1. Im Kontext der Debatte um den Zusammenhang von Islamismus und Islam, von Terror und Religion, werden oft Bibelstellen zitiert, die das Gewaltpotential des Christentums belegen sollen – Motto: „Ihr seid ja auch nicht besser!“ Nun, dem kann man empirisch begegnen und sich die Geschichte der letzten 25 Jahre anschauen (also die Phase nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung, die vieles an „religiös“ motivierter Gewaltbereitschaft ideologisch überdeckte und militärisch einfrieden konnte). Man wird feststellen, dass Gewalt, die sich explizit auf Jesus Christus beruft, selten vorkam. Zudem sollte dann die Frage gestellt werden, ob der Bezug, wenn er denn erfolgt, gedeckt ist durch das, was Jesus Christus lehrt. Spätestens da wird es eng. Genannt werden oft drei Stellen aus dem Evangelium, die ich unten näher analysieren möchte. Ferner wird oft aus dem Alten Testament zitiert, ohne dabei poetische, deskriptive und normative Texte zu unterscheiden. Nur letztere sind überhaupt relevant, wenn es darum geht, zu beurteilen, was gelten soll – dass Kriegsberichte in den Geschichtsbüchern und Klagegeschrei in den Psalmen nicht politisch korrekt sein können, sollte eigentlich bekannt sein – das Wesen des deutschen Rechts lässt sich ja auch nicht an Helene-Fischer-Liedern oder Karnevalsschlagern ablesen (ich hoffe, dass man das in 3000 Jahren berücksichtigt). Des weiteren erfolgen die Zitate gleichförmig, ohne zu berücksichtigen, dass auch die normativen Anteile heute nicht mehr alle so gelten, wie sie geschrieben stehen. Zu unterscheiden wäre also das ewig verbindliche göttliche Gebot (etwa der Dekalog) und das historisch gewordene mosaische Satzungsrecht Alt-Israels, das für Christen nicht in dieser Weise verbindlich ist, wie es verfasst wurde und nun dort geschrieben steht. Zu berücksichtigen wäre schließlich noch das Phänomen der Normhierarchie, also der Umstand, dass es in einem geltenden Rechts- und Moralsystem wichtiges und weniger wichtiges gibt, so wie Verfassungsrecht bedeutender ist als die Abgabenordnung und ethische Grundprinzipien wichtiger als soziale Verhaltensregeln (ohne, dass das pünktliche Zahlen der Krankenversicherung oder Tischmanieren damit hinfällig wären). All diese hermeneutischen Deutungsbedingungen werden nicht eingehalten, wenn in Kommentaren drei bis siebzehn Bibelstellen genannten werden, um dem Christentum pauschal und unabweislich Gewaltbereitschaft zu unterstellen, nämlich von der Quelle her. Daran soll man sich dann als Christ abarbeiten, um sich dem Generalverdacht zu entziehen. Da ich nicht so viel Zeit habe, mache ich das einmal für allemal.

2. Zunächst einige allgemeine Vorbemerkungen zur Methode der Exegese. Man kann die Bibel wörtlich nehmen oder ernst (Carl Friedrich von Weizsäcker). Der Ernst zeigt sich in der aktualisierenden Deutung und in der Unterscheidung zwischen Wort und Begriff, zwischen Bild und Bedeutung. Metaphern als solche zu erkennen und zu deuten, ist wichtig für die richtige Interpretation aller sprachlichen Mitteilung, besonders aber für die Exegese von Bibeltexten, die zeitüberdauernd und raumübergreifend auf Menschen wirken sollen (Geltungs-Anteil), aber eine konkrete zeitliche Kontextualisierung aufweisen (Genese-Anteil). Einige Menschen scheinen Genesis und Geltung von biblischen Aussagen zu verwechseln bzw. sie versuchen, über den Entstehungszusammenhang die Geltungskraft zu unterminieren. Etwa indem sie den Unterschied zwischen den Lebensgewohnheiten des Volkes, zu dem Gott zuerst gesprochen hat, und unseren Lebensgewohnheiten heute betonen, um damit anzudeuten, dass es keinen Sinn habe, an den Aussagen festzuhalten, oder aber indem sie meinen, wir müssten unsere Lebensgewohnheiten bis ins kleinste Detail an denen ausrichten, die in Alt-Israel vorherrschten, um auch heute das Gesetz zu erfüllen. Das kann beides nur dann richtig sein, wenn man dieses Gesetz eben wortwörtlich auffasst bzw. meint, es nur so auffassen zu können. Ich bin mir sicher, dass Menschen auch in ferner Zukunft den Dekalog oder die Bergpredigt oder 1 Kor 13 lesen, verstehen und ernst nehmen können, auch wenn vielleicht keiner mehr weiß, was denn ein „Schaf“ oder ein „Kamel“ gewesen sein soll. Insoweit hätte die Bibel in der Geltung ihrer Kernaussagen Ewigkeitscharakter. Die lex nova der Liebe gilt eben nicht nur im konkreten Kontext der Erzählung, also für die Zuhörer in der historischen Situation, sondern auch für uns heute und eben auch – da bin ich mir sicher – für Menschen in 100.000 Jahren.

Mir fällt auf, dass es im wesentlichen zwei Richtungen sind, die ein wortwörtliches Verständnis des Textes zur Grundlage der Beurteilung des Bedeutungsgehalts von Bibelstellen machen: (christliche) Fundamentalisten (etwa die „Zeugen Jehovas“) und Religionskritiker, die anhand sorgsam ausgesuchter Stellen das immanente Hass- und Gewaltpotential der Schrift nachweisen wollen, die zeigen wollen, dass Religionen im Allgemeinen und die abrahamitischen im Speziellen von Grund auf ausschließlich auf Gewalt ausgerichtet sind. Dabei fällt zum zweiten auf, dass beide Parteien nicht nur unredlich sind, weil sie – mit je anderen Vorzeichen und Absichten – einseitig recherchieren, sondern auch einen bibelwissenschaftlichen Kardinalfehler machen, nämlich die Bibel in Form einer „Steinbruchexegese“ interpretieren. Man kann jeden Text und jedes Menschenleben so zerfleddern, dass entweder nur Gutes oder nur Böses zum Vorschein kommt. Damit nimmt man aber den Text bzw. den Menschen nicht ernst.

Ganz grundsätzlich ist es weiterhin so, dass man Bibelverse nicht aus dem textlichen und historischen Zusammenhang reißen darf, sondern diesen immer mitbedenken sollte. Bei Levitikus handelt es sich um ein Buch mit zahlreichen Vorschriften, die Gott durch Mose für Sein Volk erlässt. Darunter befinden sich viele Vorschriften, die gegenüber vorrechtlich-anarchischen Zuständen durchaus fortschrittliche Regelungen enthalten, wie die Achtung älterer Menschen (Lev 19, 32), der Respekt vor Fremden (Lev 19, 33-34), der faire Handel (Lev 19, 35-36) u.v.a.m., aber auch harte Strafen für – aus der Sicht Gottes – schwere Verirrungen (Lev 20). Wenn wir das Buch Levitikus aus dem Alten Testament lesen und die dortigen Gesetze Alt-Israels als Handlungsanweisungen Gottes nach dem Verständnis des Mose, also eines Menschen aus der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., verstehen wollen, dann müssen wir schauen, womit wir sie vergleichen. Die hermeneutische Methode legt nahe, die Vorschriften mit anderen Rechtstexten aus der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. zu vergleichen – und nicht mit unseren Vorstellungen von Gottes Gebot heute. Das wäre ahistorisch. Hier werden wir in der Summe und bei redlicher Betrachtung feststellen können, dass es sich bei der Satzung Alt-Israels – bei aller Kritik, die wir über 3000 Jahre später formulieren können – um einen zivilisatorischen Fortschritt handelte, schon deshalb, weil es sich überhaupt um verbindliche Normen handelt, die Willkür und Selbstjustiz eindämmen helfen. Aber die Vorschriften sind eben nicht historisch und heute nicht mehr bindend. Bereits Jesus brach mit einigen Regeln bzw. deutete sie um, so dass klar wurde: Das Gesetz ist für den Menschen da. Nicht umgekehrt.

Diesen Anspruch, dem Menschen zu dienen, verband Mose aber auch mit der Satzung, im Vertrauen auf Gott, schließlich musste er feststellen, wie die Israeliten immer wieder machten, was sie wollten. Das ganze Alte Testament ist voller Bespiele dafür, wie Menschen(gruppen), die Gott zum Heil beruft, dieses Heilsangebot ausschlagen und sich damit selbst ins Unheil stürzen. Zudem sollten die (für einen Christen mit Kenntnis des Neuen Testaments und der Ethik Jesu) kaum mehr nachzuvollziehenden Vorschriften über die „Reinheit“ (hinsichtlich Essen, Trinken, Kleidung, Hygiene, Sexualität) zur „Heiligkeit“ führen, da alt-orientalische Religionen (und zwar alle) nicht zwischen (Alltags-)Kultus und (religiösem) Ritus unterschieden. Das Dasein war Gottesdienst, nicht im übertragenen Sinne (das ist es für Christen auch), sondern im Sinne konkreter Lebenspraxis. Insoweit hat Gott das Recht (und auch die Pflicht, da er sonst den Weg zu sich verdunkeln würde), über den Ritus wie den Kultus möglichst genaue Regeln zu erlassen und bei Verstößen harte Konsequenzen anzudrohen – so das Verständnis in Alt-Israel. Wer sich an die Gebote Gottes hält, hat daraufhin das Heil zu erwarten, wer mutwillig dagegen verstößt, das Unheil. Diese Sicht verschafft dem Judentum bis heute seine Identität. Beim Christentum liegt die Sache etwas anders.

3. Entscheidend für das Christentum ist die Deutung des Gesetzes im Lichte des Evangeliums. Für den Christen, der dem Alten Testament nicht ganz gleichgültig gegenüberstehen kann (ich teile jedenfalls die Einschätzung nicht, das Alte Testament sei durch das neue Licht, den neuen Weg zu Gott, durch Jesus Christus, komplett „überholt“ – das ist theologisch falsch, denn es widerspricht den vielen Bezügen von Altem und Neuem Testament), gilt es, das dort enthaltene Ethos an der Ethik Jesu zu spiegeln. Bezogen auf „Verirrungen“ – theologisch würde man auch „Sünden“ sagen – gilt nach Christus: Hasse die Sünde, liebe den Sünder! Diese Liebe markiert nur scheinbar etwas völlig Neues, knüpft sie doch an die zivilisatorische Leistung an, spitzt sie jedoch so zu, dass echter Fortschritt entsteht. Echter Fortschritt in der Moral kann nämlich nur dort entstehen, wo ein Übergang vom reziproken Rechtsprinzip der Vergeltung zum Grundsatz des Wünschenswerten stattfindet. Nicht mehr Gleiches mit Gleichem zu beantworten (nach dem alttestamentlichen ius talionis, also „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“, Dtn 19, 21), sondern zu erkennen, dass die Fortschreibung von moralisch falschem Verhalten nur in der empathischen Haltung dem Anderen gegenüber durchbrochen und nur in der Bezugnahme auf das Erwünschte überwunden werden kann, stellt eine neue Form des Umgangs miteinander dar, die alle Möglichkeiten friedlich-kooperativen Zusammenlebens eröffnet. Diese Umgangsform lehrt Jesus Christus, nicht zuletzt in Gestalt der Goldenen Regel („Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, also tuet auch ihr ihnen.“, Mt 7, 12), vor allem aber durch Seine bedingungslose Liebe und Hingabe. Die Zehn Gebote werden auf ihre Basis, die Gottesliebe und die Nächstenliebe, zurückgeführt, das Gesetz, das erfüllt werden muss, erfüllt sich in der Liebe. Jesu Einstellung zu den Sündern und die Bereitschaft – entgegen der Reinheitsvorschriften – mit ihnen zu speisen und sie damit in die (Mahl-)Gemeinschaft aufzunehmen, ein Kernpunkt der Ethik Jesu, wird verdeutlicht an der Berufung eines Zöllners, und der hieß – dreimal dürfen Sie raten – Levi (Lk 5, 27-32)! Dieses pikante Detail im Hinblick auf die Behandlung der Sünder verdeutlicht die Wendung, die durch Christus in die Welt kommt.

Was ist aber nun – positiv gesprochen – für den Christen zentral? Darauf gibt es eine theologisch recht einfache Antwort: Das, was Jesus den Jüngern gesagt hat, so wie es in den Evangelien steht, ist wichtig. Bedeutend ist darunter vor allem das, was Christus selbst als wichtig, als Kern Seiner Botschaft bezeichnet und als bedeutend eingeführt hat, mal durch bestärkende Rhetorik („Amen, ich sage euch…“), mal ganz offen, wie etwa bei der Frage nach dem „wichtigsten Gebot“ (Mt 22, 36-39). Weiterhin ist zentral, was Christus all denen mit auf den Weg gegeben hat, die Ihm folgen und zu Ihm halten möchten, die so genannten „Abschiedsreden“ (Joh 13-17). Kernpunkte sind der Dienst (Fußwaschung, Joh 13, 1-20) und die Liebe (Joh 13, 34; Joh 15, 17: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“) sowie die Einheit von Vater und Sohn, von Sohn und Gemeinde durch den Geist (Joh 14, 15-31). Alles muss sich fortan an diesen Stellen messen lassen. Man erkennt nun leicht, dass es einem Christen schwer fallen dürfte, das Buch Levitikus (insbesondere Kapitel 20) als Aufforderung zur Gewalt zu missdeuten, weil im Spiegel der Barmherzigkeit, die in Jesu Botschaft der Liebe hervorsticht, aber auch der Gewaltlosigkeit Seines Auftretens sich schlussendlich ein ganz anderes Bild ergibt. Sowohl die Theologie als auch die Pastoral haben das erkannt und weisen vielstimmig darauf hin.

Diese Barmherzigkeit Jesu wird allerdings wiederum hinterfragt, schließlich will Er das mosaische Gesetz nicht abschaffen, sondern erfüllen. Damit gerät Er in den Verdacht, auch nicht besser zu sein als die alttestamentliche Väter-Generation. Schon die Pharisäer sahen hier eine Chance, Jesus in Widersprüche zu verwickeln und zu diskreditieren – entweder als Jude (wenn Er sich nicht an das Gesetz des Mose halten wolle) oder als Reformator (wenn er sich – ganz traditionell – doch an das Gesetz des Mose halten wolle). Jesus selbst sagt, Er nicht gekommen, „um das Gesetz und die Propheten aufzuheben“, sondern „um zu erfüllen“ (Mt 5, 17). Das stimmt, nur auch das muss man richtig deuten – dazu unten mehr. Der entscheidende Wendepunkt in der Ethik Jesu ist also nicht die Geltung des Gesetzes selbst (die bleibt), sondern die Auslegung des geltenden Gesetzes in Gerechtigkeit und Liebe (das ist neu). Es steht bei der Auslegung eines Gesetzes – und das erkannte Jesus – immer Barmherzigkeit gegen Buchstabentreue. Die Barmherzigkeit überwiegt bei ihm, weil sie bei Gott überwiegt. Das begründet die Spannung zwischen Ihm und den Seinen auf der einen Seite und den Pharisäern auf der anderen Seite, die Jesus oft für ihren inhaltsleeren Formalismus gerügt hat. Jesus kommt mit Seiner Ethik etwa zu dem Schluss, dass Heilen und Versorgen wichtiger ist als die Sabbatruhe, die im Dekalog immerhin an prominenter Stelle (3. Gebot) genannt wird und der in Exodus 20 genauso viele erläuternde Verse gewidmet sind (Ex 20, 8-11) wie Mord, Ehebruch, Diebstahl und Lüge zusammen (Ex 20, 13-16). Es ist also nicht so, dass Jesus keinen Respekt vor dem Sabbat gehabt hätte, sondern dass er abwägt. Es muss einen guten Grund geben, die Ruhe des siebenten Schöpfungstages zu brechen – eine Frau, die „seit achtzehn Jahren krank war“ (Lk 13, 11), ein Mann, „dessen Hand verdorrt war“ (Mk 3, 1) oder auch hungrige Jünger (Mk 2, 23-28). Fest steht in diesen Fällen: Barmherzigkeit ist wichtiger als Gehorsam dem Wortlaut einer Norm gegenüber, oder wie Jesus den Pharisäern mitteilt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2, 27).

Eine besondere Zuspitzung, ja geradezu ein dramaturgischer „Show-Down“ zwischen den beiden Auslegungsschulen findet sich im Johannes-Evangelium, in der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin (Joh 8, 1-11). Man muss dazu wissen, dass es Jesus mit dem Verbot des Ehebruchs sehr ernst ist. Es ist auch in Seinen Augen keineswegs eine Bagatelle, die schon wegen Geringfügigkeit straffrei bleiben muss. Vielmehr verschärft Er in gewisser Weise das Gesetz des Mose an diesem Punkt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5, 27-28). Diese Verschärfung ist zugleich eine sehr lebensnahe Warnung nach dem Motto „Wehret den Anfängen!“ Jesus betrachtet die Tat auf der intentionalistischen Ebene („im Herzen“) und führt sie auf ihren eigentlichen Beginn zurück. In der Tat ist nicht der vollzogene Geschlechtsverkehr das eigentliche Problem, sondern der Wille, die Absicht, die zu ihm führt. Der lüsterne Blick ist der erste Schritt ins Verderben. Hier gilt es anzusetzen, bei der Einstellung, der Haltung. Jesus spricht hier in einer psychologischen Klugheit, die an Klarheit und Wahrheit das mosaische Gesetz weit übertrifft. Also: Für Jesus ist die Ehe ein hohes, kostbares Gut, so hoch und so kostbar, das nichts sie gefährden soll. Jesus wendet sich denn auch nicht gegen das Gesetz des Mose, das die Ehe ebenfalls schützen will, sondern gegen die Selbstgerechtigkeit derer, die es unbedingt anwenden wollen, die ohne Gnade sind – „hartnäckig“, wie Johannes schreibt (Joh 8, 7). Das Gesetz gilt und Steinigungen fallen auch nicht prima facie aus, doch beides wird in Beziehung gestellt zur Richter-Attitüde der Pharisäer und der Fehlbarkeit („Sündhaftigkeit“) des Menschen. Jesus geht es um die strengen Bedingungen, unter denen überhaupt nur an eine Anwendung des Gesetzes gedacht werden kann: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ (Joh 8, 7). Wir sind alle Sünder, diese Einsicht wächst mit der Lebenserfahrung („Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.“, Joh 8, 8). Wir sollten also nicht in einer absoluten Weise richten – und was könnte absoluter sein als die Todesstrafe. Das ist allein Gottes Sache. Jesus geht mit der menschlichen Hybris ins Gericht, in letztgültiger Weise über Menschen urteilen zu können. Er sprengt die engen Grenzen der Rechtsnorm-Rechtsfolge-Logik, die eine menschliche Denkweise kennzeichnet, in der es nicht mehr um „gut“ und „böse“ geht, sondern nur noch um „strafbar“, die daher nicht auszubrechen imstande ist aus dem Konnex von Schuld und Strafe, von Vergehen und Verurteilen – und in der Vergeben keine Rolle spielt. Im Ergebnis steht: Das Gesetz bleibt – Ehebruch bleibt Ehebruch –, aber es siegt die Barmherzigkeit. Die Ehebrecherin wird als Sünderin nicht verurteilt (Joh 8, 11), wohl aber der Ehebruch als Sünde. So deutet Christus nach dem Gnadenerweis wieder zurück auf das Vergehen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11). Damit bestärkt er das Gesetz, das jene Sünde verhindern soll. Die Ehebrecherin erhält ihre Bewährungschance – nicht gegen das Gesetz, sondern mit dem Gesetz. Das Gesetz bleibt (Mt 5, 17), aber es wird um den Aspekt der Gerechtigkeit (Mt 5, 20),vor allem aber um den Aspekt der Liebe erweitert, die sich in der tätigen Barmherzigkeit Jesu gegenüber der Ehebrecherin zeigt. Allgemein zeigt sie sich immer dort, wo unter bestimmten Umständen um Gottes und um des Menschen willen auf die buchstabengetreue Anwendung von Normen verzichtet wird.

4. Ich will mich aber nicht drücken und komme nun zu den drei Stellen aus dem Evangelium, die angeblich zeigen, dass auch Jesus im Grunde nur der Leiter eines Terror-Camp gewesen ist. Ich werde versuchen, durch Kontextualisierung und sprachliche Analysen zu einer inhaltlichen Deutung zu gelangen, die nicht zwingend dazu (ver)führt, dass man annehmen sollte, ein bibeltreuer Christ müsse in letzter Konsequenz ein brutaler Gewalttäter sein. Vielleicht mag mir jemand dabei folgen.

Stelle 1: Matthäus 5, 17-19

„Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.“

Als Ouvertüre bietet sich diese Stelle an, wird doch hier die Beziehung zum Alten Testament von Jesus selbst hergestellt und dessen Geltungkraft bekräftigt. Und: „Amen, das sage ich euch“ – es ist Ihm also wichtig. Der Alte Bund, das Gesetz und die Propheten, wird durch Christus tatsächlich nicht aufgelöst, sondern erfüllt. Richtig. Und wie erfüllt sich das Gesetz? In der Liebe! Woher weiß man das? Aus Mt 22, 34-40. Jesus sagt dort einem Pharisäer (also einem, der sich mit dem Gesetz auskennt), dass „das ganze Gesetz samt den Propheten“ am Doppel-Gebot der Gottes- und Nächstenliebe „hänge“, das eigentlich sogar ein Dreifachgebot ist: „…wie Dich selbst!“; die Liebe zum eigenen Dasein als Person – und damit Ebenbild Gottes – gehört dazu. Es hängt also alles von der Liebe ab – darin besteht die Erfüllung. Wenn man Mt 5 weiterliest, merkt man, dass Jesus sehr schnell darauf zu sprechen kommt, dass Er sich (im Geist der Liebe) eine Gerechtigkeit wünscht, die über die Buchstaben des Gesetzes (die „Tüttel“, wie es bei Luther heißt) weit hinausgeht (vgl. Mt 5, 20). Doch wozu sich die Mühe machen und auch nur einen Vers weiter lesen, wenn die These „Jesus schreibt das alte System fort“ sich nach drei ausgesuchten Versen so schön zu bestätigen scheint?

Stelle 2: Matthäus 10, 34-35 (entsprechend: Lukas 12, 51)

„Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Zunächst ist dabei – wie immer, wenn es um die Auslegung von Bibeltexten geht – der Zusammenhang der Rede zu beachten: Es geht um die kommende Verfolgung, die Jesus am eigenen Leib erfahren hat und die sich (bis heute) an seinen „Nachfolgern“ vollzieht (Mt 10, 16-25). Dann macht Jesus den Jüngern (und mit ihnen auch uns) Mut zum Bekenntnis – trotz dieser Verfolgungssituation. Christus gibt uns die Zusagen, dass Er zu denen halten wird, die zu ihm halten, ihm treu bleiben (Mt 10, 26-33). Und dann (in diesem Zusammenhang) spricht Er vom „Schwert“ (Mt 10, 34; die Konkordanzstelle ist Lk 12, 51).

Sodann müssen wir uns den Begriff „Schwert“ genauer anschauen. An der Rede vom „Schwert“ lässt sich hervorragend die Differenz von wörtlichem und hermeneutischem Bibelverständnis aufzeigen, oder einfacher: der Unterschied zwischen einem Bild und dessen Bedeutung. „Schwert“ könnte wörtlich gemeint ist: als Waffe. Man könnte meinen, Jesus fordere dazu auf: Wert Euch gegen Eure Verfolger, tötet sie (mit dem Schwert). Eine solche wörtliche Deutung läge nahe, wenn in allen Übersetzungen übereinstimmend vom „Schwert“ als Artefakt die Rede wäre. Ein Blick in die Gute Nachricht (GN) – eine deutsche Bibelübersetzung in klarer, einfacher Sprache – zeigt uns, dass dem nicht so ist: Dort steht „Streit“ (Mt-Stelle) bzw. „Entzweiung“ (Lk-Stelle). Auch in der Einheitsübersetzung (EÜ), aus der die oben angeführte Perikope entnommen ist, steht an der Lk-Stelle nicht „Schwert“, sondern „Spaltung“. Nur die Mt-Stelle in der EÜ enthält das Wort „Schwert“. Dort aber steht der gesamte Text (Mt 10, 16-39) unter dem Titel „Aufforderung zu furchtlosem Bekenntnis“, nicht etwa: „Aufforderung zum Waffengang“. Wir erinnern uns an die Bedeutung des Zusammenhangs. Es geht beim „Schwert“ also offenbar um etwas anderes als um eine Waffe. Es handelt sich um eine Metapher, d. h. „Schwert“ ist im uneigentlichen Sinn verwendet. Manchmal nehmen einem da die neueren Übersetzungen wie die GN die Deutungsarbeit dankenswerter Weise schon ab, aber auch in der Mt-Stelle aus der EÜ kann man die Bildhaftigkeit von „Schwert“ erkennen, einfach dadurch, dass man einen Vers weiter liest und Jesus selbst den Begriff ausdeuten lässt: „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien“ – zu entzweien, nicht etwa: zu „erschlagen“.

Man kann aber auf den Bildcharakter von „Schwert“ an dieser Stelle kommen, indem man sich andere „Schwert-Stellen“ sprachlich und inhaltlich anschaut. Wir wissen ja, wie Jesus auf das tatsächliche Schwert, reagiert hat: Bei seiner Verhaftung – also in ärgster Verfolgungssituation – sagt Christus nämlich sehr deutlich, was er vom Schwert als Hieb- und Stichwaffe hält: Nichts. Pack es wieder ein, Petrus. Wir wenden keine Gewalt an (vgl. Joh 18, 10-11). Hier steht dann auch in der GN wieder „Schwert“, eben weil es ein Schwert ist. Es muss also das tatsächliche Schwert (des Petrus) vom theologischen Schwert (des Jesus) unterschieden werden. Sein „Schwert“ ist ein Bild, das „Spaltung“ bedeutet.

Spaltung und Streit – das hat sich ja bewahrheitet. Über keinen Menschen wird soviel gestritten, auch 2000 Jahren nach seinem irdischen Leben, wie über Jesus aus Nazareth. Und die Verfolgung derer, die zu ihm halten, reißt in der Tat Familien auseinander, heute mehr denn je. Es geht hier aber wohl auch darum, ob die Stelle nur deskriptiv oder darüber hinaus auch normativ gemeint ist. Beschreibt Jesus in prophetischer Rede die Situation (durchaus richtig, wie auch 2000 Jahre danach zu erkennen ist) oder lässt sich daran gedanklich ein normatives „Und das ist auch gut so!“ anfügen? Also: Will Jesus nicht nur sagen, dass es Spaltung geben wird, sondern, dass er Spaltung will? Man könnte freilich sagen, dass Jesus immer normativ spricht, insoweit als sich in seinem Reden der Wille Gottes ausdrückt. Doch auch Jesus benutzt ja, wenn es um Gebote und Weisungen geht, eine explizit normative Diktion. Die fehlt hier. Ich denke auch nicht, dass Jesus für uns Christen Streit und Spaltung will, doch er will auch nicht, dass wir dem Streit ausweichen, nur weil der uns ungelegen kommt. Er selbst hat Konflikte durchgestanden – und wir sollen das auch.

Etwas ganz anderes ist es freilich, Streit zu suchen, vielleicht sogar mit dem Ziel des Martyriums. Das wäre der falsche Weg, auch Jesus sucht keinen Streit (er wird an Ihn herangetragen) und Er sucht auch nicht das Martyrium (Er bittet den Vater um Verschonung), doch beides nimmt Er an, denn es gehört zu Seiner Mission. Und damit auch zu unserer. Damit ist es wohl so, dass Jesus von uns fordert, Spannung und Spaltung zu ertragen, wenn es um den Kern dessen geht, der uns als Person ausmacht: um den Glauben. Geht es dabei um den Glauben an Christus, scheint dieser unmittelbar, ja geradezu konstitutiv an Verfolgung gebunden, weil Jesus selbst durch Verfolgung zum Christus wurde. Das hat aber alles überhaupt nichts mit angewandter, sondern mit erlittener Gewalt zu tun. Es geht Jesus nicht um Gewalt, die angewendet wird, sondern lediglich um Gewalt, die ertragen werden soll.

Stelle 3: Lukas 19, 27

„Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde bringt sie her und macht sie vor meinen Augen nieder!“

In anderen (älteren) Übersetzungen heißt es gar: „Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringt sie her, und tötet sie vor meinen Augen.“ oder auch „Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir.“ Wenn es einmal nicht darum gehen soll, vom Christentum ein Schreckensbild zu zeichnen, bietet sich aber die neuere Übersetzung an. Dort steht eben statt des „tötet sie“ bzw. „erwürget sie“, was eindeutig als Akt körperlicher Gewalt konnotiert ist, ein deutungsoffeneres „macht sie nieder“. Aus Lukas 19, 27 eine grundsätzliche Disposition des Christentums zur Gewalt abzuleiten, ist und bleibt aber ganz unabhängig von der gewählten Übersetzung absurd.

Denn: Dieser Vers stammt aus einem Gleichnis. Der „Ich“-Erzähler in dem Gleichnis ist ein „König“. Dieser kann mit dem verherrlichten Christus identifiziert werden, dem „Christkönig“, also dem Christus nach Seiner Rückkehr, dem Christus in der Funktion des Weltenrichters, der Gott des Letzten Wortes. Es spricht hier also nicht der historische Jesus zu den Jüngern und fordert sie zu einer konkreten Handlung auf, wie die Stelle – aus dem Kontext gerissen – suggeriert. Dieses Gleichnis wird in einer emotionalisierten Stimmung erzählt (zuvor hatten viele gesehen, wie Jesus zu Zachäus, dem verhassten Zöllner, eingekehrt ist). Und Jesus erzählt denen, „die das alles miterlebt“ (Lk 19, 11; GN) hatten und nun meinten, das „Reich Gottes werde sofort erscheinen“ (Lk 19, 11; EÜ) dieses Gleichnis, in dem er sie mit deutlichen Worten davor warnt, in dieser Endzeiterwartung die Hände in den Schoß zu legen. In den Gleichnissen wählt Jesus oft sehr drastische Bilder, weil Er (sicher zu Recht) meint, damit mehr Aufmerksamkeit erzielen, Verständnis erfahren und mehr Menschen auf die Spur zu Gott setzen zu können. Die vieldiskutierte „Gewaltsprache“ Jesu kommt denn auch nur in den Metaphern der Gleichnisse vor und auch nur, um die durch alltägliche Gewalterfahrungen blind und taub gewordenen Menschen (vgl. Mt 13, 13) auf die Wahrheit über die Gewalt und die Wahrhaftigkeit möglicher Auswege aus der Gewalt zu stoßen. Die Rede von Gewalt geschieht also um des Verständnisses der Zuhörer Willen („so wie sie es aufnehmen konnten“, vgl. Mk 4, 33). Wenn es in dem Gleichnis um den Christus-König geht, dann muss man dem göttlichen Richter der Welt einen gewissen Entscheidungsspielraum zugestehen für den Umgang mit denen, die sich in ihrem Leben nicht von der Liebe, sondern vom Hass haben lenken lassen. Denn das sind die „Feinde“, die hier gemeint sind.

Es gibt sicher noch andere „heikle Stellen“, aber auch diese lassen sich mit etwas Mühe richtig deuten. Auf Lk 12, 49 („Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“) brauche ich wohl nicht weiter einzugehen, hier erkennt wohl jede und jeder die übertragene Bedeutung, die sich aus dem Bildwort „Feuer“ ergibt (Stichwort: Heiliger Geist), und weiß dann also auch, was mit „brennen“ gemeint ist (Stichwort: Feuer und Flamme sein). Wie Jesus wirklich zur Gewalt stand und was Er uns Christen rät, ergibt sich aus zahlreichen anderen Stellen, ganz zentral aus Mt 5, 5 und 9, aber etwa auch aus Mt 26, 52. Gewalt wird allein Gott zugebilligt, nicht dem Menschen. Dieser soll nicht einmal um einen gewaltsamen Eingriff bitten: Als die Samariter Jesus und Seine Jünger nicht aufnehmen, wollen Jakobus und Johannes, die „Donnersöhne“, „dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet“. Jesus aber „wandte sich um und wies sie zurecht“ (Lk 9, 54-55). Mit Gewalt, Mensch, sollst du nichts zu tun haben, von Gewalt halte dich fern. Das sagt uns Jesus Christus. Für mich steht daher fest, dass jeder, der meint, Gewalt mit Gott, mit Jesus Christus rechtfertigen zu können, dem wohl größtmöglichen Irrtum unterlegen ist, dem ein Mensch überhaupt unterliegen kann.

(Josef Bordat)