Sieg des Terrors

26. August 2016


Ein Bild fällt mir heute morgen in der Zeitung auf: Drei uniformierte Polizisten (männlich) stehen am Strand bei einer auf dem Boden (am Boden?) hockenden Frau, die offenbar gerade im Begriff ist, sich ein hellblaues Oberteil auszuziehen. Vor wenigen Jahren hätte man dies für einen Einsatz von Drogenfahndern oder die Festnahme einer Kleinkriminellen gehalten. Heute titelt die Rheinische Post dazu: „Der Islam geht baden“.

Es geht in der Tat darum, dass an einigen französischen Stränden das Burkini-Verbot umgesetzt wird. Ein Burkini ist ein Ganzkörperbadeanzug für die Muslima, der – im Gegensatz zur Burka, auf welche sich der Name bezieht – das Gesicht frei lässt. Er ähnelt mehr einer Kombination aus Kopftuch und Badeanzug. Es gibt auch Neoprenanzüge mit Kapuze für Freiwasserschwimmer oder Surfer – so ähnlich sieht der Burkini aus. In einigen französischen Städten ist das Tragen eines solchen Burkini verboten.

Denn während der Neoprenanzug eine funktionale Komponente hat, die naturwissenschaftlich und damit intersubjektiv nachgewiesen ist (Schutz gegen Unterkühlung), liegt die Funktionalität des Burkini im subjektiven Empfinden ihrer Trägerin (Schutz religiöser Gefühle, Schutz ihrer Würde). Die lässt sich naturwissenschaftlich nicht ganz so gut nachweisen. Zählt also nicht.

Wobei: Mein Puls war nachweislich leicht, aber signifikant erhöht, als ich das Bild sah. Ich bin keine Frau und auch kein Anhänger des Islam. Beides mit der gleichen Sicherheit. Doch ich finde es zutiefst verstörend, wenn eine knappe Handvoll Polizisten eine Frau im Namen von Toleranz, Freiheit und Selbstbestimmung zwingt, sich eines für sie bedeutsamen Bekleidungsstücks zu entledigen.

Was ist die mittelfristige Konsequenz der laizistischen Maßnahme? Muslima, die Wert auf Verschleierung legen und sich partout nicht demütigen lassen mögen, werden vom Strandleben ausgeschlossen. Ein Beitrag zur Integration in Badeorten? Viele Muslime werden sich provoziert fühlen. Ein Beitrag zum (sozialen) Frieden? Menschen werden sich bestärkt fühlen, Islam und Islamismus in eins zu setzen, Religion und Terror. Ein Beitrag zur Gegenwartskultur?

Eine Gesellschaft, in der schon seit längerem eine Kombination aus Freizügigkeit und Frechheit die Rolle der Freiheit spielt, in der die Toleranz oft nur dem Ähnlichdenkenden entgegengebracht wird, in der jedes Verständnis für Religion als überflüssiger Balast auf dem Weg in die Zukunft gilt und in der folgerichtig die areligiöse Indifferenz zum absoluten Maßstab erhoben ist, scheint diese Reaktion nur konsequent.

Im Kampf gegen den Islamismus ist sie hingegen eher kontraproduktiv. Der islamistische Terror will ja gerade erreichen, dass wir hysterisch werden und hinter „unsere“ Werte zurückfallen, sie verraten, um sie vermeintlich zur Geltung zu bringen. Dass wir Freiheit normativ erzwingen und Autonomie heteronom anordnen. Also: Wenn drei Polizisten dafür sorgen, dass eine Muslima im Namen ihrer Selbstbestimmung dieselbe aufgeben muss, dann ist das wohl der größte denkbare Sieg des Terrors.

(Josef Bordat)

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