Hildegard von Bingen

13. Juli 2012


Eine Romanbiographie gibt kompetent und unterhaltsam Auskunft über die neue, alte Heilige.

„In der Person Hildegards von Bingen stehen die Lehre und das alltägliche Leben in vollstem Einklang. Die Tugenden, die sie mit großem Einsatz lebte, sind fest in der Heiligen Schrift, der Liturgie und bei den Kirchenvätern verwurzelt. Sie führte sie unter dem Licht der Benediktusregel mit Klugheit zur Vollendung. Sie verband ihren scharfen Geist und die Gabe, mit der sie die himmlischen Dinge verstand, mit beständigem Gehorsam, Einfachheit, Liebe und Gastfreundschaft.“ Dieses Urteil sprach vor wenigen Wochen Papst Benedikt XVI. über Hildegard in der Litterae decretales de peracta Canonizatione aequipollente Hildegardis Bingensis, dem Schreiben, das die Heiligkeit der hochmittelalterlichen Ordensfrau erklärt und ihre Verehrung durch die ganze Kirche erlaubt, „zur Ehre Gottes, zur Mehrung des Glaubens und zum Wachstum des christlichen Lebens“. Hildegard, die Seherin und Heilerin, von der Esoterik-Front und der Heilpraktiker-Innung für ihre „moderne“ Sicht auf Gott und den Menschen gefeiert, zuletzt von Margarethe von Trotta in deren Film Vision (2009) gar als frühe Feministin interpretiert, wird damit nun auch offiziell von der Katholischen Kirche als Heilige geführt, nachdem das erste Heiligsprechungsverfahren im 13. Jahrhundert an Formfehlern scheiterte.

Leben und Lehre, die so sehr im Einklang stehen, sind hinsichtlich ihrer Darstellbarkeit höchst unterschiedlich. Das Leben der Hildegard lässt sich kurz erzählen, denn es ist ein nicht untypisches für eine intelligente und engagierte Ordensfrau im Hochmittelalter: Hildegard wird 1098 in Bermersheim als Tochter adliger und wohlhabender Eltern geboren. Mit 14 Jahren wird sie in das Benediktinerkloster auf dem Disibodenberg aufgenommen, in dem sie 1115 ihre Ordensgelübde ablegte. Dort wird sie 1136 als Nachfolgerin Juttas von Sponheim Magistra. Wegen der stetig wachsenden Zahl an Ordensfrauen gründet Hildegard um 1150 ein Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, in das sie mit zwanzig Schwestern übersiedelt. Im Jahre 1165 gründet sie ein zweites Kloster in Eibingen, auf der anderen Rheinseite. Beiden Klöstern steht sie als Äbtissin vor. Nachdem Hildegard im Sommer 1179 schwer erkrankt ist, stirbt sie am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg bei Bingen, umgeben von ihren Schwestern. Soweit Hildegards Leben. Ihre Lehre zu fassen, ist ungleich schwerer. Ihr umfangreiches Werk ist seit einigen Jahrzehnten Gegenstand intensiver, oft auch populärwissenschaftlicher Rezeption seitens der Theologie, vor allem aber der Medizin. Für beide Gebiete stellen ihre Schriften Herausforderungen dar, zu unkonventionell sind manche ihrer Vorstellungen. So hat sich für das hildegardische Gedankengut die Kennzeichnung „alternativ“ eingebürgert.

Für ihre Fans hingegen sind die Gesundheitstipps keine Alternativmedizin, sondern geradezu alternativlos. Einmal Hildegard, immer Hildegard – und überall. Und ihre Fangemeinde wächst. Hildegards Ansätze fallen in einer Gesellschaft, die Kalorien und Körper über Gott und Geist erhebt, zugleich aber nicht in einen plumpen Materialismus fallen will, auf fruchtbaren Boden. Dass man Hildegard Unrecht tut mit einer solchen Reduzierung auf die „Kräutertante“, die dem modernen Menschen hilft, die trendige Lust auf „Bio“ und auf eine gesunde Ernährung spirituell zu überhöhen, zeigt nicht zuletzt ihre Heiligsprechung, just durch einen Papst, der vielen „Kirchenkennern“ als viel zu dogmenvernarrt und viel zu konservativ gilt, um eine Hildegard von Bingen wertzuschätzen.

Doch so einfach ist es weder mit Benedikt aus Bayern noch mit Hildegard von Bingen. Ein historischer Roman soll uns letztere nahebringen. Sie, ihre Zeit, ihre Kämpfe mit dem Klerus, ihre Spiritualität, ihr Wirken und ihren bleibenden Einfluss auf das Christentum – als Ordensgründerin und Mysikerin mit besonderem Talent. Hermann Multhaupt, ehemaliger Chefredakteur der Paderborner Kirchenzeitung Der Dom und Autor historischer Romane, bereitet Vita, Werk und Wirkung der Heiligen Hildegard vor uns aus – authentisch, hintergründig, unterhaltsam, insbesondere aber – und das macht eine Biographie in Romanform besonders wertvoll –geschichtswissenschaftlich korrekt.

Der Roman Hildegard von Bingen. In seinem Licht ist, wie ein historisch-biographischer Roman sein sollte – hart an den Fakten, weich in der Sprache. Schade ist bloß, dass auf einen orientierenden Apparat gänzlich verzichtet wurde – nicht einmal Zwischenüberschriften und ein Inhaltsverzeichnis sind vorhanden. Hingegen gefällt der angenehme Großdruck und die Einzeldarstellung der Schriften Hildegards im informativen Anhang. In diesem Kontext hätte sicher ein Verweis auf weiterführende Sekundärliteratur dem Buch gut getan; die aufgeführten sieben Titel aus den 1980er und 1990er Jahren stellen wohl nur einen kleinen Teil der Publikationen zu Hildegard dar.

Hermann Multhaupt schreibt sachlich, verständlich und spannend über eine Frau, die sich den Ruf der Heiligkeit erwirbt – durch ihre  Gedanken und ihre Visionen, ihre Schriften und ihre tätige Nächstenliebe, ihre Spiritualität und ihre Klostergründungen. Hildegards Arbeit wirkt in die Welt und so ist es nur folgerichtig, dass Papst Benedikt XVI. in dem oben erwähnten Kanonisationsdekret feststellt, „dass Hildegard von Bingen, Nonne des Ordens des heiligen Benedikt, heilig ist, in den Katalog der Heiligen eingetragen wird und mit frommer Andacht verehrt und unter den Heiligen der Universalkirche angerufen werden kann“. Wer sie näher kennenlernen möchte, dem sei die Romanbiographie Multhaupts empfohlen.

Bibliographische Daten:

Hermann Multhaupt: Hildegard von Bingen. In seinem Licht
St. Benno-Verlag Leipzig (2012)
200 Seiten, 9,95 Euro
ISBN: 978-3-7462-3355-0

(Josef Bordat)