Bedenkliche Entwicklung

19. Dezember 2012


Die französische Regierung will gegen „religiöse Extremisten“ vorgehen. Das berichtete – wie ich durch Alipius erfuhr – die katholische Nachrichtenagentur Catholic News Agency. Betroffen sind demnach alle religiösen Gruppen, die von der Regierung als „potentiell gewalttätig“ eingestuft werden – darunter Muslime und traditionelle Katholiken. Innenminister Manuel Valls erklärte, dass man den Laizismus schützen und religiöse Gruppierungen bekämpfen wolle, sofern sie die Republik gefährden. Die Religionsfreiheit sei dadurch nicht betroffen. Allerdings werde der Staat gegen „religiöse Pathologien“ intervenieren. Unter den genannten Gruppen, die möglicherweise „pathologisch“ sind, befinden sich neben muslimischen (also: islamistischen) und jüdischen (also: orthodoxen) auch christliche (v. a. katholische) Vereinigungen wie Civitas, eine der Piusbruderschaft nahestehende Laienbewegung. Civitas organisiert regelmäßig Proteste gegen Blasphemie, Abtreibung und die Homo-Ehe.

Ja, so wird das in der Regel gemacht: Entweder werden Andersdenkende pathologisiert und in die Psychiatrie verbracht (das war die favorisierte Umgangsform der Sowjetunion mit renitenten Christen wie Tatiana Goritschewa) oder kriminalisiert und ins Gefängnis gesteckt. Also: Entweder sind sie zu dumm oder zu böse für diese Welt.

Man verfolgt den Andersdenkenden nicht, weil er anders denkt, sondern weil man das andere Denken in seiner vermeintlich kranken oder kriminellen Art für gefährlich hält, zumeist übrigens völlig zurecht, wie die Geschichte der Christenverfolgung zeigt. Der christliche Glaube von der bedingungslosen Liebe irritierte die Logik des Do, ut des im Alten Rom (Ergebnis: Verfolgung der Christen). Die christliche Lehre von der Gleichheit aller Menschen verstörte im 19. Jahrhundert die Machthaber der konfuzianisch-hierarchisch geprägten koreanischen Feudalgesellschaft (Ergebnis: Verfolgung der Christen). Das christliche Gottesbild (Gott Vater, Gott Sohn, Heiliger Geist) liegt der nordkoreanischen Auffassung quer, die göttliche Dreifaltigkeit zeige sich ausschließlich in der Herrscherfamilie (Ergebnis: Verfolgung der Christen). In allen Fällen stört das Christentum, stellt für die herrschenden Verhältnisse eine Gefahr dar, die es – aus Sicht der Herrschenden – abzuwenden gilt.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass in islamisch geprägten Ländern der mittlerweile genozidale Kampf gegen Christen sich insbesondere auch gegen kulturelle Aspekte des Christentums richtet, die in christlich geprägten Ländern gar nicht mehr dem Christentum zugeschrieben werden, etwa Freiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter oder Bildung; der Name der nigerianischen Islamisten-Terrorgruppe Boko Haram weist darauf hin. Das stimmt historisch sicherlich – ohne die Kirche gäbe es beispielsweise keine einzige Universität –, doch die Identifikation von Christen mit „Westen“ ist insbesondere deshalb so tragisch, weil sie eben vermeintliche oder tatsächliche Gefahren in das Christentumskonzept einträgt, die zwar vom „Westen“, nicht aber von Christen ausgehen. Es ist nicht der Papst, der mit Drohnen eine neue Form der Kriegsführung erprobt. Es ist nicht die Kirche, die ein ungerechtes Wirtschaftssystem stützt. Es sind nicht die Christen, die den Islam in ihrer Kunst verspotten.

Hier liegt die Problematik des Konzepts „Gefahr“ für den Umgang mit dem, was anders ist. Fremdheit irritiert immer, sonst wäre es ja Eigenheit. Die Frage ist nur, wie man mit dem, was man nicht versteht, umgeht. Rekonstruiert man es vor dem Hintergrund des eigenen oder des fremden Denkens? Nimmt man es ernst oder vermengt man es mit Stereotypen, die man für Wissensbestände hält? Und für Europa stellt sich die Frage: Bleibt die säkulare Gesellschaft fähig zur Selbstkritik, so dass sie erkennen könnte, dass vielleicht auch eine gewisse Gefahr von dem ausgeht, was sie durch Religion gefährdet sieht? Ich meine, bei der „Wehrkraftzersetzung“ durch die Geschwister Scholl war ja – bei Lichte betrachtet – nicht die Zersetzung das Problem, sondern die Wehrkraft. Vielleicht liegt der Fall ja bei der Abtreibung ähnlich. Zumindest könnte man darüber nachdenken, ob es nicht auch Gründe dafür geben könnte, die Gefahr bei der Abtreibungspraxis zu sehen – und nicht beim Protest gegen Abtreibung.

Ich hoffe daher, dass der Begriff „Gefahr“ beim ideologischen Gegner (und dazu gehört in Frankreich offenbar auch derjenige, der katholische Positionen vertritt) nicht überdehnt wird, während man sich selbst für harmlos hält, sondern dass er auf konkrete Gefährdungen elementarster Menschenrechte, also der Leib- und Lebensrechte, beschränkt wird. Wer Menschen töten will, weil sie nicht glauben, was man selber glaubt, kann keinen Platz in Europa beanspruchen – soviel ist klar. Dass aber auch Gruppen ins Fadenkreuz geraten, die sich für eben jene elementarsten Menschenrechte einsetzen, wie etwa Civitas, ist hingegen eine höchst bedenkliche Entwicklung. Es sollte Konsens darüber bestehen, dass, wer Gefahren für Leib und Leben abwenden will, nicht gefährlich sein kann. Und dass, wenn er dennoch so wahrgenommen wird, mit der Wahrnehmung etwas nicht stimmt.

(Josef Bordat)