Beten und Handeln

19. Mai 2014


In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, daß wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben. Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde, und sie wählten Stephanus, einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. Sie ließen sie vor die Apostel hintreten, und diese beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer; auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an. (Apostelgeschichte 6, 1-7)

In der gestrigen Lesung aus der Apostelgeschichte hören wir von der ersten Diakonweihe der Kirche. Sieben Weihekandidaten – „Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ – nennt Lukas namentlich, darunter auch Stephanus, „einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist“, wie es speziell zu ihm noch einmal heißt. Die Eignung des Stephanus wird vermutlich deshalb besonders hervorgehoben, weil jener Diakon kurz darauf hingerichtet wird; in den beiden folgenden Kapiteln der Apostelgeschichte wird davon berichtet. Stephanus stirbt als Nachfolger Jesu und gilt als erster Märtyrer der jungen Kirche.

Der Hintergrund der Diakonweihe wird zu Beginn erwähnt. Es gab Unstimmigkeiten hinsichtlich der Ausrichtung christlicher Gemeinden. Einige Gemeinden, genannt werden die der griechischen Heidenchristen, meinten, es werde zu wenig karitativ bzw. diakonisch gearbeitet. Den Judenchristen warfen die Hellenisten vor, die Witwen (man darf hier wohl getrost verallgemeinern: die Armen) nicht angemessen zu versorgen. Die Hebräer wiederum führen Kapazitätsengpässe an und fürchten, gesteigertes Engagement in den Suppenküchen könne dazu führen, dass Gottesdienst und Gebet, also: die Liturgie vernachlässigt werden.

Der Dienst am Nächsten und die Liebe zum Wort Gottes, Diakonie und Liturgie, vita activa und vita contemplativa, Handeln und Beten, labora und ora werden hier zunächst gegeneinander gestellt. Die Lösung der Apostel besteht in der Delegation: Einige, die neuen Diakone, sind für die karitative Seite der christlichen Gemeinde zuständig, sie selbst für die liturgische. Tatsächlich ist es noch heute so, dass es in den Gemeinden Bibel- und Liturgiekreise neben Krankenbesuchsdienst und Obdachlosencafé gibt. Anders lässt sich Gemeinde nicht organisieren. Heute nicht, in unserer komplexen Welt. Und damals offenbar auch schon nicht.

Doch so wie die Gemeinde mit beiden Lungenflügeln atmet, so kann der einzelne Christ sein Christsein nicht bloß in einer der Ausrichtungen verwirklichen. Das christliche Leben mag Schwerpunkte setzen, doch es besteht aus beidem: ora et labora. Die Betrachtung des Evangeliums und dessen geistliche Vertiefung im Gebet befähigen zum Handeln, weil sie Kraft geben, sich auch denen zuzuwenden, die uns fern stehen oder unsympathisch sind. Die Sammlung in der Liturgie bewahrt vor verbohrtem Aktionismus, der oft gutwillig beginnt, aber ohne spirituelle Rückkopplung genauso oft hartherzig endet. Umgekehrt füllt unser Handeln das Gebet mit Wahrhaftigkeit. Wir können Gott nicht um unser tägliches Brot bitten, wenn wir es zugleich dem Nächsten vorenthalten. Es geht also beides ganz wunderbar zusammen: Gebetsgruppe und Suppenküche.

Bei vielen heute besonders populären Christen zeigt sich die Wechselbeziehung von Handeln und Beten, Beten und Handeln ganz deutlich. Meister Eckhart, Hildegard von Bingen, Mutter Teresa von Kalkutta, Papst Johannes XXIII. – sie waren ebenso Mystiker wie Macher. Und viele christliche Politiker sind als Macher, aber auch als Mystiker bekannt: Dag Hammerskjöld, Johannes Rau, Petra Kelly. Nur im Zusammenwirken von beherztem Handeln des Menschen und der demütigen Anerkennung der Tatsache, dass es zwar genau darauf ankommt, dass aber das Heil der Welt nicht vom Menschen, sondern von Gott abhängt, können schlimme ideologische Verirrungen verhindert werden. Geht die Demut hingegen verloren, droht das, was im 20. Jahrhundert eine ganze Reihe von Ismen hervorgebracht hat: die Vergötzung des allzu Menschlichen. Und nur, wenn die glaubensstärkende Liturgie dazu führt, dass sich die Kirche spürbar für die Menschen einsetzt, wird sie mit ihrer Botschaft überzeugen können. Denn schließlich wirkten schon damals nur beide Aspekte zusammengenommen missionarisch, weil nur durch die Entlastung der Apostel seitens der Diakone das Wort weiter die Runde machen konnte, mit der Folge: „die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer“.

(Josef Bordat)