Kirche und Gesellschaft

13. Februar 2013


Oder: Warum es prinzipiell wichtig ist, Distanz zu wahren.

In den letzten Woche wird oft die „Weltfremdheit“ der Kirche kritisiert, die sich von der Gesellschaft immer weiter entferne (bzw. diese von jener). Ohne auf die Berechtigung dieser Kritik inhaltlich im Einzelnen einzugehen (ich denke, die Kritik stimmt nur teilweise; insbesondere stimmt sie ganz offensichtlich für den Bereich der Sexualmoral, völlig abwegig ist sie hingegen für den Bereich der karitativen Arbeit und der Soziallehre, deren Beachtung im Rahmen einer Sozialen Marktwirtschaft, ihrer säkularisierten Form, in unseren globalisierten Zeiten von vielen Menschen, nicht nur von Katholiken, schmerzlich vermisst wird), möchte ich einige allgemeine Bemerkungen zum Wert der Distanz vortragen.

Es ist immer wieder der Nicht-Katholik Norbert Bolz, der darauf aufmerksam macht, dass die Nähe einer Kirche zum Zeitgeist zwar zu ihrer Akzeptanz beiträgt, aber nicht zur Stärkung ihrer Bedeutung. Mit Blick auf die evangelische Kirche meinte Bolz erst kürzlich im KNA-Interview: „Sie praktiziert schon seit Jahren eine bedingungslose Anpassungsstrategie an den Zeitgeist und segelt im Windschatten der öffentlichen Meinung. Dabei verliert sie aber jedes Profil.“ Die katholische Kirche, so Bolz an anderer Stelle, ecke an, praktiziere den offenen Widerspruch, provoziere – und sei gerade dadurch wert-, kraft- und sinnvoll. Beispiel: Zölibat. Bolz: „Zölibat ist Askese, und Askese ist etwas, das für unsere Gesellschaft unerträglich ist, das absolut Nicht-Säkularisierbare. Es gibt zwar alle möglichen Formen von Konsum und Befriedigung, aber Askese, also der freiwillige Verzicht auf Möglichkeiten, ist für die offizielle Selbstbeschreibung einer säkularen bürgerlichen Gesellschaft ein Skandal. Die Leute wittern, dass hinter der Askese Macht steckt, und das reizt sie bis aufs Blut.“

„Stachel im Fleisch“ zu sein, ist allerdings kein Selbstzweck. Dahinter steckt keine Marketingstrategie von Medienexperten, kein Suchen nach einem Alleinstellungsmerkmal, welches das Produkt „Kirche“ marktfähig hält. Die Differenz entspringt schlicht der Überzeugung davon, dass es gut ist, an dem, was man für wahr und richtig hält, auch dann festzuhalten, wenn die Mehrheit anderer Ansicht ist. Nur so konnte sich die Kirche überhaupt nur entwickeln. Überall war sie zunächst in der Minderheitenposition: in Alt-Israel, in Rom, in Mitteleuropa. Im ersten Jahrtausend muss sie sich gerade auch im Widerspruch bewähren, gegen die Religion des Judentums, gegen die Zivilisation Roms, gegen die Stammeskultur Germaniens.

Das Leitmotiv lautet dabei: „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Es stammt aus der Apostelgeschichte, wird also zu einem Zeitpunkt formuliert, an dem sich das Christentum als Religion und die Urgemeinde als Kirche zu formieren beginnt. Also: Das höchste Gut für den Christen ist Gott, nicht der Mensch. Damit gibt es in Krisen der menschlichen Ordnung immer eine prinzipielle Distanz, die für kritische Intervention genutzt werden kann. Das gilt auch, wenn sich die eigene Religion zur weltlichen Macht aufschwingt und das Gewissen vollständig zu usurpieren droht. Auch die religiöse Ordnung kann sich verfestigen und totalitär werden, statt das Gewissen des Einzelnen zu schulen und zu stärken, wie es im Christentum ihr vornehmster Zweck ist.

Für Christen gilt: „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen“, um das Reich Gottes und die Gerechtigkeit Gottes, der Rest wird schon werden, denn „dann wird euch alles andere dazugegeben“, wie es im Matthäusevangelium heißt. Christen erklären sich nach Robert Spaemann bereit, „ihre Vormeinungen, Interessen, Perspektiven, Vorlieben prinzipiell zur Disposition zu stellen und dem Gesichtspunkt des Guten, dem ethischen Gesichtspunkt unterzuordnen“, einem Gesichtspunkt, der vom informierten Gewissen her ausgeleuchtet wird, einem Gewissen, das nicht mit Meinungen, Interessen und Präferenzen identisch ist. „Der Christ“, so fasst es Udo Di Fabio auf, „ist mit seinem Gewissen eine eigenwillige Umwelt weltlicher Herrschafts- und wirtschaftlich-technischer Verkehrsformen. Das Christentum wirft von vorneherein die Frage auf, ob das Recht gerecht sei, macht weltliches Recht am Maßstab des natürlich-göttlichen Rechts beurteilbar“. Von vorne herein gibt es also eine prinzipielle Distanz des Christen zur weltlichen Ordnung.

Der Grund für die „Sperrigkeit“ des Christen liegt also darin, dass er letztlich nicht auf die Welt und ihre Ordnung ausgerichtet ist, sondern auf das Reich Gottes, jenem Reich, in dem Gerechtigkeit und Recht, Gesetz und Güte, Gebot und Gespür in eins fallen. Das Christentum – und mit ihm die Kirche – ist „insofern immer sperrig, seit seinen römischen Anfängen, weil das von Christus gelebte und geoffenbarte Menschenbild nicht zur Disposition gestellt werden kann“ (Di Fabio). Es kann nicht, auch wenn 99 Prozent der Deutschen darauf pfeifen! Und zu diesem christlichen Menschenbild gehört die Vorstellung, dass der Mensch in allen seinen Entwicklungsstadien – von der Zeugung bis zum natürlichen Tod – und in allen möglichen Erscheinungsformen Anspruch auf Achtung seiner Würde und damit ein unbedingtes Lebensrecht hat. Diese Haltung ist nicht verhandelbar. Und nur in der Distanz zu den immer wieder neuen, gerade eben modernen Menschenbildern lässt sie sich aufrecht erhalten.

(Josef Bordat)