Der Blick nach Osten

8. November 2013


Renovabis feiert 20jähriges Bestehen.

Katholische Christen in Berlin gedenken heute der Märtyrer ihres Erzbistums, in ganz besonderer Weise des vor 70 Jahren verstorbenen Seligen Bernhard Lichtenberg, Dompropst an Sankt Hedwig und bis zu seiner Verhaftung im Oktober 1941 Leiter des Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin, mit dem die Katholische Kirche Verfolgten des Naziregimes die Flucht aus Deutschland ermöglichte und Berliner Juden, die sich im Untergrund versteckten, mit Wohnraum und Lebensmitteln versorgte. Vorgestern haben die katholischen Christen in Berlin den Weihetag der Hedwigskathedrale begangen und bei dieser Gelegenheit auch daran gedacht, dass diese vor 70 Jahren, im Todesjahr Bernhard Lichtenbergs, von Bomben getroffen und zerstört wurde. Dazwischen – also gestern – feierte das katholische Hilfswerk Renovabis in der Katholischen Akademie Berlin sein 20jähriges Bestehen.

Etwa 150 Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gesellschaft versammelten sich in der Katholischen Akademie Berlin zum Festakt. Foto: Josef Bordat.

Etwa 150 Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Wissenschaft versammelten sich in der Katholischen Akademie Berlin zum Festakt. Foto: Josef Bordat.

Drei Ereignisse, die in einem gewissen inneren Zusammenhang stehen. Die Nationalsozialisten und der vom NS-Regime entfesselte Zweite Weltkrieg vernichtete Existenzen, zerstörte Kulturgüter und sorgte für die Spaltung Europas, die erst nach rund vier Jahrzehnten allmählich überwunden werden konnte. Zugleich sind es Katholiken, die in den schweren Zeiten – damals wie heute – den Notleidenden zu helfen versuchen. So, wie sich Bernhard Lichtenberg darum bemühte, den Unterdrückten und Verachteten seiner Zeit in seiner Stadt beizustehen, so tut dies seit 20 Jahren Renovabis mit den Menschen in Osteuropa, die unter den Spätfolgen des Zweite Weltkriegs, dessen Resultat die Ausdehnung des Kommunismus und der „Kalte Krieg“ zwischen Ost und West war, bis heute leiden – materiell und vor allem mental, denn das, was am stärksten zerstört wurde unter Gewalt und Diktatur ist zugleich das, was sich nur sehr mühsam und langwierig aufbauen lässt: Vertrauen. So stellt Renovabis über die vielfältigen konkreten Dienste an den Menschen im Osten Europas das Bemühen um Versöhnung und die Wertschätzung des Menschen, dem von Gott her eine Würde zukommt, die es zu achten gilt.

Das Vertrauen wiederherzustellen, Versöhnung zu stiften, den Wiederaufbau der Gesellschaft zu fördern, vor allem der Kirche, die in den Ländern des ehemaligen Ostblocks strukturell, personell und spirituell am Boden lag, dafür gründete die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken 1993 Renovabis als viertes katholisches Hilfswerk – nach Missio, Misereor und Adveniat. Renovabis richtet seitdem den Blick nach Osten. In nackten Zahlen bedeutet das: Renovabis half in den vergangenen 20 Jahren Menschen in 29 Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas im Rahmen von etwa 19.500 Projekten mit einem Gesamtvolumen von rund 580 Millionen Euro. Die Arbeit von Renovabis, die derzeit etwa 35 Millionen Euro im Jahr kostet, ist steuer-, kirchensteuer- und spendenfinanziert. Die jährliche Pfingstkollekte deckt nur ein Siebtel der Kosten, ein weiteres Siebtel wird durch sonstige Spenden aufgebracht, drei Siebtel stammen aus dem Haushalt der Kirche, ein Siebtel aus öffentlichen Haushalten (dem Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie der Katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe) und das verbleibende Siebtel ist eine Ansammlung kleinerer Posten (Mittel aus einzelnen Diözesen, Mittel der Renovabis-Stiftung, Messstipendien, Zinserträge etc.). Ausgegeben wird ein Siebtel des Geldes für Verwaltung, Werbung und Projekt-Gemeinkosten, der eigentlichen sozialen, pastoralen und edukativen Projektarbeit fließen sechs Siebtel der zur Verfügung stehenden Finanzmittel zu.

20 Jahre Renovabis sind ein Grund, das bisherige Wirken zu reflektieren und für die Zukunft neue Ideen zu entwickeln. Dazu fand gestern Nachmittag ein Fachgespräch mit kompetenten und erfahrenen Gästen statt, das so unterschiedliche Themenfelder wie zivilgesellschaftliches Engagement, Migration, politische und rechtliche Hemmnisse und Schwierigkeiten sowie gelebte Glaubenszeugnisse und das Potential der Religion für den sozialen Wandel vor Augen führte. Dass es in Zukunft nicht einfacher werden wird, in Osteuropa katholische Entwicklungshilfe zu leisten, darin waren sich die Teilnehmer auf dem Podium einig.

Fachgespräch am Nachmittag. Foto: Josef Bordat.

Fachgespräch am Nachmittag. Foto: Josef Bordat.

20 Jahre Renovabis sind aber vor allem ein Grund zu feiern. Der dreistündige Festakt mit Gottesdienst, Ansprachen und Musik würdigte die Arbeit des seit 2010 von Pater Stefan Dartmann SJ geleiteten Hilfswerks in kurzweiliger und ansprechender Weise.

Für die musikalische Unterhaltung sorgte das „Trio Scho“. Foto: Josef Bordat.

Für die musikalische Unterhaltung sorgte das „Trio Scho“. Foto: Josef Bordat.

In seiner Predigt im Rahmen der Vesper erinnerte Joachim Kardinal Meisner, in den 1980er Jahren als Bischof in der geteilten Stadt Berlin über die Mauer hinweg tätig und seit der Wende einer der treibenden Kräfte kirchlicher Osteuropahilfe, die Festgemeinde daran, dass sich im Wirken des Barmherzigen Samariters die vier „Knotenpunkte der Lebenskurve Jesu“ erkennen lassen: Interesse, Abstieg, Fürsprache und Opfer.

Joachim Kardinal Meisner bei seiner Predigt zu Lk 10, 25-37. Foto: Josef Bordat.

Joachim Kardinal Meisner bei seiner Predigt zu Lk 10, 25-37. Foto: Josef Bordat.

Das ist es, was auch Renovabis ausmacht: Interesse an den Menschen des Ostens mit ihrer eigenen Geschichte, Kultur und Spiritualität, das Hinabsteigen zu den Armen und Notleidenden, den Kindern, den Altern, den Behinderten, die Fürsprache für sie im Kampf um begrenzte Mittel und das Opfer, das jeder von uns zu Pfingsten (und gerne auch mal zwischendurch) erbringen soll.

Die ausgewiesene Europa-Expertin Gesine Schwan regte in ihrer inspirierenden Festansprache an, den RenovabisGedanken der Solidarität zu stärken und auf ganz Europa auszuweiten. Obwohl wir als europäische Hymne inbrünstig „An die Freude“ intonieren, freuten wir uns nicht an Europa, so die Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance (Berlin). Dies liege daran, dass unser Handeln zu sehr vom ökonomischen Sachzwang exakter Kalkulation, vom „Geist der Berechnung“ bestimmt werde und viel zu selten von der selbstlosen Freigiebigkeit, die Renovabis auszeichne.

Frau Prof. Dr. Gesine Schwan während ihrer Festansprache. Foto: Josef Bordat.

Frau Prof. Dr. Gesine Schwan während ihrer Festansprache. Foto: Josef Bordat.

Gesine Schwan identifiziert das Gottvertrauen, mit dem das Hilfswerk nach Osteuropa ging, und aus dem heraus das Vertrauen in Menschen möglich wird, als Quelle dieser Solidarität, die sich schließlich nicht als Einbahnstraße entpuppt habe, sondern als „Gabentausch“ einer sich gegenseitig befruchtenden Begegnung: Die westliche Religiosität, die stark von der Einheit des Denkens und Glaubens geprägt ist, und sich somit von der Vernunft eingrenzen lasse, erfahre in der tiefen Spiritualität des Osten mit ihrer Unmittelbarkeit des rituellen Zugangs zu Gott eine wertvolle liturgische und theologische Ergänzung. Gottvertrauen vermisse sie, die nach eigener Auskunft „gerne katholisch“ ist, manchmal aber auch innerhalb der Kirche, wenn dort zu sehr auf Normen und zu wenig auf die Natur des Menschen vertraut wird.

Während des Festaktes (v.l.n.r.): Theodore Kardinal McCarrick (Washington), Joachim Kardinal Meisner (Köln), Prof. Dr. Gesine Schwan, Rainer Maria Kardinal Woelki (Berlin), Erzbischof Ludwig Schick (Bamberg), Bischof Gerhard Feige (Magdeburg). Foto: Josef Bordat.

Während des Festaktes (v.l.n.r.): Theodore Kardinal McCarrick (Washington), Joachim Kardinal Meisner (Köln), Prof. Dr. Gesine Schwan, Rainer Maria Kardinal Woelki (Berlin), Erzbischof Ludwig Schick (Bamberg), Bischof Gerhard Feige (Magdeburg). Foto: Josef Bordat.

Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg hob in seinem Schlusswort noch einmal den Einsatz Kardinal Meisners für Renovabis hervor. Als das „jüngste Kind“ in der Familie der katholischen Hilfswerke sei Renovabis „ganz besonders geliebt“. Erzbischof Schick führte exemplarisch einige der Projekte auf, die das weite Spektrum der Aufbau-Arbeit andeuten, die Renovabis-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich leisten, um mit der Kraft des Heiligen Geistes das „Antlitz der Erde“ zu erneuern, ob im „Zentrum für Dialog und Gebet“ in Auschwitz, in rumänischen Kinderheimen, bei der Reparatur von Kirchen in der Ukraine, im Rahmen der Priesterausbildung in Russland, in Suppenküchen und Berufsschulen, Pflegeheimen und Pfarreien. Diese Arbeit ist so wertvoll, dass sie das ganze Jahr über unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient, nicht nur zu Pfingsten.

(Josef Bordat)