Empirische Befunde zur Religiosität der Osteuropäer

„Gott: Ja! – Kirche: Nein!“ – Was in den 1970er und 1980er Jahren zum Motto einer jungen, friedens- und umweltbewegten Christenheit ist Westeuropa wurde, ist heute in Osteuropa aufzuweisen. Der Religionssoziologe Detlef Pollack (Münster) stellt in einem Aufsatz mit dem Titel „Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität in Europa“, erschienen in dem Sammelband Glaubensfragen in Europa. Religion und Politik im Konflikt (2011) Ergebnisse verschiedener empirischer Untersuchungen zusammen, die sehr interessante Befunde zu Tage förderten.

Grundsätzlich lässt sich bei einem Blick gen Osten ein Zuwachs an Glauben feststellen, dadurch ermessen, dass Befragte etwa die Aussage „Ich glaube an Gott.“ zunehmend bejahen, bei gleichzeitigem Rückgang an kirchlicher Bindung, d.h. der Anteil derer mit „Mitgliedschaft in der Kirche“ bzw. „Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft“ sinkt.

Beispiel: Tschechien. Seit der Unabhängigkeit (1993) bis zum Jahr 2000 sank sowohl der Anteil der Tschechen mit Konfession (um 6 Prozent) als auch die Zahl der Kirchgänger (um 2 Prozent). Im gleichen Zeitraum stieg jedoch der Anteil der Menschen, die an Gott glauben um 4 Prozent. Dabei ist das nicht allein ein Resultat der neuen Freiheit. Schon in den 1980er Jahren kündigte sich eine Renaissance des Glaubens in der damaligen Tschechoslowakei an: Zwischen 1980 und 1991 stieg der Anteil derer, die sagten, dass sie an Gott glauben, von 22 auf 34 Prozent (plus 12 Prozent). Der Anteil derer, die angaben, nicht an Gott zu glauben, betrug 1991 noch 35 Prozent – nach 53 Prozent elf Jahre zuvor (minus 18 Prozent).

Für die 1990er Jahre lässt sich dieser Effekt in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks nachweisen. Die Zahl derer, die sagen, dass sie an Gott glauben, explodiert in einigen Ländern regelrecht: In der Slowakei legt der Anteil der Gläubigen um 12, in Bulgarien um 22, in Russland um 26 und in Weißrussland sogar um 38 Prozent zu. In anderen Ländern liegt der Zuwachs im einstelligen Bereich. Nur in Polen (minus 1 Prozent, aber auf sehr hohem Niveau: 96 Prozent der Polen glauben an Gott), in Estland (minus 4 Prozent) und in Ostdeutschland (minus 3 Prozent) ist der Anteil der Gläubigen leicht rückläufig.

Allerdings hat die Wiederentdeckung Gottes keinen erkennbaren Effekt auf die Lage der Kirche in Osteuropa. Schon beim „regelmäßigen Kirchgang“ schmilzt der Zuwachs deutlich zusammen. Aus den zweistelligen Werten beim Glauben werden einstellige Werte beim Ritus. Bei der Kirchenmitgliedschaft sieht es in der Regel noch schlechter aus: Hier rutschen einige Werte sogar in den negativen Bereich.

Beispiel: Ungarn. Beim Glauben an Gott ein Zuwachs in den 1990er Jahren von 6 Prozent auf rund zwei Drittel der Bevölkerung, beim Kirchgang hingegen ein Minus von 5, bei der Kirchenmitgliedschaft gar von 7 Prozent. Immer mehr Ungarn glauben an Gott, immer weniger Ungarn gehen zu Kirche. Traurig, aber wahr.

Beispiel: Bulgarien. Von den stolzen 22 Prozent Neu-Gläubigen finden nur sehr wenige den Weg in die Kirche. Der Zuwachs beim Gottesdienstbesuch liegt nur bei 5, der Mitgliedszuwachs in der Kirche bei nur 4 Prozent. Vier von fünf Bulgaren, die Gott für sich neu entdeckt haben, sehen in der Liturgie der Kirche keinen adäquaten Ausdruck dafür, wie diese Entdeckung zu feiern, zu teilen und zu vertiefen ist.

Beispiel Russland. Hier sind es 26 Prozent Zuwachs beim Glauben an Gott gewesen, immerhin 10 Prozent Zuwachs bei der Mitgliedschaft, aber für das kirchliche Leben gilt ähnliches wie in Bulgarien: die Liturgie wird nicht gefeiert. Ein mageres Plus von 4 Prozent steht beim Kirchgang zu Buche.

Dass die Mitgliedschaft in der Kirche und der Glaube an die Lehre der Kirche nicht mehr allzu eng miteinander verbunden sind, das ist kein Phänomen der letzten 20, sondern eher der letzten 200 Jahre. Und es trifft beileibe nicht nur Osteuropa. Zu denken geben sollten uns diese Befunde allemal, denn ein weiteres Auseinanderdriften von Glaube, Ritus und Kirche hilft am Ende Niemandem. Im Osten nicht, im Westen nicht. Und auch nicht im Norden und Süden.

(Josef Bordat)