Erster September

1. September 2014


Das heutige Datum bringt die kollektive Erinnerung an zwei Ereignisse der deutschen Geschichte zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durch den deutschen Angriff auf Polen (1939) und die konstituierende Sitzung des Parlamentarischen Rats (1948), der nach dem Krieg ein Grundgesetz für den Westen Deutschlands erarbeitete, dem der Osten des Landes – „jene Deutschen, denen mitzuwirken versagt war“ – vier Jahrzehnte später beitreten sollte.

Robert Zollitsch hat die Arbeit des Parlamentarischen Rats zu Jahresbeginn wie folgt gewürdigt: „Die Frauen und Männer, die bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Parlamentarischen Rat saßen, waren sich – so unterschiedlich sie auch in vielerlei Hinsicht waren – ausnahmslos darüber einig, dass es nie wieder so kommen darf, wie es war. Sie haben deutlich gemacht: Einem Volk ohne Gott fehlt die Mitte; ein Volk ohne Gott gleicht einer hohlen Fassade ohne wohnlichen Kern.“

Denn der Parlamentarische Rat hat sich für den Bezug des Grundgesetzes auf Gott entschieden: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat das Deutsche Volk in den Ländern Baden, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern, um dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben, kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen.“

Eine neue Ordnung – mit Gott, die die Würde des Menschen zum Gegenstand des Rechts macht. Nachdem die alte, gottlose Ordnung der Verfolgung und des Terrors, die in Krieg und Völkermord endete, so dramatisch an der Würde des Menschen gescheitert war. Das christliche Menschenbild, das schöpfungstheologisch die Nähe des Menschen zu Gott und christologisch die Identifikation Gottes mit dem Menschen verbürgt, kann verhindern, dass der Mensch dem Menschen die Würde abspricht. Es ist daher gut, dass unser Grundgesetz an unsere Verantwortung (insbesondere für die Achtung und den Schutz der Menschenwürde) „vor Gott und den Menschen“ erinnert.

(Josef Bordat)