Der Artikel erschien zuerst in Christ im Dialog („Taizé-Treffen in Berlin. Eine atmosphärische Annäherung“).

Über Taizé wurde während des 34. Europäischen Jugendtreffens der Gemeinschaft in Berlin viel geschrieben. Christliche Portale und Blogs berichteten, aber auch in den großen Zeitungen war der eine oder andere Artikel zu finden. Schließlich ist Weihnachtszeit, schließlich macht „zwischen den Jahren“ selbst die Politik mal Pause, schließlich fand das Treffen in Berlin statt. Grund genug für eine Berichterstattung, die oft vor allem das Organisatorische ins Auge fasste und das Spirituelle etwas vernachlässigte.

Doch sicherlich sind es die Gebete und Gesänge, die Taizé weit über Taizé hinaus bekannt gemacht haben. Auch in den Messehallen zählten die Gebetsstunden zu den Höhepunkten des Treffens. Für mich als alten Mann, der 2012 ins fünfte Lebensjahrzehnt eintritt, ist das Sitzen auf dem Boden zwar schon eine sportliche Herausforderung, aber das unbequeme Äußere wird schnell vom inneren Frieden vergessen gemacht, der sich bei den gleichförmigen, meditativ repitierten Zusprüchen allmählich ausbreitet. Die Spiritualität von Taizé ist einmalig. Sie macht auch vor den kargen Messehallen des Berliner ICC nicht Halt. Taizé ist eine Glaubensgemeinschaft, das wird deutlich.

Dass dabei immer wieder auch dem Zweifel Raum gegeben wird, dem Gefühl der Gottferne, das sich ausbreitet, um uns herum, aber zuweilen auch in uns, das macht das Treffen auch für kirchenkritische und glaubenssuchende Menschen attraktiv, ohne, dass damit der Unverbindlichkeit und Beliebigkeit das Wort geredet würde. Der Glaube wird auf seine Wurzel zurückgeführt, auf das Vertrauen. Verständnis gilt denen, die dieses Vertrauen nicht, noch nicht oder nicht mehr aufzubringen vermögen. Hoffnung wird denen gegeben, die trotzdem offen sind, die eine Sehnsucht haben nach dem verlorenen Vertrauen. Oder: Die zumindest offen sind für diese Sehnsucht.

Für die Vertrauenden gibt es eine Stärkung des Glaubens, doch auch sie werden herausgefordert. Der Wechsel von Ansprache und Stille führt zur tiefen Betrachtung des christlichen Glaubenskerns: Jesus Christus – in der Krippe und am Kreuz. Die farbenprächtige Kreuz-Ikone auf der einen, die schwarz-graue Stalingrad-Madonna mit dem Kind auf der anderen Seite bilden den Bezugsrahmen. Hier hält Freude dem Leid die Hand, durch die Not schimmert Hoffnung.

Das Taizé-Treffen bietet eine zeitgemäße Pastoral, die nicht dem Zeitgeist verfällt, nicht auf billige Effekte setzt, sondern auf die Ruhe der Betrachtung, eine Pastoral, die Innerlichkeit fokussiert, nicht die Struktur. Nachhaltig kann der Glaube in einer „gottlosen“ Stadt wie Berlin wohl nur so belebt werden, wobei weniger die äußere Mission als vielmehr die innere Neuausrichtung angesprochen wurde, welche jene Mission erst glaubwürdig sein lässt.

Es wurde gebetet, gesungen – und gesprochen. Miteinander, in sehr angenehmer Tonlage. Das Vertrauen zu Gott will zum Vertrauen auf den Mitmenschen werden, will überführt werden in praktische Solidarität. Intensiv wurde das Thema des Treffens diskutiert, auf der Grundlage der Impulse, die Frère Alois vor dem Treffen und während der Abendgebete gab. Gehaltvolle, aspektenreiche Gedanken, die sich aber nicht in ihren Begriffen verlieren, sondern sehr einfache Botschaften für die Praxis bergen. Ich habe mich selten mit Texten so ausgiebig beschäftigt wie mit den beiden letzten Briefen Frère Alois‘ und seinen Worten, die er während des Treffens an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer richtete. Sie sind theologisch inspirierend und für den Glauben hilfreich.

Die Taizé-Pilgerinnen und -Pilger sind schon wieder auf dem Rückweg in ihre Heimat. Auf dem nächsten, dem 35. Europäischen Jugendtreffen, werden sie sich in Rom begegnen, sicherlich mit den gleichen Gebeten und Gesänge, wahrscheinlich in ähnlicher Atmosphäre der Offenheit, Besinnlichkeit und Fokussiertheit, hoffentlich jedoch mit einem Unterschied zu Berlin: mehr Betten.

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Weitere Texte und Bilder zum Berliner Taizé-Treffen in meinem Blog:

Jetz’ geht’s los!

Taizé. Impressionen aus dem ICC

Euro? Pa!

Neues aus Tailin

Die Anders-Wirtschaft

Katechese mit Frère Alois

Weg des Vertrauens. Nächste Schritte in 2012

(Josef Bordat)