Oder: Verschwörungstheorien – Warum sie so schwer zu widerlegen sind

Nicht, dass ich meinte, es habe irgendeinen Sinn, Verschwörungstheoretiker von ihrer Verschwörungstheorie abzubringen (im Gegenteil: durch eine sachliche Kritik an den vorgebrachten Ungeheuerlichkeiten wertet man diese nur auf und stärkt den Glauben an die Diskussionswürdigkeit der Thesen), aber vielleicht hat es ja Sinn, diejenigen, die allzu leichtfertig einer solchen Phantasiegeburt Glauben schenken (schon, weil es manchmal angenehm ist, daran zu glauben), daran zu erinnern, dass sie unter Umständen auch falsch liegen könnten. Leider. Denn freilich wäre es schön, wenn es keinen Klimawandel gäbe, Krebs nichts weiter als eine Erfindung der Pharmaindustrie wäre – und das Germanwings-Flugzeug am Ende gar nicht abgestürzt (was so ziemlich der neuste Gegenstand ist, an dem sich Verschwörungstheoretiker austoben).

Mir geht es im Folgenden nicht darum, über die psychologischen Motive der Verschwörungstheoretiker zu spekulieren, sondern mir Gedanken darüber zu machen, warum sie – trotz der hirnschmelzenden Thesen, die eine Verschwörungstheorie bilden –, so erfolgreich sind. Denn das sind sie für meine Begriffe durchaus. Was könnten die Gründe für diesen Erfolg sein? Ich denke, Verschwörungstheorien sind nicht nur von ihrem Ergebnis her oftmals wünschenswert, sondern sie sind auch verhältnismäßig schwer zu widerlegen. Denn: Ihnen ist in ihrer Verworrenheit, ihrer wilden Verkettung von Unsinn, Fragwürdigem, Halbwahrheiten und Selbstverständlichkeiten oftmals mit Vernunft nicht beizukommen. Wolfgang Pauli meinte über solche Theorien einmal, sie seien „nicht nur nicht richtig“, sondern „nicht einmal falsch“.

Der Punkt ist zunächst folgender: Teilt man die vorgetragenen Prämissen, so werden die Schlussfolgerungen möglich. Stellt man die Prämissen als unabweisbar dar, so wird die gewählte Schlussfolgerung praktisch zwingend. Beispiel: Wenn ich davon ausgehe, dass sich die Regierungen dieser Welt in der Hand einer Gruppe von slowakischen Volleyballerinnen befinden, dann ist es naheliegend, für alles weitere zu unterstellen, dass slowakische Volleyballerinnen sehr, sehr mächtig sind. Natürlich könnte man hier bereits die Frage stellen, warum man davon ausgehen sollte, dass die Regierungen dieser Welt von einer solchen Gruppe abhängig sind, wo sie doch eine höchst unterschiedliche Politik machen und sich zum Teil immer wieder einer Wahl stellen müssen, was impliziert, dass auch die betreffenden Völker auf irgendeine Art und Weise zu Geiseln der Gruppe geworden sein müssen (Es sei denn, man meinte, die Wahlen selbst stünden unter der Kontrolle jener Gruppe, was ja – wenn sie schon die Regierungen kontrolliert – allenfalls ein logistisches, kein logisches Problem darstellt.).

Jetzt gibt es einen Trick: Der Verschwörungstheoretiker macht die Prämisse zum Axiom. Da man zu Beginn einer Theorie immer an etwas glauben muss (und sei es nur daran, überhaupt Theorien über einen Sachverhalt aufstellen zu können), muss man hier eben an die Prämisse als Axiom glauben. Man kann das ganz mit geheimnisvollen Erzählungen garnieren – entscheidend ist die Bereitschaft, diesen Schritt von der Prämisse zum Axiom mitzugehen. Ist man sich darin erst mal einig, dass die Annahme zu Beginn die einzig mögliche ist, dann kann die Verschwörungstheorie blühen. Also: Da zweifelsfrei feststeht, dass sich die Regierungen dieser Welt in der Hand einer Gruppe von slowakischen Volleyballerinnen befinden (wer widerspricht, ist dumm oder böse), ist es nicht mehr abwegig zu meinen, diese Gruppe habe große Macht und – so sind Menschen nun mal, auch slowakische Volleyballerinnen – missbrauche diese regelmäßig zu ihren Gunsten. Oder aus reiner Freude an der Möglichkeit, Macht auszuüben. Dafür gibt es in der Geschichte viele Beispiele. Oder wollen Sie sagen, Menschen missbrauchten ihre Macht nicht? Machen Sie sich nicht lächerlich!

So. Damit wäre der Grundstein einer Verschwörungstheorie gelegt. Aus geeigneten Prämissen lässt sich nämlich praktisch alles folgern. Wenn ich es für erwiesen halte, dass es im Bundeskanzleramt eine unterirdische Gegenstromanlage gibt, von der Niemand etwas wissen darf (man selber – nun, ja – weiß es eben trotzdem), dann liegt es nahe zu vermuten, Angela Merkel trainiere heimlich (zum Beispiel nachts – warum nur sieht man sie dann so selten?!), um bei den nächsten Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro eine Medaille über 200 Meter Freistil zu gewinnen (oder mindestens in den Endlauf zu kommen). Sie wäre nicht die erste 200 Meter Freistil-Olympiasiegerin aus der DDR.

Dieser Vorwurf, dass aus geeigneten Prämissen alles beliebig gefolgert werden kann, geht an alle „Theorien“, die auf nicht beweisbaren Prämissen (Axiomen) basieren (streng genommen sind das wiederum alle, weil sich alle Theorien auf Axiome zurückführen lassen, die man glaubend annehmen muss). Er lässt sich auch auf Glaube und Religion beziehen (Nietzsche etwa tat dies). Allerdings sprechen hier zum einen die tatsächlichen Zahlenverhältnisse (über 90 Prozent der Menschen haben einen religiösen Glauben) und die Historizität (seit über 5000 Jahren wird der religiöse Glaube in ritueller Form von Menschen gelebt) gegen die These vom (beispielsweise) Christentum als „Verschwörungstheorie“. Denn bei einer solchen bleibt die Zahl der „Gläubigen“ klein. Zum anderen besteht das Christentum den Praxistest: Viele Menschen leben im Alltag nach den Vorstellungen ihres Glaubens, zum Teil unter Inkaufnahme erheblicher Nachteile. Die Zahl der Menschen, die wirklich bereit sind, nach den Vorstellungen einer Verschwörungstheorie zu leben, die also bereit sind, die Konsequenzen zu ziehen, vielleicht sogar bereit sind, für ihre „Wahrheit“ in den Tod zu gehen, dürfte allerdings gegen Null tendieren.

Hier kommt der Begriff der „Bewährung“ oder „Bestätigung“ ins Spiel, der wichtig ist, aber erkenntnistheoretisch weit unter dem Wert des Beweises und der Würde der Wahrheit liegt. Aber er ist wichtig, um die Plausibilität einer Theorie festzustellen – vielleicht das höchste der Gefühle, wenn man ihre Wahrheit schon nicht zweifelsfrei erweisen kann. Die Theorie ist bestätigt wäre so etwas wie der kleine Bruder von Die Theorie ist wahr. Die gegenwärtige nachmetaphysische Epistemologie hat sich schon daran gewöhnt, dass man an den großen Bruder nicht wirklich herankommt. Verschwörungstheorien behandeln jedenfalls oftmals schwach bestätigte Sachverhalte, die schon aus Zeitgründen nur wenig bewährt sind, also aktuelle Ereignisse betreffen. Die (stark bestätigte) Gravitation etwa (die strenggenommen auch nur eine Theorie ist, allerdings eine ziemlich gut bewährte) als „Verschwörung“ unserer slowakischen Volleyballerinnen hinzustellen, die ihre Macht demonstrieren, indem sie alles zu Boden fallen lassen, wäre weit weniger erfolgversprechend als die Gruppe etwa zur Urheberin einer Katastrophe zu machen, über deren Umstände wir alle noch nicht viel wissen.

Jetzt kommt ein weiterer Trick: Die geschickte Anwendung von Hempels Rabenparadox. Carl Gustav Hempel hat behauptet, dass die These, alle Raben seien schwarz, durch das Aufweisen von nicht-schwarzen Nicht-Raben schwach bestätigt werde. Also: Jedes mal, wenn ich ein weißes Pferd oder einen braunen Hund oder ein rosa Einhorn sehe, werde es ein kleines Stückchen wahrscheinlicher, dass die These „Alle Raben sind schwarz.“ wahr ist. Ein ganz, ganz kleines Stückchen. Der Verschwörungstheoretiker überschätzt den Grad der Bestätigung hoffnungslos und meint, wenn Andere etwas ganz Anderes über den Sachverhalt aussagen, als seine Verschwörungstheorie hergibt, ohne dabei die (abstrusen) Prämissen zu benutzen und ohne dabei auf die (gewagten) Schlussfolgerungen auch nur einzugehen, bestätige das die Verschwörungstheorie. Seht her, wie sie die „Wahrheit“ ignorieren! Pluspunkt für uns! Zudem muss es ja zwischen unserer „Wahrheit“ und dem, was diejenigen sagen, die unter der Rigide slowakischer Volleyballerinnen stehen, eine Differenz geben – logisch! Oder etwa nicht?!

Das wiederum erinnert an Häresie. Häretische Positionen haben strukturell vieles mit Verschwörungstheorien gemein. Man begibt sich auf eine intellektuelle Geisterfahrt. Auf die Sonderposition angesprochen und darauf, dass man sich ja auch irren könne, erwidert der Häretiker: „Ich? Alle anderen! Aber nicht ich!“, gerade so, wie eben der Geisterfahrer, dem man mitteilt, es gäbe einen Geisterfahrer, meint: „Einer? Hunderte!“ Die Wahrheit ist nicht mehrheitsabhängig, völlig klar, aber die Tatsache, dass man mit seiner „Wahrheit“ alleine da steht, spricht auch nicht unbedingt dafür, dass man richtig liegt.

Weiterhin stellt sich die Frage, warum die große Macht slowakischer Volleyballerinnen ausgerechnet den intellektuellen Geisterfahrer respektive Verschwörungstheoretiker nicht usurpiert. Warum man daher als einziger die Zusammenhänge erkennen kann, die die Welt in ihrer Verblendung so geflissentlich übersieht. Verschwörungstheoretiker müssen sich jeweils selbst aus ihrer Verschwörungstheorie herausnehmen. Er weiß zum Beispiel von einer Geheimsache, von der sonst Niemand etwas weiß. Man nennt das den Ismael-Effekt. Ismael erzählt die Geschichte von Moby Dick, einem riesigen Wal, der sein Schiff zerstört hat. Die ganze Schiffsbesatzung ist tot, alle, außer Ismael. Der einzige Grund dafür ist ein dramaturgischer: Einer muss ja die Geschichte erzählen. Dieser Grund ist aber außerhalb von fiktionaler Literatur nicht haltbar. Wieso steht also gerade der Verschwörungstheoretiker außerhalb des Einflusses der Gruppe slowakischer Volleyballerinnen? Solange das nicht plausibel erklärt ist, kann man zumindest ein Patt erzielen, indem man sich die Meta-These der Verschwörungstheoretiker zu eigen macht und alles, was an Aussagen in einer Sache vorhanden ist, unter den Verdacht stellt, aufgrund der Macht slowakischer Volleyballerinnen präjudiziert zu sein – einschließlich der Verschwörungstheorie selbst. Ein unbefriedigendes Unentschieden. Immerhin.

Schließlich gibt es noch einen Trick, der oft genutzt wird und kaum jemandem (vor allem unter den Anhängern von Verschwörungstheorien) aufzufallen scheint: der fehlerhafte Umkehrschluss. Wir wissen: Wenn „aus A folgt B“ wahr ist, dann gilt im Umkehrschluss, dass „aus nicht-B folgt nicht-A“ ebenfalls wahr ist – und nicht „aus B folgt A“. Beispiel: Es ist geheim, also gibt es keine Bilder. Der wahre Umkehrschluss lautet ziemlich unspektakulär: Es gibt Bilder, also ist es nicht geheim. Der Verschwörungstheoretiker schließt jedoch zugunsten seiner Verschwörungstheorie bewusst falsch: Es gibt keine Bilder, also ist es geheim. Somit hätte er also Recht, als er sagte: Es gibt ein geheimes Programm, einen geheimen Plan, eine Geheimsache. Die Tatsache, dass es keine Bilder davon gibt, stützt dann seine Behauptung, es handle sich um etwas Geheimes. Dass es schon deswegen keine Bilder von einer Sache gibt, weil es die Sache nicht gibt, kommt dabei nicht in Betracht. Nicht mehr, wenn einmal der fehlerhafte Umkehrschluss unentdeckt gezogen wurde.

Insgesamt sind Verschwörungstheorien so gestaltet, dass sie mit jeder Reaktion tautologisch bestätigt werden: Reagiert man affirmativ (meinetwegen auch in ironischer Form, das läuft aufs Gleiche hinaus, weil Ironie nicht erkannt wird), bestätigt man sie, die Verschwörungstheorie, und erhöht zudem die Wahrscheinlichkeit, dass andere Menschen affirmativ reagieren. Reagiert man mit Widerspruch, wertet man sie, die Verschwörungstheorie, als gleichberechtigte Position auf und zeigt außerdem (vor allem, wenn man unwirsch reagiert, was manchmal allzu menschlich ist), wie „gefährlich“ es für die Gruppe slowakischer Volleyballerinnen wäre, wenn die Welt hinter die „wahren“ Zusammenhänge käme (die deren willfährige Organe, also „die Politik“ und „die Medien“, deshalb verschleiern müssen, wo sie nur können), wie wichtig also die „Aufklärungsarbeit“ der Verschwörungstheoretiker ist. Reagiert man nicht, zeigt man damit nur, dass sie, die Verschwörungstheoretiker, einen wunden Punkt getroffen haben, dass einem selbst die Argumente fehlen, dass die Verschwörungstheorie jedenfalls berechtigt ist. Es gibt keine Möglichkeit, die Theorie zu widerlegen – jedenfalls nicht im Rahmen ihrer Axiome. Das, was getan werden kann, ist ihre Plausibilität indirekt zu senken, indem man die eigene Theorie stetig verbessert sowie die Ergebnisse klar und nachvollziehbar kommuniziert. Und man kann auf einige logische Ungereimtheiten hinweisen, wie ich das versucht habe. Ich bin mir aber sicher, dass dies den Verschwörungstheoretikern als ultimativer Nachweis der großen Verzweiflung gilt, mit der Menschen wie ich, die auf der Gehaltsliste slowakischer Volleyballerinnen stehen (sollte ich das abstreiten, dann aus steuerlichen Gründen), die großen Lügen der Welt verteidigen. Und der letzte Satz gilt ihnen als Ablenkungsmanöver, ganz bestimmt. Man kommt nicht raus aus der Verschwörungskiste, wenn man einmal drin ist.

(Josef Bordat)

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