Haben Menschen neben dem biologischen Geschlecht („sex“) ein soziokulturelles Geschlecht („gender“)? Ist dieses derart prägend, das es jenes faktisch marginalisiert? Und wenn dem so ist – was folgt daraus für die Kategorie „Geschlecht“ insgesamt? Diese Fragen sind Gegenstand der Gender-Studien.

Im Grunde wiederholt sich in den Gender-Studien der alte anthropologische Streit zwischen „Biologisten“ und „Behavioristen“. Was bestimmt den Menschen: die Gene oder die Umgebung? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Der Mensch ist nicht Sklave seiner natürlichen Ausstattung, die Natur des Menschen zeigt sich jedoch in Geschlechtsstereotypen, die auch mit milliardenschweren Programmen nicht „aberzogen“ werden können. Man kann – polemisch gesagt – noch so viele „Girl’s Days“ veranstalten, der Frauenanteil in den MINT-Fächern wird dadurch nicht wesentlich steigen. Aber grundsätzlich anzuerkennen, dass eine Frau (trotz schlechterer räumlicher Vorstellungskraft) ein Verkehrsflugzeug steuern und ein Mann (trotz größeren Sexualtriebs) zölibatär leben kann, gehört zu den großen kulturellen Leistungen der menschlichen Gemeinschaft.

Ob es dafür die Gender-Studien braucht oder lediglich ein Gespür dafür, dass der Mensch mehr ist als seine Biologie, möchte ich mal offen lassen. Zudem muss zwischen „es gibt“ und „es ist wesentlich“ unterschieden werden. Dass die Gender-Studien ihren Gegenstandsbereich für anthropologisch wesentlich halten, ist jedenfalls nicht unumstritten (ähnliches gilt – mit umgekehrten Vorzeichen – sicher auch für die Evolutionisten, die wissenschaftliche Forschung nur noch dann ernst nehmen, wenn sie in „evolutionärer“ Hinsicht stattfindet).

Auch vor den Gender-Studien (als Studiengang erst in den 1990ern eingerichtet) gab es eine Berücksichtigung nicht-biologischer Geschlechtsmerkmale in den Disziplinen, die zu unserem Menschenbild beitragen. Ich hatte in den frühen 1980ern schon von „tertiären Geschlechtsmerkmalen“ gehört, die zu beschreiben versuchen, was – jenseits primärer und sekundärer Merkmale – einen Mann männlich und eine Frau weiblich macht. Mit Rollen hat sich die Soziologie schon lange vorher befasst. Auch die Psychologie wusste schon lange, dass ein Pianist mehr Gemeinsamkeiten mit einer Pianistin hat als mit einem Fernfahrer. Also: Was leisten Gender-Studien?

Ich habe als Geisteswissenschaftler viel übrig für neue Ansätze und neue Kontextualisierungen auf Basis selbstindizierter neuer Fragestellungen, die Gender-Studien scheinen mir hier jedoch weit überschätzt. Vor allem das Paradigma „Geschlecht“ als Forschungsgegenstand scheint mir problematisch. Monokausale Erklärungsansätze für komplexe Phänomene (und ein solches sind sowohl der Mensch als auch dessen soziokulturelle Hervorbringungen, also Politik, Gesellschaft, Staat, Recht etc.) sind schon aufgrund ihrer argumentativen Engführung ideologieanfällig.

Was die Ideologietendenz angeht, so stellt sich die Frage, inwieweit sauber zwischen Theorie und Tatsache unterschieden wird. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Grenze bewusst verwischt wird, um eine Theorie über Tatsachen selbst als Tatsache auszuweisen und in dieser Dignität gegen Kritik zu immunisieren. Das Problem besteht denn auch in der Normativität der Gender-Studien. Gegen eine „Gender-Theorie“ in deskriptiver Absicht hat wohl niemand etwas einzuwenden. Der Wille, in gesellschaftliche Prozesse gezielt einzugreifen („Gender-Mainstreaming“ als „Strategie“), mit der Würde der „Wissenschaft“ im Rücken, geht jedoch über das, was Wissenschaft leisten kann und soll, weit hinaus.

Dass Vertreterinnen und Vertreter der Gender-Studien ihren Arbeitsbereich ideologisch überhöhen, z.T. mit gezielten persönlichen Interessen, dafür gibt es zahlreiche Beispiele, die in der zur Schau gestellten Irritationslosigkeit erschreckend sind, auch wenn sie „nur“ provozieren wollen. Die eigene Forschungswahrheit für so absolut zu halten, das sie über Recht und Gesetz steht, trägt jedenfalls deutliche Züge ideologischer Verblendung. Und die „Gender-Ideologie“ ist (wie jede Ideologie) falsch und gefährlich; einige drücken es anders aus.

Die Katholische Kirche hat ihre eigene Sicht auf „sex“ und „gender“. Zu meinen, dass „Jesus Christus [..] die Gendertheorie […] vorbildhaft genutzt [hat]“, fällt eingedenk dessen in mehrerlei Hinsicht aus dem Rahmen. Meiner Ansicht nach schreibt diese These Jesu Handeln in ungeeigneter Weise einem Interpretationsschema unserer Tage zu, das zudem in seiner normativen Zielrichtung unterschätzt wird. So wie ich Jesus verstehe, hat Er jeden Menschen als Menschen mit konkreten Bedürfnissen gesehen – ganz unabhängig von Kategorien wie Geschlecht, Status, Nationalität, Religion. Jesus will das Reich Gottes verkünden und beginnen lassen. Dazu gehört eine Gerechtigkeit, die über unsere Vorstellungen von Gleichheit hinausgeht, dazu gehört eine Barmherzigkeit, die sich gar nicht analytisch einordnen lässt, weil sie sich als Gnade dem moralisch Gebotenen und sittlich Angemessenen entzieht. Jesus verwirklicht Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegenüber jedem Menschen, unabhängig von theoretischen oder gar strategischen Erwägungen zu „sex“ und „gender“.

(Josef Bordat)