Was ist der Mensch? Die zentrale Frage der Anthropologie wird heute immer öfter überführt in die Fragen: Was kostet der Mensch? und Was nützt der Mensch? Gemeint ist: der Gesellschaft, also uns. Fällt die Antwort unbestimmt aus oder gar negativ, liegt die Folgerung nahe, dass er dann auch nicht mehr sein soll, dieser Mensch.

Ein solches Denken ist dabei nicht neu. Schon Aristoteles billigt bestimmten Menschen lediglich eine ihrem Nutzwert entsprechende Daseinsberechtigung zu. Es sind dies nach seiner Ansicht Menschen, die zur produktiven Leistung innerhalb der Gemeinschaft unfähig sind, weil ihnen dazu der Verstand fehlt. Aristoteles nennt sie „Sklaven von Natur“.

Die Geschichte der Sklaverei ist seit der Antike geprägt von dem Gedanken, dem Menschen (zumindest einigen) einen Preis zu geben, einen Marktwert, einen Wert. Mir ist klar, dass Ökonomen zwischen Preis und Wert unterscheiden, aber darum geht es jetzt nicht. Es geht darum, dass beide Konzepte auf Waren Anwendung finden. Der Mensch wird also zur Ware.

Das widerspricht allen Bemühungen seit der Antike – seien sie vorchristlich, christlich, humanistisch oder christlich-humanistisch grundiert – dem Menschen Würde zuzuschreiben. Entweder Wert oder Würde – tertium non datur. Wir müssen uns entscheiden, was maßgebend sein soll. Heute scheinen wir wieder auf dem Weg, uns für den Wert zu entscheiden.

So wie vor 80 Jahren, als Adolf Hitler die „erlösende Lehre von der Nichtigkeit und Unbedeutendheit des einzelnen Menschen“ verkündete, als eine Ideologie, die gegen die „christliche Lehre von der unendlichen Bedeutung der menschlichen Einzelseele“ gerichtet sei und nun „mit eiskalter Klarheit“ umgesetzt werde. Für „unnütze Esser“ war in dieser Lehre kein Platz.

Frage: Wer hat einen Platz? Antwort: Der Mensch, der möglichst wenig kostet und möglichst viel nützt. Als Richard Dawkins via Twitter gefragt wird, ob es denn wenigstens in Ordnung sei, einen Autisten am Leben zu lassen, wenn schon ein Mensch mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) vor der Geburt unbedingt getötet werden solle, antwortet er, dass jene Menschen (Autisten) einen Beitrag zur Gesellschaft leisten, diese Menschen (mit Trisomie 21) hingegen nicht.* Damit – „Beitrag zur Gesellschaft“ – wird also die Frage nach der Daseinsberechtigung des Menschen beantwortet. Man kann Dawkins viel vorwerfen, aber nicht, dass er nichts Tacheles spricht.

Die einen dürfen also leben, weil und soweit sie mit ihren Fähigkeiten Nutzen stiften können, die anderen, die (angeblich) keinen Nutzen stiften können, weil ihnen (angeblich) die Fähigkeiten dazu abgehen, dürfen nicht leben. Es geht nicht darum, wieso das nicht wahr ist, sondern um die Rückkehr des Nutzenkalküls als anthropologisches Argument. Das Lebensrecht des Menschen erscheint als Folge seiner Fähigkeit, Nutzen für die Allgemeinheit zu stiften.

Analog dazu liegt im negativen Modus das Kostenkalkül. Auch das ist wieder hoffähig als Argument im anthropologischen Diskurs. Es sei – schreibt ein Kommentator unterhalb des Artikels im Telegraph – egoistisch und unverantwortlich von Eltern, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen, weil sie damit die Gesellschaft überproportional zu belasten drohen, denn schließlich sei eine größere Inanspruchnahme des Gesundheitswesens zu erwarten. Dafür gibt es dreimal „Daumen hoch“.

Nützt nichts. Kostet nur. Weg damit. Man fühlt sich angesichts dieser Argumention an Aristoteles erinnert. Und an Hitler.

* Die Frage lautete: „It is an interesting dilemma. What about people on the autism spectrum (which I am)? Where would u draw the line?“ Dawkins’ Antwort: „People on that spectrum have a great deal to contribute, Maybe even an enhanced ability in some respects. DS not enhanced.“ Dokumentiert hat das Twitter-Gespräch der Independent.

(Josef Bordat)

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