Nahtod

10. April 2012


Der Neurologe Birk Engmann fühlt dem „Mythos Nahtoderfahrung“ auf den Zahn.

Der Tod zählt zu den Themen, die den Menschen beschäftigen, schon deshalb, weil jener für diesen unausweichlich ist. Doch auch, weil sich der Tod unserer Wissenschaft vom Menschen entzieht. Die finale „Grenzerfahrung“ (Karl Jaspers) ist deshalb von Spekulationen und Mythen umrangt, weil sich der Mensch dieser Grenze mit seiner sinnlichen Erfahrung nur von einer Seite her nähern kann. Die andere Seite, das „Jenseitige“, entzieht sich dem empirischen Zugang (und damit der Wissenschaft). Das Jenseits ist wesentlicher Gegenstand des Glaubens, nicht des Wissens. So kommt es zu einem Paradox: Wir wissen nichts mit größerer Sicherheit, als dass wir sterben müssen, doch wir wissen zugleich mit größter Sicherheit nichts über das, was uns im Tod und danach erwartet.

Umso faszinierender ist der Umstand, dass es Menschen gibt, die offenbar diese Erkenntnisbarriere durch kurzzeitiges Überschreiten der Todesgrenze gleichsam zu überwinden und den Tod beziehungsweise das Sterben als Qualität sinnlicher Erfahrung erleben vermochten und daher über ein solches Erlebnis berichten. Die Rede ist von „Nahtoderfahrungen“.

Die Frage, die sich stellt und die Birk Engmann, ein Neurologe und Nervenarzt aus Leipzig, in seinem Buch „Mythos Nahtoderfahrung“ (erschienen 2011 im Hirzel Verlag, Stuttgart) ergründet, richtet sich darauf, wie diese Erlebnisse wissenschaftlich zu charakterisieren sind. Dazu gilt es, sie zu sammeln, zu ordnen, intersubjektive Gemeinsamkeiten herauszufiltern und diese wiederum naturwissenschaftlich (also physiologisch) zu erklären. Wie dies geschehen ist beziehungsweise geschehen kann, führt der Verfasser unter Hinweis auf die Geschichte der Nahtod-Forschung, auf einschlägige medizinische Studien und mit Hilfe eigener Interpretationsansätze vor.

Der Kürze der Darstellung ist geschuldet, dass hierbei oft etwas oberflächlich vorgegangen wird; für die Betrachtung nicht-naturwissenschaftlicher Deutungen ist in dem 100-Seiten-Buch nur sehr wenig Raum. Bei der Darstellung religiöser „Widersprüche“ ist zudem oft ein eklatantes Fehlverständnis von Glaubensinhalten ursächlich für die postulierte Ungereimtheit, die der Verfasser zwar in Frageform aufwirft, doch kann auch dieses Stilmittel nicht verhehlen, dass der Glaube mit nur wenig Gespür für dessen Sinn- und Bedeutungsgehalt abgehandelt wird – etwa, wenn Engmann rhetorisch fragt, wie es denn sein könne, dass selbst der „sterbende“ Otto Normalgläubige von einer „Gottesbegegnung“ als Form persönlicher Offenbarung berichtet. „Ist die intensive Tuchfühlung mit Gott nicht nur eine Gnade, die Heiligen und Aposteln zuteil wird, sondern die manche schon zu Lebzeiten für sich reklamieren können?“, fragt der Verfasser „aus christlicher Sicht“, offenkundig bar jeder genaueren Information hinsichtlich der Begriffe „Gott“, „Gnade“ und „Heiligkeit“ – aus christlicher Sicht. Weiterhin zu fragen, welchen „Stellenwert“ eine „christliche Lebensführung“ überhaupt noch habe, wenn man die Gottesbegegnung per Nahtod quasi kostenlos geliefert bekommt, zeugt nicht unbedingt von großer Kenntnis des christlichen Glaubens und ist wohl bestenfalls abwegig zu nennen. Das alles wirft kein gutes Licht auf die Ernsthaftigkeit der Bemühung des Verfassers um ein Verstehen „alternativer“ (also: nicht-naturwissenschaftlicher) Zugänge zum Phänomen Nahtod, deren Vertretern an anderer Stelle auch schon mal kurzerhand die Vernunft abgesprochen wird: Wer medizinische Theorien einer methodologischen Fundamentalkritik unterzieht, ist in des Autors Augen „Gegner einer rationalen Sichtweise“.

Dabei wäre es nicht nur wichtig, erkannte Probleme und scheinbare Widersprüche in der Nahtodforschung vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte einer naturwissenschaftlichen Kritik zu unterziehen, sondern auch die medizinischen Theorien in kompetenter Manier mit Nahtod-Deutungen nicht-naturalistischer Provenienz zu konfrontieren, wie etwa mit der einschlägigen Forschungsarbeit Pim van Lommels, dessen 2009 erschienenes Buch „Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“ vom Verfasser unberücksichtigt bleibt.

Dieser geht stattdessen recht schnell und zielsicher auf ein naturwissenschaftliches Erklärungsmodell zu. Nach Engemanns Analyse basieren „Nahtoderfahrungen“ auf einer Hirnfunktionsstörung des „Sterbenden“, die zu „neurologischen Basisphänomenen“ führt, die, ergänzt um das, was Engmann „sekundäre Nachbearbeitung“ nennt, zu jener Qualität der Erfahrung als echtes, gleichwohl subjektives Erleben führen: Tunnel, Licht, Schweben. Zwar sind hier nachweislich physiologische Korrelate aufgefunden worden (als „Mitbeteiligung bestimmter Hirnstrukturen“), doch sagt dies ja noch nichts über deren Kausalität für die Erfahrung und schon gar nichts über die Wahrheit der Sinn- und Bedeutungszuschreibung im Zuge der „sekundären Nachbearbeitung“, auch wenn es freilich einen „Einfluss weltanschaulicher Überzeugungen auf die Ausgestaltung der Schilderungen“ gibt, so, wie es eben stets einen „Einfluss weltanschaulicher Überzeugungen“ auf den Umgang mit Interpretamenten gibt, ohne dass dieser Umgang etwas über die Überzeugung selbst aussagen könnte – zumindest nicht, ohne dabei wiederum unter dem „Einfluss weltanschaulicher Überzeugungen“ zu stehen. Soweit dem Autor zuzustimmen ist, dass eine Nahtoderfahrung kaum als Beweis für die Wahrheit eines religiösen Glaubens, in dem der Transzendenzbezug konstitutiv ist, gelten kann, so ist ihm ebenso in seiner Auffassung Recht zu geben, die Wissenschaft könne nicht „die Nichtexistenz Gottes“ beweisen.

Am Ende bleiben – erwartungsgemäß – viele Fragen offen. Hinsichtlich der Sache selbst, der Formulierung einer naturwissenschaftlichen Nahtodtheorie, räumt der Autor ein, keine „finale, allumfassende Lösung“ anbieten zu können. Das kann jedoch kaum als Schwachpunkt gewertet werden, eher im Gegenteil. Die methodologische Engführung unter der Prämisse eines ‚Rationalität-Wissenschaft‘-Junktim schon eher. Denn offen bleibt ebenso, welche Bedeutung eine naturwissenschaftliche Erklärung, die man in ihrem Duktus als Absage an den Transzendenzgehalt von Nahtoderfahrungen auffassen kann und wohl auch muss, überhaupt hat, wenn das Phänomen von vorne herein unter der Maßgabe naturwissenschaftlicher Erklärbarkeit aufgesucht wird. Denn dann geraten nur die Aspekte in den Fokus, die passen, während die, die sich sperren, angepasst werden. Nicht immer vermag das zu überzeugen. Mit dieser naturalistischen Brille, die ein Neurologe freilich tragen muss, will er im Rahmen seines Gebietes zu seriösen Aussagen kommen, könnten gar Aspekte ganz übersehen worden sein, die einer geisteswissenschaftlichen (das heißt theologischen) Perspektive als relevant auffielen, weil und soweit sie nur in ihrer religiösen Bedeutung einen Sinn ergeben.

Einen solchen, der naturalistischen Deutung möglicherweise widerstrebenden Befund zu übergehen und einen darauf basierenden Beitrag vorsorglich als „nicht-rational“ zu diskreditieren und von vorne herein aus dem Diskus auszuklammern, das wird wohl weder der Wahrheitsfindung im Kontext des Nahtodphänomens, noch der Nahtodforschung selber dienlich sein, eine Forschung, die nach Überzeugung vieler ihrer Akteure (auch der Naturwissenschaftler unter ihnen) nur inter-, besser noch: transdisziplinär geschehen kann. Dazu gehört auch die Bereitschaft, allzu starre Disziplinbarrieren zu hinterfragen. Birk Engmanns Beitrag bleibt dagegen methodologisch und epistemologisch auf der naturalistischen Seite und bietet daher nur eine eingeschränkte Sicht, die den Diskurs punktuell bereichern, aber nicht zum Ziel führen kann, schon gar nicht mit der postulierten Exklusivität.

Diese Besprechung erschien zuerst unter dem Titel Die Sache mit dem Tunnel in: Literaturkritik.

(Josef Bordat)