Ich sehe einen Widerspruch zwischen der Gender-Theorie und der Gender-Strategie.

Die Gender-Theorie will begründen, warum die Zweigeschlechtlichkeit anthropologisch unzureichend ist und die Geschlechtergrenzen daher aufzuheben sind. Die Gender-Strategie basiert aber gerade auf den unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen von Frau und Mann und fordert daher eine Berücksichtigung dieser Unterschiede in politischen und gesellschaftlichen Prozessen, bis hin zu Sprache und Gesetzgebung.

Was stimmt denn nun: Gibt es weibliche und männliche Sichtweisen (gebunden an das biologische Geschlecht) oder sind diese Sichtweisen nur Konstrukte, die Frauen und Männer ganz unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht formulieren (ein Grundsatz der Gender-Theorie)? Wenn dem aber so ist, wie lässt sich dann die Forderung nach ausgewogener Berücksichtigung von Frauen und Männern realisieren (ein Grundsatz der Gender-Strategie)?

Konkret: Wie müsste ein Gremium, dessen Besetzung paritätisch sein soll, besetzt sein? Zur Hälfte aus Frauen und zur Hälfte aus Männern oder zur Hälfte aus Menschen, die weiblich denken und zur Hälfte aus Menschen, die männlich denken? Und: Was hieße das genau? Wer legt fest, was genau „weiblich“ und „männlich“ konstituiert, wenn das biologische Geschlecht als Kriterium ausfällt? Freilich, ohne dabei stereotype Vorannahmen zu treffen, die ja gerade durch die Gender-Theorie bestritten und durch die Gender-Strategie überwunden werden sollen.

Es bleibt dabei: Ich sehe einen Widerspruch zwischen der Gender-Theorie und der Gender-Strategie. Und eine Theorie, deren praktische Umsetzung ihr notwendigerweise widerspricht, gehört auf den Prüfstand. Höflich ausgedrückt.

(Josef Bordat)