Vor einiger Zeit erreichte mich die Mail eines besorgten Religionspädagogen, der mich auf die neuesten Entwicklungen der Disziplin hinwies, verbunden mit der Bitte, diese doch gelegentlich in meinem Blog vorzustellen. Das tue ich gerne, zumal ich es tatsächlich für sehr bedenklich halte, was im Kontext der Religionspädagogik als der „neueste Stand“ gilt. Der Leser bezog sich dabei auf den Rundbrief 1/2015 des Verband der Katholischen Religionslehrer und Religionslehrerinnen an den Gymnasien in Bayern e.V., in welchem unter dem Titel „Der Mensch und seine Moral – alles Bio?“ die „Erkenntnisse der heutigen Biologie und ihre Relevanz für Theologie und Religionsunterricht“ zusammengefasst werden, im Nachgang zu einer Fachtagung im vergangenen Jahr, an der die Sichtweise der Biologie (vertreten durch Wolfgang Wickler vom Max-Planck-Institut Seewiesen), der Philosophie (vertreten – ausgerechnet! – durch den Soziobiologen Eckart Voland) und der Theologie (vertreten durch den Moraltheologen Rupert Scheule) vorgestellt wurden.

Ums kurz zu machen: Das Papier gleicht einer Kapitulationserklärung. Dem Theologen kommt die Aufgabe zu, die Scherben zusammenzukehren, die biologistische und naturalistische Schläge dem Kristall der katholischen Lehre versetzen, allenfalls noch darum zu bitten, mal solle doch nicht zu streng mit der Kirche ins Gericht gehen, schließlich habe sie es nicht besser wissen können. Doch jetzt, wo Biologie die Leitwissenschaft ist und von der Soziobiologie freundlicherweise in die Praxis von Moral und Recht übersetzt wird, wird alles, alles gut. Und weil alles, alles gut wird, wird dann auch gar nicht mehr gefragt, ob die Disziplinen überhaupt das gleiche meinen, wenn sie etwa über Moral sprechen. Ob also erlerntes Verhalten bei Tieren tatsächlich eine Vorstufe von menschlichem Handeln aus Gründen ist. Ob Imitation dasselbe ist wie Empathie und Instinkt dasselbe wie Intuition. Man lässt gewähren und sich belehren.

Dabei kommt dann – nach wirklich guter Darstellung der unterschiedlichen anthropologischen und ethischen Grundpositionen durch die Vertreter der einzelnen Richtungen und einer eher halbherzigen Kritik der Theologie – unter anderem heraus, dass

– zu unterscheiden sei zwischen „seriöser“ und „nicht-seriöser“ Theologie; diese lehre die Katholische Kirche in ihrem Katechismus (Wickler),

– der Mangel katholischer Theologie darin bestehe, dass es ihr nicht gelungen sei, „moderne naturwissenschaftlich-biologische Erkenntnisse in die Theologie und ihre Lehre vom Menschen zu integrieren“ (Wickler),

– die Erbsündenlehre falsch sei und es folglich keine Erlösungsbedürftigkeit des Menschen gebe (Wickler),

– Moral nichts weiter sei als ein evolutionsstabilisierender Faktor und die Religion nicht mehr als ein Projekt des Menschen (Voland),

– die Moraltheologie „dringend einer Befreiung aus falschen naturrechtlichen Annahmen“ bedürfe (Rundbrief-Chefredakteur Claus Kleinert in seinem Kommentar zu Voland),

– die Forderung nach „naturfremder Enthaltsamkeit vor der Ehe“ die „Lebenswirklichkeit der Menschen“ verfehle (Kleinert im Kommentar zu Voland),

– eine „naturrechtliche Begründung moralischer Positionen nicht möglich und nicht haltbar“ sei (Kleinert),

– es eine wechselweise, also eineindeutige Korrelation zwischen geistigen und körperlichen Phänomenen gebe, also nicht nur gelte: „Alle geistigen und seelischen Phänomene und alle moralischen Verhaltensweisen des Menschen sind verbunden mit der Aktivität bestimmter Hirnzentren.“, sondern auch umgekehrt aus einer bestimmten Gehirnaktivität ein definiertes Phänomen oder Verhalten resultiere: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden einmal künstliche informationsverarbeitende Systeme, die ähnlich wie das menschliche Gehirn arbeiten, ‚geistige Eigenschaften‘ entwickeln.“, Studiendirektor a. D. Franz Hauber in seiner Zusammenfassung),

– der freie Wille des Menschen „sehr eingeschränkt“ sei und daher „nur in einem sehr geringen Bereich des menschlichen Handelns“ bestehe (Hauber),

– im Religionsunterricht „ohne klaren Widerspruch zu den Forschungsergebnissen der  Naturwissenschaften und damit zu anderen Schulfächern“ nicht mehr gelehrt werden könne und dürfe, der Mensch sei „direkt von Gott geschaffen“ worden, bestehe aus „Leib und Seele“, sei „voll verantwortlich für alle seine negativen Taten (Sünden)“, erfahre im Gewissen „den unbedingten Anspruch, das Gute zu tun und das Böse zu meiden“ und sei fähig „Wahrheit und Wirklichkeit eindeutig zu erkennen“ (Hauber),

– im Religionsunterricht „ohne klaren Widerspruch zu den Forschungsergebnissen der  Naturwissenschaften und damit zu anderen Schulfächern“ nicht mehr gelehrt werden könne und dürfe, Gott habe die Evolution „gesteuert“, greife „in die Geschichte der Erde und in die Geschichte der Menschheit direkt ein“ und spreche „im Gewissen des Menschen“ (Hauber),

– im Religionsunterricht der „teleologischen Verantwortungsethik“ [unter die auch der Utilitarismus fällt, J.B.] gegenüber einer „deontologischen Pflichtenmoral“ [etwa Kant, J.B.] ein Vorzug eingeräumt werden müsse und „endgültige, dogmatisch formulierte Festlegungen bei moralischen Fragen“ [z.B. „Es ist falsch – und zwar immer – einen unschuldigen Menschen grundlos zu töten.“, J.B.] vermieden werden sollten (Hauber),

– im Religionsunterricht [konsequenterweise, J.B.] gelehrt werden müsse, die „Schutzrechte eines Embryos“ nähmen „mit fortschreitender Entwicklung zu“, auch um den Schülerinnen und Schülern die Rechtmäßigkeit einer „Güterabwägung bei Fällen, in denen die Kirche bisher von einer in sich schlechten Handlung (intrinsece malum) sprach“ nahezubringen (Hauber),

– im Religionsunterricht [im Zuge des Paradigmenwechsels in der Ethik, J.B.] „bei Fragen zu Ehescheidung, Sexualität, voreheliche Sexualität, Homosexualität, Einsatz von Verhütungsmitteln, Präimplantationsdiagnostik, Pränatale Diagnostik, Gendiagnostik, Stammzellforschung, Klonen, Embryonenspende, Leihmütter, Sterbehilfe“ eine Neubewertung vorgenommen werden müsse (Hauber).

So, jetzt wissen wir’s. Habe ich Ihnen zu viel versprochen? Wir erinnern uns: Kapitulationserklärung. Übrigens nicht nur der Religion gegenüber der Wissenschaft (besser: der christlichen gegenüber der wissenschaftlichen Weltanschauung), der Tradition gegenüber der Moderne, des Naturrechts gegenüber dem Naturalismus oder der Katholischen Kirche gegenüber einer säkularistischen Gesellschaft, sondern insbesondere der praktischen Vernunft gegenüber der instrumentellen Vernunft. Mit diesem Programm fiele der Religionsunterricht nicht nur weit hinter Thomas von Aquin zurück, sondern auch hinter Kant und Habermas, ja, sogar hinter unser Grundgesetz, das ein gestuftes Lebensrecht des Menschen nicht kennt. Die weitestgehende Aufgabe von Willensfreiheit, Verantwortung und Gewissen machte jede nicht-biologistische Moraltheorie obsolet. Da die Natur nicht normativ wirkt, wäre die Frage nach der Geltungskraft des natürlich Vorgefundenen völlig offen. Gott und Gottes Gebot stünden dabei ja offensichtlich nicht mehr zur Verfügung, wenn man denn vom Schöpfungsbegriff (selbst vom prozessualen) Abstand nähme. Und während in der Ethik alles relativ werden soll, steht allein noch die Naturwissenschaft als absoluter Wahrheitsgarant im Raum, obgleich diese alle Jobeljahre einen Paradigmenwechsel erfährt. Aber da kann man ja jeweils mitgehen, als katholische Religionslehrerin, als katholischer Religionslehrer, die respektive der die Anpassung an den akademischen Zeitgeist zur Genüge gelernt und gelehrt hat.

Also, Frage: Wohin gehst Du, katholische Religionslehre? Antwort: Zur Biologie! – Unterwegs ist sie derweil auf Abwegen.

(Josef Bordat)