Rot. Gelb. Grau

15. September 2014


Barcelona, 11. September 2014. Am Rande einer Großdemonstration für die Unabhängigkeit Kataloniens. Alle tragen rot oder gelb. Nur einer trägt grau.

Rot (triumphalistisch): Na, wie findest Du das?!

Grau (nüchtern): Ja, eindrucksvoll! Wirklich: Sehr eindrucksvoll!

Rot: 1,8 Millionen Menschen demonstrieren friedlich für ihr gottgegebenes Recht, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und endlich das zu werden, was des Menschen ureigenste Bestimmung ist: frei und ungebunden das Dasein mit Sinn zu füllen, ein Leben in Wohlstand und Glück zu erstreben und mit der eigenen Hände Arbeit ein rechtes Tagwerk zu verrichten, damit einst die Kindeskinder der Kindeskinder endlich sein können, was der Höchste ihnen in seinem Ratschluss vor allen Zeiten zugedacht hatte: Mensch! Mensch unter Menschen, Kind unter Kindern, Freier unter… Ja, äh, so soll es sein! Und einst wird der Tag kommen (wischt sich den Schaum vom Mund) da die Stunde schlägt, das Blut unser Väter zu rächen und jedem dieser kastilischen Kotzbrocken… (Gelb zupft ihn am Arm, um ihn daran zu erinnern, dass er sich auf juridisch relevantes Gebiet begibt). Naja, jedenfalls müssen die Transferleistungen an Madrid um mindestens 23 Prozent gekürzt werden, um den Etat für Landwirtschaft und Tourismus zu entlasten. Dazu kommt, dass die Jugendarbeitslosigkeit nur dann wirksam… (Gelb rollt mit den Augen, Rot registriert es widerwillig). Du bist doch auch für die Unabhängigkeit Kataloniens, oder?

Grau: Unabhängigkeit? Nun, ja. Ich weiß nicht, ob das wirklich die beste Lösung ist. Ich meine, angesichts der globalen Situa…

Rot: Du siehst all dies und hast noch Zweifel?! (zerreißt sein rotes T-Shirt und fällt auf die Knie) Verflucht sei der / Tag, der Deinen Atem erstmals roch! / Verflucht sei der / Schoß aus dem einst kroch / die Kreatur, / die vor mir steht / und die ich nur / das höchste Recht der Götter / erflehte anzuerkennen! (sammelt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht) Und Real Madrid gehört nicht verboten, was?!

Grau: Weißt Du, jetzt wo Toni Kroos…

Rot (die Hände zum Himmel erhoben): Toni Kroos! (zur Menge) Freunde, Brüder, Landsleute: Habt ihr das gehört! (wieder zu Grau) Nein, mein Freund! Wie schon der katalanische Dichter Schiller sagte: „Sein oder Nichtsein!“

Grau: Also, erstens war das nicht Schill…

Rot: So, jetzt hörst Du mir mal zu! 1823 wurde in Katalonien das erste Atomkraftwerk in Betrieb genommen. Hier, gleich um die Ecke (deutet mit der Hand die Lage an) Und? Wer hat es schließen lassen?

Grau (zögerlich): Die Spanier?

Rot: Richtig!

Grau (noch zögerlicher): Sicher nicht ohne Grund…

Rot: Oh, nein! Aus demselben Grund, aus dem sie das Raumfahrtprogramm in Tarragona gestoppt haben, drei Jahre später. Aus dem einzigen Grund, den Spanien kennt: Es will uns vernichten, ausbluten lassen, mit unseren Armen und Beinen ihre verfressenen Stiere füttern, mit unseren Eingeweiden ihre Tennisschläger bespannen! Aus unserem Unterbauchfett wollen sie ihre Sangria…. (Gelb bedeutet ihm, dass es allmählich reicht). (resignativ) Die Raketenbasis war schon fast fertig. Damals. (vor sich hin brummelnd) Gut, die Toiletten noch nicht ganz und man hätte auch noch mal mit ein bisschen frischer Farbe… (laut) Aber der Andalusier will ja nicht arbeiten! Der kommt hier hin, aus freien Stücken, meistens – und meint, er könne dann hier auch vier Stunden Siesta und so weiter (deutet mit der Hand den Verzehr alkoholischer Getränke an). Aber nicht mit uns!

Gelb (sichtlich um Vermittlung bemüht): Das verstehst Du doch sicher, als Deutscher?

Grau: Klar. (trocken) „Arbeit macht frei.“

Gelb (lächelt erleichtert): Das meine ich!

Rot (klopft Grau auf die Schulter): Weißt Du, Grau: Du bist kein schlechter Mensch. Gut, die Sache mit Real Madrid (schüttelt verzweifelt den Kopf, klopft Grau wieder auf die Schulter). Aber auch ich bin kein Unmensch. Schwamm drüber.

Grau (sichtlich erleichtert): Und was machen wir jetzt? Bierchen?

Rot und Gelb (unisono): Weinchen?

Rot, Gelb und Grau lachen.

Grau (immer noch lachend): Ich glaube ja, dass in tausend Jahren, wenn wir alle tot sind…

Rot (ernst und bestimmt): Katalanen sterben nicht!

Grau (sichtlich überrascht): Was?

Gelb (nickt, Grau fast entschuldigend anblickend): Wo er Recht hat…!

Rot: Sie verwandeln sich automatisch in Biomasse, die sofort genutzt werden kann, um Energie zu erzeugen, zum Beispiel für das Flutlicht im Camp Nou. Auch so eine Sache: Wieso müssen wir für die Sicherheit im Camp Nou zahlen, obwohl auch Spanier Zutritt zum Gelände haben und Peking überhaupt nicht in Uganda liegt?!

Grau (leicht verwirrt): Was???

Rot (spöttisch): Willst Du etwa behaupten, Peking liege in Uganda?

Grau: Nein, nein! Aber…

Rot (Oberwasser gewinnend): Freunde! Er behauptet, Peking liege in Uganda! (allgemeines Gelächter, während sich um Grau ein Ring aus keifenden Jugendlichen bildet, aus deren Geschrei mit etwas Mühe die Wörter „Independencia“ und „Japan“ herauszuhören sind) So, so. Peking liegt in Uganda, was?! (Rot spuckt Grau vor die Füße) Ha!

Grau: Ich hab’s nicht so gemei…

Rot (jetzt richtig aufdrehend): Anderes Beispiel: Internet. Facebook. Ritter.

Gelb (liebevoll): Twitter.

Rot (macht unwirsche Handbewegung): „Twitter“. Und so. Das wäre ohne Katalonien doch nie entstanden! Der Fisherman zum Beispiel…

Grau (leise, kaum hörbar): Zuckerberg.

Rot (erbost): Ja, ja, lenk nur ab! (Pause, dann laut, jede Silbe einzeln betonend) Ich hab von Dir, von Rajoy und von Franco noch kein einziges vernünftiges Argument gegen die Unabhängigkeit gehört!

Grau: Naja…

Rot (insistierend): Kein einziges!

Grau: Franco ist tot.

Rot: Schon klar, dass Du ihn verteidigst! (klopft Grau auf die Schulter) Mann, jetzt guck dich doch mal um: Schöne Strände, schöne Frauen, schöner Wein.

Grau: Wer wollte das bestreiten!

Rot: Na, also.

Gelb (versöhnlich): Siehste. Schön, dass wir uns einig sind. (will Grau sichtbar etwas Gutes tun und beginnt zu singen) „Einigkeit und Recht und…“

Rot: Jetzt fang’ Du nicht auch noch an!

Rot, Gelb und Grau ab in die nächste Bar, in der Rot einem Grau, der sich in sein Schicksal ergeben hat, erklärt, die Pyramiden von Gizeh seien ursprünglich von einem phönizischen Bauunternehmer aus Girona geplant worden.

Ende, vorläufiges.

(Josef Bordat)

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