Gerettet oder gerichtet?

26. April 2017


Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind. (Joh 3, 16-21)

Das heutige Tagesevangelium enthält alles, worauf es im Christentum ankommt. Drei Glaubenswahrheiten werden unmissverständlich ausgesprochen: 1. Gott will, dass wir gerettet werden. 2. Dafür wird Gott Mensch in Jesus Christus. 3. Gott überlässt die letzte Entscheidung hinsichtlich der Rettung aber jedem Einzelnen selbst.

Wir haben es also in der Hand, weil wir an Jesus Christus glauben können – oder eben nicht. Dabei entscheiden wir: Sind wir gerichtet oder gerettet. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet. Der Glaube schützt vor dem Gericht, der Unglaube ist das Gericht, denn der Ungläubige ist schon durch den Unglauben selbst gerichtet; er hat sich schon selbst gerichtet – ohne weiteres. Der Kirchenvater Chrysostomus hat es einmal so ausgedrückt: „Der Unglaube selbst ist die Strafe des Uneinsichtigen. Denn es ist in sich selbst die größte Strafe, außerhalb des Lichtes zu sein“.

Doch wie verhält sich diese Betonung der Freiheit des Glaubens (mit der Konsequenz der Rettung) oder des Unglaubens (mit der Folge von Gericht und Strafe) damit, dass der Glaube ein Geschenk Gottes ist? Glaube ist doch Gnade! Richtig, aber diese Gnade wird ja auch allen zuteil. Der Glaube ist damit der Normalfall des zur Welt gekommenen Menschen. Gott will alle Menschen retten, Christus kommt für alle Menschen in die Welt, die Bibel ist in allen (verbreiteten) Sprachen erhältlich, die Kirche ist für alle offen. Mehr Einladung geht nicht.

Wer dennoch nicht bereit ist, das Geschenk anzunehmen, richtet sich selbst. Das ist der springende Punkt, das ist zugleich die große Gefahr mangelnder Einsicht in den hier formulierten Zusammenhang von Rettung und Gericht: Dass wir vorbeilaufen an der Gnade Gottes, am Angebot für einen Neuanfang, an dem, was Gott für uns vorgesehen hat – unsere Rettung. Auf diese Gefahr muss die Kirche hinweisen. Nicht so, dass sie die persönliche Freiheit unterdrückt (es muss die Möglichkeit geben, sich gegen die Rettung zu entscheiden, vgl. „Nachdenken über die Hölle“), aber doch so, dass sie das Gewissen des Einzelnen bildet und dessen Einsicht fördert.

(Josef Bordat)

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