Heute hören wir in der Lesung (Apg 16, 11-15), dass der Apostel Paulus und sein Gefährte Silas Kontakt zu Menschen hatten, die in der griechischen Antike nicht allzu viel zählten: Frauen. „Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die sich eingefunden hatten“, heißt es, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. War es aber nicht. Frauen galten als „große Kinder“, hatten auch im demokratischen Athen keine politischen Rechte und blieben ansonsten im Haus, für dessen Organisation sie die Verantwortung trugen, also für Kindererziehung und die Küche. Insbesondere waren sie keine Gesprächspartner für Philosophen und Theologen. Paulus setzt sich darüber hinweg: Er diskutiert nicht nur mit der Athener Intelligenz (Apg 17, 16-34), mit den „epikureischen und stoischen Philosophen“ (Apg 17, 18), sondern wendet sich auch den Frauen zu.

Das Frauenbild des Paulus ist durchaus positiv, auch wenn es nicht so scheint. Bekannt ist vor allem die paulinische Forderung, die Frau möge in der Gemeinde schweigen (vgl. 1 Kor 14, 34-35). Dabei schwieg die Frau nicht nur in der christlichen Gemeinde, sondern in der ganzen antiken Gesellschaft. Paulus vollzieht mit seiner Weisung also nur existierende gesellschaftliche Umstände nach. Eine völlige Gleichstellung der Frau hätte die hellenistisch geprägte Welt irritiert. Paulus konnte sich bei aller Differenz zwischen Heidenchristen und Judenchristen, die er Zeit seines Lebens zu einer Kirche in Christus zusammenführen wollte, darauf stützen, dass die passive Rolle der Frau allseits Anerkennung findet; auch im antiken Judentum war die Frau nicht als Schülerin eines Rabbi (oder gar als Rabbi selbst) zugelassen.

Paulus ist damit also nicht frauenfeindlich, sondern nur bemüht, das junge Christentum unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen zu etablieren. Auch die Pflicht der Frau, während des Gottesdienstes ein Kopftuch zu tragen, hat bei Paulus nichts mit ihrer Unterdrückung, sondern mit ihrer Würde zu tun – wiederum eingedenk der herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen“ (1 Kor 11, 5-7).

Bei den Griechen trugen alle Frauen Kopftuch – außer den Prostituierten. Daher wirkt das unverhüllte Haupt der Frau für diese entehrend. Ehebrecherinnen wurden zur Strafe die Haare abgeschnitten; daher Paulus‘ Anspielung darauf, dass es gleichermaßen eine Schande sei, geschoren (als Ehebrecherin) oder unverhüllt (wie eine Prostituierte) vor Gott zu treten. Also: „Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet?“ (1 Kor 11, 13). Heute – unter anderen Rahmenbedingungen – können (und sollen) wir das anders handhaben: Die Frau kann (und soll) eine Stimme in der Kirche haben, die gehört wird. Und sie muss auch nicht verhüllt sein, wenn sie zu Gott betet. Urteilt selber.

Und dann ist da noch die Sache mit der Unterordnung. Die Unterordnung der Frau unter den Mann entspricht aus damaliger Sicht der Vorstellung von einem gelungenen Eheleben in Liebe. Heute mag das schwer verdaulich sein, damals war es ein Ideal. Bei der einschlägigen Stelle (Eph 5, 21-33) muss allerdings der Kontext betrachtet werden. Denn: Von den Männern verlangt Paulus ja nicht weniger; er beginnt seine Vorstellungen mit einem Gleichberechtigungspostulat: „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“ (Eph 5, 21).

Paulus verlangt von den Männern insbesondere zweierlei: 1. die Unterordnung unter Jesus, dessen Liebe dem sich Unterordnenden Freiheit verschafft, sowie das Maßnehmen an dieser Liebe, auf dass die Beziehung zur Frau der Beziehung Christi zur Kirche gleiche, und 2. die Bereitschaft zu Liebe und Fürsorge für die Frau – bis hin zur Bereitschaft, das eigene Leben einzusetzen. Wenn das gewährleistet ist, hat die sich unterordnende Frau der Antike keine Nachteile, sondern Sicherheit, Geborgenheit und Seelenheil zu erwarten. Das galt damals noch etwas. Die heutige Vorstellung von Persönlichkeitsentfaltung und Selbstverwirklichung spielte hingegen noch keine Rolle, übrigens auch nicht bei den Männern. Individualismus ist in der Antike praktisch unbekannt, diese Idee kommt erst in der Neuzeit auf.

Paulus hält zudem an der schöpfungstheologisch begründeten Gleichberechtigung der Frau fest und betont die Gleichwertigkeit von Mann und Frau in den Augen Gottes durch das Heil des Menschen – gleich welcher Eigenschaft dieser sei – in Jesus Christus (vgl. Gal 3, 28). Damit hebt er eine Differenz des Christentums zur Kultur des Hellenismus hervor, die er aber – aus Rücksicht auf das Sozialgefüge der jungen griechischen Gemeinden der Heidenchristen – nicht zu stark machen will. Andererseits übernimmt Paulus daher die patriarchalen Strukturen der damaligen Gesellschaft in seinen Forderungen für das öffentliche und private Leben der Christen in Gemeinde und Familie.

Persönlich schätzte Paulus die Frauen offenbar sehr, obgleich er unverheiratet blieb, dies auch als Ideal empfand („Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich“, 1 Kor 7, 7), ohne generell Ehelosigkeit von Christen einzufordern. Er riet vielmehr dazu, in dem Stand zu bleiben, den der Einzelne für sich als gottgewollt erkennt (vgl. 1 Kor 7, 24), „denn jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so“ (1 Kor 7, 7). Paulus schätzte die Frauen als Christinnen, Missionarinnen, Mitarbeiterinnen. In seinen Briefen erwähnt er zahlreiche Frauen namentlich, etwa Phöbe von Kenchreä, die „vielen, darunter auch mir, geholfen“ habe (Röm 16, 2) sowie „Priska und Aquila“, die er seine „Mitarbeiter in Christus Jesus“ (Röm 16, 3) nennt.

Und dann gibt es die Frauen, zu denen er spricht, mit großer Wirkung. In der heutigen Lesung ist von einer Lydia die Rede, „eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira“, die den „Worten des Paulus aufmerksam lauschte“ (Apg 16, 14). Sie lässt sich taufen – wie damals üblich mit allen, „die zu ihrem Haus gehörten“ (Apg 16, 15). In Thessalonich schließen sich „nicht wenige Frauen aus vornehmen Kreisen“ Paulus und Silas an (Apg 17, 4) und auch bei seiner Areopag-Rede in Athen hat Paulus Erfolg bei den Frauen: „eine Frau namens Damaris und noch andere“ kommen durch seine Worte über die Auferstehung zum Glauben (Apg 17, 34).

(Josef Bordat)

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