Strafsache „Mendocino“

29. August 2014


Auf Volksfesten im Spätsommer kommt man ins Grübeln.

Also, ich weiß nicht. Ich rätsle jetzt schon seit einigen Stunden angesichts einiger Texte, die sich von mir einfach nicht durchgängig erschließen lassen. Also, zum Beispiel diese Frau. Die tut mir wirklich Leid! Die gibt unter Tränen zu Protokoll: „Du hast mich 1000 Mal belogen“. Ich meine, da fragt man sich doch: Wieso ist es überhaupt so weit gekommen? Hat sie vorher nichts gemerkt? Sie hat es doch offenkundig mit dem zu tun, was man einen Gewohnheitstäter nennt. Hätte sie nicht nach der – sagen wir mal – 347sten Falschaussage dem Treiben des Angesprochenen ein Ende setzen können? Was ist mit ihrem sozialen Umfeld? Warum hat da Niemand reagiert? Ich verstehe es nicht!

Und dann dieser nette junge Mann, der behauptet, es gäbe einen „Stern, der deinen Namen trägt“. Ja, ich meine – welche Frau heißt denn „Kepler 23-98“ oder „XRT-2003-A“? Also, ich weiß nicht. Wenn er sich da mal nicht völlig verrennt! So wie dieser ebenfalls sehr nette, nicht mehr ganz so junge Mann, der folgende Kausalkette behauptet: „Verlieben, verloren, vergessen, verzeihn“. Ich meine, wie kann man erst vergessen und dann verzeihn? Man kann doch nur „verzeihn“ im vollen Bewusstsein dessen, was es zu „verzeihn“ gilt? Oder? Und muss es nicht heißen: „verliebt, verloren, vergessen, verzogen“? Oder, alles im Indikativ: „verlieben, verlieren, vergessen, verzeihn“? Oder so?

Man hat sich kaum beruhigt, da geht es schon weiter: „Verdammt, ich lieb‘ dich – ich lieb dich nicht“. Ja, was denn jetzt?! Kann sich der Herr vielleicht mal entscheiden?! Hm…?! Oder ist das eine Anspielung auf die Ambivalenz des postmodernen „Eigentlich-Menschen“? Eigentlich liebe ich dich, aber dann kommt diese Bindungsschwäche! Naja, das mit dem Prospekte-Austragen ist nicht so, eigentlich bin ich Kulturwissenschaftler! – So in der Art? Ja, dann soll er das doch bitte sagen! Meine Güte! Und wo soll das jetzt wieder sein: „Jenseits von Eden“? Auch „Tränen lügen nicht“ ist längst widerlegt (Psychologie heute, 4-1999)!

Und dann ist die Rede von einem Schloss namens „Albany“. Leute – ich hab mich informiert: „Albany“ ist kein Schloss, sondern eine Universitätsstadt im US-Bundesstaat New York! Sie hat etwa 100.000 Einwohner, ein Rathaus (Albany City Hall), ein Gerichtsgebäude (Albany County Courthouse) und im September eine durchschnittliche Höchsttemperatur von 22,9 Grad Celsius. Aber kein Schloss! OK?!

Aber das Schärfste ist dieser Fall aus den USA, dieser Schwerenöter, der die Zwangslage einer jungen Frau schamlos ausnutzt. Diese, nichtsahnend, sucht eine Mitfahrgelegenheit ins kalifornische „Mendocino“. Wo sich die Person zum Zeitpunkt ihrer Anfrage aufhielt, ist unbekannt, der Angabe des mutmaßlichen Tatverdächtigen nach („auf der Straße nach San Fernando“) ist allerdings davon auszugehen, dass ihr Zielort fußläufig vor Einbrechen der Dunkelheit nicht mehr zu erreichen war. Zudem ist davon die Rede, das potentielle Opfer habe sich „wartend in der heißen Sonne“ befunden. Es ist also davon auszugehen, dass die junge Frau bereits unter erheblicher Dehydrierung gelitten haben muss und daher ihr „nimm mich bitte mit nach Mendocino“ ausschließlich als Hilferuf aus einem subjektiven Notstand heraus zu verstehen ist.

Anders offenbar die Interpretation des Perverslings mit der Mobilitätsmacht. Der glotzt nur blöd und gibt das hinterher den Ermittlungsbehörden gegenüber auch unumwoben zu: „Ich sah ihre Lippen, ich sah ihre Augen“. Selbst Details merkt sich der Mann in seiner Obsession („die Haare gehalten von zwei goldenen Spangen“). Unter diesem enormen Druck ist die zweckopportune Einlassung der jungen Frau („Sie sagte, sie will mich gern wiedersehn“) völlig gegenstandslos. Dennoch raubte es dem nun vollends vernebelten Sexualstraftäter die letzte Kontrolle über Sinne und Verstand: „Doch dann vergaß ich leider ihren Namen“. Die Konsequenz: Der mehrfach vorbestrafte Fahrzeughalter fährt nach eigenen Angaben nun jeden Tag nach Mendocino („Ich fahre jeden Tag nach Mendocino“), um die junge Dame ausfindig zu machen, auf tätige Mithilfe der 894 Einwohner (Stand: 2010) hoffend („An jeder Tür klopfe ich an“), vergeblich, wie sich herausstellt („Doch keiner kennt mein Girl in Mendocino“).

Jetzt mal unter uns: Der Typ ist erst zu doof, sich die Kontaktdaten geben zu lassen und belästigt anschließend einen ganzen Ort! Auf die Idee, dass längst die Sicherheitskräfte von Mendocino die Einwohner der Kleinstadtsiedlung instruiert haben, den Aufenthaltsort der jungen Frau, die in der kranken Phantasie des Triebtäters längst zu „seinem Girl“ geworden ist, in keinem Fall preiszugeben, kommt er natürlich nicht! Ich krieg die Krise!

Ein Text ist allerdings ganz leicht verständlich. Als Berliner kennt man das nur zu gut, wenn die letzte S-Bahn weg ist und man gucken muss, dass man noch irgendwie den N48er kriegt: „Atemlos durch die Nacht“.

(Josef Bordat)