Toleranz

24. Mai 2014


Der Kongress „Sexualethik und Seelsorge“ des evangelikal orientierten Fachverbandes Weißes Kreuz erhitzt die Gemüter. Offenbar so sehr, dass es nun zu Vandalismus kam, zu Sachbeschädigungen am Veranstaltungsgebäude. Damit wird seitens der Täter das, was diese vom Veranstalter erwarten, diesem Veranstalter gerade nicht entgegengebracht: Toleranz – mal ganz abgesehen davon, dass es sich bei Sachbeschädigung um eine Straftat handelt. Dass man Intoleranz nicht tolerieren will, so die oft geäußerte Rechtfertigung für intolerantes Verhalten (einschließlich damit verbundener Straftaten), hat zumindest als Grundannahme Charme. Problematisch wird sie freilich dort, wo man selbst die Deutungshoheit über den Begriff „Toleranz“ (und damit auch „Intoleranz“) für sich beansprucht. Das scheint hier der Fall zu sein.

Im vorliegenden Fall verfängt diese Rechtfertigung nämlich nicht. Zum einen kann ich an den Thesen der Referenten – soweit ich sie kenne – nichts Intolerantes erkennen, insbesondere keine Diskriminierung Homosexueller. Der Veranstalter, der Fachverband Weißes Kreuz, sieht nach eigenen Angaben in der Homosexualität eine Gestalt menschlicher Sexualität – und keine Krankheit, die es zu heilen gelte (so lautet offenbar ein Vorwurf an die Adresse des Kongressveranstalters). Dass einige seiner Mitglieder gelebte homosexuelle Beziehungen aus Gewissensgründen nicht bejahen können, stellt eine Position dar, die man nicht teilen, die man aber gelten lassen muss. Denn zum anderen darf Intoleranz nicht mit mangelndem Respekt oder gar dem Fehlen von Sympathie verwechselt werden. Dann würde ja bereits mangelnder Respekt oder fehlende Sympathie nicht toleriert. Das wäre aber eine Form von Intoleranz, die den Boden des Konzepts einer bedingten Toleranz, die nicht zur Selbstaufhebung führen soll, längst verlassen hat.

Zu dulden ist in einer Demokratie auch das, was der eigenen Haltung kritisch, ja, sogar feindselig gegenübersteht, so lange es diese Haltung ebenfalls duldet – ohne sie wiederum zwingend gutheißen zu müssen. Dazu gehört zumindest, dass man der anderen Haltung zubilligt, öffentlich artikuliert zu werden. Wenn Thesen falsch und Meinungen nicht mehrheitsfähig sind, werden sie sich im Diskurs als solche erweisen und keine große Wirkung entfalten (obgleich auch das Festhalten an falschen Auffassungen und an Minderheitenpositionen zu dulden ist!), wenn sie hingegen richtig und von der Mehrheit gewollt sind, könnte ihre Unterdrückung schon aus Gründen des gesellschaftlichen Fortschritts falsch sein.

Die richtige Einstellung kann hingegen nicht verlangt werden, wohl aber das Geltenlassen falscher bzw. als falsch erkannter Einstellungen. Es gibt im Rahmen der Toleranz kein Recht darauf, nicht kritisiert, nicht verunsichert, nicht hinterfragt und nicht abgelehnt zu werden – solange damit nicht die Möglichkeit einer öffentlichen Äußerung des Kritisierten, Irritierten, Hinterfragten und Abgelehnten genommen wird. Und das gilt für wissenschaftliche Hypothesen und politische Positionen ebenso wie für weltanschauliche Ansichten und religiöse Glaubenssätze. Sie alle stellen sich einem (unterschiedlich weiten) öffentlichen Diskurs – und müssen dazu auch die Möglichkeit haben –, ohne dass eine bestimmte Haltung prima facie besonders herausgehoben und staatlich privilegiert wäre, ohne dass es dafür einen sachlich gerechtfertigten Grund gäbe.

Ganz gleich, was sich dann im öffentlichen Diskurs durchsetzt: Die Aversion ist ebenso zu dulden wie die Artikulation, die Position genauso wie die Negation. Billiger bekommen wir es nicht, wenn wir Toleranz ernst nehmen. Gerade in einer Demokratie, die sich mit historischem Recht als wehrhafte konstituiert, muss die Toleranz einen solch hohen Stellenwert haben. Und die Gefahr für Toleranz und Demokratie besteht heute eben eher darin, dass Menschen Respekt für ihre Haltung einfordern, ja, sogar Sympathie, und bei Ausbleiben des Beifalls Intoleranz wähnen und dann selbst intolerant werden, als darin, dass ein Zuviel an Duldsamkeit Toleranz und Demokratie ad absurdum führten.

Man muss den Kongress einschließlich seiner Referenten nicht respektieren, aber man muss ihn tolerieren. Man kann dagegen demonstrieren, aber man darf nicht randalieren. Man kann die Ansätze einiger Referenten für grundfalsch halten, aber man darf deshalb den Kongress an sich nicht gewaltsam angreifen. Ich war in den letzten zehn Jahren auf über hundert Kongressen. Ich kann mich nicht erinnern, auch nur einmal mit allen Referenten in allen Punkten übereingestimmt zu haben. Ich habe dabei eine Menge lernen dürfen. Unter anderem, dass man nicht gleich mit Farbbeuteln wirft, wenn jemand etwas für wahr hält, dass man selbst für falsch hält. Schließlich könnte man sich irren.

(Josef Bordat)