Versuch einer ehrlichen Antwort auf einen interessanten Kommentar

Ich habe mir gestern Nachmittag – als die Gespräche am Kaffeetisch langweilig wurden – überlegt, wieviel Zeit und Energie ich wohl für eine Antwort hierauf verwenden sollte:

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Eine pauschale Textkritik, die nicht auf den Text eingeht, sondern nur ein „Problem“ reklamiert und ihr Urteil auf der Basis unterstellter Motivlagen spricht („hauptsache die Kirche verteidigen“), ist nicht unbedingt satisfaktionsfähig. Also, wenn jemand etwa sagt: „Peter ist eine dumme Drecksau“, dann wäre es – Peter, aufgepasst! – eher albern, mit einem gelösten Sudoku auf der Rückseite einer Duschgelpackung den widerlegenden Urkundsbeweis antreten zu wollen. Impuls: Ignorieren – und nicht mal das.

Da der Verfasser dieser Zeilen aber immerhin so nett ist, auch mit Menschen zu kommunizieren, von denen er annehmen muss, sie seien verwirrt (insoweit sie an Gott glauben), will ich mal so nett sein und ihm antworten. Ich weiß zwar nicht, wo ich anfangen soll, aber vielleicht ist es am einfachsten, wenn wir die Sache Punkt für Punkt durchgehen.

Also.

1. Zunächst der Punkt mir der Papstkritik, die Sie mir nicht zubilligen. Dazu folgendes: Päpste sind Menschen. Als solche sind sie – wenn sie mal nicht gerade ex cathedra sprechen und Dogmen in Fragen des christlichen Glaubens katholischer Prägung verkünden (das ist in der Geschichte des Papsttums genau einmal passiert, nämlich 1950) – sehr wohl fehlbar und daher kritikabel. Das sollte Sie, die Sie den Päpsten – soweit sie an Gott glauben – vorwerfen, verwirrt (gewesen) zu sein, ziemlich genau wissen.

Und jetzt kommt der Clou: Meine Kritik richtet sich gar nicht mal in erster Linie gegen die Päpste Franziskus und Johannes Paul II. (den Franziskus zitiert), sondern gegen die Darstellung der Tagesschau, welche die Eroberungsgeschichte restlos unter die Kirchengeschichte subsummiert. Da gehört sie aber nicht hin, wie ich in dem kritisierten Text zu zeigen versucht habe.

Was ich Papst Franziskus, den ich übrigens sehr schätze (nicht zuletzt auch für seine jüngste Enzyklika Laudato Si), dennoch vorwerfe, ist der Umstand, dass er einerseits gerade die „reichen“ Länder des Nordens gegenüber den „armen“ Ländern des Südens in die Pflicht, wenn es aber um die Geschichte dieser geht, jene völlig aus der Schusslinie nimmt und stattdessen die Kirche ebenda platziert, obwohl sie dort nicht hingehört. Das mag man als stellvertretende Sühne begreifen, hilfreich zur Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit ist es jedoch nicht.

Ich will – über die Darstellung in meinem Text hinaus – nur einige Schlaglichter auf die Rolle der Kirche werfen, die ja – soweit der Befund des Textes – im 16. Jahrhundert keine machtpolitische mehr war.

(1) Papst Paul III. sagt 1537 in einer Bulle (Sublimis Deus), dass die Indios Menschen seien – mit unveräußerlichen Rechten: Leben, Freiheit, Eigentum. Er verbietet deren Versklavung. Die Conquistadores ignorieren den Papst – versklaven, rauben und töten weiter.

(2) Bartolomé de Las Casas (ein Dominikaner) interveniert am Spanischen Hof zugunsten der Indios und übt scharfe Kritik an der Praxis der Conquistadores. Immerhin erwirkt Las Casas eine Art Sozialgesetzgebung, die Leyes Nuevas (1542). Die Conquistadores ignorierten diese Normen – versklaven, rauben und töten weiter.

(3) Die Jesuiten wollten die Indios schützen, ihnen Bildung und den christlichen Glauben vermitteln. Dazu schufen sie die so genannten Reducciones (ursprünglich eine franziskanische Idee von 1575), in denen über anderthalb Jahrhunderte hinweg hunderttausende Indios friedlich und respektvoll missioniert wurden. Die Sache scheiterte. Nicht an der Umsetzung oder am Willen des Papstes, sondern an den Conquistadores. Die brauchten nämlich keine gebildeten Menschen in ihrem Einflussbereich, sondern solche, die sie versklaven, rauben und töten konnten.

(4) In der Zeit, in der die Conquistadores versklavten, raubten und töteten, gründeten Dominikaner und Jesuiten Universitäten, die erste 1538 in Santo Domingo – die älteste Universität Amerikas. Nebenbei lernten Dominikaner und Jesuiten die indigenen Sprachen, legten Wörterbücher an und sorgten so dafür, dass wir heute von diesen Sprachen überhaupt Kenntnis haben.

Merken Sie etwas? Genau: Das Stereotyp „Kirche war gegen die Ureinwohner, Kirche ist Schuld an ihrem Schicksal, Kirche hat daher als erste und einzige um Entschuldigung zu bitten“ ist keine überzeugende Deutung und Beurteilung dessen, was zwischen 1500 und 1800 in Amerika passiert ist.

Natürlich geschah die Kolonialisierung in christlichem Sendungsbewusstsein (Mission war eine Bedingung der „päpstlichen Schenkung“ in der Bulle Inter cetera von 1493). Doch davon war schon bald nichts mehr zu merken (insoweit ja auch die Bulle nach dem 1494 unterzeichneten Vertrag von Tordesillas keine Bedeutung mehr hatte). Natürlich geschah die Mission unter militärischem Schutz (das war auch nötig, denn die indigenen Völker waren ja keine durchweg friedlichen Gemeinschaften, wie das so oft romantisch verklärt wird – das Inka-System beispielsweise war eine von oben bis unten durchgestylte Kontroll-Diktatur mit Krieg, Sklaverei und Menschenopfern). Und natürlich geschahen leider auch – viel zu oft, wie ich finde – militärische Maßnahmen (so genannte „Entradas“) mit dem Segen von Feldgeistlichen (auch Las Casas wirkte als solcher während des Kuba-Feldzugs). All das ist bekannt.

Doch schon bald (sehr bald!) kippte die Stimmung unter den Missionaren. Das wiederum ist nicht ganz so bekannt. Nach der Adventspredigt Montesinos (1511 – also ziemlich am Anfang der Kolonialgeschichte; er hatte darin u.a. gesagt, dass sich alle Conquistadores im Stand der Todsünde befänden, da es für ihr Tun keine Rechtfertigung gebe) wurde die Opposition dominikanischer und auch franziskanischer Kreise gegen die Eroberung immer stärker. Es entstand ein Legitimationsstreit, der bis Mitte des 16. Jahrhunderts die intellektuelle Elite Spaniens beschäftigte. In der spanischen Innenpolitik hat man versucht, die Dominikaner-Opposition (Montesino, später Las Casas) ruhig zu stellen, doch am Ende ging das nur über eine sehr weitreichende argumentative Auseinandersetzung, im Zuge derer übrigens unser modernes Völkerrecht entstand.

Das alles sollte man nicht einfach unter den Teppich kehren. Meine Schlussbemerkung („Das sollte Papst Franziskus – gerade als Jesuit – nicht vergessen. Bei aller Demut.“) mag etwas keck klingen und ist es vielleicht auch. Ich bestreite nicht, dass Franziskus die Geschichte der Kirche kennt, ich bestreite aber, dass er damit den einzig gültigen Interpretationsschlüssel für die Geschichte insgesamt in Händen hält. Der Witz ist doch: Es handelt sich bei der Kolonialisierung Amerikas überwiegend gar nicht um Kirchengeschichte. Wenn Portugal und Spanien einen Vertrag schließen, der sogar explizit gegen eine päpstliche Bulle gerichtet ist – was ist daran „Kirchengeschichte“? Wenn verarmte Adlige aus Kastilien fernab der Heimat die Sau rauslassen – was ist daran „Kirchengeschichte“?

Das heißt: Ich erwarte von einem Papst schon, dass er sowas wie historische Wahrheit nicht nur kennt, sondern auch berücksichtigt, und infolgedessen die Vorgänge richtig einordnet und nicht alles historische Übel als Teil der Kirchengeschichte ansieht – nicht um der Kirche willen, gar darum, dass sie dort in Schutz genommen wird, wo sie es nicht verdient, sondern um der historischen Wahrheit willen, auch wenn diese die Kirche entlastet.

2. Das bringt mich zum zweiten Punkt: Meinem Anliegen. Es geht mir in der Hauptsache gerade nicht um das Bild der Kirche, sondern um die historische Wahrheit – und die ist – so Leid es mir tut – eben weit komplexer als „Kirche ist schuld“. Wenn allein das Aussprechen der historischen Wahrheit apologetisch wirkt (offenbar tut es das ja), ist das nicht meine Schuld. Da müssen Sie sich bei der Geschichte beschweren, die nun mal so war. Oder wollen Sie mir zu verstehen geben, dass der unverwirrte Mensch des 21. Jahrhunderts gefälligst die Forschungsbefunde der Geschichtswissenschaft zu verschweigen hat, sobald diese die Kirche entlasten? Immerhin sagen Sie ja, diese „dürfe nicht verteidigt werden“. Um keinen Preis der Welt? Auch nicht aus Gründen der Redlichkeit? Lügen für den guten Zweck? Ich denke, Sie kennen Literatur ganz besonders unverwirrter Menschen, bei der in Sachen Kirchengeschichte genau so vorgegangen wurde (dazu ein anderes Beispiel).

Das ist aber grundsätzlich nicht mein Stil. Ich halte an der historischen Wahrheit fest, auch wenn ich damit Gefahr laufe, die Kirche aus dem schlechten Licht „in ein besseres“ zu rücken. So bin ich nun mal, als verwirrter Mensch.

3. Ja, und dann die Sache mit der Einschätzung der Kirche als – Moment, wie war das? – „Instrument, um Macht zu erlangen, zu erhalten, Menschen zu manipulieren und auszunutzen“. Ja, das kann man so sehen. Wenn man die Augen hartnäckig vor der Wahrheit in Geschichte und Gegenwart der Kirche verschließt, dann wird man es – unverwirrt – auch so sehen. Ich sehe das – wenn ich das noch sagen darf – anders. Ich habe es auch anders erfahren. Ganz anders. Aber Sie haben Recht: Ich bin freilich schon viel zu lange manipuliert worden, als dass ich mir noch ein Urteil erlauben dürfte. Dann bin ich jetzt mal ruhig.

4. „Gibt es nämlich keine Kirchen mehr“ ist scheinbar das Mantra Ihrer großen Lebenshoffnung. Na, ob dann, wenn die letzte Kirche geschlossen und das letzte Bier aus dem Kolping-Keller getrunken ist, ob dann das Paradies auf Erden wirklich zehn Minuten später anbricht? Ich weiß es nicht. Ganz ehrlich. Weil ich nicht weiß, was dann aus diesen wird. Oder aus jenen.

5. Was am Ende noch bleibt, das ist die Sache mit der Realität, der echten. Das ist natürlich ein Ding, um nicht zu sagen: ein Ding an sich! Was ist das wohl, die echte Realität (nur echt in Großbuchstaben)? Kant ist tot, den kann ich nicht mehr fragen. Was mir bleibt, ist Verwirrung. Aber das war ja ohnehin klar.

(Josef Bordat)

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