Das Sonnenwunder von Fatima

13. Oktober 2017


Heute vor 100 Jahren fand es statt: das Sonnenwunder von Fatima.

Am 13. Mai 1917 sehen und hören die Hirtenkinder Jacinta Marto, Francisco Marto und Lúcia dos Santos die Gottesmutter Maria. Bis zum 13. Oktober 1917, jeweils am 13. eines jeden Monats, folgen weitere Erscheinungen. Zuletzt wird diese Folge – nach Ankündigung Mariens – durch ein sichtbares Zeichen bestätigt, durch das Sonnenwunder. Zehntausende Menschen werden an jenem Tag Zeuge einer ganz besonderen Himmelserscheinung.

Der Journalist Domingos Pinto Coelho versucht, das Phänomen in Worte zu fassen: „Die Sonne, in einem Moment umgeben von einer scharlachroten Flamme, in einem anderen umstrahlt in Gelb und Tiefpurpur, schien in einer außerordentlich schnellen und wirbelnden Bewegung zu sein, manchmal schien sie vom Himmel gelöst zu werden und sich der Erde zu nähern, starke Hitze ausstrahlend.“ In anderen Berichten ist ebenfalls von rotierenden Bewegungen („Wirbeln“) die Rede, davon, dass die Sonne „getanzt“ oder „gezittert“ habe.

Außer von den Anwesenden wurde das Phänomen von Niemandem beobachtet, von keiner Sternwarte, keinem Hobby-Astronomen, keinem Teleskop in ziviler oder militärischer Nutzung. Auch sonst hat kein Mensch an einem anderen Ort als in Fatima und Umgebung das Ereignis gesehen. Der Jesuit Pio Scatizzi schließt daraus: „Entweder wurden alle Beobachter in Fatima kollektiv getäuscht und irrten in ihrem Zeugnis oder wir müssen eine übernatürliche Intervention annehmen“. Die Kirche sieht in der „tanzenden Sonne“ ein Wunder (1930 anerkannt), das die Marienerscheinungen und die Botschaften von Fatima beglaubigt.

Skeptiker, die nicht an Marienerscheinungen glauben, sehen darin ein außergewöhnliches meteorologisches Phänomen oder eine kollektive Netzhautverzerrung bei den Schaulustigen, die zu einer optischen Täuschung geführt habe – es scheint, dass auch die schlechteste natürliche Erklärung aus dem Zweifel immer noch akzeptabler ist als die beste übernatürliche aus dem Glauben. Bei diesen natürlichen Erklärungen wäre dann allerdings die Frage zu beantworten, warum das besondere Phänomen von drei Kindern vorher präzise datiert werden kann. Wäre nicht bereits das ein Wunder?

Und von einem durch die Erwartungshaltung erzeugten Phänomen (Massenpsychose) auszugehen, verfängt nur so lange, wie man übersieht, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl der Anwesenden, die über eine große Fläche verteilt waren, das Ereignis mit sehr skeptischer, ja, spöttischer Haltung erwartete. Sie hatten gerade die Erwartung, dass nichts, zumindest nichts Besonderes geschehen würde. Mit dieser Erwartungshaltung standen sie auf dem Feld und blickten in den Himmel.

Unter den Beobachtern waren Gläubige und Ungläubige, Fromme und Spötter, konservative Poeten wie Afonso Lopes Vieira, dezidiert antikerikal eingestellte Journalisten wie Avelino de Almeida und nüchterne Naturwissenschaftler wie Almeida Garrett. Sie alle beschreiben das Phänomen mit Erstaunen und Ehrfurcht. Was passiert, schockt den Wissenschaftler Garrett („Die Empfindung während jener Momente war schrecklich“), lässt den Theologen Formigão verzücken („Die ungeheure Menge, überwältigt durch den Beweis von solch einem gewaltigen Wunder, warf sich auf ihre Knie“) und „verzaubert“ den Poeten Lopes Vieira „durch ein bemerkenswertes Schauspiel am Himmel in einer Art, die ich nie vorher gesehen hatte“.

Die kollektive Beobachtung der Besonderheit des Ereignisses – unabhängig von deren Deutung und dem Rückschluss auf eine mögliche natürliche oder übernatürliche Ursache – hält somit auch wissenschaftlichen Kriterien stand: hinreichende Zahl an Beobachtern, im Kern übereinstimmende Aussagen, keine gleichförmige Beeinflussung durch geteilte weltanschauliche Annahmen. Die sofort einsetzende Erforschung des Phänomens hat zwar ganz unterschiedliche Ursachen identifiziert, stimmt aber in der Einschätzung überein, am 13. Oktober 1917 sei etwas Außergewöhnliches passiert. Und genau das haben drei Hirtenkinder ohne astronomische oder meteorologische Fachkenntnisse zuvor exakt prognostiziert: Sie wussten drei Monate vorher, wann und wo es stattfinden würde. Ein Wunder.

(Josef Bordat)

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