanasie nicht gut finden will, zugleich aber nicht in den Verdacht geraten möchte, man habe irgendetwas mit „christlichen Fundamentalisten“ gemein, die Euthanasie ebenfalls nicht gut finden, zudem aber das menschliche Leben ganz grundsätzlich geschützt wissen wollen, wo man aber nicht mitgehen kann, da man ja als atheistischer Linker für Abtreibungen sein muss („Frauenrechte!“), wozu man bisher immer „Wegmachen eines Zellhaufens“ sagte, was aber jetzt auch nicht mehr wirklich geht, da man so ja indirekt Peter Singer und seiner Unterscheidung von Personen und Noch-Nicht- oder Nicht-mehr-so ganz-Personen Recht gäbe (also seiner „Kann weg!“-Ethik), was ja wiederum auch nicht geht, schließlich steht man hier vor der Urania und demonstriert.

Um diese Inkonsistenz (man könnte auch sagen: Heuchelei) durchzuhalten, muss man alle, die darauf hinweisen, dass z.B. unsere Fristenregelung zu 99 Prozent Singer-kompatibel ist, insoweit mit der 12-Wochen-Frist pathozentisch argumentiert wird („Fühlt nix, kann weg!“), genauso vehement bekämpfen (auch, wenn sie Atheisten sind) wie man Menschen bekämpfen muss, die bei ihrer Singer-Kritik durchblicken lassen, dass sie keine linken Atheisten oder atheistischen Linken sind (etwa, weil sie Christen sind).

Verstanden? Ja? Dann haben Sie mir etwas voraus.

(Josef Bordat)