Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab. (Mt 5, 38-42)

Heute wird im Tagesevangelium die berühmte Stelle aus der Bergpredigt gelesen, wo es um die Gegenüberstellung von Tradition und Modifikation geht, von dem, was bislang als das Maß der Moral galt („Ihr habt gehört“) und dem, was Jesus uns als Sein Maß der Moral lehrt („Ich aber sage euch“).

Die Vergebung ist dabei die Konsequenz der kodifizierten Vergeltung im Alten Gebot (das der Eskalation von Streit und Gewalt ein Ende bereiten sollte) im Lichte der Aufforderung zur gegenseitigen Liebe im Neuen Gebot (das Streit und Gewalt an sich ein Ende bereiten soll).

Jesus zeigt an drei Beispielen die Veränderungsdynamik seines Ansatzes. Dass man nicht zurückschlagen soll, wenn man geschlagen wird, dass man Raffgier mit Großzügigkeit entwertet und beschämt, das ist dabei noch einzusehen. Aber die Sache mit der Meile ist rätselhaft.

Die Römer hatten laut Besatzungsstatut das Recht, einen Juden zum Tragen ihres Gepäcks aufzufordern. Einen Fall der Ausübung solcher Machtbefugnis kennen wir: Simon von Zyrene wird gezwungen, Jesu Kreuz zu tragen. Das tut er dann ja auch – gezwungenermaßen.

Allerdings war diese unbeliebte Dienstpflicht auf die Distanz von einer Meile beschränkt. Dann musste sich der römische Bürger einen anderen Juden suchen oder sein Gepäck selber tragen. Es sei denn, der Träger setzte seinen Dienst fort – vielleicht gegen Bezahlung. Aber in jedem Fall freiwillig.

Die zweite Meile fällt aus der Unterdrückungsbeziehung zwischen Römer und Jude heraus. Nicht mehr Macht und (ungerechtes) Gesetz ist die Basis des Dienstes, sondern Freiwilligkeit. Das sollte dem römischen Bürger auch in seinem Überlegenheitsgefühl Respekt und Anerkennung abnötigen.

Damit kann die Beziehung auf eine neue Basis gestellt werden. Die Feindschaft ist überwunden (von der Feindesliebe handeln die sich unmittelbar anschließenden Verse 43 bis 48, die wir morgen hören). Am Ende schuldet der Römer dem Juden etwas, vielleicht Geld, in jedem Fall Dank.

Das ist Jesu Idee: Ungerechte Machtstrukturen sollen durch Liebe gebrochen werden. Und damit das möglichst überall passiert, soll sich die Liebe nicht nur auf Familie und Freunde richten, wie es in der Natur des Menschen ohnehin angelegt ist, sondern auch auf die Feinde.

(Josef Bordat)

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