Die Katechese Frère Alois‘ vom 29. Dezember, meine Gedanken dazu sowie eine Gegenrede hat einige Kolleginnen und Kollegen der Blogozese über den Jahreswechsel beschäftigt. In den Klosterneuburger Marginalien findet sich eine Zusammenschau der Beiträge und eine ebenso rege wie anregende Diskussion, zu der ich auf diesem Wege einen Beitrag leisten möchte.

Ich finde, wenn man das Phänomen des „Brauchens“ nicht als Ausdruck einer notwendigen Existenzbedingung, sondern als Ausdruck einer tiefen Sehnsucht versteht, die ihren Grund in großer Liebe hat (und genau so verstehe ich es), kann man schon mit Frère Alois gehen und eine verbindliche Gegenseitigkeit von Gott und Mensch postulieren. Die starke Formulierung, Gott sei „darauf angewiesen, geliebt zu werden“, ist insoweit etwas unglücklich, ebenso viele andere Formulierungen, auch in meinem Text.

Das Zusammenspiel von größter Sehnsucht in der Liebe Gottes einerseits und größter innerer Freiheit und äußerer Unabhängigkeit Gottes andererseits ist mit Worten kaum treffend zu beschreiben. Vielen Begriffen eignet eine simple Zweckhaftigkeit, die dem Phänomen gegenseitiger Liebe nicht gerecht wird, sie zu sehr festlegt. Die Sprache stößt an eine Grenze, wenn wir die gegenseitiger Liebe zwischen Gott und Mensch von Gott her bestimmen wollen.

Die Verhältnisbestimmung von Gott und Mensch bleibt aber eine für den Glauben ganz zentrale Aufgabe. Wird die Gegenseitigkeit zur konstitutiven „Abhängigkeit“ (wie etwa bei Sölle, deren Glaube sie selbst als „atheistisch“ bezeichnete), erhielten wir einen gleichsam „vermenschlichten“ wie „ohnmächtigen“ Gott, der als „lediglich etwas größeres und besseres Wesen“ dem Menschen ein gutes Vorbild sein mag, weil er eine anregende (vielleicht auch regulative) Idee zur sittlichen Handlungsorientierung stiftet, mehr aber nicht. Wird Gottes „Unabhängigkeit“ gegenüber dem Menschen hingegen zur Indifferenz, ergäbe dies entweder einen desinteressierten deistischen Gott der Ferne oder einen nicht ganz so fernen, aber ebenso unnahbaren Gott, dessen innere Distanz zur Welt bewusst gewählt wird und dessen Übergröße den Menschen zum Fatalismus drängt. Oft wird dieses Bild so ausgestaltet, dass dieser Gott einseitig die Beziehungsmodi diktiert und die Zuneigung des Menschen allenfalls als eine Form pflichtschuldiger Leistungserbringung abhakt, ohne beim Ausbleiben des Widerhalls verletzt oder gar gekränkt zu sein, sondern bloß eiskalt die Konsequenz zieht.

Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, mit der Gott selbst zwischen Seinen Schöpfergeist und die von Ihm geschaffene Natur tritt und damit Inter-esse zeigt, die Göttlichkeit des Sohnes durch die feste Verbindung zum Vater, die auch in der Natur vollständig von Geist durchwirkt ist (Jesus ist nicht „halb Mensch, halb Gott“, sondern ganz Mensch und ganz Gott) – diese christlichen Glaubensinhalte, die in dem einen Prinzip der Liebe wurzeln, sprechen gegen beide zuvor genannten Verhältnisbestimmungen, soviel steht fest. Eine positive, abschließende Antwort, der sich jeder gläubige Christ anschließen können müsste, kann ich darüber hinaus nicht geben. Sicher lassen sich in der christlichen Theologie gute Formulierungen finden, welche die auseinander treibenden Momente von größter Nähe und Einheit sowie größter Ferne und Verschiedenheit zusammenzurren. Es scheint mir aber ein bleibender Auftrag des persönlichen Glaubens, gedanklich zwischen dem unendlich fernen „Ganz Anderen“ und dem uns in Christus ganz nah kommenden Gott zu oszillieren und so dem Phänomen des „Brauchens“ auf die Spur zu kommen.

Wichtig ist wohl, dass wir bei aller „Grübelei“ nie vergessen, dass wir über Gottesbilder nachdenken und sprechen, über Metaphern und Vergleiche, die letztlich alle „hinken“, weil unsere Vorstellung nicht hinreicht, um Gott so zu erkennen, wie Er ist. Dieses Motiv kommt (nicht nur) bei Frère Alois öfter vor und ich denke, dass so die Rede von dem „anspruchsvollen Sprung“, den das Evangelium uns abverlangt, auch zu verstehen sein könnte: als Mahnung zur Vorsicht. Voreilig fixierte Gottesvorstellungen hemmen den Glauben eher als sie ihn befördern. Die „radikale Umkehrung des Bildes, das wir von Gott haben“ verweist denn auch darauf, dass es wohl besser wäre, wir würden uns gar kein Bild von Gott machen. Gott weiß das am besten, nicht von ungefähr ist das so ziemlich die erste Erwartung, die Er an den Menschen richtet: Du sollst Dir kein Bild machen. Das muss weder in mystische Abstraktion oder gar in negative Theologie noch in „blinden Glauben“ und Fatalismus einmünden. Denn die Betonung scheint mir weniger auf Bild als vielmehr auf machen zu liegen.

So sehr wir Vorstellungen von Gott haben und auch wohl haben müssen, wenn wir an Ihn glauben, d.h. auf Ihn vertrauen, so sehr muss uns klar sein, dass es sich um Vorstellungen handelt, um unsere Vorstellungen. Und: Wir sollen uns Gott nicht zurechtmachen. Aus diesem Bewusstsein ergibt sich eine besondere Form der Liebe und Verehrung, die Gott, ob und inwieweit Er sie braucht oder nicht, sicherlich gefällt: Demut.

(Josef Bordat)