„Frauen kommen in der Kirche nicht vor, sie sind mit Berufsverbot belegt.“ (aus dem Facebook)

Genau.

Ich will jetzt gar erst nicht mit Maria anfangen, denn es verstehen ohnehin nur noch zwei, drei eingefleischte Insider, welche Bedeutung ihre Berufung für das Christentum und die Kirche hatte (das Zweite Vatikanische Konzil spricht von Maria als „klarstes Urbild“ der Kirche, Lumen Gentium, Nr. 53 – ergo: Keine Frau, keine Kirche!). Lassen wir das also und wenden uns allgemein nachprüfbaren Fakten zu.

1. Schon der Völkerapostel Paulus hatte Mitarbeiterinnen, etwa die im Römerbrief erwähnte „Schwester Phöbe“, die „Dienerin der Gemeinde von Kenchreä“ war (Röm 16, 1), die Paulus höchstpersönlich mit der Überbringung des Briefes an die Gemeinde in Rom beauftragt hat (Röm 16, 2) und deren Arbeit er in höchsten Tönen lobt („sie selbst hat vielen, darunter auch mir, geholfen“, Röm 16, 2). Weiterhin „Priska und Aquila“, die er expressis verbis seine „Mitarbeiter in Christus Jesus“ (Röm 16, 3) nennt. Und in der Apostelgeschichte ist von einer „Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira“ die Rede, die den „Worten des Paulus aufmerksam lauschte“ (Apg 16, 14), ein dezenter Hinweis auf – zumindest – Schülerinnenschaft.

2. Im Hochmittelalter machen viele Frauen ihre Berufung zum Beruf und treten in die neuen Ordensgemeinschaften ein bzw. gründen einen eigenen Zweig für Frauen innerhalb der jüngst entstandenen Orden (wie Klara von Assisi). Schon bald leiten sie Klöster, gründen neue, beraten Bischöfe und Päpste (wie Hildegard von Bingen).

3. Statt ihnen und allen anderen Frauen Berufsverbot zu erteilen, erkennt die Kirche die besondere Rolle der Frau als Ordengründerin, Ordensreformatorin, Mystikerin, Theologin und Philosophin. Zur Kirchenlehrerin erhebt sie Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert), Katharina von Siena (14. Jahrhundert), Teresa von Ávila (16. Jahrhundert) und Thérèse von Lisieux (19. Jahrhundert). Patrone Europas gibt es sechs – drei davon sind Frauen: neben Katharina von Siena noch Birgitta von Schweden und Teresia Benedicta a Croce (Edith Stein). Letztere wurde nicht zur Habilitation zugelassen und sah sich gezwungen, 1933 ihren Beruf ganz aufgeben. Das lag aber beides – ausnahmsweise mal – nicht an der Kirche.

4. Zwar sind einige Weiheämter (Diakon, Priester, Bischof) und das Amt des Papst (als Bischof von Rom) in der Katholischen Kirche Männern vorbehalten (das des Bruders übrigens auch), doch für Frauen ist ein geweihtes Leben als Ordensfrau, Jungfrau und Witwe möglich. Heute gehen weltweit etwa 700.000 Frauen in Ordensgemeinschaften ihrem Beruf nach. Das ist deutlich mehr als es Brüder (54.000), Diakone (45.000), Priester (420.000), Bischöfe (5000) und Päpste (1 bis 2) gibt.

5. Alle Aufgaben, die nicht besonderen Weiheämtern vorbehalten sind, werden in der Kirche von Frauen und Männern ausgeführt. Dazu zählen haupt- und ehrenamtliche Tätigkeiten, Aufgaben in Gremien und in der Gemeinde, Posten in der theologischen Forschung und Lehre, in der Organisation und Verwaltung der Kirche, in Seelsorge und Pastoral sowie in den kirchlichen Medien und der Öffentlichkeitsarbeit (der größte religiöse Fernsehsender der Welt, EWTN, wurde von einer Katholikin gegründet, der Klarissin Mutter Angelica). – Ja, in der Verwaltung! Pfarrsekretärinnen – OK! Buchhalterinnen – klar! Aber wie sieht es in Seelsorge und Pastoral aus? Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz (2015) stehen ca. 4900 Gemeinde- und Pastoralreferentinnen nur etwa 2800 männliche Kollegen gegenüber. Nimmt man zu diesen die 14400 Priester dazu, haben die Frauen im Bereich der diözesanen Seelsorge und Pastoral immer noch einen Anteil von 22 Prozent. Dabei sind die pastoral und seelsorglich arbeitenden Ordensfrauen noch gar nicht mitgezählt. Hier ist die weibliche Mehrheit noch deutlicher: Unter den ungefähr 21400 Ordensleuten in Deutschland befinden sich 17500 Frauen (82 Prozent). Gehen wir davon aus, dass die Hälfte der Ordensleute pastoral und seelsorglich arbeitet (der Anteil dürfte in Wirklichkeit höher liegen), ergibt sich das folgende Bild: Von den deutschlandweit im kirchlichen Kernbereich der Seelsorge und Pastoral tätigen 32800 Menschen sind 13650 weiblich; die Frauenquote liegt in diesem Bereich also bei etwa 42 Prozent. Berufsverbot? Wäre ungünstig!

6. Als Äbtissin eines bedeutenden Klosters hat eine Frau mindestens so viel kirchlichen und gesellschaftlichen Einfluss wie ein Ortsbischof. Dass in den Frauenorden stets eine Frau die Leitung inne hat,sollte nicht überraschen. Doch auch in der Fokolarbewegung, einer Neuen Geistlichen Gemeinschaft, in der Männer und Frauen wirken, kann nur eine Frau die Leitung innehaben – auf Wunsch der Gründerin, approbiert vom Vatikan. Hier von einem „kirchlichen Berufsverbot für Männer“ zu sprechen, wäre albern, läge aber auf der logischen Linie des Facebook-Kommentars.

7. Frauen wirken als katholische Theologinnen. In Deutschland sind von den nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz (2015) insgesamt 375 Theologieprofessuren derzeit 17 mit Frauen besetzt, was einem Anteil von 4,5 Prozent entspricht. Das ist weniger als in anderen Fächern, aber: ein Berufsverbot sieht anders aus. Weitere Informationen über das Berufsbild „Katholische Theologin“ geben auf nette Nachfrage sicher sehr gerne: Christine Büchner (Hamburg), Katja Boehme (Heidelberg), Marianne Heimbach-Steins (Münster), Susanne Sandherr (München), Sabine Pemsel-Maier (Freiburg), Katrin Bederna (Ludwigsburg), Gunda Werner (Bochum), Judith Könemann (Münster), Ilse Müllner (Kassel), Anja Middelbeck-Varwick (Berlin), Lucia Scherzberg (Saarbrücken), Uta Poplutz (Wuppertal), Regina Radlbeck-Ossmann (Halle-Wittenberg), Saskia Wendel (Köln), Margareta Gruber (Vallendar), Judith Hahn (Bochum) und Johanna Rahner (Tübingen).

8. Frauen wirken auch außerhalb Deutschlands als katholische Theologinnen. Maria Domenica Melone etwa ist Rektorin der Päpstlichen Universität Antonianum. Die im Fach Dogmatik habilitierte Franziskanerin war zuvor Direktorin des Religionswissenschaftlichen Instituts und Dekanin der Theologischen Fakultät. Maria Domenica Melone ist ein Beispiel dafür, wie Frauen heute als katholische Theologinnen nicht nur ihren Beruf ausüben, sondern auch Karriere machen können.

9. Frauen arbeiten in der Kirche und kirchlichen Einrichtungen in Deutschland, wie etwa der Caritas, Kindergärten, Schulen, Universitäten. Auch in leitender Funktion. Frauen besetzen in Generalvikariaten und Ordinariaten deutscher Diözesen nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz (2015) etwa 13 Prozent der oberen Leitungspositionen und 19 Prozent der Stellen auf der mittleren Leitungsebene. Somit haben Frauen etwa ein Sechstel der mit Leitungsaufgaben verbundenen Positionen in der Kirchenverwaltung inne. Das entspricht dem Frauenanteil in der Leitung mittlerer und großer deutscher Unternehmen. Und bei diesen würde man vermutlich nicht auf den Gedanken kommen, es gebe ein „Berufsverbot für Frauen“, oder?

10. Frauen arbeiten im Vatikan. Auch in leitender Funktion. 20 Prozent aller Mitarbeiter im Vatikan sind weiblich; der Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Besonders stieg er in leitenden und wichtigen beratenden Tätigkeiten an, die mehr und mehr von Frauen ausgeübt werden. So ernannte Papst Franziskus 2015 die italienische Historikerin Stefania Nanni, Professorin für „Geschichte der Neuzeit“ an der römischen Universität La Sapienza, zur Konsultorin der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen. Im gleichen Jahr nahm ein 24-köpfiges Beraterinnengremium mit Frauen aus Wissenschaft und Medien, Diplomatie und Politik, Bildung und Gesundheitswesen die Arbeit im Päpstlichen Kulturrat auf. Im Juli 2017 ernannte der Heilige Vater Flaminia Giovanelli zur Untersekretärin der für Migration, Menschenrechte, Umwelt und Armutsbekämpfung zuständigen Behörde. Die Politikwissenschaftlerin steht damit an dritter Stelle in der Hierarchie des Dikasteriums für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen. Doch Frauen in hohen Ämtern des Vatikan sind keine Erfindung des aktuellen Papstes: Papst Johannes Paul II. berief bereits 2003 Letizia Ermini Pani zur Präsidentin der Päpstlichen Akademie für Archäologie und die Soziologin Schwester Enrica Rosanna zur Untersekretärin der Ordenskongregation.

Berufsverbot für Frauen? In der Kirche? Vielleicht kann man sich ja – den üblichen Gepflogenheiten zum Trotz – gelegentlich dazu durchringen, vor dem Schreiben von Facebook-Kommentaren die eine oder andere sachdienliche Information einzuholen. Oder auch beide. Muss man aber nicht. Schließlich haben wir Meinungsfreiheit.

(Josef Bordat)