Definitionshoheit ist Macht

7. Februar 2015


Über Demokratie, Ehe, Diskriminierung, Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit

In der Slowakei soll ein Referendum den Willen des Souveräns zu drei Fragen offenbaren: Frage 1: „Ist die Ehe nur eine Verbindung zwischen Mann und Frau?“, Frage 2: „Sind sie für das Verbot von Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare?“, Frage 3: „Dürfen Eltern die Teilnahme ihrer Kinder am Sexualkundeunterricht verweigern?“ Dass bereits das Referendum selbst heftigst in der Kritik steht (auch, wenn es die Möglichkeit gibt, sein Kreuz jeweils bei „Nein“ zu machen), dass mithin das Volk, das herrscht, nicht einmal mehr gefragt werden darf, was es denkt, zeigt, dass der Begriff „Demokratie“ – jenseits der Wortbedeutung – doch sehr unterschiedlich definiert werden kann.

Wie anscheinend auch der Begriff „Ehe“. Diesen „definiert“ die Slowakei als „eine Verbindung zwischen Mann und Frau“. Oh, Schreck! Die Ehe soll „eine Verbindung zwischen Mann und Frau“ sein? Oder besitzt diese Slowakei einfach nur die Frechheit, die Ehe gegen jede soziokulturelle Erfahrung des Landes und im Widerspruch zur natürlichen Vernunft des Menschen als „eine Verbindung zwischen Mann und Frau“ zu definieren, wo doch die Ehe eigentlich etwas völlig anderes ist? Suggeriert wird, dass hier ein Land bösartig durch unverfrorene Neubestimmung eines Begriffs die korrespondierende Sache so verdreht, wie es ihm gerade in den Kram passt, und der Rest der Welt dies nur staunend zur Kenntnis nehmen kann. In Wahrheit liegen die Dinge andersherum: die Ehe ist eine Verbindung zwischen Mann und Frau. Daneben mag es eingetragene Partnerschaften, offene Beziehungsnetze, studentische Wohngemeinschaften, Lebensabschnittsgruppen und vieles mehr geben. Diese kann ein Staat finanziell fördern, wenn er das für richtig hält, vielleicht sogar stärker als die Ehe, aber er kann sie eben nicht „Ehe“ nennen, weil der Begriff Ehe bereits belegt ist, als „eine Verbindung zwischen Mann und Frau“ . Auch ohne Definition im slowakischen Recht ist das so.

Das ist diskriminierend. Es unterscheidet. Es benennt Ungleiches ungleich, nicht gleich, und handelt entsprechend. Ungleiches ungleich zu benennen und zu behandeln (und Gleiches gleich), das war mal ein Gebot der Gerechtigkeit. Heute besteht Gerechtigkeit in absoluter Gleichbehandlung, trotz aller Unterschiedlichkeiten. Dass Gleichheit ungerecht sein kann, kommt heute nicht mehr in den Sinn. Doch da Freiheit heute das Vorhalten aller Optionen für alle Menschen bedeutet (zumindest für die, die es verstehen, ihre Interessen lautstark zu vertreten), unabhängig davon, ob dieser Raum der Potentiale mit Leben gefüllt werden kann, ob es also sinnvoll ist, diesen Raum für alle unter allen Umständen offen zu halten, geht auch diese Gleichstellung in Ordnung: Gerechtigkeit ist Gleichheit. Und: Definitionshoheit ist Macht. Vor allem ist es ein Ausdruck von Macht zu definieren, was alles definiert werden kann. Denn: Was bestimmt werden kann, kann auch neu, auch anders bestimmt werden. Darum ist die größte Freiheit (im Sinne der Optionenvielfalt) dort, wo nichts mehr feststeht. Erst wenn der Relativismus das einzige ist, das absolut gilt, kann man sich zufrieden zurücklehnen, weil man dann die Dinge der Welt neu bestimmen kann. Dinge wie Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie, Ehe, Mann, Frau, Mensch.

(Josef Bordat)