Schöpfung im Labor

6. Februar 2015


Kleiner Nachtrag zum Drei-Eltern-Baby

Der anthropogene Schöpfungsgedanke, der sich in der heute Biotechnologie unverschleiert zeigt, ist bereits in der naturwissenschaftlichen Methode des Empirismus enthalten, insoweit dabei Einzelnes beobachtet und im Wege der Induktion zu einer Erklärung des Ganzen zusammengebracht wird (Synthese) – während die kulturwissenschaftliche Methode der Deduktion vom Ganzen ausgeht und daraus Einzelnes ableitet (Analyse).

Deutlich wird das, wenn man einen Blick in die Geschichte des Empirismus wirft, die – wie so vieles, was unsere Wissenschaft heute selbstverständlich voraussetzt – im Mittelalter beginnt, genauer: im ausgehenden Hochmittelalter, noch genauer: im 13. Jahrhundert. Da lebte nämlich nicht nur der Dominikaner Thomas von Aquin, der die scholastische Methode zur damals maßgeblichen Vorgehensweise der Wissenschaft entwickelte, sondern auch der Franziskaner Roger Bacon, der gegen die Strenge der logischen Deduktion aus autoritativ gesetzten Aussagen den Wert der Erfahrung stellte und anregte, wissenschaftliche Thesen experimentell zu überprüfen: „In den Naturwissenschaften kann man ohne Erfahrung und Experiment nichts Zureichendes wissen. Das Argument aus der Autorität bringt weder Sicherheit, noch beseitigt es Zweifel.“

Für die neuzeitliche Wissenschaftsgeschichte ist es Rogers Landsmann und Namensvetter Francis Bacon, der im frühen 17. Jahrhundert neue Maßstäbe setzt und dem Empirismus zum Durchbruch verhilft. Eigentlich Jurist und Politiker (ab 1618 für drei Jahre Lordkanzler), befasste sich Bacon in seinen letzten Lebensjahren mit Philosophie (eher gezwungenermaßen, denn aus der Politik musste er sich wegen Korruptionsvorwürfen zurückziehen). Seine induktiv-experimentelle Methode beschreibt Bacon zunächst in seinem Werk Novum Organum. Der Titel ist eine Anspielung auf Aristoteles Organon, das durch Bacons neuen Entwurf als wissenschaftstheoretische Folie abgelöst werden soll. Im Novum Organum werden die Prinzipien einer Wissenschaftsorganisation modelliert, bei der es um Naturerkenntnis und dadurch um Naturbeherrschung geht. Schließlich erwächst daraus – und hier zeigt sich dann der Staatsmann Bacon – eine Erhöhung der eigenen Macht, also der Macht des Menschen einerseits und der Macht Englands andererseits.

Mit der Induktion entsteht nach Bacon ein neuer erkenntnistheoretischer Zugang zur Natur. Die unverfälschte, unverdorbene Erkenntnis – für das „Verderben“ macht er die in der Scholastik maßgebliche Metaphysik Platons und Aristoteles’ verantwortlich – führt dabei nicht nur zur graduellen Verbesserung der Naturwissenschaft, sondern zu deren prinzipieller Neuorientierung, die den Menschen als Diener, Deuter, Beherrscher und schließlich Schöpfer der Natur bzw. ihrer perfektionierten Substitution betrachtet. Es geht in Bacons Wissenschaftsbild nicht mehr um das demütig-ehrfürchtige Nachvollziehen eines in der Natur eingetragenen göttlichen Regelwerks, sondern um die schöpferische Entwicklung eigener Regeln, mit dem Ziel der totalen Verfügung über die Natur, heute gar – das konnte Bacon noch nicht ahnen – einschließlich des Menschen selbst.

Bacon schreibt aber noch ein Buch, ehe er 1626 stirbt. Darin entwirft er literarisch, aber doch ziemlich zielsicher den britischen Wissenschaftsbetrieb der Zukunft. In der Utopie Nova Atlantis (wieder eine Anspielung, diesmal auf Platons Atlantis) beschreibt Bacon, wie die erkenntnistheoretischen Prinzipien institutionell und personell implementiert werden und wie aus der Forschungsarbeit nicht bloß rein epistemische, sondern auch ethische Fortschritte erzielt werden, die ein friedliches Zusammenleben aller Menschen ermöglichen sollen, da ökonomisches Konfliktpotential wissenschaftlich überwunden und menschliche Bedürfnisse infolgedessen künftig kollisionsfrei befriedigt werden können. Hier tritt neben den Machtanspruch der Gedanke einer aus der wissenschaftlichen Perfektibilität erreichbaren Optimalwelt, die an paradiesische Umstände erinnert, ein Goldenes Zeitalter des Fortschritts.

Bacon nutzt die Form des Reiseberichts für seine Utopie. Die Geschichte spielt auf einer imaginären Insel namens Bensalem („Söhne der Weisheit“), auf der eine in Seenot geratene europäische Schiffsbesatzung strandet, die auf ihrem Weg von Peru nach China in der Südsee von einem Sturm überrascht wurde. Die Männer haben in der Tat Glück im Unglück, denn sie konnten nicht nur ihr Leben retten, sondern werden von hochrangigen Repräsentanten des Inselvolkes freundlich empfangen und mit den Besonderheiten des Gemeinwesens vertraut gemacht. Im Zentrum der Insel-Gesellschaft steht das Haus Salomons, eine Art wissenschaftliches Institut, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, durch induktiv-experimentelle Verfahren und eine starke Interdisziplinarität der Forschung das Erkennen der Ursachen und verborgenen Ideen der Natur sowie die Erweiterung des geistigen Horizonts der Menschen zu fördern, um wissenschaftlich-technischen Fortschritt und damit wirtschaftliche Prosperität zu realisieren. Das Haus Salomons wird als „Leuchte Bensalems“ und als „Auge des Reiches“ bezeichnet. Dieser Mythos einer idealen Forschungsorganisation hatte großen Einfluss auf die Bildung realer europäischer Einrichtungen; das Haus Salomons kann daher als Prototyp einer wissenschaftlichen Akademie betrachtet werden.

Institutionell stehen Labors, Forschungstürme, Werkstätten und Versuchsanlagen zur Verfügung, in denen Daten aufgenommen und geordnet werden. Die enzyklopädischen Informationen über die Natur werden jedoch nicht nur gesammelt und kategorisiert, sondern auch im Blick auf die schöpferische Interpretation ausgewertet. Dabei wird Materialforschung betrieben, um künstliche Substanzen wie Dünger und Treibstoffe zu entwickeln. Meteorologische und astronomische Erkundungen finden ebenso statt wie Züchtungsforschung an Pflanzen und Tieren. Man versucht darauf hinzuwirken, dass „Bäume und Pflanzen vor oder nach der Zeit blühen, daß sie schneller wachsen und mehr Früchte tragen, als es ihrer Natur entspricht“ und man entwickelt Methoden, „um verschiedene Tierarten zu kreuzen und zu paaren, die neue Arten erzeugen und nicht unfruchtbar sind, wie man gewöhnlich glaubt“.

Hier geht es also um einen utilitaristisch begründeten biotechnologischen Eingriff zur Manipulation des natürlich Gegebenen. Aus dem Dienst an der Natur erwächst die Dienstbarmachung der Natur, aus der Schöpfung entsteht Neu-Schöpfung. Wie gesagt: Anfang des 17. Jahrhunderts. In der Praxis ging es von da an tatsächlich um die Nutzung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse für eine Neu-Schöpfung durch Züchtung. Die anthropogene Schöpfung ist der zentrale Anwendungsfall der Naturwissenschaft, getrieben vom Traum einer wissenschaftlich veredelten Natur. Kaum etwas beflügelt umgekehrt die Naturwissenschaft so sehr wie Züchtungsforschung. Erst Pflanzen, dann Tiere, jetzt Menschen. Nichts grundlegend Neues also, das Drei-Eltern-Baby, sondern bloß eine Weiterung im Paradigma der Perfektibilität, einer wissenschaftlichen Vervollkommnung der Natur in Richtung „Paradies auf Erden“: Kein Schmerz, kein Leid, (fast) ewiges Leben. Bacons Urenkel machen sich auf den Weg. Es ist kein Zufall, das dieser erneut in England beginnt.

(Josef Bordat)