Ein Fall in Indonesien verstört zutiefst. Ein Fall von – ja, was eigentlich? Gotteslästerung? Inwiefern ist Gott und ist der Glaube betroffen, wenn ein Mensch auf die Freiheit des Gewissens und der Wahlentscheidung verweist? Christenverfolgung? Basuki Tjahaja Purnama („Ahok“) ist Christ, aber geht es hier nicht eher darum, den politischen Gegner mundtot zu machen? Islamismus? Dann aber einer ganz ungewöhnlichen Art, schließlich handelt es sich um eine (zumindest formal) unabhängige Judikative, die „Ahok“ hinter Gitter bringt. Wegen Gotteslästerung. Gotteslästerung?

Halt! Worum geht es eigentlich? Der Gouverneur der indonesischen Hauptstadt Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama, genannt „Ahok“, wurde von einem indonesischen Gericht zu zwei Jahren Haft verurteilt. Der bekennende Christ habe mit der Feststellung, der Koran verbiete es Muslimen nicht, für einen Nicht-Muslimen zu stimmen, den Islam beleidigt. Das berichtet die Tagesschau. Ob seine Einschätzung richtig ist, kann ich nicht beurteilen, dafür kenne ich den Koran nicht gut genug, aber (etwaige) Fehleinschätzungen bestraft man in einem Rechtsstaat nicht mit Freiheitsentzug. Das ist schon mal klar und spricht eindeutig gegen das Urteil.

Zum anderen: Was ist von einer Religion zu halten, die einen Glauben ohne Gewissen proklamiert? Kann das im Willen Gottes liegen, die Gläubigen jeder Freiheit zu berauben? Wer hier vorschnell allein den Islam ins Visier nimmt, der sei an die Katholische Kirche des 19. Jahrhunderts erinnert, die es mit Freiheit (des Gewissens, der Meinung, der Presse und der Religion) auch nicht wirklich ernst gemeint hat, ja, die dagegen vehement polemisierte. Die Kirche hat ihre Schritte getan (Stichwort: Zweites Vatikanisches Konzil), dem Islam steht eine solche Reform noch bevor. Sie ist – das zeigt das absurde Urteil – dringend geboten.

Als Christ möchte ich den Fall einmal aus christlicher Perspektive betrachten. So sehr ich das Streben nach christlichen Werten in der Politik befürworte (und nach Kräften dafür arbeite), so grauenhaft fände ich es, wenn diese Werte ab morgen verpflichtend für alle wären – weil andere Orientierungen gar nicht erst zugelassen sind oder es Christen verboten wäre, sich für diese zu entscheiden. Denn nur in Freiheit hat der christliche Glauben Sinn, nur in Freiheit kann er sich entfalten. Eine politisch gewendete Religion, die sich selbst zur einzig denkbaren Kraft im Staat erhebt, verfehlt den Charakter des religiösen Glaubens als Akt der persönlichen Freiheit des Menschen.

Politisch gewendet zu sein, das galt auch mal für das Christentum als Reichs-, Staats- oder Landeskirche, das gilt heute immer noch für den Islam, dort, wo er die Rechtsgrundlage des Bekenntnisstaates bildet, wie im Iran und in Saudi-Arabien, aber auch dort, wo er de facto großen Einfluss auf Politik und Justiz ausübt, ohne Staatsreligion zu sein, wie in Indonesien, dem Land mit den meisten Muslimen (etwa 200 Millionen), in dem aber auch 23 Millionen Christen leben. Mit diesem politischen Islam ist kein Rechtsstaat zu machen, das zeigt die Verfolgung von Homosexuellen im Iran, von Bloggern in Saudi-Arabien und von christlichen Politikern in Indonesien.

Aber noch einmal die christliche Perspektive: Man kann aus systematischen Gründen nicht Andersgläubigen jene Freiheit verweigern, die man selbst in Anspruch nehmen will. Ein „bisschen“ Freiheit kann es nicht geben. Eine Religionsfreiheit, die nur dort gilt, wo es uns Katholiken passt, ist keine. Eine Meinungsfreiheit, die nur meine Position zulässt, ebenso wenig. Freiheit ist immer (auch) die Freiheit des Andersdenkenden. Man kann also nicht einerseits die Religionsfreiheit hochhalten, wenn Christen verfolgt werden, und andererseits sagen, sie sei ein „Fehler“ (so die Haltung der Katholischen Kirche im 19. Jahrhundert), weil damit auch irrige Religionen zum Zuge kommen können.

Ja, das können sie. Und dann gilt es eben, über diese Irrtümer aufzuklären und auf die (von Gott gegebene) Vernunft der Menschen zu hoffen, nicht aber die Möglichkeit der freien Verbreitung des Irrtums a priori zu beschränken. Auch der Irrtum, wenn er nicht aus Bösartigkeit, sondern aus Gewissensnot erwächst, hat seinen Wert. Sag nicht nur ich, sagt auch Thomas von Aquin. Wer das anders sieht und die (eigene) Wahrheit gegen alles Abweichende immunisieren will, fällt ganz weit hinter die vernünftige Theologie der Kirche zurück. Und das gilt nicht nur für indonesische Gerichte.

(Josef Bordat)

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