Universale Gelehrsamkeit

15. September 2011


Markus von Hänsel-Hohenhausen über Kurt Hübners Die Wahrheit des Mythos

Arbeiten, die sich aufs Ganze des Verstehens richten, können nur umfängliche, mit zahlreichen historischen Belegen abgesicherte Darstellungen sein, die, wenn sie glücken, einen enzyklopädischen Anspruch erfüllen, oder Kurzschriften, die einen Stoß führen und dieses Ganze in Bewegung bringen. Kurt Hübners Werk über die „Wahrheit des Mythos“ zählt zu den selten gewagten Bestandsaufnahmen des Denkens einer Zeit. Wenn klassisch ist, was das Denken einer Epoche gültig wiedergibt und dafür eine Form findet, der, ohne sie zu verschlechtern, nichts hinzugefügt und nichts weggenommen werden kann, dann ist das vorliegende Buch nicht nur ein wissenschaftliches Standardwerk zum Thema „Mythos“, sondern auch ein zukünftiger Klassiker der Philosophie. Die Bedeutung des vorliegenden Werkes reicht noch darüber hinaus. Bekanntlich ist die Aufgabe der Philosophie, das, was die Naturwissenschaften von der Welt erfassen, das Wie der Welt, zu deuten, also seine Bedeutung für uns zu erkennen. Kurt Hübner weist nun nach, dass dieses Erkennen nicht auf die naturwissenschaftlichen Resultate beschränkt werden kann. Tut man es – wir tun es heute – verengen wir den Gesichtskreis des Menschen auf das menschliche Rechnen mit Gemessenem, Gewogenem und Abgezähltem. Es liegt aber im Interesse der Wahrheit, den Horizont und unsere Zugänge zur Wirklichkeit insgesamt zur Kenntnis zu nehmen. Dabei erweist sich die Kontingenz, von der die Naturwissenschaft im Glauben an Naturgesetze ausgeht, auch darin, dass nichtrationale Erkenntnis (das Mythische) mit rational-wissenschaftlicher Methode in ihrem Eigensein Bestätigung findet. Es ist das Umstürzende des vorliegenden Werkes, dass es dem Mythischen nicht nur sein Eigensein bestätigt, sondern dass es mit wissenschaftlicher Methode den Mythos gegenüber der Naturwissenschaft als mindestens gleichwertigen Zugang zur Wirklichkeit nachweist. Kurt Hübner hat damit die Grundlage dafür geschaffen, die Bedeutung der Familie, der Geburt, des Todes und den Glauben, wenn er nicht nur mystisch, sondern auch verbürgt und vernünftig ist, wie der christliche, in unser modernes Weltbild zu integrieren. Das vorliegende Buch schreibt Wissenschaftsgeschichte, entdeckt Neuland in der Wissenschaftstheorie, befreit die moderne Theologie von ihrer Tendenz zur Anthropologie, die letztlich zum Materialismus führt, und versöhnt mit dem Bruch, den der diktatorische Rationalismus in den Biographien der Menschen erzeugt hat. In einer Zeit, in der die philosophia perennis abzureißen droht, hat Kurt Hübner ein neues Kapitel aufgeschlagen, sie fortgeschrieben.

Der Kieler Philosoph, der vor der Vollendung seines 90. Lebensjahres steht, macht in dem schon 1985 veröffentlichten Werk zunächst darauf aufmerksam, dass der Mythos nicht vom naturwissenschaftlich-modernen Standpunkt aus zu verstehen ist (und nicht von ihm aus zutreffend beurteilt werden kann), sondern eine eigene Denk- und Erfahrungswirklichkeit ist. Dieses eigene Recht des Mythos dient dem Verfasser keineswegs zu einem Plädoyer gegen die Wissenschaftlichkeit unserer selbstgefällig „aufgeklärten“ Zeit, sondern dazu, einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus die Geisteshaltung der Gegenwart betrachtet, verstanden und richtig beurteilt werden kann. Es geht dem Verfasser um die Defizite der Jetztzeit und um ihre mögliche Heilung.

Kurt Hübner erkennt die merkwürdige Blüte der Esoterik und anderer Heilslehren als Ausbruchsversuche aus der entmythologisierten Gegenwart. Sie drücken nichts anderes aus als einen Kulturpessimismus, ein Symptom der Schwäche (S. V). Diese unverbürgten Orientierungsentwürfe, zu denen auch politische Doktrinen zählen, sind, so erkennt der Verfasser, Zerrbilder des Mythischen. Er beschließt, die Methoden und Ergebnisse moderner Wissenschaftstheorie und der wissenschaftlichen Analytik auf die von der Mythos-Forschung gewonnenen Resultate anzuwenden. „Damit wird es möglich, die wissenschaftstheoretisch untersuchten wissenschaftlichen Denk- und Erfahrungsformen mit denjenigen des Mythos systematisch zu vergleichen und Wissenschaft wie Mythos im Hinblick auf ihre Erkenntnisleistung und ihren Wert gegeneinander abzuwägen.“ (S. VII) Kurt Hübner urteilt also, anders als mancher Vorgänger, nicht als Mythologe, sondern als Wissenschaftler. Seine Ergebnisse sind deshalb von wirklichem Gewicht nicht nur für die Mythologie, sondern auch für unser wissenschaftliches Weltbild. Er steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Gegenwart, in der ein Rückfall hinter die Aufklärung vernünftigerweise nicht möglich ist. Damit betritt Hübner philosophisches, insbesondere erkenntnistheoretisches Neuland.

Der Verfasser leistet nun über weite Strecken eine Beweisaufnahme unseres Denkens. Er untersucht das noch immer (wissenschaftlich rätselhafte) Ganzheitliche des Stroms unserer täglichen Möglichkeiten und Hoffnungen zuerst am Beispiel Hölderlins und wie es uns aufgeklärt-analytischen Geistern noch immer möglich ist, die Erscheinungen der Natur als schön, majestätisch oder furchteinflößend zu empfinden. Dies ist in einer logisch-rationalen Welt dann möglich, wenn die Beziehung des Subjekts zum Objekt für das Individuum das Eigentliche und Ursprüngliche bleibt und zum eigentlich Objektiven wird. Der lebendige Zusammenhang zwischen dem Ich und der Welt ist dieses Eigentliche und die numinose Naturerfahrung, als numen Zeichen eines Wesens, das weder von der Natur noch vom Menschen bestimmt wird (S. 6). Ja, Natur und Mensch leiten sich von ihm her. Das Göttliche liegt für Hölderlin dort, wo sich Mensch und das „Unfühlbare“ begegnen. Es ist die (ansonsten) kaum zu erklärende Anziehung der Poesie, die diese mythische Erfahrung aufzurufen vermag und von der Unterstellung „loszubinden“, dieses Die-Welt-Erfühlen ergehe sich bloß in Gleichnissen. Die Familie als Substanz, die den einzelnen durchs Leben begleitet, ist ebenfalls eine mythische Erfahrung.

Die potentielle Widersprüchlichkeit verschiedenartiger mythischer Erfahrung entkräftet der Verfasser mit dem schlüssigen Hinweis, dass auch in der Naturwissenschaft die Wahrheit nicht in Frage gestellt wird, wenn sich als wahr erwiesene Theorien (am Beispiel Bohrs und Einsteins) untereinander widersprechen. Kurt Hübner gelingt an dieser Stelle eine wichtige Aufhellung. Mathematisch exakte Konstruktionen haben im heutigen Denken die „sinnlich-anschaulichen Wesensgestalten Hölderlins“ verdrängt, „jede Personalisierung des Gegenstandes ist aufgehoben“. (S. 32) Damit spielt der Verfasser darauf an, dass die Entpersonalisierung der Naturwissenschaften ein unerfüllbare Voraussetzung des modernen, säkularen Weltbildes ist, denn jedes Ergebnis ist von einer Person gemessen, errechnet oder hypothetisch ersonnen. Jedes Ergebnis ist „personal“, von woher sich auch der Fortschritt erklärt, den es nicht gäbe, wären die physikalischen, chemischen und mathematischen Ergebnisse „an sich“ feststellbar. Die Fehlerhaftigkeit früher gültiger, heute überholter Ergebnisse zeigt, dass die Naturwissenschaften wesensmäßig personal sind, auch wenn dies bis heute kaum wahrgenommen wird.

Allen Erfahrungen liegen, so wieder der Verfasser, „Denkschemata“ zu Grunde, die nicht allein dem Gebot der Vernunft folgen, sondern auch geschichtlich erklärt werden müssen. Die historischen Bedingungen, die Metaphysik und Ontologie der wissenschaftlichen Grundlagen sind uns nicht bewusst, sondern nur die Erfolge in den Wissenschaften, die sich diesen Grundlagen verdanken. Reichen diese Erfolge aber dazu aus, ohne wirkliche Kenntnis dessen, was mythisch ist, gegen den Mythos zu reden und für den Glauben an die universale Geltung der Resultate der Naturwissenschaften zu plädieren? (S. 32)

Kapitel III („Zur Geschichte der Mythos-Deutung“) gerät dem Verfasser im Spiegel seines Themas zu einer kleinen Geistesgeschichte, die die Verbindungslinie des zunächst nur als antik missverstandenen Phänomens zur modernen Existenz aufzeigt. Erst im Aufbruch der sog. Aufklärung wurde der Mythos zu einem Problem. Die Romantik deutete ihn als Wesen der Dichtung und als schönen Schein. Bei Goethe klingen Einbildung und Phantasie zusammen mit der Kraft der Natur zur Erzeugung der Welt, weshalb bei ihm Dichtung und Naturforschung nah beieinander liegen, aber so, dass der Mythos das Material bietet, an dem die Dichtung wirkt. Deshalb gilt nicht, so darf ich zuspitzen, Dichtung oder Wahrheit, sondern Dichtung und Wahrheit. Die Soziologie hat den Mythos dann als Ritual ausgedeutet, das den gesellschaftlichen Verkehr regelt und deshalb die Lebenswirklichkeit (S. 42).

Die psychologische Deutung zählt geistesgeschichtlich zur Entdeckung der Subjektivität in der Folge von Descartes‘ Unterscheidung von Subjekt und Objekt. Nietzsche deklarierte den Reichtum der Erscheinungen als „Fruchtbarkeit des Weltwillens“, aber letztlich als subjektivisch, als Illusion, die den Willen zur Macht ausdrücke. Wilhelm Wundts „mythologische Apperzeption“, mit dem sich das Subjekt in das Objekt projiziert, würdigt die Wirkung des Mythos als eine kulturelle Erscheinung, da sie von allen gleichermaßen vollzogen wird („Volksphantasie“). Die psychologische Deutung des Mythos ersetzte seine erloschene objektive Verbindlichkeit durch seine „subjektive Zwangsläufigkeit“. Der Mythos wurde damit immerhin in der Welt der Wissenschaftlichkeit als etwas dem Menschen Notwendiges neu etabliert und aus dem Spiel ästhetischer Empfindung in der deutschen Klassik erlöst. Auf Hegel und Schelling greift Ernst Cassirer zurück, als er die transzendentale Interpretation des Mythos als einen „denknotwendigen Entwicklungsgedanken“ klassifiziert. In der strukturalistischen Deutung eines Lévi-Strauss ist es ein logisches Modell, in dem Mythen kodiert sind, um Wirklichkeit zu bewältigen. Während das soziologisch-ritualistische Verstehen sich auf Institutionen konzentriert, projiziert die strukturalistische Deutung dagegen diese Institutionen „auf die gedanklichen Operationen, die ihnen zugrunde liegen und (die) eine das Mannigfaltige ordnende Erfahrung ermöglichen“. (S. 60) Deshalb ist die Wirkung des Mythos auch rational. Die symbolistische und romantische Dichtung, die ihre Wurzel bei Herder und in der Entdeckung der indischen Veden hat, hatte dem Mythos eine Brücke in das moderne Leben gebaut, denn sie ließen vorstellbar werden, dass in vergangenen, untergegangen Kulturen „etwas dem Heutigen Gleichwertiges, wenn nicht Überlegenes“ gesehen werden kann. Kurt Hübner: „Es gilt festzuhalten, dass in diesen Ideen jene ‚andere Seite‘ unserer Kultur hervorbricht, auf der mythisches Denken aller wissenschaftlichen Aufklärung zum Trotz unbeirrt fortlebt.“ (S. 67) Hierin liegt eine Provokation der „Selbstverständlichkeit des Gegenwärtigen“.

Das Dasein und das Wirken des Mythischen in jedermanns Biographie steht also, über die Disziplinen und Schulen hinweg, außer Frage – was den in landläufigen, aber falschen Ideen über den Mythos befangenen Leser überraschen muss.

Kurt Hübner geht es nun darum, die Bedeutung des Mythischen zu erforschen, das Teil auch der modernen Lebenswirklichkeit ist. Und zwar nicht, um den Mythos zu erhalten, weil eine Selbstrechtfertigung (etwa bei Pettazoni) keine rationale Rechtfertigung ist. Der Verfasser bleibt nicht in der Beschreibung des Mythos in der Abgrenzung zur Wissenschaft stecken, sondern er wägt das eine gegen das andere ab. Grundlage ist die Feststellung, dass die Behauptung, das Mythische, das in jeder Biographie konkret erfahren wird, sei Illusion, Irrtum oder Schein, bislang – in den Begriffen der Wissenschaftlichkeit – unbewiesen geblieben ist.

Der Verfasser hängt damit, es muss nochmals hervorgehoben werden, keineswegs einer akademischen Orchidee nach, sondern arbeitet an einem fundamentalen Problem unserer Gesellschaft, nämlich ob die numinose Deutung des Mythos zu rechtfertigen, ob er womöglich selbst beweisbar ist (S. 85). Solange dies nicht gelungen ist, „befinden wir uns im Für und Wider bezüglich des Mythos immer noch im Zustand mehr oder weniger geklärter Glaubenshaltungen und gefühlsmäßiger Vermutungen. Diese können umso gefährlicher werden, als sich hier, wie schon erwähnt, ein Spannungsfeld aufgebaut hat, das unsere Kultur in ihrer Tiefe erfasst hat“ (S. 85). Der Verfasser spricht hier offensichtlich vom gegenwärtigen Verfall der Werte, von der Verwirrung der Begriffe und von den eingangs erwähnten Weltverbesserungslehren, die den leergelassenen Raum der von der Aufklärung abgeschafften Religion gerne und mit unkalkulierbaren Folgen ausfüllen und damit das Bedürfnis nach der mythischen Erfahrung instrumentalisieren können.

Die Ontologie des Mythischen setzt voraus, dass die Ontologie der Wissenschaften, die keineswegs als gegeben angesehen werden kann, klar umrissen wird. Ihre überwältigenden Erfolge haben Zweifel an der Stringenz der wissenschaftlichen Vorstellungen, Kategorien und Erfahrungsbegriffe kaum aufkommen lassen. „Die Prüfung der mythischen Ontologie schließt daher den Vergleich mit der wissenschaftlichen ein und ist damit nicht nur erkenntnistheoretischer und ontologischer, sondern auch wissenschaftstheoretischer Natur.“ (S. 85) Mit dieser Ausgangslage entpuppt sich das Thema auch als Grundlagenfrage der Philosophie, insbesondere die Theorie der Wissenschaftstheorie betreffend und die Wiederpositionierung des nichtmaterialistischen Zugangs zur Welt. Durch das aufgestoßene Tor zum Mythos spaziert dann als erstes, der Leser ahnt es früh, der religiöse Glauben in das moderne Weltbild herein. Der erste Abschnitt ist deshalb im umfassenden Sinn „Mythos und Wissenschaft“ gewidmet: „ein Zwiespalt unserer Kultur“.

Die weiteren Ausführungen gelten dem „Denk- und Erfahrungssystem des griechischen Mythos“, schließlich der „Rationalität des Mythischen“ und der „Gegenwart des Mythischen“. Eine nicht anders als universal zu nennende Gelehrsamkeit, die die philosophia perennis fortzuschreiben in der Lage ist, zieht in den folgenden Darlegungen Erkenntnisse aus einer durchgehend logischen und in unprätentiöser, kristallklarer Sprache vorgetragenen Schau der abendländischen Kultur. Es müssen Stichworte genügen, um den umfassenden Ansatz der Argumentation anzudeuten: Ontologische Grundlagen der Naturwissenschaften, ontologische Grundlagen der Psychologie, der Sozialwissenschaften, Gegenständlichkeit als Einheit von Ideellem und Materiellem im griechischen Mythos, das Numinose im sozialen Leben, in der Geschichte, Unterschiede zwischen mythischer und sozialwissenschaftlicher Auffassung von Gemeinschaft und Geschichte, regelhafte Abläufe als Archaí im griechischen Mythos, die Zeit im griechischen Mythos, topologische und metrische Unterschiede zwischen mythischer und heutiger Zeitauffassung, der Raum im griechischen Mythos, topologische und metrische Unterschiede zwischen der mythischen und der wissenschaftlichen Raumauffassung, genauere Bestimmung des mythischen Substanzbegriffs, die Modalitäten im griechischen Mythos im Unterschied zu denjenigen der Wissenschaft, das mythische Fest, die griechische Tragödie als mythisches Ereignis, über den Zusammenhang von chthonischem und dionysischem Mythos, Exkurs über Nietzsches „Die Geburt der Tragödie aus der Musik“, Was ist Rationalität?, Rationalität als empirische Intersubjektivität in der Wissenschaft bzw. im Mythos, Rationalität als semantische Intersubjektivität in Wissenschaft und Mythos, als logische, operative und normative Intersubjektivität, das Mythische in der modernen Malerei, das Mythische in der christlichen Religion und der klassische Versuch Rudolf Bultmanns, sie zu entmythologisieren, Das Mythische in der Politik heute, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als herausragendes Beispiel, politische Pseudomythen, die Unabweisbarkeit der durch die Mythos-Forschung aufgeworfenen Fragen.

Kurt Hübner dringt in die Frage der Rationalität soweit vor, dass verständlich wird, dass nicht jedes Denk- und Erfahrungssystem „an sich schon etwas Rationales“ ist (S. 259). Immer wieder ist es ein Heimspiel für den Verfasser der in Fachkreisen weltbekannten „Kritik der wissenschaftlichen Vernunft“ (1978, 2002), deren Kenntnis er voraussetzen muss (S. 264). Er bestätigt sich erneut als Meister der Formalisierung und der Analyse, die er „sehr vereinfacht“ (S. 264) vorträgt, die den durchschnittlichen Leser aber nicht nur zum Staunen über die Synthese in der Hinterlage der Welt anleitet, sondern auch darüber, was ein ingeniöser Kopf für „sehr vereinfacht“ halten kann.

Ähnlich verblüffend ist die Darlegung, warum die größten Erfolge der Wissenschaft und rationale Theorien nicht notwendig etwas über ihre Wahrheit aussagen. „Wenn man nicht wüsste, wie eine Uhr funktioniert, könnte man vielleicht eine Theorie über sie entwickeln, derzufolge sie nach mechanischen Gesetzen mit Hilfe eines Räderwerkes betrieben wird. Diese Theorie wäre zweifellos vollauf bestätigungsfähig. Dennoch könnte es sich um eine elektronische Uhr handeln. Dann wären alle theoretischen Behauptungen über sie falsch, obgleich wir mit ihnen durchaus erfolgreich wären. Freilich könnten wir eine Uhr öffnen und hineinsehen; aber die Wirklichkeit können wir nicht einfach öffnen (…) Wie schwer es uns auch fallen mag, dies zuzugeben, so müssen wir doch folgendes feststellen: Selbst die größten Erfolge von Theorien sagen nicht das Geringste über ihre Wahrheit. (…) Die von der Wissenschaft erfasste Wirklichkeit ist demnach nicht die Wirklichkeit an sich, sondern sie ist stets eine auf bestimmte Weise gedeutete. Die Antworten, die sie uns gibt, hängen von unseren Fragen ab.“ (S. 273f.)

Nachdem er mit der gegenwärtigen Allherrschaft des Wissenschaftsglaubens dieser Art aufgeräumt hat, macht der Verfasser schlüssig, dass der Mythos nicht in der Form „verstreuter Ereignisse“ auftritt, sondern ein „Erfahrungssystem, zugleich ein Mittel systematischer Erklärung und Ordnung darstellt“ (S. 279). An der Stelle der Naturgesetze stehen Archái. Sie sind Ursprungswirklichkeit für Natur und Mensch, wobei diese sich nicht auf letzte Sätze, Axiome, gründen, sondern auf Analogie (Rationalität als empirische Intersubjektivität im Mythos).

Dem Verfasser ist natürlich gegenwärtig, dass dem Verstehen des Mythos das unausrottbare Vorurteil im Wege steht, er sei ein Glauben an etwas Transzendentes, Wahrnehmung und Erfahrung Entzogenes. Dabei ist er doch die Wirklichkeit des Alltags, die der Mensch erfährt. Die weitere Argumentation erweist das Mythische als dem wissenschaftlichen Erfahrungssystem in kaum einer Weise unterlegen. Als eines der Beispiele Kurt Hübners sei die semantische Intersubjektivität angeführt: Dass unter demselben Begriff alle dasselbe verstünden, kann auch für die Wissenschaften nicht als gegeben angesehen werden, denn die Übereinstimmung im Begriff geht nicht von ihm selbst aus, sondern von seinem Gebrauch und ist somit indirekt und geschichtlich. Der Verfasser führt den Gedanken aus an den Antinomien in der Mengenlehre (S. 297). Auch ist die behauptete Exaktheit der Wissenschaften zu relativieren ebenso wie der Vorbehalt der Vagheit des Mythischen, der die fehlende Trennung von Subjekt und Objekt und seine ideelle materielle Einheit ignoriert. Die Exaktheit, die die Wissenschaften selbst kaum erfüllen, vom Mythischen zu fordern, ist folglich ein Missgriff: „Es ist, als ob man den Umgang mit einem lebendigen Menschen, als ob man sein Wirken mit der ihm eigentümlichen semantischen Sphäre durch die Anatomie seines Leichnams ersetzte, damit aber entsprechend seine semantische Sphäre durch eine ganz andere, versteht sich.“ (S. 299)

Glänzend auch die Erklärung, die Kurt Hübner dafür findet, dass die Teilhabe des Menschen am Mythos nicht dunkler bleibt als die Teilhabe des Menschen am Naturgesetz: „Ist eine genauere Vorstellung davon, wie numinose Substanz in das Sterbliche eindringt, überhaupt denkbar? Plato, der diese Frage in seine Ideenlehre gewissermaßen mit hinübergeschleppt hat, sagt geradezu, es handle sich dabei um etwas ‚höchst Unerklärliches‘ und ‚äußerst schwierig zu Fassendes‘. Aber stehen wir denn nicht vor derselben Schwierigkeit, wenn wir uns klarmachen wollen, wie eigentlich die ‚Teilhabe‘ von Gegenständen an Gesetzen zu denken sei, unter die sie fallen? In Wahrheit handelt es sich hier um eine typische Pseudofrage, weil sie grundsätzlich nicht zu beantworten ist. Da die Teilhabe in beiderlei Sinn, am Numinosen wie am Naturgesetz bzw. der geschichtlichen Regel, ein Mittel der Erklärung ist, kann sie nicht selbst erklärt werden. Sie gehört vielmehr zu den ontologischen Grundbegriffen, die keiner weiteren Definitionen fähig sind. Auch hier besteht kein semantischer Vorteil der Wissenschaft über den Mythos.“ (S. 300)

Wissenschaftliche Vorstellungen haben den mythischen also durchaus nichts an Exaktheit und damit in Verbindlichkeit voraus – eine in der Wissenschaftstheorie neue, ja geradezu revolutionäre Erkenntnis. Der Verfasser führt den Gedanken noch durch einen ganzen Kanon prinzipieller, wissenschaftstheoretischer Einwände, die bei systematischer Betrachtung zerfallen. Der Leser kommt nicht umhin, dem Bekenntnis zur komplexen Nichtlogik der Wirklichkeit zu folgen, deren Erscheinungen sich der Systematisierung entziehen wie der Mensch einer ihn erfassen wollenden psychologischen Theorie.

Neben seinen grundlegenden Erkenntnissen bietet das Buch auch noch eine Summe unserer Kultur – es ist beglückend, wenn allseits geläufige, jedoch unerklärte Symptome plötzlich verstehbar werden. Beispiel: In der modernen Kunst ist der Verlust der Gegenständlichkeit auf die Rationalisierung und Verwissenschaftlichung der Welt zurückzuführen, auf die Auflösung (Analyse) der Synthesen. In der abstrakten Kunst mitvollzieht sich die Entmythologisierung der modernen Welt.

In seiner fulminanten Arbeit hat sich der Verfasser auf über 500 Seiten immer noch „auf das Wichtigste“ beschränkt (S. 77). Man kann sich denken, was das Thema in seiner totalen kulturellen Breite hergibt und wie sehr sich der Verfasser diszipliniert haben muss.

Kurt Hübner begründet in wissenschaftlichen Begriffen das Mythische als Tor zum Verstehen der Welt. Dieses Verstehen geht über das Erkennen, das die Wissenschaften nur bieten können, selbst hinaus. Ihm gelingt damit nichts Geringeres als die Wiedereinführung des nichtmaterialistischen, metaphysischen Denkens in das moderne Weltbild. Der Verfasser schafft es folglich, das annehmende Denken (den Glauben) in die moderne, wissenschaftliche Vorstellungswelt zu integrieren, die keine wissenschaftlichen Gründe aufrechterhalten kann, die mythischen Elemente des Glaubens als minder wahr und minder zuverlässig abzulehnen. Hierin liegt neben dem neuen Kapitel in der Philosophie, das Kurt Hübner aufschlägt, und neben dem Neuland in der Wissenschaftstheorie, das er mutig betritt, vielleicht die größte Bedeutung des Buches, das ein Lebenswerk zu nennen wäre, wenn sein Verfasser nicht bereits ähnlich fundamentale Großwerke zu anderen Themen veröffentlicht hätte.

„Die Wahrheit des Mythos“ lässt also den Glauben wieder zu. Obwohl die fachliche Rezeption noch verhalten ist, ist sie bereits von kirchlicher Seite geschehen. Papst Benedikt XVI. selbst hat den Verfasser zu seiner Arbeit beglückwünscht. Derweil sitzen manche Kapazitäten auf ihren Kathedern im Haus der Wissenschaften und lassen die Schlüsse aus der Erkenntnis ungezogen, dass die Welt nicht in ihrem Haus ist, sondern umgekehrt, dieses Haus in der Welt.

Geistesgeschichtlich befindet sich das Werk in der Nachfolge von Ernst Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“. Während das mythische Denken und Wahrnehmen für Cassirer die grundlegende symbolische Form ist, aus der alle anderen Formen der Wirklichkeitserfahrung hervorgehen, belässt Kurt Hübner das wissenschaftliche Verstehen in seinem eigenen Recht, an dem angesichts seiner Erfolge auch nicht zu zweifeln ist. Aber seinen Alleinzugangsanspruch zur Welt und die angebliche Unfehlbarkeit des Wissens löst er auf und führt das Mythische als parallelen, nicht minder gültigen Zugriff auf die Wirklichkeit ein.

Mit Cassirers Opus teilt sich das vorliegende Buch das Schicksal einer schleppenden Rezeption. Es ist bereits 1985 erschienen. Die zweite Auflage wurde erst 25 Jahre später möglich. Es ist ein Monolith, ein Ayers Rock der Philosophie der Gegenwart, der noch unbestiegen ist und dessen Wirkungen auf das moderne Weltbild noch in ihm verhalten sind. Das mag einerseits daran liegen, dass Kurt Hübners Ergebnisse gegen den heutigen politischen Comment verstoßen, der sich auf die Wissenschaftlichkeit als einzigen Wirklichkeitszugang versteift. Der Kieler Philosoph gibt Antwort auf eine Frage, die heute nicht gestellt wird und nicht gestellt werden soll oder in den religions- und kirchenfeindlichen deutschen Medien gern lächerlich gemacht wird. Seine Antwort wird erst gehört werden, wenn die Medien davon ablassen, das Publikum politisch einseitig zu bearbeiten. Wenn einmal die Gleichheit, die sozial, biologisch und kulturell unmöglich ist und die Freiheit ausschließt, aus dem Brennpunkt des öffentlich-rechtlichen Diskurses rücken sollte, könnte Raum für unvoreingenommene Orientierung entstehen. Dann kann „Die Wahrheit des Mythos“ seine Relevanz zum Besten der Gesellschaft entfalten. Kurt Hübners Meisterwerk widerfährt aber zunächst das Schicksal anderer bedeutender Leistungen, die das Ganze des Verstehens betreffen.

Das Buch selbst gibt einen Hinweis auf die Gründe der noch ausstehenden umfassenden Rezeption. Kurt Hübner stellt das selbstgefällige Weltbild der Moderne in Frage, aber Kraft und Genie seiner Argumentation sind selbst nicht erklärbar oder logisch ableitbar – sondern ihrerseits mythisch. Rational ist das Zustandekommen eines solchen Buches von der Idee über das betrachtende Erforschen, die eidetisch-erleuchtende Erkenntnis, bis hin zur genialen Systematisierung und Niederschrift nicht zu erklären. Die inhaltlich überzeugende, wissenschaftlich abgesicherte Arbeit als solche ist selbst ein Zeichen für die Wirksamkeit des Mythischen.

Bibliographische Daten:

Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos
München: Verlag Karl Alber 2011
537 Seiten, € 49,00
ISBN: 978-3-495-48363-3

Markus von Hänsel-Hohenhausen

Diese Besprechung erschien zuerst auf Literaturmarkt.info unter dem Titel Die philosophia perennis um ein Kapitel fortgeschrieben

Zum Autor der Besprechung:

Der promovierte katholische Theologe und Publizist Markus von Hänsel-Hohenhausen hat bisher vor allem durch zwei Schriften auf sich aufmerksam gemacht: durch seinen vielbeachteten Essay Vom Antlitz in der Welt. Gedanken zur Identität im 21. Jahrhundert (2005) und durch Cogito ergo credo. Ich denke, also glaube ich (2008), eine hochinteressante Abhandlung, in der er zeigt, dass das, was einigen „modernen“ Menschen als inkommensurabel erscheint, maßgeblich für unser Selbstverständnis ist: eine befruchtende Beziehung von Reflexion und Devotion (zur Rezension dieses Buchs).

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