Position, Person, Meinung

27. März 2013


Dass die eigene Position – auch die religiöse – im Wettbewerb steht, dass sie also relativ ist zu anderen Positionen, das ist klar und auch unproblematisch. Der Relativismus jedoch verlangt für jede Position eine inhärente Relativität, eine eingebaute Bezugnahme, derart, dass sich die Person zu ihrer Position kritisch in Beziehung zu setzen hat, um sich soweit von ihrer Position zu distanzieren, dass sie diese jederzeit aufgeben und eine andere Position einnehmen kann. Eine Position vom Typ „Ich kann meine Position nicht aufgeben, ohne damit zugleich meine Person aufzugeben!“, also etwa eine vom Inhaber ernstgenommene religiöse Position, kommt im Relativismus nicht vor.

Der Relativismus kennt kein Martyrium. Das Christentum schon. Warum? Stellen wir die Frage etwas anders: Warum bin ich Christ? Doch nur, weil ich im Christentum das Heil sehe, nicht im Islam (um ein Beispiel zu nennen). Käme ich zu der Erkenntnis, dass ich nicht durch Christus erlöst bin, sondern durch Mohammed, müsste ich konvertieren, alles andere wäre sinnlos, mehr noch: Allen Ernstes Christ zu bleiben, obwohl man das Heil woanders erkannt hat, wäre absurd. Also muss ich als Christ davon ausgehen, dass das Christentum die beste Möglichkeit ist, das Heil zu erlangen. Dass es damit die Wahrheit enthält, eine wahre, verlässliche Antwort auf die Frage nach dem Heil. Nimmt man mir das Christentum, nimmt man mir das Heil. Dafür lohnt es sich, in den Tod zu gehen. Ob ich persönlich den Mut und die Kraft hätte, dieser Erkenntnis praktisch zu folgen, sei außen vor.

Fest steht: Wenn ich das nicht mehr glauben darf, hat der Glaube keinen Sinn. Wenn ich glauben soll, alle Wege führen gleichermaßen zum Heil, dann wäre die Frage zu stellen, warum ich gerade den gehe, den ich gehe. Zufall? Fügung? Erziehung? Kultur? Gesellschaftlicher Zwang? Dann wäre ich Sklave meiner Umwelt. In Berlin müsste ich mich fragen, was bei mir schief gelaufen ist. Und der Berliner müsste sich das auch fragen – im Rest der Welt. Also: Ich muss glauben, dass das, was ich glaube, wahr ist, sonst ist es kein Glaube, der den Namen verdient. Der Punkt ist jetzt der: Billige ich dem Nicht-Christen den (aus meiner Sicht) fatalen Irrtum zu, das Heil gerade nicht im Christentum zu sehen, sondern in einer anderen Religion, Gesellschaftslehre, Lebenspraxis? Das muss ich und das tue ich selbstverständlich. Zugleich erwarte ich umgekehrt die Toleranz für meine Position.

Unabhängig von der gegenseitigen Toleranz muss es möglich bleiben, dem jeweils anderen den eigenen Heilsweg vorzustellen – und zwar als Wahrheit, nicht als bessere Möglichkeit, sondern als einzige Möglichkeit. Die Formel für die christliche Mission in katholischer Lesart lautet: „Mein Freund, Du befindest Dich im Irrtum! Weil Dein Gewissen Dir aber etwas anderes sagt, achte ich es, auch wenn es ein irrendes Gewissen ist. Ich kann Dir zeigen, warum Du Dich irrst. Wenn Dein Gewissen Dir danach immer noch den gleichen Ratschluss mitteilt, dann ist der Weg für Dich Gottes Wille und ich lasse Dich in Ruhe – doch die eine Chance gib mir!“

Ich finde nichts trauriger als einen Menschen, der nicht zutiefst von dem überzeugt ist, was er glaubt. Nur der, dem das gelingt, wird auch dem anderen Menschen zubilligen, ebenso von etwas durch und durch ergriffen zu sein. Religiöse Menschen, die ihren Glauben ernst nehmen, sind gegenüber dem Bekenntnis und der Lebensweise anderer toleranter, auch wenn dieses bzw. diese stark von der eigenen Position abweicht (Andreas Püttmann hat dies für praktizierende Christen nachgewiesen). Unverständnis für den Glauben führt hingegen zu (unbewussten) Grenzüberschreitungen und schleichender Intoleranz. Wer an gar nichts glaubt, ist also nicht etwa nach allen Seiten offen, sondern zu allen Seiten gleichermaßen verschlossen.

Der Relativismus führt nicht zur Toleranz, sondern zu einer kritischen Dauerbegutachtung des Anderen, dessen Fähigkeit, berechtigterweise Mitglied der relativistischen Gesellschaft zu sein, mit der Bereitschaft steht und fällt, die eigene Position aufzugeben. Für Menschen, denen es ernst ist mit ihrer Position, bedeutet dies die Aufgabe der Persönlichkeit und damit die Entwürdigung. Je weniger eine Position verstanden wird, desto eher ist man geneigt, die Person, die daran festhält, als gesellschaftsschädigend zu verurteilen. Die einzige Grundregel des Relativismus ist eine absolute: Du hast keine Position zu haben, die über eine beliebig veränderbare Meinung hinausgeht. Die Verbindlichkeit einer Religion fällt dabei durch. Was bleibt, sind Meinungsumfragen. Dreimal täglich. Man muss flexibel bleiben.

(Josef Bordat)