Missbrauch. Horrornachricht aus Australien

7. Februar 2017


Rund ein Viertel der 24 Millionen Australier ist katholisch. Es gibt in Australien also etwa 6 Millionen Katholiken. Das ist nicht viel, und Australien zählt auch nicht unbedingt zu den ganz großen Hochburgen des Katholizismus – trotz des Weltjugendtags in Sydney 2008.

Nun aber gerät die Kirche Australiens in die Schlagzeilen – und das sind keine angenehmen. Eine Erhebung der nationalen Missbrauchskommission ergab, dass im Zeitraum 1950 bis 2009 insgesamt 4.444 Kinder von Ordensangehörigen und Priestern missbraucht wurden. Jeder 14. Priester sei damit in Fälle sexuellen Missbrauchs verwickelt, über 1000 Einrichtungen seien betroffen gewesen.

Das ist eine Horrornachricht, die selbst die schlimmsten Erwartungen noch übertrifft. Bisher sind aus Australien vor allem Einzelfälle von sexuellem Missbrauch im Raum der Kirche bekannt geworden. Dass es Missbrauch – von anzüglichen Bemerkungen über unerwünschte Berühungen bis hin zu Vergewaltigungen -, in diesem Umfang über einen derart langen Zeitraum in Ordensgemeinschaften und Gemeinden geben konnte, ist zutiefst beschämend. Darin sind sich alle einig.

Wie diese Zahlen zu lesen sind, ist bereits wieder umstritten. Anthony Fisher, Erzbischof von Sydney, weist darauf hin, dass es sich bei den in der Erhebung genannten Fällen um Anschuldigungen handle, nicht um juristisch geklärte Vorgänge. Vertreter der Betroffenen hingegen meinen, die Zahlen bildeten allenfalls die Untergrenze. In Wahrheit sei die Zahl der Opfer wahrscheinlich deutlich höher.

Tatsächlich handelt es sich bei den 4.444 registrierten Opfern nur um diejenigen Personen, die sich zwischen 1980 und 2015 bei kirchlichen Einrichtungen gemeldet haben, um über Vorgänge aus den Jahren 1950 bis 2009 zu berichten. Es könnte also noch weitere Opfer geben, die sich (bisher) nicht haben melden wollen. Andererseits ist die Meldung eines Missbrauchsfall nicht gleichbedeutend mit einem Missbrauchsfall. Allerdings wurden 309 der gemeldeten Fälle zusätzlich bei der Polizei angezeigt. Zumindest hier erhärtet sich der Verdacht, dass ein Missbrauch stattgefunden hat.

Bleiben wir bei den 4.444 mutmaßlich missbrauchten Kindern und streichen wir – im Zweifel für das Opfer – das „mutmaßlich“. Dann wären – bei zeitlicher Gleichverteilung – jährlich mindestens 74 Kinder in Australien Opfer sexuellen Missbrauchs durch Prieser und Ordensangehörige geworden. Da jedoch einige der Kinder über Jahre hinweg missbraucht wurden, liegt die Zahl der Opfer pro Jahr vermutlich noch höher. Alles in allem: Ein schreckliches Szenario. Und ein trauriger Tag – für die ganze Kirche.

(Josef Bordat)

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