Zweifel

13. April 2015


In den beiden Perikopen zum Evangelium gestern (Joh 20, 19-31) und heute (Joh 3, 1-8) erleben wir mit dem Apostel Thomas und mit dem Pharisäer Nikodemus zwei Menschen der Antike, die das tun, was man vom modernen Menschen erwartet: Sie fragen kritisch nach. Sie glauben nicht alles. Sie zweifeln. Thomas will sehen und fühlen, bevor er akzeptiert, was die Anderen ihm berichten, Nikodemus hat Rückfragen zur „Neugeburt“, von der Jesus spricht. Beide lassen sich dabei von naturalistischen Vorbehalten leiten: nur der empirische Beweis zählt (Thomas), nur die biologische Deutung von Lebensmetaphern ist zulässig (Nikodemus).

Mit dem Zweifel ist das so eine Sache. Er stört natürlich das Idyll der harmonischen Glaubensgemeinschaft, in der sich alle einig sind, doch andererseits hat er seinen Wert, weil er mit der Wahrheit, auf die sich die Gemeinschaft im Glauben ausgerichtet hat, in enger Verbindung steht. Dadurch, dass sich Zweifel nicht in Negation erschöpft, sondern eine Brücke baut zur Wahrheit, Bedingungen nennt, unter denen die Wahrheit annehmbar ist, nachfragt, wie sich die Wahrheit verstehen lässt, dadurch verweist der Zweifel auf die Wahrheit. Das ist sein großer Wert.

Man kann nur an Dingen Zweifel haben, von denen man meint, dass sie wahr sein könnten. Zweifel sind ohne Wahrheit nicht möglich, denn worauf sollten sie sich beziehen, wenn nicht auf eine Aussage, die als Wahrheit geäußert wird und nicht nur als beliebige oder sinnlose Bemerkung. Wenn es kompletter Unsinn ist, den ich höre, gehe ich nicht zweifelnd darauf ein. Auf kompletten Unsinn kann man keinen Zweifel richten. Wenn mir also jemand sagt (und in Berliner U-Bahnen passiert das schon mal), die blauen Schuhe seien im Hafen fröhlicher als vorgestern, dann bezweifle ich das nicht, indem ich frage: „In welchem Hafen?“ – „Wieso gerade da?“ – „Und warum blau? Sind Sie sich da sicher?“

Zweifel basiert also auf einer Anerkennung der Möglichkeit von Wahrheit in der bezweifelten Sache. Mehr noch: Zweifel, der geäußert wird, zeigt Interesse an der Wahrheit. Ist da was dran an der Erscheinung des Auferstanden? Wie ist es möglich, dass ein Mensch von neuem geboren wird? Wenn Thomas und Nikodemus keinerlei Interesse gehabt, keine Sehnsucht gespürt, keinen Wunsch in sich empfunden hätten, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, hätten sie sich nicht zweifelnd gezeigt, sondern ablehnend. Vielleicht wären sie auch schlicht zur Tagesordnung übergegangen. Aber irgendetwas an dem, was man ihnen sagt, reizt sie, so dass sie es genauer erfahren wollen – sinnlich (Thomas) oder intellektuell (Nikodemus).

Schließlich kann Zweifel zur Anerkennung der Wahrheit führen. Bei Thomas geht es über den empirischen Beweis, der ihm ermöglicht wird. Diese Möglichkeit ist allerdings nicht immer gegeben. Jesus markiert den wahren Glauben als einen Glauben, der die sinnliche Erfahrung nicht braucht, sondern auf das Wort vertraut. Nikodemus kommt denn auch über das Gespräch zum Glauben an Christus – schließlich wird aus dem Zweifler (Joh 3) derjenige, der Jesus gegen die Pharisäer-Kollegen verteidigt (Joh 7, 50) und am Ende bei Jesus bleibt, als nur noch wenige Menschen bei ihm sind, als er nämlich bei der Bestattung des Leichnams Jesu mithilft (Joh 19, 39). Offenbar ist aus dem Zweifler ein Glaubender geworden, ein Jünger Jesu, wenn auch vielleicht nur heimlich. Auf dem Weg dorthin wird ihm vielleicht klar geworden sein: Das Leben, von dem Jesus spricht, ist nicht die biologische Existenz. Es ist neues Leben im Geist Gottes. Und auch dieses neue Leben braucht einen Anfang, eine „Geburt“. So ist das gemeint.

Wie gut, dass Nikodemus beim Erstkontakt noch Zweifel hatte und diese deutlich ausspricht! Nur so kann er hinter das Geheimnis Jesu steigen. Wie gut, dass Thomas seine Zweifel an der Auferstehung deutlich anmeldet! Es gehört Mut dazu, den Mund aufzumachen und das zu bezweifeln, was alle Anderen begeistert sein lässt. Viel einfacher wäre es wohl gewesen, die Zweifel zu unterdrücken und mitzuschwärmen. Für die Stimmung wäre das sicher gut gewesen, doch so hätte Thomas wohl bei der ersten Glaubenskrise die Flinte ins Korn geworfen. Seine Missionsreise hätte ihn wohl kaum über den Irak und den Iran bis nach Indien geführt. Und seinem Martyrium konnte er nur in gefestigtem Glauben entgegensehen.

Der Zweifel bereitet dem Glauben den Grund. Der Apostel Thomas und der Pharisäer Nikodemus zeigen, wie das gehen kann. Sie zeigen: Es ist nichts verloren, solange man Sehnsucht in sich trägt.

(Josef Bordat)