Jesus, Petrus und die Liebe

10. Juni 2011


Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! (Joh 21, 15-17)

Im heutigen Tagesevangelium hören wir von einer eher ungewöhnlichen Form der Eignungsprüfung. Verlangt werden vom Kandidaten nicht Prädikatsexamen und Auslandserfahrung, sondern – Liebe. Liebe zu Christus. Ungewöhnlich ist aber auch der Beruf, der diese Eignung voraussetzt: Menschenfischer und -hirte in der Nachfolge des Herrn. Denn darum geht es. Jesu Aufforderung nach dem bestandenen Einstellungstest ist unmissverständlich: „Folge mir nach!“ (Joh 21, 19)

Liebe – das klingt nicht nur ungewöhnlich, sondern auch anspruchsvoll. Für „lieben“ wird im Neuen Testament zumeist „agapao“ benutzt, das die „agape“ meint, die unumschränkte, bedingungslose Liebe, die göttliche und die von Gott im Menschen bewirkte Liebe. Daneben findet sich jedoch auch „phileo“, was die freundschaftliche Liebe, die „philia“, zum Ausdruck bringen möchte, eine vertraute Zuneigung und Anziehung. Weil wir im Deutschen für diese beiden unterschiedlichen Formen der Liebe ein und dasselbe Wort verwenden, ist dies in der deutschen Übersetzung nicht mehr erkennbar. Im vorliegenden Fall ist das ein echter Informationsverlust, denn diese Stelle enthält ein bedeutungsvolles Wortspiel mit „agapao“ und „phileo“, das den Wechsel zwischen den Modi der Liebe beschreibt und damit in sehr erhellender Weise den Wiederaufbau der Beziehung zwischen dem Auferstandenen und seinem Apostel vermittelt. Um den Dialog zwischen Jesus und Petrus richtig zu deuten, ist es daher wichtig, sich den Originaltext anzusehen.

Jesus fragt Petrus zweimal nach dessen Bereitschaft zur unbedingten Liebe („Agapas-me?“). Petrus antwortet zweimal „Philo-se.“, also eigentlich mit „Nein“, denn „Ja“ hieße: „Agapo-se.“ Wenn man seiner Frau sagt: „Ich liebe Dich!“ und es kommt zurück: „Ich mag Dich auch!“, dann stimmt wohl etwas nicht in der Beziehung. Papst Benedikt XVI. hob in einer Katechese zu dieser Stelle hervor, dass die Demut des Petrus ihn „nur“ die „philia“ versprechen lässt (die vertrauensvolle Freundschaft), nicht aber die „agape“ (die bedingungslose Liebe), weil in der Tat etwas nicht stimmt zwischen Jesus und Petrus. Denn: Petrus begegnet hier dem Auferstandenen, den er vor kurzem dreimal verleugnet, mit dem er in seiner menschlichen Schwachheit gebrochen hatte. Petrus ist sich seiner Schwäche bewusst. Er weiß: Ich kann meinem Herrn nur noch die schwächere Form der Liebe zusichern, die „philia“. Die vollmundige Zusage der „agape“ ist nicht mehr möglich. Jener „agape“, die Jesus Christus am Kreuz so eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, als Petrus längst verschwunden war, und mit der Er sich nun erneut – nach Seiner Auferstehung – bei den Jüngern vorstellt. Aus der Sicht Jesu hat sich nichts geändert, aus der Perspektive des Petrus schon.

Doch Jesus schlachtet diese Differenz nicht aus, sondern geht erneut auf Petrus zu, gerade weil Er an der „agape“ festhält, weil Er ihn bedingungslos liebt. Er wendet sich ihm zu, indem Er bei der dritten und alles entscheidenden Frage das Wort, das Petrus benutzt, aufgreift und ihn nach dessen Disposition zur „philia“ fragt. Petrus ist „traurig“. Es ist wohl zum einen die Erinnerung, die ihn betroffen macht, zum anderen auch die Rührung über das verständnisvolle Entgegenkommen Jesu, für das wir aus der Theologie den Begriff „Gnade“ kennen: Der Mensch (Petrus) kann vor Gott (Jesus) nicht aus eigener Kraft bestehen, sondern ist auf den großzügigen „agape“-Kredit angewiesen. Petrus ahnt, dass mit der dreimaligen Bekundung der „philia“ das Vertrauen und damit die Beziehung zu Christus wieder hergestellt sind. Gegen jede der drei Verleugnungen steht nun ein Bekenntnis zur Freundschaft, das die Verleugnung nicht ungeschehen macht, ja, das eingedenk der Erfahrung und in Konsequenz der Erkenntnis menschlicher Schwäche gerade ein Bekenntnis zur Freundschaft („philia“) ist und eben keines mehr zur Liebe sein kann („agape“). Dieser Schmerz bleibt. Er wird hineingenommen in die neue Beziehung. Er belastet sie gerade so, wie er sie ermöglicht: Petrus ist „zurechtgestutzt“, doch nur so kann er „Fels der Kirche“ sein: in Demut.

Petrus kann sich erneut öffnen, weil Jesus offen ist für ihn. Petrus kann sich ganz dem Herrn anvertrauen: „Herr, du weißt alles!“ In diesem „alles“ steckt die Verleugnung und die Wiederherstellung des Vertrauens, das Wissen um Schwäche und Bedürftigkeit. Petrus übergibt sich erneut dem Herr, diesmal geläutert, mit einer Portion Realismus. Doch die Beziehung zwischen Jesus und Petrus ist im Modus der „philia“ nicht weniger kostbar und wertvoll denn im Modus der „agape“, weil sich der, der weiter „agape“ bieten kann (Jesus), dem nähert, der die „philia“ entbietet (Petrus). Jesus passt sich Petrus an, damit Petrus ihm erneut nachfolgen kann. Denn darum geht es ja: Es ist ein Neuanfang, der zurückgreift auf die Worte, mit denen bei der ersten Berufung Petri alles begann: „Folge mir nach!“ Die zweite Berufung geschieht unter der Bedingung des Vertrauens und der Freundschaft – der „philia“. Sie steht aber vor allem unter dem Vorzeichen, dass Petrus verstanden hat: Ich bin abhängig von der Gnade und der Vergebungsbereitschaft Jesu, von der grenzenlosen göttlichen Barmherzigkeit – der „agape“.

Diese Maßgabe gilt auch heute, wenn der Ruf Jesu an jeden einzelnen Christen ergeht: „Folge mir nach!“

(Josef Bordat)

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