Jesus geht im heutigen Evangelium mit zwei Menschengruppen hart ins Gericht: den Schriftgelehrten und den Pharisäern. Das sind gewissermaßen seine Lieblingsgegner, weil sich an ihnen, so Jesus, die unchristliche Differenz von Lehre und Leben zeigen lasse. Sie weisen Wege, die sie nicht gehen, sie bürgen Lasten auf, die sie nicht tragen, sie sind außen hui und innen pfui.

***

In jener Zeit sprach Jesus: Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung. So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz. Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten und sagt dabei: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, wären wir nicht wie sie am Tod der Propheten schuldig geworden. Damit bestätigt ihr selbst, dass ihr die Söhne der Prophetenmörder seid. Macht nur das Maß eurer Väter voll! (Mt 23, 27-32)

***

Auch heute gibt es sicher den Typus des „Schriftgelehrten“ und den des „Pharisäers“, innerhalb wie außerhalb der Kirche. Die Typen mit Namen zu verbinden, ist dabei nicht der springende Punkt, sondern den „Schriftgelehrten“ und den „Pharisäer“ in uns zu entdecken und aus dieser Entdeckung die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Dabei sollten wir sehen, dass es eigentlich gar nicht schlecht ist, die „Schrift“ zu kennen, also in theologischen Fragen „gelehrt“ zu sein, und dass es auch nicht von vorne herein ein Fehler ist, auf die Fehler Anderer hinzuweisen. Das tut Jesus schließlich auch. Aber er tut es in Liebe, eröffnet dem Anderen die Chance zum Neuanfang. Er tut es, damit der Andere sich bessert, nicht, damit er selbst besser dasteht.

Heute finden die innerkirchlichen Debatten in einer Tonalität der Unversöhnlichkeit statt, die überall Fronten zieht und Konflikte zementiert. Da wird jeder, der den normativen Gehalt der Tradition ein wenig abwägt, gleich zum spirituell unbrauchbaren Theoretiker, der mit seinem Modernismus die Kirche zerstört, und jeder, der vor einer allzu billigen Aufweichung der Lehre warnt, zum menschenfeindlichen Pharisäer.

Wenn wir auf Jesus schauen, so stellen wir fest, dass er beides schätzt: die Tradition, in der er steht, und die Menschen, unter denen er lebt. Er versucht, durch die geeignete Modifikation der Auslegung des Gesetzes dessen eigentlichen Sinn und bleibenden Wert zu verdeutlichen. Daher führt Jesus alles auf die Liebe zurück – die Liebe zu Gott und den Menschen. Nur, wer sich dagegen wehrt, wer Gesetze ganz abschaffen will oder sie lieblos auslegt, wird zu seinem Gegner.

(Josef Bordat)

%d Bloggern gefällt das: