Der katholische Kandidat

13. November 2012


Ein Lehrstück in Sachen Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie kommt derzeit auf der Seite European Dignity Watch zur Aufführung. European Dignity Watch ist eine „non-governmental and non-profit organization based in Europe’s capital Brussels“, die sich zum Ziel gesetzt hat, die „three most vital pillars of a free society“ zu verteidigen, nämlich „personal freedom and responsibility, fundamental rights and the family“. Und in Verrichtung dieser Aufgabe verteidigt sie nun das „fundamental right“, einen religiösen Glauben zu haben und dennoch als Mandatsträger politisch tätig zu sein. Auch in Europa.

Doch der Reihe nach. Maltas Außenminister Dr. Tonio Borg wurde von seinem Land für das „European Commission’s Health and Consumer Policy Portfolio“ nominiert. European Dignity Watch zählt seine Qualifikationen auf und kommt zu dem Schluss: „Dr. Borg is an ideal nominee“. Soweit, so gut. Doch es gibt ein Problem: „Dr. Borg is catholic Christian“. Da er offensichtlich nicht nur auf dem Papier „catholic Christian“ ist, sondern so richtig, mit allem, was dazu gehört, vor allem mit Glaubensinhalten, für die er einsteht, kann Dr. Borg zehnmal „an ideal nominee“ sein, es wird ihm nicht nützen. Denn „catholic Christian“, das geht natürlich gar nicht, wenn man im Europa des 21. Jahrhunderts irgendwas werden will, unabhängig davon, was genau.

Also, los geht’s: „In articles, blog-posts and tweets, his critics – first and foremost the European Humanist Federation, the International Planned Parenthood Federation, and the International Lesbian and Gay Association (ILGA) – have focused their attacks on Dr. Borg’s Christian faith and his personal views on issues like abortion, same-sex ,marriage’ and divorce“. Der Witz: „None of these“ (also keine seiner „personal views“ auf Abtreibung, Homo-„Ehe“ und Scheidung) fällt „under EU competence“ oder hat „anything to do with the portfolio Dr. Borg would inherit if confirmed“.

Es geht folglich um die Person Borg, d. h. um Borgs persönlichen Glauben, nicht darum, dass man meinte, er könne die Aufgaben, welche die Stelle mit sich bringt, nicht kompetent und im Einklang mit geltendem europäischen Recht bewältigen. European Dignity Watch zieht ein eindeutiges Fazit: „Dr. Borg’s values are absolutely consistent with the European values embodied in the Charter of Fundamental Rights. All the vicious, intolerant and hateful attacks made against him should be seen for what they are – a smokescreen behind which radical special interest groups are trying to advance their own agenda“.

European Dignity Watch meint jedoch, es ginge dabei nicht allein um Dr. Borg. Die „aggressive negative campaign“ rücke das Christentum selbst in ein schlechtes Licht: „In other words, according to these vocal lobby groups, simply holding Christian beliefs on social issues is a sign of ,extremism’“. Das stellt nach Einschätzung von European Dignity Watch nicht nur „hateful and intolerant propaganda“ dar, sondern ist zudem ein Schlag ins Gesicht für jeden Europäer. So wären die „founding fathers“ der europäischen Integration „certainly surprised“, bekämen sie mit, dass christliche Werte heute nicht mehr als „European values“, sondern stattdessen als „extremist values“ gehandelt werden, wo sie selbst doch größte Sorgfalt darauf verwandten, das Haus Europa auf „Christian principles such as subsidiarity, as well as human dignity and solidarity“ zu errichten.

Ich habe diese Darstellung von European Dignity Watch nicht anhand von Quellen überprüft. Es kann also sein, dass es schlicht und einfach nicht stimmt, was in dem Text behauptet wird. Dass es mithin die Artikel und die Blog-Beiträge nicht gibt. Und den Extremismus-Vorwurf auch nicht. Ja, vielleicht ist sie völlig frei erfunden, die Geschichte, dass es Menschen gibt, die andere Menschen für keine geeigneten Mitarbeiter im „Commission’s Health and Consumer Policy Portfolio“ halten, wenn, soweit und weil diese anderen Menschen katholisch sind. Allein: Ich bin geneigt, den Angaben von European Dignity Watch zu vertrauen. Sie passen ins Bild, ins Zerrbild, das regelmäßig zu bestaunen ist, geht es irgendwo im öffentlichen Diskurs um das Christentum katholischer Prägung. Zum Beispiel in Artikeln und Blog-Beiträgen.

Was also ist das jetzt, die Sache mit Bürger Borg, dem katholischen Kandidaten, und denen, die den Kandidaten im Namen von Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie verhindern wollen, weil er katholisch ist? Erschreckend? Alarmierend? Ein Skandal? Ich will mich nicht künstlich aufregen, das ist schlecht fürs Herz. Für mich bedeutet es: Ran ans Werk! Denn ich schreibe schon seit einiger Zeit an einer satirischen Dystopie, die katholische Christen in Berlin als verfolgte und unterdrückte Minderheit zeigt. Mir scheint: Ich muss mich beeilen, wenn ich will, dass die Satire fertig wird, bevor sie als Dokumentation durchgeht.

(Josef Bordat)