Sondierung nach Max Weber

16. November 2017


Der Soziologe Max Weber vertrat in einer Rede (Politik als Beruf, 1919) die Auffassung, es gebe eine letzte, argumentativ nicht mehr entscheidbare Alternative zwischen zwei moraltheoretischen Grundtypen, nämlich die Unterteilung in Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Menschen sind entweder Gesinnungsethiker oder Verantwortungsethiker und können sich für diese Grundentscheidung nicht mehr rechtfertigen.

Als Verantwortungsethiker bezeichnete Weber denjenigen, der bei seinem Handeln die Gesamtheit der Folgen seines Handelns bedenkt und der die Bewertung dieser Folgen zum Maßstab seiner Entscheidung macht, also konsequentialistisch argumentiert, mit Begriffen wie Nutzen, Situation, Abwägung, geringeres Übel und Bezugsrahmen.

Gesinnungsethiker nannte er hingegen denjenigen, der bestimmte Handlungen kontextunabhängig als moralisch oder unmoralisch qualifiziert, also ohne Rücksicht auf die Folgen bestimmter Handlungen oder Unterlassungen das tut, was er für das sittlich Gebotene hält, also deontologisch argumentiert, mit Begriffen wie Prinzip, Pflicht, Absolutheit und Unbedingtheit.

Die Gesinnungsethik nennt Weber auch die Ethik des Heiligen und die Verantwortungsethik die Ethik des Politikers. Es ist nun an unseren Politikern zu zeigen, dass sie begriffen haben, dass es ihnen um die Verantwortung, nicht um die Gesinnung gehen sollte. Wir brauchen keine Regierung der makellosen und unangefochtenen Heiligen (das können politisch Verantwortliche ohnehin nur selten sein), sondern eine der um den Kompromiss ringenden Politiker, die Verantwortung übernehmen für das Volk, das sie durch freie Wahlen dahin gebracht hat, wo sie jetzt sind.

(Josef Bordat)

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