Jahresendbriefe

29. Dezember 2010


Aufmerksamkeit ist Bedingung für Empathie, Einfühlung Beginn der Moral.

In den letzten Tagen des Jahres erreichen mich einige Briefe von Freunden und Bekannten, in denen eine Bilanz der abgelaufenen zwölf Monate gezogen wird. Zwar spielen dabei auch Ereignisse eine Rolle, an die wir uns gemeinsam erinnern können, etwa die Fußball-WM, doch die meisten Ereignisse, über die am Jahresende noch einmal nachgedacht wird, sind höchstpersönlicher Natur. Neben freudigen Dingen wird immer wieder auch von schweren Stunden voller Schmerz berichtet. Freunde und Bekannte sprechen über bittere Erfahrungen von Verlust, Leid und Einsamkeit.

Dann drängt sich mir die Frage auf, wo ich eigentlich war, in diesen Stunden. Habe ich überhaupt gemerkt, was los ist mit diesem Menschen? Oft lautet die Antwort: „Nein, habe ich nicht.“ Der Stolz setzt dann noch ein „Schließlich kann ich mich nicht um alles kümmern!“ hinzu, aber das Nein liegt wie eine offene Wunde vor mir.

Aufmerksamkeit ist die Bedingung für Empathie, Einfühlung wiederum der Anfang jeder Moral. Das wird mir klar, beim Lesen der Jahresendbriefe. Ich bitte Gott, mir in den kommenden zwölf Monaten durch Menschen in meiner Umgebung, die ich allein zu leicht übersehe, immer wieder den Tritt zu geben, den ich brauche, um aufzumerken. Um aufmerksam zu werden für ihre Not. Und um am Ende des nächsten Jahres öfter „Ja!“ sagen zu können.

(Josef Bordat)