Tun, was wir können?

5. April 2011


Wenn es um den Einsatz von Technik geht, sollten wir nicht tun, was wir können, sondern, was wir wollen.

1.

Immer öfter stellt sich die Frage, ob wir tun sollen, was wir tun können. Denn es stehen immer öfter Techniken zur Verfügung, deren Anwendung ein ethisches Problem darstellt. Und zwar ausschließlich ein ethisches Problem, kein technologisches. Das bedeutet: Das, was zur Debatte steht, ist bereits verwirklicht. Es ist machbar. Aber – so stellt sich die ethische Frage – ist es auch vertretbar? Ist es – um die Latte noch höher zu legen – gut? Es geht dabei nicht um graduelle Verbesserungswünsche im Hinblick auf Sicherheit oder Verträglichkeit, sondern prinzipiell darum, ob wir eine solche Technik zur Anwendung bringen wollen. Der Embryonen-Check mittels Präimplantationsdiagnostik (PID) und die Energierzeugung durch Atomkraftwerke (AKW) sind aktuelle Beispiele für solche Techniken, die vorhanden sind, einsatzbereit, die aber nach Rechtfertigung verlangen.

Außerhalb der technologischen Funktionalität gibt es dabei eben noch die Dimension der ethischen Bewertung. Auf ihr schnellen die typischen Fragen hoch: Ist diese Technik zu verantworten? Wer trägt die Folgelasten und wie genau sehen diese aus? Lässt sich das schädliche Potential eingrenzen und beherrschen oder stellen wir ungedeckte Schecks zu Lasten künftiger Generationen aus? Der öffentliche Diskurs – der hierzulande im Deutschen Ethikrat zu bündeln versucht wird – läuft auf Hochtouren. Als Christen sind wir aufgefordert, dabei vor dem Hintergrund unseres Menschenbildes mitzureden. Ich möchte dazu hier einen Beitrag leisten, der etwas weiter ausholt, damit vielleicht zu abstrakt ist, doch damit – und das ist mir wichtig – der Gefahr zu entgehen versucht, sich in die Einzelheiten aktueller Sachfragen zu verstricken. Denn das Problem ist weit komplexer als es die debattierten Vorschläge „Atom-Ausstieg sofort“, „Atomausstieg in drei Jahren“ oder „Atom-Ausstieg in dreißig Jahren“ nahelegen.

2.

Technik ist Organentlastung, Organverstärkung und Organersatz (Gehlen) und die Entwicklung von Technik eine aktualisierte Anstrengung, die der Mensch auf sich nimmt, um künftige Anstrengungen zu verringern oder ganz zu vermeiden (Ortega y Gasset). Technik dient dem Menschen zur Erweiterung seiner Handlungsspielräume, kurz: zur Vergrößerung seiner Freiheit. Wir alle nehmen Technik zur Behebung unserer „Mängel“ gerne in Anspruch, bemerken aber zugleich, dass Technik unangenehme Nebenwirkungen hat.

Technik enthält potenzielles Übel, das uns immer dann deutlich vor Augen steht, wenn sich Katastrophen mit und durch Technik ereignen oder ankündigen. Flugzeugabstürze, Autounfälle oder Störungen in Kernkraftwerken machen deutlich, welchen Preis wir für den Freiheitszuwachs zahlen. Auch führt Technik selbst zu Abhängigkeiten, etwa vom Computer – eine Maschine, die geschaffen wurde, uns freier zu machen. Doch die Abhängigkeit des Menschen von computergesteuerten Systemen ist greifbar, ebenso wie seine Hilflosigkeit, wenn diese ausfallen. Technik kann schließlich Ursache für ungünstige Veränderungen der Umwelt sein – der Klimawandel ist hierfür nur ein besonders drängendes Beispiel. Diese Veränderungen legen den Verzicht auf Technik oder deren Weiterentwicklung nahe. Dann ergibt sich jedoch wieder das gleiche Problem: Welche Folgen hat die neue Technik? Die Erfahrung zeigt, dass die Behebung des alten Problems oftmals neue Probleme schafft. Das ist wieder eine Ambivalenz, nämlich die des Fortschritts.

Technik ist also ein ambivalentes Phänomen. Der Umgang mit Technik erfordert daher einen ganzheitlichen Zugang, jenseits der ökonomischen Verwertungslogik. Das gilt für Großtechniken wie „Energieversorgung“ und „Verkehrsplanung“ ebenso wie für technische Fortschritte in der Medizin.

3.

Es gilt mit Blick in die Zukunft die Erfahrungen mit der Ambivalenz des technischen Fortschritts zu bedenken: Einerseits kann Technik vorhandene Mängel beheben (und tut dies ja auch), andererseits wirft sie Probleme auf, die wir ohne sie nicht hätten und auf die wir uns nur bedingt einstellen können. Selbst die gewissenhafteste Technikfolgenabschätzung kann Langzeitwirkungen einer bestimmten Technik nicht prognostizieren.

Die Schwierigkeit, sich für oder gegen eine Technik zu entscheiden, verschärft sich freilich dann, wenn Anwendungen zur Debatte stehen, die sich nur sehr mühsam rückgängig machen lassen. Teilweise ist fraglich, ob die biotechnologisch anzustoßenden Prozesse nach der Initiation überhaupt noch beherrscht werden können, weil dabei ja gerade auf die Selbstorganisationsfähigkeit der Natur gebaut wird, deren künftige Wege aber kein Mensch kennt. Das hat dann ironischerweise viel mehr mit Vertrauen und Glauben zu tun als mit Wissen. Weil mit diesem Risiko zudem eine ultimative Heilerwartung verbunden ist – in der Frage ist ja von „Rettung der Welt“ die Rede –, bekommen wissenschaftlich-technische Systeme eine quasi-religiöse Dimension, die bereits Karl Jaspers mit dem Begriff „Aberglaube der Moderne“ belegte.

Grundsätzlich sollten wir uns nicht nur über Technikeinsatz definieren. Für viele Probleme gibt es in ihrer Komplexität nur ganzheitliche Lösungen, bei denen die politische und administrative Organisationsform, das Rechtssystem, ökonomische Verteilungsfragen und nicht zuletzt kulturelle und religiöse Rahmenbedingungen wichtige Einflussfaktoren darstellen, die es zu beachten gilt, ehe mit technischen Ansätzen partikulare Problemfelder beackert werden. Das ist zwar oft einfacher in der Implementierung und spektakulärer in der Medienwirksamkeit, nachhaltiger sind aber oft kleine Schritte, die innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung Verbesserungen herbeiführen.

Es geht denn auch vielmehr um die Veränderung von Verhaltensweisen, das Aufgeben schlechter Angewohnheiten, als um die Veränderung von neuen Ver- und Entsorgungssystemen durch neue Technik, die nur den Zweck hat, unsere schlechten Angewohnheiten zu legitimieren, die wir besser heute als morgen ablegen sollten. Ein Beispiel: Wir sollten eher unser Flexibilitäts- und Mobilitätskonzept überdenken als auf Bio-Treibstoff zu setzen, dessen Anbau vielleicht zur Lösung unseres Umweltproblems beiträgt, aber die Nahrungsmittelknappheit und damit die Not vieler Menschen verschärft.

Ähnliches lässt sich über den Einfluss unseres Verhaltens auch im Hinblick auf das Verhältnis von Energieerzeugung und Energieverbrauch sagen. Wenn bei diesem das Verhalten geeignet ist, bei jener den Spielraum zu erweitern, lässt sich manches Problem schneller aus der Welt schaffen. Wann die AKWs abgeschaltet werden, hängt davon ab, wann sie abgeschaltet werden können. Das wiederum hängt auch von uns ab, von unserem Verhalten. Die beste Energie ist immer die, die man nicht braucht. Würde jeder Deutsche seine „Stand by“-Geräte bei längerem Nichtgebrauch vom Netz nehmen (also etwa über Nacht ganz ausschalten), bräuchten wir in Deutschland ein AKW weniger. Auch das ist ein Teil der Wahrheit: Das Abschalten beginnt nicht im Kanzleramt, sondern bei uns zu Hause.

4.

Treten wir noch einmal einen Schritt zurück. Wie weit man meint, in der Anwendung technischer Errungenschaften gehen zu sollen, hängt – gerade bei den biotechnologischen Forschungsfeldern – sehr stark vom Menschenbild ab. Wenn ich den Menschen als zu überwindendes „Mängelwesen“ ansehe und ihm die irdische Vollendung schenken möchte, dann ist er bloß Ausgangsmaterial einer Hybridentwicklung im Sinne eines „Transhumanismus“. Unter diesen Voraussetzungen wäre ein Mikrochip im Kopf, mit dem man seine Aggressionen und Triebe kontrollieren und sich die Bundesliga-Ergebnisse der letzten 20 Jahre merken könnte, eine echte epistemisch-ethische Errungenschaft, die man Niemandem vorenthalten darf, sowenig wie eine künstliche Hüfte.

Wenn man das menschliche Bewusstsein aber nicht nur als informationsverarbeitenden Super-Computer namens „Gehirn“, sondern als Organisationsprinzip einer geistseelisch-körperlichen Einheit betrachtet, also als Ausdruck von Personalität, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass durch den implantierten Mikrochip letztlich die Persönlichkeit verändert wird, das „Ich“, denn dann ist das, was ich denke und fühle eben nicht mehr das, was ich denke und fühle. Dann bin ich nicht nach der OP nicht mehr der, der ich vorher war. Das Neuroimplantat sorgt für eine Veränderung, die bei der künstlichen Hüfte nicht gegeben ist, denn der Kern der menschlichen Person ist betroffen.

Wenn man den Menschen als Geschöpf Gottes betrachtet, sind solche neurochirurgischen Eingriffe ferner ein Problem für den Glauben. Christen glauben zum Beispiel, dass der Mensch von Gott gewollt und geliebt ist, trotz oder gerade wegen seiner biologischen „Mängel“. Sie glauben zudem, dass unser Bewusstsein – das die Tradition „Seele“ nannte – zur Transzendenz offen ist und damit eine Beziehung zu Gott ermöglicht und dass diese Beziehung den Grund unserer Empfindungen bildet – also gerade den Teil unserer Persönlichkeit, den der Mikrochip beeinflussen soll. Eingedenk dessen, wird man als Christ derartigen Eingriffen sehr skeptisch gegenüber stehen.

Selbstverständlich denken viele dabei zunächst an die Therapiemöglichkeiten bei den zahlreichen Erkrankungen der Persönlichkeit, etwa Alzheimer, Depressionen usw. Dazu gehört dann aber zunächst und vor allem eine Antwort auf die grundlegende Frage, wie man mit Leid umgehen sollte. Ist Leid etwas, das es in jedem Fall zu überwinden gilt oder soll es ge- und auch ertragen werden, weil es zur Persönlichkeit gehört? Das ist ein sehr schwieriges Gebiet, auf dem man sehr sensibel und gewissenhaft nach allen Seiten ausschauen muss. Die sehr ernsthaften und kontroversen Debatten um die embryonale Stammzellforschung, die im Deutschen Bundestag in den letzten Jahren stattfanden, oder auch die aktuelle Debatte um die PID, zeigen durchaus, dass das im öffentlichen Raum funktionieren kann.

5.

Eine Technik-Ethik, die diese unterschiedlichen Positionen ernst nimmt und diskursiv zusammenzuführen versucht, ist dringend nötig. Dazu gehört ganz grundsätzlich, dass wir in der Gesellschaft ergebnisoffen darüber streiten, welche Technik wir eigentlich wollen. Haben wir das, was wir wollen und wollen wir das, was wir haben bzw. bekommen sollen? Diese Fragen gehören in den öffentlichen Diskurs. Man darf sie nicht den Fachleuten überlassen, wie dies im Bereich der Kernenergie der Fall war, wo Bedenken der Bevölkerung zu lange in ziemlich arroganter Manier auf Informationsmängel reduziert wurden. Erst Tschernobyl hat auf grausame Weise gezeigt, dass die Befürchtungen vieler Menschen keine mit Hysterie gefüllten Wissenslücken waren. Nun bestätigen die Ereignisse in Fukushima diese Befürchtungen in dramatischer Weise.

Eine Klärung des Menschenbilds gehört an den Anfang des Diskurses, denn die Anthropologie geht der Ethik voraus. Denn bei allem, was wir ethisch behandeln, kommen wir immer wieder auf die entscheidende Frage zurück: Was ist der Mensch? Die Selbsterfahrung der Menschen gehört also unbedingt berücksichtigt. Wenn viele Bürgerinnen und Bürger, obgleich „Mängelwesen“, sehr zufrieden mit ihrer Gehirnleistung sind und auch im Falle einer Erkrankung für sich selbst eine solch einschneidende Therapie wie den Einsatz eines „Hirnschrittmachers“ ablehnen, weil sie die Integrität ihrer Persönlichkeit – und damit ihre Menschenwürde – gefährdet sehen, dann wäre das ein Hinweis darauf, dass unter Umständen viel zu einseitig in eine Richtung geforscht wird. Dann wäre nach Alternativen zu schauen. Vielleicht geht es den Menschen gar nicht um immer neue Möglichkeiten gen- und biotechnischer Anwendungen, sondern um ein gesellschaftliches Klima, in dem sich Kranke und Alte angenommen fühlen dürfen, auch wenn sie als biologisches System nicht (mehr) optimal funktionieren. Umgekehrt muss sich eine Gesellschaft, die Technik einsetzen will, um den Menschen zu perfektionieren, fragen lassen, wie sie dann mit „Mängeln“ umgehen will, die auftreten, weil sich Menschen weigern, die zur Verfügung stehende Technik zu nutzen. Die Menschenbilder und Gesellschaftsentwürfe sind so unterschiedlich, dass auch die Diskussion radikal und kontrovers geführt werden muss – in Achtung vor der Auffassung des Anderen.

Fruchtbar stattfinden wird ein solcher Diskurs im Bereich der Technik-Ethik dann, wenn es gelingt, die Menschen von der Bedeutung der behandelten Themen zu überzeugen. Dazu ist es nötig, dass die Fachleute – Naturwissenschaftler, Mediziner, Ingenieure, Philosophen und Theologen – eine deutliche Sprache sprechen, die gleichermaßen das Verständnis von Sachverhalten und die Verständigung über moralische Positionen ermöglicht. Als Träger des Diskurses bieten sich interdisziplinäre Gremien wie „Ethik-Räte“ ebenso an wie regelmäßige Informationsveranstaltungen, auf denen sich die Bürgerinnen und Bürger eine Meinung bilden können.

Vieles davon gibt es bereits – ich erinnere nur an die deutsche Stammzell-Debatte der letzten Jahre, die sehr offen geführt wurde, nicht mit dem aus meiner Sicht gewünschten Ergebnis eines Verbots „embryonenverbrauchender“ Forschung, aber doch sehr konzentriert und ernst. Dass die Medien das Thema sachlich aufgreifen, ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt für das Gelingen des Diskurses. Für die politische Durch- bzw. Umsetzung der Ergebnisse des Verständigungsprozesses gibt es verschiedene Möglichkeiten, von angepassten Fördermaßnahmen bis hin zu geänderten Rechtsnormen.

Zusätzlich ist der Forschungsbetrieb selbst gefordert. Denkbar wäre es, das Prinzip des „Hypokratischen Eids“ von der Medizin auf die Naturwissenschaft und Technik auszudehnen, wie es Hans Lenk einmal vorschlug. Der Autokonstrukteur oder der Mikrobiologe müssten dann ihren unbedingten Willen versichern, mit ihrer Arbeit dem Wohl der Menschen zu dienen. Das wäre zwar lediglich ein symbolischer Akt, zugleich jedoch ein Signal, das Vertrauen schafft. Dennoch: Technik braucht eine breite gesellschaftliche Rechtfertigung. Diese kann – wie bereits geschrieben – nicht auf Wissenschaft, Forschung und Industrie (auf die „Experten“) abgewälzt werden.

6.

Die Rechtfertigung von Technik angesichts ihrer unangenehmen Folgen kann ganz allgemein als ein Prozess verstanden werden, der in Analogie zur Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt geschieht. Ist diese Kern des Theodizee-Topos, so kann man jene mit Hans Poser als „Technodizee“ bezeichnen. Hans Poser ist emeritierter Professor für Philosophie, einer meiner akademischen Lehrer, Zweitgutachter meiner Dissertation. Ich verdanke ihm sehr viel, auch die Idee der Strukturanalogie, die ich nachfolgend rekonstruieren möchte.

In Analogie zu Leibnizens Theodizee-Argumentation entwickelt Poser den Gedanken, dass das Übel unserer Zeit das malum technologicum sei, das heißt die Möglichkeit der Einschränkung menschlicher Freiheit durch die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und die ständig virulente Gefahr von Katastrophen als Ergebnis von Technik. Kurz: Die Technik, die wir schufen, um freier zu werden, schränkt uns zunehmend ein.

Die Argumentation bei Leibniz läuft bekanntlich über drei Ebenen: 1. die der Möglichkeit, also Gott wählt aus den Möglichkeiten die beste aus, 2. die der Verantwortung Gottes für die erschaffene Welt und 3. die der Wertung, das heißt, es muss klar sein, was „gut“ und was „böse“ bedeutet. Und diese Ebenen, so Poser, finden sich auch im Technikdiskurs wieder.

Zunächst geht es in diesem um den „Ermöglichungsgrund einer besseren Welt“ (Poser). Es gibt drei Varianten des Technikgeneseverständnisses, die jeweils einen anderen modalen Status haben. Zum einen kann der Ingenieur als derjenige angesehen werden, der an die Stelle des Schöpfergottes tritt, der aus einem Ideenreich die beste Möglichkeit für eine Maschine o. ä. identifiziert, auswählt und konstruiert, so wie Gott aus den möglichen Welten die beste identifiziert und erschaffen hat. Zum anderen kann man sich vorstellen, dass Technikentwicklung quasi automatisch abläuft, unabhängig vom Menschen. Dieses Nichtsteuerbarkeitspostulat wird von einer technikkritischen Richtung vertreten, am prominentesten momentan vielleicht von Joseph Weizenbaum. Die dritte Variante geht davon aus, dass Technik von allen Menschen geschaffen wird. Zum einen liege die Technikgenese nicht in den Händen eines Einzelnen (des „Schöpfer-Ingenieurs“), zum anderen entstehe und entwickle sich Technik aber auch nicht „einfach so“. Vielmehr verlange die Gesellschaft nach technischen Lösungen, und Menschen aus dieser Gesellschaft befriedigen diese Bedürfnisse zum Wohle aller. Das mögliche Übel, das Technik mit sich bringt, wird hierbei nicht als Hemmnis betrachtet, welches die Reduktion von Technik nahe legt, sondern als Aufforderung zu mehr – und im Sinne des Fortschrittsoptimismus – besserer Technik.

Dann muss sich Gott in Leibnizens Theodizee für die von ihm geschaffene Welt angesichts des in ihr spürbaren Übels vor der menschlichen Vernunft verantworten. Dieses Verständnis von Verantwortung übertragen auf die Technodizee führt zu der Formel, dass sich der Mensch vor dem Menschen für die Schaffung und den Gebrauch von Technik verantworten muss. Unterstellt, dass Technik weder die einsame Schöpfung eines Ingenieurs und auch nicht ein sich verselbstständigender Prozess ist, sondern gesellschaftlich generiert wird, geht es in der Technodizee also mehr um die Mitverantwortung aller Akteure, also auch der Konsumenten, die eine bestimmte Technik wollen, als um die Generalverantwortung eines einzelnen Ingenieurs. Ein Beispiel: Wer trägt die Verantwortung, wenn ein Flugzeug abstürzt? Der Konstrukteur, der Pilot, der Mehrheitsaktionär, der immer stärkeren Druck ausübt auf die Fluggesellschaft, Kosten zu reduzieren – oder gar der Fluggast selbst, der immer billiger und schneller ans Ziel kommen will? Die Antwort lautet wohl: Alle! Jeder Einzelne trägt die Verantwortung, weil jede und jeder Einzelne an ihrer oder seiner Stelle mit ihren oder seinen spezifischen Ansprüchen das System „Technik“ – hier „Flugzeug“ – generiert.

Schließlich sei die Frage nach der Bedeutung von „gut“ und „böse“ gestellt. In der Theodizee Leibnizens ist das klar. Es herrscht das Prinzip des Besten, das Gott veranlasst, ein Maximum an Ordnung in die Schöpfung zu setzen, was ein Maximum an Harmonie und Vollkommenheit in der Welt bedeutet, keine absolute zwar, aber eine größtmögliche.

Was aber ist das Prinzip des Besten in der Technik? Hier gibt es aufgrund der unterschiedlichen Interessen der am gesellschaftlichen Geneseprozess beteiligten Akteure auch unterschiedliche Gütevorstellungen: Dem Ingenieur geht es um Funktionalität, dem Aktionär um Wirtschaftlichkeit, dem Gewerkschafter um Sozialverträglichkeit, dem Kunden um Freude bei der Anwendung. Ferner stellt sich das Problem der Abschätzung von Folgen: Das Prinzip des Besten in der Technodizee ist an den Wissenstand des endlichen, fehlbaren Wesens Mensch gebunden, hat also nicht die unendliche praevisio des allwissenden und allmächtigen Gottes im Rücken, die Leibniz in der Theodizee als Schöpfungskonstitution unterstellt. Darin liegt eine besondere Brisanz, denn es sind ja gerade jene Folgen, mit denen keiner rechnet, die so verheerend sind, weil nichts an Schutzmaßnahmen ergriffen wird, einfach deshalb, weil das Problembewusstsein fehlt. Man denke etwa an die Mineralfaser Asbest oder an den Kühlstoff FCKW, die in den 1960er Jahren in erster Linie als eines wahrgenommen wurden: als preiswert.

Was bedeutet dies nun für den Technikdiskurs? Die Strukturanalogie von Theodizee und Technodizee legt im Ergebnis nahe, nach bestem Wissen und Gewissen eine Bewertung von Technik jenseits der eindimensionalen ökonomischen Verwertungslogik vorzunehmen und nach einer Antwort auf die Frage nach „gut“ und „böse“ für den Menschen zu suchen. Nur eine solche Technik ist gerechtfertigt, bei der die sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Folgen berücksichtigt sind. Die Strukturanalogie gebietet ferner, die für die Technikgenese Zuständigen – und das sind wir alle – stärker in die Verantwortung zu nehmen, mit dem Ziel, künftiges Technik-Übel zu verhindern. Noch einmal: Die Frage ist, welche Technik wir wollen. Wir!

7.

Zurück zur Ausgangsfrage: Sollen wir tun, was wir können? Antwort: Nein. Im Fall des Technikeinsatzes gilt: Tun wir, was wir wollen. Und wirklich wollen kann man nur, was man verantworten kann. Vor Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, dem geschaffenen Bilde Gottes. Bewahrung der Schöpfung heißt Gewährleistung der Möglichkeit einer „Permanenz echten menschlichen Lebens“ (Hans Jonas) auf Erden – ohne Begrenzung des Horizonts a priori und ohne unvernünftig hohe Diskontierung des Übels über den Faktor Zeit. „Unter der Leitung der Vernunft“, meinte Spinoza, werden wir „ein kleines gegenwärtiges Übel einem größeren künftigen vorziehen“. Was das bedeutet, dürfte klar sein, auch, wenn es bis zum ungelösten Problem der Endlagerung von Atommüll noch ein paar gedankliche Schritte sind.

Wir brauchen eine Haltung, die Ethikrat-Mitglied Schockenhoff „biophil“ nennt, eine Moralität des Lebensschutzes. Daran muss sich jede Technik messen lassen, unterhalb dessen ist im technik-ethischen Diskurs aus christlicher Sicht nichts zu bestellen.

Ich will mich schließlich nicht vor einer persönlichen Festlegung zur Frage der Atomenergie drücken, einer Frage, die jetzt dem Deutschen Ethikrat für seine Beratungen vorgelegt wurde, mit einer an Frechheit grenzenden Frist von zwei Monaten. Meine Position ergibt sich aus dem, was ich ausführte, über unseren Willen, unser Verhalten, unsere Verantwortung. Es ist – kurz gesagt – folgende: AKWs abschalten – so schnell wie möglich. Aber nicht schneller.

(Josef Bordat)