1. Als Christ fordert mich das Pariser Attentat auch auf, über den richtigen Umgang mit offenbar schmähenden Darstellungen religiöser Glaubensinhalte in Wort und Bild, die geeignet sind, religiöse Gefühle zu verletzen, nachzudenken. Mit anderen Worten: über Blasphemie.

2. „Der Blasphemiebegriff hat sich stark gewandelt. Früher dachte man, dass man mit schimpflichen Bemerkungen Gott direkt verletzen könnte. Heute steht im Vordergrund, dass man die religiösen Gefühle anderer nicht verletzen und den öffentlichen Frieden nicht stören soll.“ Sagt Rene Pahud de Mortanges, Professor für Rechtsgeschichte und Kirchenrecht. Es geht bei der Gotteslästerung in der Tat um Religions- oder Religiösenlästerung. Adressat von § 166 StGB ist der Mensch, der durch die Lästerung gestört, sprich: beleidigt wird. Zunächst wird damit aus der Beleidigung Gottes oder der Religion die Beleidigung religiöser Gefühle. Dann wird versucht, diesen Subjektivismus der Emotion zu objektivieren, indem die Störung des öffentlichen Friedens als Kriterium genannt wird.

In beiden Tatbestandsmerkmalen (Verletzung religiöser Gefühle, Störung des öffentlichen Friedens) steht das Opfer im Fokus. Es steckt mit seiner Rezeption der Tat den Tatbestand „Blasphemie“ ab: Sowohl die Verletzung religiöser Gefühle, als auch die Störung des öffentlichen Friedens gehen zwar ursächlich vom Täter aus, werden aber erst vom Opfer zu Merkmalen des Tatbestands „Blasphemie“ erhoben. Mit anderen Worten: Von der Sensibilität bzw. Aggressivität des Opfers hängt es ab, ob der Täter „Täter“ im Sinne des § 166 StGB ist. Das ist höchst problematisch.

3. Die Beleidigung ist eine Form symbolischer Gewalt. Sinn und Zweck der Beleidigung ist das Zufügen von Leid. Das Problem bei der Frage nach dem Wesen der Beleidigung liegt darin, dass dieses sich nicht isolieren und objektivieren lässt, sondern immer nur in Verbindung mit der Einschätzung durch den Beleidigten identifiziert und beschrieben werden kann. Es ist ja gerade das Wesen der Beleidigung, dass der Beleidigte beleidigt sein muss.

Das zeichnet symbolische Gewalt gegenüber physischer aus: Das Opfer definiert den Rahmen entscheidend mit, der Täter allein kann seine Gewalttat nicht erfolgreich verüben, ohne Mitwirkung des Opfers. Das bedeutet aber umgekehrt, dass auch dann, wenn der Täter kein Schuldbewusstsein haben kann, etwa, weil er selbst keine religiösen Gefühle hat, eine Tat vorliegen kann, die den Tatbestand „Blasphemie“ erfüllt, eben gerade dadurch, dass es ein Opfer gibt, dass für sich die Erfüllung des Tatbestands „verletztes Gefühl“ reklamiert.

Freilich gibt es Formen der Beleidigung, die allgemein anerkannt sind, Fälle also, in denen es sich sozial schickt, ein Gefühl des Beleidigtseins zu entwickeln. Was einer Gesellschaft geeignet erscheint, einem Menschen wichtig zu sein (z.B. kognitive Leistungsfähigkeit, äußerliche Qualitäten, Status), wird als möglicher Gegenstand von Beleidigung ernst genommen. Religion jedoch fällt als Gegenstand zunehmend heraus, da religiöse Gefühle heute keine (oder kaum) soziale Anerkennung mehr erfahren. Das ist schade und – mit Blick auf die aktuellen Fälle (Mohammed-Karrikaturen) – auch durchaus tragisch.

Ich persönlich käme mit einer Beleidigung wie „Arschloch!“ zwar nicht gut, aber doch wesentlich besser klar, als wenn ich mit ansehen müsste, wie eine Bibel verbrannt oder meine christliche Religion verspottet wird, ja, sogar besser als mit Mohammed-Karrikaturen, die nicht nur Islamisten verletzen, sondern auch meine muslimischen Freunde. Vor Gericht hätte ich aber wohl wesentlich bessere Karten, wenn ich eine persönliche „Beleidigung“ nachweisen könnte, auch wenn diese meine Gefühle in der Tat gar nicht verletzt hat, es also am Beleidigtsein fehlt. Das Maß dessen, was ich mir hingegen als gläubiger Christ gefallen lassen muss, ist sozial bestimmt, durch eine säkulare Gesellschaft, die meinen christlichen Glauben katholischer Prägung mehrheitlich ablehnt. Abweichungen von der „Gefühls-Norm“ werden dabei nicht berücksichtigt. Zumindest nicht, solange ich – als Zielscheibe und Opfer – friedlich bleibe.

4. Beleidigungen werden nicht ausgesprochen, um damit Sachverhalte differenziert darzustellen. Das unterscheidet sie sowohl von der Kritik (dem systematischen „Unterscheiden“), als auch von guter Satire, die zwar zuspitzt, aber nicht verallgemeinert.

Die Sphären von „Es gibt x in A.“ und „Alle A sind x.“ werden jedoch in der Beleidigung bewusst zum Verschwimmen gebracht. Das beleidigt diejenigen A, die nicht x sind. Es hemmt zudem ihre Bemühung, x aus A zu eliminieren, denn dafür braucht es auch den Zuspruch von außen. Wer den Propheten Mohammed, der allen Muslimen heilig ist, mit einer Bombe zeigt, will sagen, dass die Bombe (also: Gewalt) wesentlich zum Islam gehört und Muslime grundsätzlich gewaltbereit sind. Wer die katholische Kirche „Kinderschändersekte“ o. ä. nennt, deutet an, dass wohl alle ihre Mitglieder (also: alle Katholiken) irgendetwas mit sexuellem Missbrauch von Kindern zu tun haben, sonst wären sie wohl kaum Mitglied in der Katholischen Kirche.

5. Gerade in ihrer oft pauschalierenden Diktion sind Beleidigungen als Aussagen leicht zu widerlegen. Doch das reicht nicht, um ihnen die giftige Spitze zu nehmen, die ihre Wirkung jenseits der Wahrheit entfaltet. Umgekehrt sollte Informationsmangel (oder: Dämlichkeit) nicht jede Beleidigung entschuldigen können, denn wer nach eigener Auskunft kritisieren, aufklären, dem Fortschritt dienen etc. und eben nicht beleidigen will, sollte zunächst verstehen wollen. Doch wahr ist auch, dass Beleidigungen bei fehlender sachlicher Grundlage ein ganz erträgliches Maß annehmen. So kann ich beim besten Willen in „mittelalterlich“ nichts Beleidigendes entdecken, auch dann nicht, wenn „mittelalterlich“ offenkundig beleidigend gemeint ist.

6. Dass aus symbolischer Gewalt gegen P auch mal physische Gewalt gegen P werden kann, hat die Geschichte gezeigt. Es handelt sich ohnehin bei Gewalt gegenüber Menschengruppen meist um das Ende einer perpetuierenden Eskalation. Und es gibt in der Kette der Verachtung zumeist kein Glied, von dem man sagen könnte, dass die symbolische Gewalt nun endgültig in physische einmündete. Man muss sich dann schon die Mühe machen, die Kette zurückzuverfolgen bis ans erste Glied, bis zum ersten falschen Hetzartikel, bis zur ersten entwürdigenden Abbildung.

7. Dass aus symbolischer Gewalt gegen P auch mal physische Gewalt erwachsen kann, die von P ausgeht, zeigt das Pariser Attentat. Auch hier ist die Kette zurückzuverfolgen. Um nicht falsch verstanden zu werden (was leicht passiert): Eine ethische (oder gar rechtliche) Gleichsetzung von Beleidigung durch bewusst verletzen-wollende Satire (symbolische Gewalt) mit einem mörderischen Anschlag auf Satiriker (physische Gewalt) halte ich für falsch. Symbolische Gewalt kann physische Gewalt niemals rechtfertigen. Niemals. Das heißt aber nicht, dass symbolische Gewalt völlig unbedenklich ist. Und schon gar nicht heißt es, dass man nicht mal über die Zusammenhänge nachdenken könnte, zum Beispiel über den von Freiheit und Verantwortung.

(Josef Bordat)