Ich hatte gestern drei Gründe genannt, heute zu feiern. Ob der 70. Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans von der britischen Kolonialherrschaft ein vierter ist, hängt stark von der Perspektive ab.

Sicher ist es gut, dass die Fremdherrschaft endete und das Land im Zuge der globalen Dekolonialisierung seine Unabhängigkeit erhielt. Andererseits war die Teilung des Britischen Herrschaftsgebiets in zwei religiös definierte Nationen problematisch. Den Hindus Indien, den Moslems Pakistan (und Bangladesch) – das schien die Losung für einen guten Start in die Zukunft.

Es kam anders. Viermal haben sich Indien und Pakistan militärisch auseinandergesetzt – erstmals bereits wenige Wochen nach Unabhängigkeit und Teilung, zuletzt im Jahr 1999. Dabei ging es vor allem um die von beiden Ländern beanspruchte Region Kashmir. 2007 hat die islamistische Terrororganisation Al Kaida Indien den „heiligen Krieg“ erklärt. Wegen Kashmir.

Pakistan und Indien werden bis heute durch den Islam bzw. den Hinduismus geprägt. Sie stehen in dieser Konstellation einander waffenstarrend gegenüber – einzig geeint in ihrem gemeinsamen Feind: dem Christentum.

Belegt Indien im aktuellen Open Doors-Weltverfolgungsindex Platz 15, so liegt Pakistan auf Platz 4 – schlechter geht es Christen nur in Afghanistan, Somalia und Nordkorea. Dabei sind beide Länder – im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten mit massiver Christenverfolgung – von globaler Bedeutung.

Indien ist ein riesiger Vielvölkerstaat, in dem fast 1,3 Milliarde Menschen leben. In wenigen Jahren wird es das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Das Land gehört zu den G20, den größten Ökonomien der Erde. Pakistan ist mit über 200 Millionen Einwohnern das sechstgrößte Land der Welt und verfügt ebenfalls über eine wachsende Wirtschaft, die es an die Tür der G20 klopfen lässt.

Beide Länder haben damit großen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluss, Indien vor allem auf Nepal und Sri Lanka (Platz 45 im WVI), Pakistan auf Afghanistan (Platz 3 im WVI), die Malediven (Platz 15 im WVI) und Bangladesch (Platz 26 im WVI).

Unabhängigkeit bedeutet Freiheit, Freiheit bedeutet Verantwortung. Dieser Verantwortung müssen die beiden regionalen Großmächte gerecht werden. Sie sollten ihren Einfluss nutzen, für den Frieden und für religiöse Toleranz. Ganz im Sinne desjenigen, der mit Gewaltlosigkeit einst ihre Befreiung von der britischen Fremdherrschaft ermöglichte: Mohandas Karamchand Gandhi, der Mann mit der großen Seele. Mahātmā.

(Josef Bordat)

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