Maria steht bei uns Katholiken hoch im Kurs. Wir verehren sie als Mutter Jesu, als Gottesgebärerin, als Gottesmutter, als Mutter der Kirche.

Ja, Maria ist die Gottesmutter. Das ergibt sich unmittelbar aus dem Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes. Interessanterweise wird der Vorwurf, die Katholische Kirche halte mit der Bezeichnung „Gottesmutter“ zu große Stücke auf Maria, oftmals gerade von denen erhoben, die zugleich meinen, die Katholische Kirche habe ein negatives Frauenbild. Aber das nur am Rande.

Die Marienverehrung kommt aus der Tradition der Kirche, die einschlägigen Dogmen reflektieren den sensus fidei des Kirchenvolks philosophisch und theologisch. Die Wertschätzung Marias hat aber sehr wohl auch biblische Grundlagen.

Das Wort des Erzengels Gabriel zeichnet Maria aus: „Gegrüßt seist du, Begnadete“ (Lk 1, 28). Die Ansprache der Elisabeth hebt Maria heraus: „Du bist gesegnet unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1, 42). Maria erfährt in Sachen Sünde und Schuld die gleiche Gnade wie der Mensch Jesus. Der besondere Segen der Freiheit von Sünde und Schuld wird beiden zuteil: Maria und Jesus. Es steht tatsächlich nirgendwo in der Bibel, dass Maria „ohne Erbsünde empfangen“ wurde (so das Dogma von der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter – 1854, Papst Pius IX.), doch es ergibt sich konkludent aus dem, was sonst so in der Bibel steht. Wenn Jesus auch als Mensch frei von Sünde war, dann brauchte Er in Seinem Wachsen und Werden als Mensch eine Umgebung, die ebenfalls (weitgehend) frei von Sünde blieb. Das betrifft Jesu Ziehvater Josef, einen fleißigen, bescheidenen Mann, Jesu Tante Elisabeth, eine gottesfürchtige Frau, den etwa gleichaltrigen Cousin Johannes, der Ihm als Mahner in der Wüste voranging, und insbesondere natürlich Seine Mutter Maria, die mit Ihm so eng verbunden war wie kein anderer Mensch. Als Gottesmutter trug Maria Jesus in sich, gab Ihm neun Monate lang einen besonderen Platz auf Erden: ihren Körper. Das verlangte eine besondere Gestimmtheit Marias. Nicht nur, daß sie durch ihre freie Entscheidung, „Magd des Herrn“ (Lk 1, 38) sein zu wollen, zum göttlichen Plan ihr Einverständnis geben sollte, also als junges Mädchen bereit sein sollte für die besondere Schwangerschaft, auch von Gott her musste sie entsprechend vorbereitet sein, damit Mutter und Kind zueinander passen. Diese Prädisposition umfasst im Glauben der Kirche insbesondere das, worauf es wesentlich ankommt: die Nähe zu Gott. Wenn nun die Sünde von Gott entfernt, so liegt es nahe, dass das Gegenteil, die Sündenfreiheit, den Menschen näher zu Gott bringt. Im Idealfall so nah, dass eine Identifikation, eine „Einheit mit Gott“ möglich wird. Maria wird damit nicht selbst zur „Göttin“, sondern befähigt, in „Einheit mit Gott“ zu leben, also Jesu Mutter zu werden und so Gott zu den Menschen zu bringen.

Es steht auch nicht in der Bibel, dass „die immerwährende Jungfrau Maria, die makellose Gottesgebärerin, als sie den Lauf des irdischen Lebens vollendete, mit Leib und Seele zur himmlischen Glorie aufgenommen wurde“ (so das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel – 1950, Papst Pius XII.). Doch die Offenbarung des Johannes zeigt das Bild einer himmlischen Herrscherin, das vom sensus fidei seit jeher mit Maria identifiziert wurde: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen“ (Off 12, 1-2). Das Dogma vollzieht hier nur nach, was die Kirche längst als Teil ihres Glaubensgut anerkannt hatte: Die Konsequenz der besonderen Nähe Marias zu Gott ist ihre Aufnahme in den Himmel.

Schließlich ist da noch Jesu Wort am Kreuz: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19, 27). Es ist an Johannes gerichtet, der Apostel steht aber stellvertretend für die Kirche. Maria ist die Mutter der Kirche und stiftet ihr gleichsam Mütterlichkeit ein. Sie wird damit selbst zur Mutter, zur „Mutter Kirche“. Das Zweite Vatikanische Konzil legt den Zusammenhang in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium dar (Nr. 63 und 64). Gut, das ist jetzt wieder Dogmatik, wieder erzkatholisch, gestützt auf die kirchliche Tradition (Ambrosius). Aber alles fußt doch auf der Mutterrolle Marias, wie die Bibel sie beschreibt: Als diejenige, die auf Jesus hindeutet, Ihn zum ersten Zeichen ermutigt und dazu auffordert, Ihm zu gehorchen (Joh 2, 1-11), als diejenige, die bis zuletzt bei Ihm blieb (Joh 19, 25) und an die sich der Herr in Seiner Todesstunde wandte: „Frau, siehe, dein Sohn!“ (Joh 19, 26).

(Josef Bordat)

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