Es ist sehr schade, dass eine ernsthafte und nachdenklich stimmende Diskussion über Krieg und Schuld am Ende so stark im Niveau einbricht.

Bei Günther Jauch (ich war nach dem tollen Tatort so gut gestimmt, dass ich der Runde eine Chance geben wollte) ging es um ein spannendes Thema. Die Vergangenheit der Deutschen stand auf dem Programm, genauer: Was war los vor 70 Jahren, was haben unsere Großeltern getan und warum? Kein originelles Thema, nur, dass aus der Elterngeneration mittlerweile die Großelterngeneration wurde und klar ist, dass wir in ein paar Jahren keine Zeitzeugen mehr haben. Gut, dass wir also die Fragen jetzt noch einmal aufwerfen.

Ich schien belohnt zu werden, war es doch eine konzentrierte, sachliche, respektable Gesprächsrunde mit ehemaligen Soldaten, Krankenschwestern und Nachgeborenen. Ein Historiker aus der Enkelgeneration verweist auf die Einbettung der NS-Verbrechen in die Zeitgeschichte, auf die Voraussetzungen von Krieg und Shoah im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Leider fehlt der Hinweis darauf, dass gerade die als „einzigartig“ beschriebene Industrialisierung des Tötens ihre Grundbedingung in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation der Moderne hat (vgl. Bauman).

Dennoch eine interessante Runde, die zeigt, dass man vorsichtig sein muss, wenn man im bequemen Fernsehsessel über die Vergangenheit urteilt. Das Ganze kippt jedoch, als Sigmar Gabriel – Sohn eines überzeugten Nazis – erwähnt, es sei das katholische Milieu gewesen, das bis zuletzt Widerstand gegen Hitler geleistet habe, neben Sozialdemokraten wie Otto Wels. Und das eben deshalb, so Gabriel, weil katholische Christen eine andere Autorität kennen. Ich nehme mal an, Gabriel meint Gott. Genau dieser Glaube an Gott schafft im Zweifel die nötige Distanz zur Selbstvergötzung des Menschen – das gilt übrigens auch für Protestanten (vgl. etwa diesen Text, in dem u. a. Robert Spaemann ganz ähnliche Ansichten äußert).

Eine erstaunliche These, die so nicht unwidersprochen bleiben kann. Dachten sich die anderen Gäste. „Rattenlinie“ wird genannt. Und: „Pius XII.“ Der junge Historiker schweigt. Der Hinweis wird auch von Gabriel artig durchgelassen („Ja, ja, ich weiß!“), auch wenn das Bild der Geschichtswissenschaft über Pius XII. heute ein weit differenzierteres ist als das im „Stellvertreter“.

Sodann ist kein Halten mehr. Die Massenaufzüge der Nazis werden in den Großveranstaltungen der Kirche wiedererkannt (ich nehme an, zum Beispiel in den Weltjugendtagen und in den Festgottesdiensten auf dem Petersplatz). Die Gleichsetzung von authentischer religiöser Begeisterung und den geformten Massen der Nazis erfolgt derart leichtgängig, als könne es überhaupt keine kollektiv geteilte Begeisterung geben, die Individualität, Beziehungskompetenz und persönliches Urteilsvermögen aufrecht erhält. Der Vergleich lässt den bewusst gemeinsam erfahrenen Ritus zur Propagandaveranstaltung religiöser Führer herabsinken. Ein Schlag ins Gesicht all der Menschen, die freiwillig und oft unter nicht unerheblichen Mühen Großveranstaltungen der Kirche besuchen, um gemeinsam mit anderen Menschen ihren Glauben zu feiern.

Krieg, so geht es dann weiter im Religion ist Schuld-Gehirnwäsche-Schleudergang, sei heute vorrangig „Religionskrieg“. Soweit komme es eben, wenn eine Religion sagt, sie vertrete die Wahrheit, wird en passant beigepflichtet. Der Historiker schweigt. Gabriel auch. Jauch wird es zu peinlich. Rasch beruhigt er den aufgebrachten Teil der Runde (die Zeitzeugen), der sich gerade so schön in Rage redet und sich längst auf den Feind verständigt hat: „Das Thema hatten wir letzte Woche!“ Allgemeine Erleichterung.

An Ostersonntag gäbe es kein Jauch, sagt Jauch zum Schluss. Jetzt bin ich an der Reihe in Sachen Erleichterung.

(Josef Bordat)