Im Bus

21. November 2017


Ich bin gestern in Würzburg mit dem Bus gefahren. Ich bin heute in Berlin mit dem Bus gefahren. Ich wünschte, den Unterschied in Worte fassen zu können.

Zumindest scheint es in Würzburg – soviel sei gesagt – für Kleingruppen von Zehn- bis zwölfjährigen eher unüblich, auf einer 20minütigen Busfahrt eine halbe Stunde lang herum zu grölen, sich gegenseitig die Rucksäcke auf den Kopf zu hämmern, gegen die Scheiben zu trommeln und Dinge zu tun, für die ich wirklich keine Vokabeln mehr weiß.

Ich spreche nicht von alkoholisierten Herthanern nach einer Heimschlappe in der zweiten Pokalrunde, sondern von zehn- bis zwölfjährigen Kindern. Die meisten nüchtern. Ist das die Generation, die nichts mehr zu verlieren hat und daher auf zivilisatorische Umgangsformen, die der Mensch sich in den vergangenen 500.000 Jahren mühsam angeeignet hat, pfeifen kann?

Ich spreche nicht mal von Rücksicht oder Vorsicht, ich spreche von der Sicht überhaupt. Woher kommt diese Fähigkeit, konsequent und ausnahmslos nur sich selbst zu sehen? Wo lernt man das? Wer trägt dafür die Verantwortung? Oder: was? Unausgewogene Ernährung? Zu wenig Frischluft? Die Medien?

Es tut mir Leid, der Kulturpessimist bricht aus mir heraus. Aber ich habe einfach die starke Vermutung, dass der Gedanke „Ich weiß, dass es andere Menschen gibt, aber es ist mir egal!“ evolutionär allmählich übergeht in „Wie jetzt: ‚andere Menschen‘?“ und dass wir Vorboten dieser neuen Entwicklungsstufe jetzt schon im Berliner Nahverkehr erleben können.

(Josef Bordat)

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