So: Ein Anfang ist gemacht! Zumindest in Berlin. Nachdem die Weihnachtsgrüße offiziell zu „Jahresendgrüßen“ mutierten, heißt der Weihnachtsmarkt nun „Winterfest“. Gott sei Dank!

Doch die neutrale Fassade täuscht. Denn: Ist denn wirklich für alle Menschen allen Glaubens gleichermaßen zu der Zeit, wo der BSR regelmäßig das Streugut ausgeht, wirklich „Jahresende“? Was ist mit Juden, Assyrern, Tibetern, Babyloniern, Chinesen, Vietnamesen, Kelten, Tamilen, Parsisten und Buddhisten? Was – bitte schön! – mit französischen und sowjetischen Revolutionären? Ist denn auch für sie „Jahresende“?! Hm?! Das „Jahresende“ hat uns doch niemand anderes eingebrockt als Papst (!) Gregor XIII.! Ja, soll hier unter dem Deckmantel des Friedens, der Toleranz und des Fortschritts am Ende der Katholizismus für alle Menschen gewaltsam verbindlich werden?! Das ist ja (ganzganzspät)mittelalterlich! Religiöse Neutralität sieht anders aus!

Und ist im Dezember, wenn Glühweinstände an die Armut der palästinensischen Kleinfamilie inmitten der römischen Militärdiktatur erinnern, ist dann wirklich in – ich sag jetzt mal – Brasilien „Winter“? Und war nicht vor kurzem auf Kosten des deutschen Steuerzahlers Papst (!) Franziskus dort, um mit einer Horde Fanatiker_innen einen halben Kontinent zu terrorisieren? Eben jenes Südamerika, das im Dezember alles mögliche hat – nur keinen „Winter“?! Geht man hier also in einem Handstreich über die zig tausend Hispanoamerikaner hinweg und quält sie bestialisch, indem man sie zwingt, sich gedanklich der Differenz von „Dezember in Berlin“ und „Dezember in Belén (Entschuldigung!)“ auszusetzen – auf einem der ach-so-neutralen „Winterfeste“?! Immer wieder! Jahresende für Jahresende!

Und hat man eigentlich schon mal darüber nachgedacht, dass es Kulturen gibt, in denen Grüße und Feste schlicht unbekannt sind? Im Sommer, im Winter, im Frühjahr und im Herbst! Und auch zu ihrem Jahresende? Warum nimmt man darauf keine Rücksicht? Soviel Buckeln vor der Kirche! Und das nach 300 Jahren Aufklärung!

Manchmal schäme ich mich für Berlin.

(Josef Bordat)