In den letzten beiden Beiträgen beschäftigte ich mich mit dem Verhältnis der Liebe zur Wahrheit. Nur die Liebe, die von Gott kommt, führt zur Wahrheit, die Gott ist. Isolierte prudentielle Fähigkeiten gehen an der Wahrheit, an Gott, vorbei, wenn sie nicht mit Gottes Liebe verbunden sind. Diese Gedanken sind nicht originell, sie stammen aus der Tugendlehre Thomas von Aquins.

Papst Benedikt XVI. beschäftigt sich in seiner gestern veröffentlichten Enzyklika „Caritas in veritate“ auch mit Liebe und Wahrheit. Er nimmt dabei eine andere Perspektive ein, wenn er nicht so sehr die Liebe als Weg zur Wahrheit, sondern die Wahrheit als Bedingung der Liebe auffasst – „caritas“ also „in veritate“ bettet. Benedikt betont – wohlwissend um die „Entstellungen und die Sinnentleerungen, denen die Liebe ausgesetzt war und ist“ (Nr. 2) – die Bedeutung der Wahrheit für die Liebe: „Nur in der Wahrheit erstrahlt die Liebe und kann glaubwürdig gelebt werden. Die Wahrheit ist ein Licht, das der Liebe Sinn und Wert verleiht. Es ist das Licht der Vernunft wie auch des Glaubens, durch das der Verstand zur natürlichen und übernatürlichen Wahrheit der Liebe gelangt: er erfaßt ihre Bedeutung als Hingabe, Annahme und Gemeinschaft. Ohne Wahrheit gleitet die Liebe in Sentimentalität ab“ (Nr. 3). Nur so kann die Liebe zum Leitmotiv von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden: „Liebe ist der Hauptweg der Soziallehre der Kirche. Jede von dieser Lehre beschriebene Verantwortung und Verpflichtung geht aus der Liebe hervor, die nach den Worten Jesu die Zusammenfassung des ganzen Gesetzes ist“ (Nr. 2). Diese Liebe führt notwendig zu einer Remoralisierung der Wirtschaft, die nicht das abstrakte Ergebnis von Marktoperationen ist, sondern die konkrete Gemeinschaft von Menschen: „Die Soziallehre der Kirche ist der Ansicht, daß wahrhaft menschliche Beziehungen in Freundschaft und Gemeinschaft, Solidarität und Gegenseitigkeit auch innerhalb der Wirtschaftstätigkeit und nicht nur außerhalb oder ,nach’ dieser gelebt werden können. Der Bereich der Wirtschaft ist weder moralisch neutral noch von seinem Wesen her unmenschlich und antisozial. Er gehört zum Tun des Menschen und muß, gerade weil er menschlich ist, nach moralischen Gesichtspunkten strukturiert und institutionalisiert werden“ (Nr. 36).

Nur wenn Liebe und Wahrheit derart zusammenspielen kann das Hauptziel aller sozialen Betätigung des Menschen erreicht werden: Gerechtigkeit. In Anlehnung an die Enzyklika Populorum progressio Pauls VI. betont Benedikt die Bedeutung der Gerechtigkeit als „Mindestmaß der Liebe“ (Nr. 6) und stellt fest: „Die Gerechtigkeit ist der Liebe nicht nur in keiner Weise fremd, sie ist nicht nur kein alternativer oder paralleler Weg zur ihr: Die Gerechtigkeit ist untrennbar mit der Liebe verbunden, sie ist ein ihr innewohnendes Element [...] Wer den anderen mit Nächstenliebe begegnet, ist vor allem gerecht zu ihnen“ (Nr. 6). Doch ist die Liebe freilich mehr: „Die Liebe geht über die Gerechtigkeit hinaus, denn lieben ist schenken, dem anderen von dem geben, was ,mein’ ist“ (Nr. 6).

Wie wird der philosophische Kernbegriff „Gerechtigkeit“ von Benedikt ausgedeutet? Der Papst unterscheidet „ausgleichende“ und „verteilende“ bzw. „soziale“ Gerechtigkeit: „Der Markt unterliegt den Prinzipien der sogenannten ausgleichenden Gerechtigkeit, die die Beziehungen des Gebens und Empfangens zwischen gleichwertigen Subjekten regelt. Aber die Soziallehre der Kirche hat stets die Wichtigkeit der distributiven Gerechtigkeit und der sozialen Gerechtigkeit für die Marktwirtschaft selbst betont, nicht nur weil diese in das Netz eines größeren sozialen und politischen Umfelds eingebunden ist, sondern auch aufgrund des Beziehungsgeflechts, in dem sie abläuft. Denn wenn der Markt nur dem Prinzip der Gleichwertigkeit der getauschten Güter überlassen wird, ist er nicht in der Lage, für den sozialen Zusammenhalt zu sorgen, den er jedoch braucht, um gut zu funktionieren. Ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Handlungsweisen in seinem Inneren kann der Markt die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen erfüllen“ (Nr. 35). Das bedeutet für die Wirtschaft als ganzes, dass sie zuvörderst auf die Erlangung des Gemeinwohls gerichtet sein muss. Der darauf folgende Satz ist wohl in der Phase der Überarbeitung nach dem Bekanntwerden der Finanzkrise ergänzt worden: „Heute ist dieses Vertrauen verlorengegangen, und der Vertrauensverlust ist ein schwerer Verlust“ (Nr. 35)

Wie geht es angesichts dieser Vertrauenskrise nun weiter? Benedikt empfiehlt die Rückbesinnung auf die Quelle der Liebe und die Manifestation der Wahrheit: auf den Gott, der Mensch wird und damit ins Soziale der Welt eingreift, denn: „Ohne Gott weiß der Mensch nicht, wohin er gehen soll, und vermag nicht einmal zu begreifen, wer er ist. Angesichts der enormen Probleme der Entwicklung der Völker, die uns fast zur Mutlosigkeit und zum Aufgeben drängen, kommt uns das Wort des Herrn Jesus Christus zu Hilfe, der uns wissen läßt: ,Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen’ (Joh 15, 5) und uns ermutigt: ,Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt’ (Mt 28, 20)“ (Nr. 78). Für die Kirche bedeutet dies einen bleibenden Auftrag: „Angesichts der Arbeitsfülle, die zu bewältigen ist, werden wir im Glauben an die Gegenwart Gottes aufrechterhalten an der Seite derer, die sich in seinem Namen zusammentun und für die Gerechtigkeit arbeiten“ (Nr. 78). Benedikt schließt mit der Erinnerung daran, dass die Kirche diesen Weg nicht alleine geht: „Die Jungfrau Maria, die von Papst Paul VI. zur Mater Ecclesiae erklärt wurde und vom christlichen Volk als Speculum iustitiae und Regina pacis verehrt wird, beschütze und erhalte uns durch ihre himmlische Fürsprache die Kraft, die Hoffnung und die Freude, die wir brauchen, um uns weiterhin großzügig der Verpflichtung zu widmen, ,die Entwicklung des ganzen Menschen und aller Menschen’ zu verwirklichen.“ (Nr. 79).

(Josef Bordat)

Weitere Texte zu „Caritas in veritate“ gibt es hier, hier und hier.

Gestern schrieb ich: „Die Erfahrung, dass im Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit das Wahre und das Gute in eins fallen, wird der Mensch machen, der sich in seinem Denken und Tun von der Liebe leiten lässt.“ Was meine ich damit? Liebe ist ja ein sehr komplexer Begriff. Für mich speist sich die Liebe aus der Liebe Gottes, die sich mir im Heiligen Geist mitteilt, den der, der die Liebe lebte, Jesus Christus, den Seinen als Lebenshilfe gesandt hat. Was bedeutet das konkret im Kontext meiner wissenschaftlichen Arbeit? Es bedeutet, das Objekt der Erkenntnis mit den liebenden Augen des Herrn zu betrachten. Das wiederum bedeutet, ab und an mal die Perspektive auf das Erkenntnisobjekt zu verändern, um zu einem ganzheitlichen Verständnis dessen zu gelangen, womit man sich beschäftigt, um im Urteil dem Wesen des Beurteilten gerecht zu werden und nicht vorschnell eine Position einzunehmen. Der Perspektivwechsel und die Offenheit schließt den festen Halt, den die Liebe gibt, nicht aus, im Gegenteil: sie allein motiviert zum Aufbau einer echten Beziehung zwischen Subjekt und Objekt der Forschung.

Oft geht mir diese Beziehung verloren. Ich urteile dann über Dinge, die ich nicht wirklich kenne, weil ich mich ihnen nicht in Liebe genähert habe. Damit mir das bewusst wird, braucht es einen Anstoß von außen. Ich glaube, dass auch dabei Gottes Liebe wirkt. Manchmal ganz konkret. Denn manchmal schickt Gott mir einen Engel.

Engel sind Wesen, die einen wieder auf den Weg bringen. Auf den richtigen Weg, der manchmal dem Pfad der Tugend gleicht, ihn aber auch manchmal quert. Diese Engelswesen kommen als ganz normale Menschen daher, aber das, was sie anrichten, ist nicht ganz normal. Denn ihnen gelingt es aufzurichten. Sie machen Mut und geben Kraft, den Blick zu heben und den richtigen Weg zu suchen. Und zu finden. Manchmal wird mir dabei gerade der zum Engel, den ich immer für einen Teufel hielt, weil ich zu sehr auf meinen Weg blicke, der mir unter meinen Füßen Halt gibt und als schnurgerade Bahn vor mir liegt. Dass es auch einen anderen Weg geben könnte – ausgeschlossen! Für Teufel – vielleicht. Für mich – niemals. „Woher willst Du das wissen?“ Typische Frage eines Engels, den man leicht für einen Teufel hält. Den richtigen Weg finden, das beginnt mit der Suche. „Komm, ich helfe Dir suchen!“ Jetzt weiß man, dass es ein Engel ist. Das würde ein Teufel nämlich nicht sagen. Der sagte etwa: „Verlass Deinen Weg! Der ist doch viel zu steinig! Ich habe einen neuen, besseren, breiteren, kürzeren! Wechsel die Spur und alles wird gut!“ Teufel bieten ihren Weg als den richtigen an, Engel helfen einem, den richtigen Weg selbst zu finden. Das kann eben auch den abstrakten Denkweg betreffen, die Methode, mit deren Hilfe man die Welt und den Menschen sieht. Erfahrungen mit Engeln bilden die Grundlage dafür, sich immer wieder neu ausrichten zu können auf das Ziel, auf Gott.

Einmal kam ein Engel zu mir. Er hatte die Gestalt einer alten, verwirrten Frau, die einen Pfarrer sprechen möchte. „Ich bin kein Pfarrer“, sage ich und verweise auf unser Pfarrbüro, biete ihr an den Kontakt herzustellen. „Der wird sich bedanken!“, denke ich insgeheim dabei. „Aber es ist ja sein Job! Wäre er Bankkaufmann geworden, bräuchte er sich nicht mit alten, verwirrten Frauen zu unterhalten.“ Ich bin zwar auch kein Bankkaufmann, aber ich habe trotzdem keine Lust auf Gespräche mit alten, verwirrten Frauen. Außerdem habe ich keine Zeit. Meine „Zu tun“-Liste ist voll. Ein Aufsatz zu dem schwierigen Thema „Gerechter Krieg“ steht ganz oben. Da er auf Englisch sein soll, steht er nicht nur auf der Liste, sondern liegt mir auch schwer im Magen.

Sie will plötzlich nicht mehr den Pfarrer sprechen und sagt mir lächelnd, sie sei evangelisch. Ich weise auf unsere evangelische Nachbargemeinde hin. Dort komme sie gerade her. „Meine Güte noch mal: Was wollen Sie dann?!“, denke ich, doch ich schweige.

Sie setzt sich und beginnt zu erzählen. Dass sie eben im Supermarkt Trauben gekauft hat. „Möchten Sie?“ Ich möchte nicht. Dass ihr Enkel zwölf ist und ihr Sohn nicht heiraten will, was sie ihm als Klugheit auslegt. Jetzt lächle ich. Dass sie Arthrose habe und ob ich wisse, was das ist. Ich weiß es. Jedenfalls so ungefähr. Dass Presswehen schmerzhaft sind und Busfahrer manchmal unfreundlich – letzten Sommer habe ihr einer vorgehalten, keinen gültigen Fahrausweis mitzuführen. Letzten Sommer, als es so heiß war in Berlin. Letzten Sommer, als der Arzt ihr eine Diät verordnete. Sie habe zwar eine schöne Torte bekommen, zum Geburtstag, aber 70 sei kein schönes Alter. Heute sei es kalt. Und es regne fürchterlich. Ich habe von meinem Arbeitsplatz aus einen recht guten Blick nach draußen. Es hatte an diesem Tag noch keinen Tropfen geregnet. Die alte, verwirrte Frau beginnt zu nerven.
Dann sieht sie mich an: „Wissen Sie, was Krieg ist?“ Die Frage trifft mich wie ein Blitz. Ich denke an meinen Aufsatz. Ehe ich antworten kann, fährt sie fort.

Ganz plötzlich wären sie in ihrer Wohnung gewesen, hätten ihrem Vater ein Gewehr auf die Brust gesetzt und zu ihrer Mutter gesagt: „Komm, Frau!“ Es sei schrecklich gewesen, mitzuerleben, wie der Hitler-Krieg sie heimsuchte. Mit ansehen zu müssen, wie die Mutter vergewaltigt wird. Die Ohnmacht und Angst des Vaters zu spüren. Und die eigene Ohnmacht, die eigene Angst. „Ich war ein kleines Mädchen. Damals, als Krieg war. Heute bin ich eine alte Frau.“ Sie blickt zu Boden, dann wieder auf, wieder auf den Boden. Mir scheint, als sammle sie sich für die entscheidende Botschaft. Sie blickt hoch und sagt: „Sie sind jung.“

Gerechter Krieg. Sie sagt nicht: „Vergiss es!“ Sie erzählt mir nur eine Geschichte. Ihre Geschichte. „Sie sind jung.“ Das heißt übersetzt: „Sie haben den Krieg nicht miterlebt.“ Sie sagt nicht: „Was bilden Sie sich ein, über etwas schreiben zu wollen, das Sie nicht kennen!“ Sie sagt nur: „Sie sind jung.“

Sie steht auf, wünscht mir Gottes Segen und geht. „Vielleicht komme ich mal wieder!“, meint sie zum Abschied. Ich habe den Eindruck, dass ich derjenige bin, der den Zeitpunkt des nächsten Besuchs festlegt. Sie wird kommen, wenn ich mal wieder Mut und Kraft brauche, den Blick zu heben und den richtigen Weg zu suchen. Und vielleicht ja auch zu finden. Sie wird jedenfalls da sein, um mir bei dieser Suche zu helfen. So wie Engel nun mal sind.

(Josef Bordat)

Ohne Liebe ist alles nichts. Davon können viele Menschen Zeugnis geben. Gott ist Liebe – das ist die Ur-Erfahrung des christlichen Glaubens. Damit wird die Liebe zur wichtigsten Maxime im Leben eines Christenmenschen; Paulus singt ihr ein unmissverständliches Loblieb (1 Kor 13). Ein Philosoph macht sich auf die Wahrheitssuche. Und Edith Stein führt die Wahrheit auf Gott zurück. Hier schließt sich ein Kreis: Wahrheit ist nur in der Liebe erfahrbar, der Liebe, die von Gott kommt, die vom Menschen aufgenommen und weitergegeben wird.

Der armenische Kirchenvater Mesrop (um 360-440) bringt es sehr schön zusammen: „Liebe ist die heiligste Dreifaltigkeit, voll lebendiger Glückseligkeit, unnahbares Licht. Wissen und Weisheit sind von ihr durchschaut. Lebendig ist sie und belebend, erbarmungsreich und gütig in ihren Gnadenerweisen, geduldig ist sie und Heilung bringend.“

Philosophie – und die aus ihr erwachsenen Wissenschaften, die das Streben nach Erkenntnis eint – kann demnach nur gelingen, wenn die Welt, die es zu erkennen gilt, mit den Augen der Liebe betrachtet wird und wenn der Erkenntnisgewinn in Verantwortung vor Gott und den Menschen realisiert wird.

Die Moralität des wissenschaftlichen Arbeitens schließt nach Peter Wust immer die Frage nach der Haltung des Forschers ein: Neugier oder Weisheit. Nicht die rastlose Sucht nach Neuerung, der die Wust’sche „cupiditas“ im Rücken liegt, sondern die liebende Suche nach Wahrheit, die bei Wust von der „sapientia“ getragen wird, leitet den Menschen zum Besseren und letztlich zum Guten, denn „die Erkenntnis der Wahrheit zielt auf die Erkenntnis des Guten.“ (Benedikt XVI.).

Die Erfahrung, dass im Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit das Wahre und das Gute in eins fallen, wird der Mensch machen, der sich in seinem Denken und Tun von der Liebe leiten lässt.

(Josef Bordat)

Thomas, der Zweifler

Juli 3, 2009

Thomas ist der Apostel mit dem wohl modernsten Zugang zum Herrn: Er glaubt nur, wenn er den empirischen Beweis für den Inhalt des Glaubens erhält. Als die anderen Jünger ihm von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen berichten, entgegnet er: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ (Joh 20, 25) Wer wollte ihm diesen Zweifel verdenken? Am wenigsten wohl die Kirche, deren bedeutendste Heilige die Anfechtung des Zweifels kennen lernten. Sie feiert heute das Fest des „ungläubigen“ Thomas.

Seit Bacons Begründung der modernen Erfahrungswissenschaft, die in der Induktion ihr Schlüsselmoment der Erkenntnisgewinnung birgt, glauben Menschen, nur noch das wissen zu können, was sich sinnlich erfassen lässt. Der moderne Mensch neigt weiterhin dazu, sich durch Reduktion auf sinnliche Erfahrung einen schlichten Bezug zur Immanenz der Welt aufzubauen und die Beziehung zur Transzendenz abzubrechen. So kann er sich der Zweifel entledigen, die mit dem religiösen Glauben für ein Sinnenwesen notwendig verknüpft sind. Manche meinen gar, durch die Verbindung von Erfahrung und Erkenntnis zu wissen, dass man nicht glauben kann, was sich nicht sinnlich erfassen lässt.

Thomas erhält auf seine zweifelnde Anfrage eine Antwort in gleicher Münze: eine sinnliche Erfahrung. Jesus sagt ihm: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20, 27). Thomas’ Glaube („Mein Herr und mein Gott!“, Joh 20, 28) ist Resultat dieser Erfahrung („Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du.“, Joh 20, 29). Wie groß ist unsere Sehnsucht nach solch einer Erfahrung, die alle Zweifel ein für alle mal beseitigt! Doch Jesus selbst erteilt ihr eine Absage: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20, 29). Was wäre das auch für ein „Glaube“, wenn ihm die gleiche epistemische Gewissheit innewohnte wie der Erkenntnis, dass Gras grün ist! Und: Wären wir wirklich einen Schritt weiter, wenn wir eine direkte sinnliche Erfahrung Gottes machten? Würden wir nicht eher an unserem Verstand zweifeln, als uns dadurch des Glaubens vergewissern zu können? Gotteserfahrung geht anders, sie ist mittelbar, verschleiert, schwer verständlich. Sie lässt Raum für Zweifel – und Glauben. Die biblische Offenbarung kann eine Quelle dieser Erfahrung sein, die Kirche mit ihren Heiligen, aber auch der Mitmensch, durch den Gott uns anspricht. Dem „Thomas in uns“, der nach Gewissheit schreit, lässt sich sagen: Gott darf nicht bewiesen werden, selbst wenn dies leicht wäre. Gott muss bezeugt werden, auch wenn es schwer fällt.

(Josef Bordat)

Der Soziologe Max Weber meinte, eine letzte, nicht mehr argumentativ entscheidbare Alternative zwischen zwei moralischen Grundtypen gefunden zu haben, nämlich die Unterteilung in Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Menschen sind entweder Gesinnungs- und Verantwortungsethiker und können sich für diese Grundentscheidung nicht mehr rechtfertigen. Als Verantwortungsethiker bezeichnete Weber denjenigen, der bei seinem Handeln die Gesamtheit der Folgen seines Handelns bedenkt und der die Bewertung dieser Folgen zum Maßstab seiner Entscheidung macht. Gesinnungsethiker nannte er denjenigen, der bestimmte Handlungen kontextunabhängig als moralisch oder unmoralisch qualifiziert, also ohne Rücksicht auf die Folgen bestimmter Handlungen oder Unterlassungen das tut, was er für das sittlich Gebotene hält. Die Gesinnungsethik nennt Weber auch die Ethik des Heiligen und die Verantwortungsethik die Ethik des Politikers. Robert Spaemann bemerkte dazu, dass es dann bei Thomas Morus ein Klassifizierungsproblem gebe, da er ein heiliger Politiker oder ein politisch tätiger Heiliger gewesen sei, der aus einer bestimmten Gesinnung heraus Verantwortung übernahm. Am 22. Juni gedenkt die Kirche des englischen Heiligen. Doch wer war Thomas Morus?

Thomas More (um 1478 bis 1535), latinisiert Morus, gilt als einer der bedeutendsten englischen Staatsmänner der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Er war ab 1504 Mitglied des Unterhauses, wurde 1518 in den königlichen Rat berufen und 1529 zum Lordkanzler ernannt. Morus unterstützte Heinrich VIII. zunächst im Kampf gegen den Protestantismus und hat in diesem Zusammenhang eine Reihe von Schriften gegen die lutherische Reformation verfasst. Der Bruch mit Heinrich folgte auf dessen Bestrebungen, eine von Rom unabhängige Staatskirche zu gründen. Nach der Verweigerung des Suprematseids wurde Morus 1535 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet. 400 Jahre danach erfolgte seine Heiligsprechung. Thomas Morus unterhielt engen Kontakt zu Erasmus von Rotterdam und war neben den Vertretern der spanischen Barockscholastik einer der Vollender der intensiven Rezeptionsphase antiker Philosophie (Platon, Aristoteles, Stoa, Epikur) durch christliche Denker, die bei Thomas von Aquin im frühen 13. Jahrhundert ihren Ausgang genommen hatte und die abendländische Philosophie bis heute prägt.

Die als Reisebericht konzipierte Schrift De optimo reipublicae statu, deque nova insula Utopia gilt als sein Hauptwerk, mit dem Morus zugleich die Utopie als literarische Gattung begründet. In der Utopia verarbeitet Morus sowohl den Anspruch Platons, einen Idealstaat zu entwerfen, als auch den Duktus der epikureischen Schule, der sich in der Gleichförmigkeit der Utopier zeigt, die jedes äußere Unterscheidungsmerkmal abgeschafft haben. Das Gleichheitsparadigma bringt so etwas hervor wie eine „kommunistische Monarchie“, deren hierarchisches System paternalistischer Sippen für eine flächendeckende Einbeziehung aller Bewohner in gesellschaftsbildenden Bereichen (Politik, Bildung, Wirtschaft) sorgt. Die Kehrseite der Uniformiertheit, die aus einem gleichheitsorientierten Gerechtigkeitsbegriff erwächst, ist ein starrer Anti-Individualismus, der – wie schon in Platons Stände-Staat – keinen Raum bietet für ein Anders-Sein, ein Kennzeichen idealer Staatskonzepte mit Absolutheitsanspruch, in dem Karl Popper die Vorlage für die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts erkannte.

Mit Thomas Morus verbindet mich persönlich aber nicht nur seine ideengeschichtliche Bedeutung, sondern auch, dass der Heilige Patron der West-Berliner Katholischen Studierendengemeinde war, ehe sich die beiden KSGen zur KSG Edith Stein zusammenschlossen.

(Josef Bordat)

Benno

Juni 16, 2009

1.
Heute feiern wir das Fest des heiligen Benno, Bischof von Meißen.

Benno stammte aus einem sächsischen Adelsgeschlecht und wurde im Jahre 1010 in der Nähe von Hildesheim geboren. Er war zuerst Mönch, später Abt im Kloster St. Michael zu Hildesheim. Kaiser Heinrich III. berief ihn als Kanoniker nach Goslar. Um 1066 übernahm er das Bistum Meißen. In der Frage des Investiturstreites entwickelte sich ein Konflikt zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII., der auch Auswirkungen auf Benno hatte: Weil Benno sich auf die Seite des Papstes stellte, ließ der Kaiser ihn als Bischof absetzen. Daraufhin ging er nach Italien, traf sich mit dem Gegenpapst Clemens III. und erhielt auf dessen Vermittlung hin das Bistum Meißen zurück, in das er bald darauf heimkehrte. In seinen letzten Lebensjahren hat sich Benno sehr für die Wendenmissionierung eingesetzt. Benno ist am 16. Juni 1106 im hohen Alter von 94 Jahren gestorben. Die große Verehrung seines Grabes durch Weihegaben, Bildnisse und Dankgebete ist Zeugnis dafür, dass Benno bei Klerus und Volk in außerordentlichem Ansehen stand. Am 31. Mai 1523 wurde Benno durch die Päpstliche Bulle „Excelsus Dominus“ heilig gesprochen.

Die Heimkehr Bennos nach Meißen ist mit einer Legende umrankt. Benno kam unerkannt als Pilger in seine Bischofsstadt, ging dort in ein Gasthaus und bestellte Fisch. Ein ungewöhnlich großer Fisch, der in der Elbe gefangen worden war, wurde für ihn zubereitet. Bei der Zubereitung des Fisches fand sich unter den Kiemen der Domschlüssel, den Bischof Benno bei seiner Flucht in die Elbe geworfen hatte. Bildlich wird Benno deshalb häufig mit dem Schlüssel als Zeichen für die wiedergewonnene Amtgewalt und mit einem Fisch dargestellt – als Sinnbild für das Wort von den Menschenfischern, das Jesus an seine Jünger gerichtet hat.

2.
Bischof Benno war ein Opfer des Investiturstreits. In dieser Auseinandersetzung zwischen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. ging es darum, wer Bischöfe und Äbte in ihr Amt einsetzen durfte. Der Streit geriet aber zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung um das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Gewalt. Papst Gregor triumphierte und Kaiser Heinrich musste im Büßerhemd den Gang nach Canossa antreten (1077). Damit war die hierokratische Stellung des Papstes zementiert. Zu der hierokratischen Doktrin gab es im 11.-13. Jahrhundert zwei Richtungen, zum einen eine soteriologisch-theologische Linie und zum anderen eine hierarchisch-legistische [1].

Wichtige Vertreter der soteriologisch-theologischen Linie waren Hugo von St. Victor, Bernhard von Clairvaux und Honorius Augustodunensis. Sie begründeten den Vorrang der geistlichen Gewalt theologisch, indem sie davon ausgingen, dass der Corpus Christi, also die Gesamtheit der Gläubigen, aus zwei Ständen besteht, dem des Klerus und dem der Laien. Wie die Kirche unter dem Haupte Christi stehe, so stehe nun jeder dieser Stände unter seinem Haupt, der Stand des Klerus unter dem Papst und der der Laien unter dem Kaiser. Beide Stände erfüllen die ihnen spezifisch obliegenden Aufgaben, wobei sie in ihrer Einheit in Christus von der Gewalt gelenkt werden sollen, die einen stärkeren Bezug zum Oberhaupt aller – Christus – hat. So kommt Hugo von St. Victor zu dem Schluss, dass die geistliche Gewalt berechtigt ist, die irdische Gewalt einzusetzen, damit sie überhaupt da ist, und auch über sie zu Gericht zu sitzen, ob sie gut gewesen ist. Hinsichtlich des judikativen Teils verfängt hier der Erste Korintherbrief des Apostels Paulus, in dem es heißt: „Der geisterfüllte Mensch urteilt über alles, ihn aber vermag niemand zu beurteilen.“[2] Zwei weitere Aspekte sprechen für ein Primat der geistlichen Gewalt. Erstens sei diese früher da gewesen als die weltliche, da Gott zunächst das Priestertum und dann die Königsherrschaft eingeführt hatte, zweitens sei die Notwendigkeit weltlicher Herrschaft eine Folge der Erbsünde, so dass es der Vermittlung, Segnung und Einsetzung durch die Kirche bedarf, damit weltliche Herrscher legitimiert sind. Bernhard von Clairvaux bemüht sich gar, eine soteriologische Umdeutung des Zwei-Schwerter-Prinzips zugunsten des Papstes zu erwirken, indem er auf Textstellen der Passionsgeschichte verwies, in denen Schwerter eine Rolle spielen. So sagen die Jünger nach dem Letzten Abendmahl zu Jesus: „Herr, hier sind zwei Schwerter.“[3] Jesus antwortet darauf: „Genug davon!“[4], woraus Bernhard den Schluss zieht, beide Schwerter, also die weltliche und die geistliche Gewalt, gehörten der Kirche, denn sonst hätte Jesus durch eine Bemerkung der Art: „Es sind zuviel!“ oder dergleichen angedeutet, dass der Kirche nicht beide Gewalten zustehen. Die Beanspruchung Jesu als Kronzeugen der Hierokratie und der Verweis auf diese Bibelstelle zur Verifizierung der weltlichen Macht des Papsttums durch die gewagte Konstruktion eines Zusammenhangs zwischen der Passionsgeschichte und einer politischen Frage des 11. Jahrhunderts einzig und allein über die Metapher des Schwertes erscheint allerdings sehr abwegig

Die hierarchisch-legistische Richtung wurde von den Dekretisten – die Bezeichnung kommt von den Dekretalen, den mittelalterlichen Rechtsentscheiden – der Rechtsschule von Bologna vertreten, die theologisches Gedankengut in juristisches übertragen wollten. Entsprechend veränderte sich die Argumentation von einer biblisch-theologischen hin zu einer juristischen, um die Rechtsbeziehungen zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt zu erfassen. Dabei bildeten sich zwei unterschiedliche Rechtspositionen heraus: die ghibellinische und die dependistische. Während die Gruppe der ghibellinischen Legisten weltliche Herrschaft aus der lex regia hervorgebracht sehen und in einem Übertragungsprozess die potestas vom Volk auf den Kaiser übergehen lassen wollte, mithin die Gleichberechtigung weltlicher Herrschaft aus dem Geist der Rechts proklamierte, vertraten die Dependisten die Abhängigkeit des Kaisers von der päpstlichen Gewalt und ergänzten das theologisch begründete hierokratische Modell um eine rechtliche Komponente, die so genannte Kaiserpromotion, also das Recht des Papstes, den Kaiser zu salben und damit ins Amt einzuführen, oder eben auch die Salbung zu verweigern und damit einer Amtsübernahme entgegenzuwirken. Dem entspricht biblisch-theologisch die im Matthäus-Evangelium dem Papst verliehene Binde- und Lösegewalt: „Ich aber sage dir: Du bis Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“[5] Die Salbung selber hat ihren alttestamentlichen Ursprung in der Salbung Sauls und Davids zu Königen.

3.
Der heilige Benno hatte mit diesen ekklesiologisch-machtpolitischen Überlegungen wenig im Sinn. Er sorgte sich um das Seelenheil seiner Schäfchen, wie bereits angesprochen vor allem um die Wenden. In einem Gebet ist diese Haltung gut zusammengefasst:

Treuer Gott,
Du hast dem heiligen Bischof Benno die Kraft gegeben,
in den Wirren seiner Zeit
unbeirrt den Weg des Glaubens und der Liebe zu gehen.
Zeige uns in der gegenwärtigen Zeit
Deine Wege und stärke in uns das Vertrauen auf Deine Hilfe.
Amen.

Anmerkungen:

[1] Vgl. dazu auch E. Recktenwald (2000): Die hierokratische Zweigewaltenlehre im 14. Jahrhundert, S. 7 ff.

[2] 1 Kor 2, 15 f.

[3] Lk 22, 38.

[4] Lk 22, 38.

[5] Mt 16, 18 f.

(Josef Bordat)

„Christus zeigen“, das tun wir auf eine unverwechselbare Weise heute, am Fronleichnamsfest, indem wir nach der Feier der Heiligen Messe eine konsekrierte leuchtend weiße Hostie, die von einem kostbaren Gefäß umschlossen ist, inmitten einer Prozession begleitet haben und uns ihr verehrend zuwenden.

Christus zeigen  das ist ein Dauerauftrag an alle Christen. Wo Christen sind, die dies tun und so den Menschen Christus zeigen, dort verwandelt sich immer wieder ein Stück Welt von einer Steppe oder Wüste in einen Garten, der blüht und Frucht bringt. Die Kraft, dies zu tun, kommt für uns Christen zutiefst aus dem Geheimnis, das wir heute feiern, und aus der Kraft der anderen Sakramente.

Egon Kapellari (Bischof von Graz-Seckau)

1. Immer wieder wird im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag der Grundgesetzverkündigung die besondere Bedeutung von Art. 1, 1 Satz 1 GG beschworen. Der langjährige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist etwa der Meinung, die darin verbriefte „Menschenwürde“ überrage alles, was Staat und System sonst noch zu (ge)bieten haben. Viele werden sich dem ohne weiteres anschließen können. Ich kann das auch – ohne Wenn und Aber! „Menschenwürde“ teilt jedoch das Schicksal vieler Begriffe, wie z. B. Intelligenz, Liebe oder Freiheit: Dadurch, dass wir sie ständig im Munde führen, weil wir sie für wichtig halten, erhalten sie ihre Bedeutung, wobei kaum jemandem der Verwender klar sein dürfte, was eigentlich damit gemeint ist, mit Intelligenz, mit Liebe, mit Freiheit. Oder mit „Menschenwürde“.

2. Menschenwürde lässt sich entweder als „Verfassungslyrik“ auffassen (das entspricht einer rechtpositivistischen Haltung, wie sie vor allem im anglo-amerikanischen Raum vorherrscht) oder aber als Grund von Recht begreifen. Das ist der Weg, der mit Art. 1, 1 Satz 1 GG gegangen wurde. Dann aber muss sie, die Menschenwürde, selbst begründet werden. Das kann autonomisch oder heteronomisch, in jedem Fall aber sollte es mit Rücksicht auf die Tradition geschehen: Während die Stoa, die christliche Philosophie und die rationalistische Naturrechtslehre heteronomisch argumentieren, stehen u. a. mit Augustinus’ Willensfreiheitskonzept und mit Kants Pflichtethik autonomische Deutungsvarianten der Menschenwürde zur Verfügung. Dahinter verbirgt sich ein ontologischer Streit, der die Philosophiegeschichte bewegt und belebt hat: der Streit um den Status von Werten. Die Leitfrage dieses Streits lautet: Sind Werte subjektive Präferenzen oder objektive Realitäten? Je nach Antwort gelangt man zum Autonomismus oder Heteronomismus. Sämtliche heteronomische Konzepte der Menschenwürde beruhen auf einem ethischen Wertrealismus, allen autonomischen Konzepten liegt ein subjektiver Wertbegriff zugrunde. Das führt dann dazu, dass die heteronomische Deutung Würde als Fähigkeit des Menschen sieht, sich an diese äußeren Gegebenheiten (Werten) so zu orientieren, dass sie durch diese Ausrichtung zu verantwortlichen Persönlichkeiten werden, während die autonomische Deutung gerade darauf insistiert, dass der Mensch als das sich selbst beschränkende Wesen Würde besitzt, ja diese sich gerade durch seine Fähigkeit zur Selbstgesetzgebung konstituiert. Schärfer formuliert: Während dem Menschen in der heteronomischen Deutung Würde nur dann zukommt, wenn er fähig und willens ist, sein Autonomiestreben zugunsten der Gemeinschaft nach Maßgabe ihrer geteilten Werte zu zügeln, verschafft ihm seine Unabhängigkeit in der autonomischen Deutung in jedem Fall Würde, auch wenn er die Grenzen der Gemeinschaftsordnung wissentlich und willentlich überschreitet. Hinsichtlich des Grunds der Würde kann man sagen: Eine autonome Menschenwürde käme dem Menschen aus sich heraus, qua Mensch-Sein zu, eine heteronome wird dem Menschen von außen, von oben, von Gott geschenkt.

3. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes vertreten einen heteronomischen Ansatz, erkennbar am Gottesbezug in der Präambel, aber auch in der Absolutheit, die der Menschenwürde in ihrer Wirkung zugestanden wird. „Unantastbar“ kann nur etwas sein, was dem Zugriff des Menschen prinzipiell entzogen ist. Hier erweist sich auch der autonomische Ansatz als problematisch: Wenn dem Menschen Würde „nur“ aufgrund seines Mensch-Seins und seiner Bereitschaft zukommt, diese Würde anderen Menschen – soweit er sie als „Menschen“ ansieht – ebenfalls zuzugestehen, dann ist es auch eben jener Mensch, der dieser Würdezuschreibung eine Grenze setzen kann. Der Mensch ist zugleich Stifter, Verleiher und Enteigner der Würde. Kants Unterscheidung zwischen Transzendentalsubjekt (homo noumenon) und empirischem Subjekt (homo phaenomenon) versucht in Anbetracht des heiklen Selbstbezugs eine Stufung einzurichten, die dem Menschen nur dann das Recht gibt, Würde zu setzen und zu nehmen, soweit er dabei als „Menschheit“, nicht jedoch, wenn er als Einzelner handelt. So klug das ist, so wenig ist es gelungen, diese Differenz durchzuhalten.

4. Die christliche Philosophie geht einen anderen Weg. Sie verleiht dem Menschen – und das war völlig neu, als dieser Gedanke im Zuge der Ethik Jesu auftrat – eine unveräußerliche dignitas humana, die sich direkt aus der Geschöpflichkeit und Gottebenbildlichkeit des Menschen ergibt und in der Menschwerdung Gottes eine besondere Pointe erfährt. Ausgangspunkt der christlichen Anthropologie ist die Geschöpflichkeit und Gottebenbildlichkeit des Menschen. Gott schuf den Menschen als sein Abbild, so steht es gleich dreimal hintereinander in Gen 1, 26-27: „Dann sprach Gott: Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. [...] Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. [...]“. Karl Barth beschreibt diese Schöpfung des Menschen als „ein Gespräch Gottes mit sich selbst, eine Beratung wie zwischen mehreren göttlichen Beratern und eine darauf begründete göttliche Beschlußfassung“ („Die Lehre von der Schöpfung“ In: Ders.: Die kirchliche Dogmatik. Zürich, Vol. III/2 1948, 204). Der Mensch sei dabei, so Barth, „im Bilde“ und „nach dem Bilde“ Gottes geschaffen (206), die imago Dei mithin in einer analogia relationalis gegeben. In der Folge von Gen 1, 26 spiegelt sich die innertrinitarische Bezogenheit Gottes in der Bezogenheit des Schöpfers zum Geschöpf und äußert sich in der Beziehung des einen Gottes zum Menschen. In der Christologie wird die analogia relationalis in der Bezogenheit Jesu Christi zur Gemeinde konsequent fort-, ekklesiologisch aber auch fehlgedeutet, wenn sie mit Hinweis auf 1 Kor 11, 7-9 dazu herangezogen wird, die Bestimmung des Verhältnisses von Mann und Frau als eines der Über- und Unterordnung aufzuweisen. Denn während die Analogie des Schöpfungsgedankens im Verhältnis Jesu zur Gemeinde deutlich ist, da die Schöpfungselemente der Ursächlichkeit des Schöpfers und des Gnadenerweises erkennbar werden, können Formulierung der Art „[...] die Frau aber ist der Abglanz des Mannes“ (1 Kor 11, 7) schöpfungstheologisch als Analogie zum Verhältnis Gottes zum Menschen nur in einer sehr tendenziösen Interpretation der Genesis aufrechterhalten werden, die die Gleichrangigkeit von Frau und Mann ignoriert, wie sie dort selbst zum Ausdruck kommt: „[...] Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1, 27). Mit der analogia relationalis wird die augustinisch-thomistische Lehre der analogia entis zurückgewiesen, die eine qualitative Gottebenbildlichkeit sucht, welche eine prinzipiell gleiche, nur unterschiedlich dichte Teilhabe am Sein für Gott und Mensch reklamiert sowie die von dem Ansatz der analogia entis abhängende reformatorische Auffassung eines Verlustes der Reinheit, des status integritatis, verworfen. Mit der auf dem 4. Laterankonzil (1215) kanonisierten analogia entis-Lehre erklärt die christliche Philosophie die Erkennbarkeit Gottes durch den Menschen. Durch die ontische Entsprechung von Schöpfer und Geschöpf wird es diesem möglich, jenen zu erkennen. Dabei bedeutet analogia entis nicht Seinsgleichheit, sondern nur „Ähnlichkeit in der Unähnlichkeit“, oder wie es das 4. Laterankonzil im Zweiten Kanon feststellte: „[…] inter creatorem et creaturam non potest tanta similitudo notari, quin inter eos maior sit dissimilitudo notanda“ (etwa: „[...] zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man keine so große Ähnlichkeit feststellen, dass zwischen ihnen keine noch größere Unähnlichkeit festzustellen wäre“). Mit dieser Auffassung gelingt eine ontologische Quadratur des Kreises: Die Seinsanalogie ermöglicht dem Menschen, von dem unendlich vom Menschen unterschiedenen Gott zu reden, ohne diese Unterschiedlichkeit in Frage zu stellen. Wird hier von Barth die imago Dei als analogia relationalis beschrieben, so wird damit auf ihre Unverfügbarkeit für den Menschen hingewiesen. Im Gegensatz zur Beschreibung der Gottebenbildlichkeit als analogia entis wird diese so als Gabe Gottes verständlich (226). Dabei ist Gottebenbildlichkeit keine Qualität des Menschen, sie besteht nicht in etwas, das der Mensch ist oder tut, sondern sie besteht indem der Mensch selber und als solcher als Gottes Geschöpf besteht. Er wäre nicht Mensch, wenn er nicht Gottes Ebenbild wäre. Er ist Gottes Ebenbild, indem er Mensch ist. Damit ist die Würde des Menschen unveräußerlich, nicht von ihm zu trennen, weil die Gottebenbildlichkeit nicht von ihm zu trennen ist. Folglich ist der Mensch als geschaffenes Ebenbild Gottes von seinem Ursprung, seinem Wesen und seiner Zielbestimmung her nicht eigenbestimmt, seine Würde ist, im Sinne Luthers, eine dignitas aliena, eine „fremde Würde“. Zugleich schafft Gott den Menschen in Freiheit, die jedoch, in richtigem Modus gelebt, paradoxerweise stets auf ihren Charakter als Gnadengabe und damit auf die Abhängigkeit des Menschen von Gott verweist, wie Helmut Thielicke es eindeutig formuliert: „[Es] bleibt [...] zu bedenken, daß Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung nicht unser kreatives Werk, sondern die uns zugesprochene Schöpfungsbestimmung sind“ (Mensch sein – Mensch werden. Entwurf einer christlichen Anthropologie. München 1981, 107). Dieses Verhältnis zeigt sich im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32), denn der Sohn hat in Verkennung der Abhängigkeit vom Vater die Freiheit seiner Sohnschaft nur im negativen Modus gelebt. Er kann schließlich seine Beziehung zum Vater nicht mehr auf seine eigene Sohnes-Würde bauen, denn diese hat er verloren. So bekennt er: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße“ (Lk 15, 21). Er muss hoffen, dass der Vater seinerseits die Beziehung neu aufbaut. Dies tut er, in dem er von sich, von seiner Würde, von seinem Besitz gibt. So antwortet der Vater auf das Bekenntnis des Sohnes: „Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an“ (Lk 15, 22). Gewand, Ring und Schuhe sind Besitztümer des Vaters, auf die der Sohn eigentlich keinen Anspruch hat; er empfängt sie aus Gnade. Thielicke fasst das eindrücklich zusammen: „Die Ebenbildlichkeit des verlorenen Sohnes beruht nicht auf der Eigenschaft des Sohnes, Sohn geblieben zu sein, sondern auf der des Vaters, Vater geblieben zu sein“ (Theologische Ethik. Tübingen 1972, 294). Übertragen auf die Heilsgeschichte der gesamten Menschheit besteht dieser Gnadenerweis Gottes in seiner Menschwerdung. Die Würde des Menschen wird dabei durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus nicht nur bestätigt, sondern verstärkt, denn Jesus ist der einzige Mensch schlechthin, der einzige Mensch, der die Menschlichkeit des Ebenbilds erfüllt und sie nicht nur im negativen Sinne lebt, als verfehlte Möglichkeit. Die christliche Philosophie verleiht dem Menschen aufgrund dieser schöpfungstheologischen und soteriologischen Überlegungen eine unveräußerliche dignitas humana. Als Abbild Gottes ist dem Menschen personale, subjektive Würde verliehen. Er muss seine Würde nicht erwerben oder bestätigen, er kann sie gar nicht erwerben oder bestätigen, weil er sie nicht hat, sondern weil er sie in sich trägt und erst dadurch zum Menschen wird. Das ist der Clou des Begriffs der absoluten Würde des Menschen: dessen Gebundensein an ein absolutes Sein, an Gott, der ihm, dem Menschen, diese unbedingte Würde verleiht, weil er ihn unbedingt liebt.

5. Noch einmal zusammengefasst: Als Abbild des personalen Gottes ist dem Menschen personale Würde verliehen. In Christus bekräftigt Gott diese Würde des Menschen durch die größtmögliche Zuwendung des Schöpfers zum Geschöpf. Gottebenbildlichkeit ist keine Eigenschaft des Menschen, sondern seine Essenz. Sie besteht nicht in etwas, das der Mensch ist, sondern sie besteht, indem der Mensch ist. Damit ist die Würde des Menschen unveräußerlich, nicht von ihm zu trennen, weil die Gottebenbildlichkeit nicht von ihm zu trennen ist. Zugleich ist seine Würde eine dignitas aliena (Luther), eine „fremde Würde“, denn sie kommt von Gott. Anders gesagt: Die Unantastbarkeit der Würde hat einen „Preis“: Die Bindung des Menschen an Gott. Daraus erwächst seine „Verantwortung vor Gott“, auf die in der Präambel des Grundgesetzes verwiesen wird. Heute sind wir, so scheint es zumindest, nicht mehr bereit, diesen Preis zu zahlen. Verantwortung vor Gott – das will heute keiner mehr hören. Wir verstehen uns als autonom. Doch damit steht eben auch die Unantastbarkeit der Würde auf dem Spiel. Eine Aufweichung von Art. 1, 1 Satz 1 GG geschieht dabei nicht über den Begriff „Würde“, sondern über das Konzept „Mensch“, denn das geht viel leichter. „Was ist der Mensch, für den Würde gilt?“ ist die heftig diskutierte Frage. Die Anthropologie geht der Ethik voraus. Die breite Debatte um den Zeitpunkt des Lebensbeginn ist dafür ein Indiz, Dreiers Unterscheidung von „human being“ (Subjekt von Art. 1, 1 Satz 1 GG) und „human life“ (nicht Subjekt von Art. 1, 1 Satz 1 GG) ein anderes. Neben den Begriff „Mensch“ richtet sich der Begriff „Person“ im Diskurs ein. Gemeint sind damit Menschen, die über Selbstbewusstsein verfügen, Interessen haben und Präferenzen äußern. Das alles ist Voraussetzung für autonome Selbstbestimmung. Vielfach wird deshalb von Autonomisten gefordert, „Mensch“ als „Person“ zu lesen. Damit fallen Embryonen, Föten, Babys, geistig Behinderte, Wachkomapatienten und einige andere Menschen unter den Tisch der Würde. Ihr Status hinge davon ab, was der zur Selbstbestimmung fähige Teil der Menschheit ihnen an Würde zu gewähren bereit ist. Insoweit folgt im Autonomismus aus „selbstbestimmt“ immer auch „fremdbestimmend“. Aus dem Autonomismus droht demnach eine Selbstvergötzung des Menschen zu erwachsen, soweit er eben „Person“ ist, seine Objektivierung und Verzweckung hingegen, soweit er noch nicht oder nicht mehr „Person“ ist. Das christliche Menschenbild, bei dem der Mensch immer als personales Wesen gilt, wird mit dem Hinweis auf den darin enthaltenen „unangebrachte[n] Respekt vor der Lehre von der Heiligkeit des menschlichen Lebens“ (Peter Singer: Praktische Ethik. 2. Aufl., Stuttgart 1994, 271) verworfen. Dabei spricht doch eigentlich nichts dagegen, nach der Vereinigung von Ei- und Samenzelle im Embryo einen Menschen zu sehen, dem Würde und Lebensrecht zukommen. Wir wissen doch, dass der gerade gezeugte Mensch alles hat, was es braucht, um ein Mensch zu werden, und der Mensch alles hat, um Person zu werden. Das sagt nicht nur die katholische Kirche vom vermeintlich hohen Ross ewiger religiöser Wahrheiten, sondern auch zahlreiche Wissenschaftler und Ethiker. Und die Genforschung, die den Nachweis erbrachte, dass bereits zum Zeitpunkt der Zeugung das gesamte Genmaterial vorliegt und sich dieses danach lediglich phänotypisch entfaltet, gibt der Kirche in einer ihrer uralten Vermutungen Recht: Der Mensch ist von Beginn an in potentia angelegt und sollte dementsprechend von Beginn an als ein Wesen angesehen werden, das mit der unantastbaren Würde ausgestattet ist, von der Art. 1, 1 Satz 1 GG spricht. Es gibt keine Grundlage, eine moralische und rechtliche Abstufung vorzunehmen, in deren Folge bestimmtes „human life“ von Würde und Lebensschutz erst einmal auszunehmen und dann – in einem Akt menschlich-personaler Gnade – von Fall zu Fall zuzubilligen sei. Das sieht (bisher) auch das Bundesverfassungsgericht so. Das „Recht auf Leben wird jedem gewährleistet, der ,lebt’; zwischen einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenem Leben kann hier kein Unterschied gemacht werden“ (Urteil des BVerfG vom 25.02.1975, AZ 1 BvF 1/74 u.a. [BVerfGE 39, 1, veröffentlicht in: NJW 1975, 573]), denn das Grundgesetz enthalte keine „dem Entwicklungsprozess der Schwangerschaft folgenden Abstufungen des Lebensrechts“ (Urteil des BVerfG vom 28.05.1993, AZ 2 BvF 2/90 u.a. [BVerfGE 88, 203, veröffentlicht in: NJW 1993, 1751]). Art. 1, 1, Satz 1 GG muss demnach so gelesen werden: „Die Würde des menschlichen Lebens ist unantastbar.“ Damit sollten eigentlich alle Zweifel beseitigt sein, wie der Begriff „Menschenwürde“ zu einer ernsten Verwendungspraxis (zurück)geführt werden kann. Und auch, wie man ihn der Bedeutungslosigkeit ausliefert.

(Josef Bordat)

An Pfingsten feiern die Christen die Gegenwart Gottes mitten unter uns. Der Geist Gottes will, dass Menschen sich öffnen. Er will aufwecken, aufscheuchen, antreiben. Gottes Geist ist zu finden, wo Furcht schwindet und auch Resignation, wo das offene Wort mehr zählt als die ängstliche Anpassung und wo Menschen von der Hoffnung reden, die sie leben lässt.

Georg Kardinal Sterzinsky (Erzbischof von Berlin)

Pfingsten hat es gezeigt: Aus den ängstlichen Aposteln werden mutige Zeugen Jesu Christi, die bis ans Ende der Welt gehen und für die Botschaft Jesu den Märtyrertod erleiden. In diesem Heiligen Geist werden Menschen für Jesus, für Gott, für sein Reich gewonnen.

Dieser Geist bringt in den Herzen die Frucht der Liebe, der Freude, des Friedens, der Langmut, der Freundlichkeit, der Güte, der Treue, der Sanftmut und der Selbstbeherrschung hervor.

Dieser Geist, der die Individualität und Persönlichkeit der Einzelnen belässt, aber dennoch die Menschen verbindet, er entzündet die Herzen der Gläubigen mit dem Feuer der Liebe. Er ist es, der Menschen befähigt, das Angesicht der Erde zu erneuern.

Ludwig Schick (Erzbischof von Bamberg)

Der Tröster

Mai 29, 2009

Träte doch
Aus seinem Dunkel
Der Tröster
Hinaus ins Licht.

Nicht bräuchte
Sein Kommen,
Sein Antlitz
Sichtbar zu werden.

Ein Hauch,
Der berührte,
ein wahrhaftiger
Tonfall genügte

Uns: die – von falschen
Tröstern genarrt –
Aller Tröstung
Misstrauen.

Uns: die – trostlos
Lebend und sterbend –
Einander nicht
Zu trösten vermögen.

(Kurt Marti)

1. Sturm und Hauch

Wie ein Brausen, dann wieder wie ein Säuseln, einmal Sturm, ein andermal Hauch. Die Bilder, die die Bibel für den Heiligen Geist kennt, sind sehr unterschiedlich, so unterschiedlich wie die Gaben, die uns durch ihn geschenkt sind. Hinter allem steckt ein Gott, ein Herr, ein Geist. Er bewirkt alles in allen. Darauf dürfen wir vertrauen.

Im Johannes-Evangelium lesen wir vom sanften Hauch: „Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. (Joh 20, 19-23) In der Apostelgeschichte lesen wir vom brausenden Sturm: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.“ (Apg 2, 1-13).

2. Begeistert, nicht berauscht

„Sie sind vom süßen Wein betrunken.“ – Das ist sicher eine mögliche Deutung für die begeisterten Jünger, die „Feuer und Flamme“ sind für ihren Glauben und für die neue Sprache der Einheit. Dann aber wäre der Rausch bald vorbei gewesen und Ernüchterung – vielleicht sogar ein richtiger „Kater“ – wären die einzigen Erinnerungen an dieses Erlebnis. Alles wäre danach zurückgekehrt zur Normalität des allgemeinen Chaos und Unverständnisses. In den jungen Gemeinden aber, die daraufhin gegründet wurden, verbreitet sich die Kraft des Heiligen Geistes und löst eine Bewegung aus, die nie wieder zum Stillstand kommt: die Kirche, die mit dem Pfingstereignis ihre Gründung erfährt. In ihr gilt das versöhnende Wort Jesu für alle gleich, ein Wort, das wie eine Feuerzunge jedes oberflächliche Gerede verbrennt.

Petrus erklärt der Menge, was wirklich geschehen ist: „Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen; sondern jetzt geschieht, was durch den Propheten Joël gesagt worden ist: In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben. […] Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde. […] Nachdem er durch die rechte Hand Gottes erhöht worden war und vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen hatte, hat er ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört.“ (Apg 2, 14-17, 22-24, 33)

3. Pfingstwunder

Sehr nüchtern ist dieses zweite Kapitel der Apostelgeschichte in der EÜ mit „Pfingstereignis“ überschrieben. Ein neutraler Begriff, der angesichts dessen, was passiert, eine starke Abschwächung darstellt, eine maßlose Untertreibung gar, die den Charakter von Pfingsten völlig verfehlt. Pfingsten ist mehr als ein Ereignis, es ist ein Wunder. Es lässt sich in der Tat nur als wunderbar bezeichnen, was damals in Jerusalem geschah. Die Jünger sprechen in der Sprache jedes Einzelnen, sie finden die richtigen Worte, sie treffen den richtigen Ton, sie werden verstanden. Jede und jeder versteht, was Gott ihr oder ihm sagen will, egal ob Meder oder Kappadozierin.

Pater Werenfried van Straaten, Gründer der „Ostpriesterhilfe Deutschland“, besser bekannt als „Kirche in Not“, schrieb dazu: „Die Apostel verharrten mit Maria, der Mutter Jesu, einmütig im Gebet. Die Antwort war das Pfingstwunder von Jerusalem, wo sich gleich dreitausend Menschen taufen ließen. Wenn wir, durch Glauben, Hoffnung und Liebe angeregt, zusammen mit Maria, dem Papst und den wahren Aposteln, die es auch heute noch gibt, mit Priestern, Ordensleuten, Vätern, Müttern und anderen Christen guten Willens einmütig im Gebet verharren, werden auch jetzt Wunder geschehen.“ Es werden, so Pater Werenfried, „Wunder geschehen“. Doch was ist das eigentlich – ein „Wunder“?

4. Wunder – Gottes Wirken in der Welt

Ein Wunder ist „ein Geschehen, das Aufsehen erregt, weil es unerwartet eintritt, im allgemeinen innerweltlich unerklärlich ist und als Hinweis auf Gottes Wirken in der Welt (auch wenn es durch geschöpfliche Zweitursachen vermittelt ist) gewertet werden kann“ (Lothar Ullrich: Wunder, in: Lexikon der katholischen Dogmatik. Freiburg i. Br. 1987, S. 560-563, hier: S. 560). Wunder haben dabei einen „dialogischen Charakter, d. h., sie offenbaren die personale Liebe Gottes“ (ebd., S. 561). Sie stellen damit, wie schon erwähnt, „ein übernatürliches Eingreifen der Heilsmacht Gottes ‚in Vorausnahme der eschatologischen Vollendungsgestalt der Schöpfung’“ dar (Sieger, S. 390 f.), d. h., sie zeigen uns, worauf Gottes Schöpfung, die wir für gewöhnlich als unvollendet ansehen, hinausläuft, sie geben einen Vorgeschmack auf das wunderbare Ziel unseres Daseins, an dem uns das Wunder der Vollendung als Dauerzustand erwartet.

Wunder sind Transzendenzerfahrungen in der Immanenz der Welt. Besonders bedeutend sind hierbei Heilungswunder: Die Ärzte wissen keinen Rat, das Bittgebet aber heilt. Man mag sich darüber streiten, ob es in solchen Fällen der Transzendenzbezug im Glaubensakt des Gebets ist, der heilt, oder vielmehr der Glaube an die Heilkräfte dieses Transzendenzbezugs. Das ist selbst eine Glaubensfrage.

5. Augustinus und Thomas

Für die katholische Theologie in der Wunderfrage sind – wie auch in vielen anderen Fragen – insbesondere Augustinus und Thomas von Aquin „Konzentrationspunkte theoretischen Nachdenkens“ (ebd., S. 561). Bei Augustinus überwiegt der Hinweis- und Zeichencharakter, er sieht in ihnen keinen Sonderstatus hinsichtlich ihrer ontologischen Struktur. Das Wunder als göttlichen Tat dient letztendlich dazu, Gott zu erkennen, und zwar aus den sichtbaren Dingen: „Die Wunder, welche unser Herr Jesus Christus getan, sind gewiß göttliche Werke und mahnen den menschlichen Geist, Gott aus den sichtbaren Dingen zu erkennen“, mehr noch: „damit wir den unsichtbaren Gott durch die sichtbaren Werke bewundern“ (Tract. in Io. Ev. 24, 1).

Nach Augustinus liegt der Zweck der Wundertätigkeit darin, uns auf das Wunder der Wirklichkeit zu stoßen, also uns nicht nur einen Vorgeschmack auf die vollendete Schöpfung zu geben, die einst als Wunder offenbar wird, sondern eine andere Perspektive auf die nur scheinbar unvollendete Schöpfung anzubieten, die uns erkennen lässt, dass bereits hier und jetzt das in Aussicht gestellte „Dauer-Wunder“ jenseitiger Vollendung zu erleben ist. Augustinus lenkt den Blick, der in die Ferne auf das Wunder jenseits der Schöpfung gerichtet ist, das in kleinen Teilen gelegentlich in ihr manifest wird, auf das Wunder der Schöpfung selbst. Es gehe darum, im ganz Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken, auch wenn diese Phänomene – Augustinus nennt als Beispiel das „Samenkorn“ – „durch ihre Häufigkeit in der Wertschätzung sinken“ (ebd.). Weil dieser Gewöhnungseffekt die Achtung vor dem Wunder der Schöpfung gefährde, habe sich Gott eben „nach seiner Barmherzigkeit einige [Wunder] vorbehalten, um sie zu gelegener Zeit gegen den gewöhnlichen Lauf und Gang der Natur zu vollbringen, damit beim Anblick nicht zwar größerer, aber ungewöhnlicher Werke diejenigen staunen sollten, auf welche die alltäglichen keinen Eindruck machten“ (ebd.). Doch Augustinus richtet nicht nur das Augenmerk vom Schaueffekt des Erhaschens transzendenter Momente in der Immanenz auf die dauerhafte staunende Betrachtung der Welt in ihrer scheinbaren Normalität, sondern auch vom naturwissenschaftlich Außergewöhnlichen auf das Besondere in Ethik und Politik: „Denn ein größeres Wunder ist die Leitung der ganzen Welt als die Sättigung von fünftausend Menschen mit fünf Broten, und doch staunt darüber niemand; dagegen staunen die Menschen über das letztere, nicht weil es größer, sondern weil es selten ist.“ (ebd.).

Bei Thomas überwiegt schließlich die Bestimmung des Wunders von der unmittelbaren transzendentalen Kausalität Gottes her, was nichts anderes ist als die „Finalität“ Leibnizens. Das Wunder läuft „vorbei an der Ordnung der Natur“ (Sum Th I, 110, 4) bzw. wenn unter „Übergehung der uns bekannten Ursachen“ (ebd., 105, 7). Es kommt von Gott und – so darf man wohl hinzufügen – wir werden die Ursachen des göttlichen Wirkens nie von Gott trennen können.

6. Ganz normale Wunder

Kürzlich hatte ich auf einer Begegnungsreise die Gelegenheit, mit einem Pfarrer der Herrenhuter Brüdergemeinde zu sprechen. Unser Gespräch kam auf die Schönheit der Schöpfung und von dort auf den Begriff des Wunders. Er berichtete mir von seinen Erfahrungen in der Krankenhausseelsorge. Immer wieder kam er mit Menschen zusammen, denen etwas fehlte, was ihm selbstverständlich erschien. Ihm wurde bewusst: Es versteht sich eben nicht von selbst, dass man sehen und gehen, atmen und sprechen kann. Seither gedenkt er in Dankbarkeit und Demut jeden Tag eines dieser wunderbaren „Selbstverständlichkeiten“, die Gott uns Menschen geschenkt hat.

Zu diesen zählen sicherlich auch die „großen“ Dinge des Alltags, die Rahmenbedingungen unseres Lebens in der Gesellschaft. Unsere Freiheit und unser Wohlstand, unsere Demokratie und unser Sozialsystem, unsere Sicherheit und unser guter Ruf in vielen Teilen der Welt. Gerade uns Deutschen sollte im 60. Jahr der Bundesrepublik und 20 Jahre nach dem Mauerfall ein spielerisch leichter Zugang zum Begriff des Wunders beschieden sein.

Die ganz alltäglichen Wunder sind die Normalitäten in der Gegenwart Gottes. Dafür im Gebet zu danken, sollte unser täglicher Beitrag sein. Bitten wir Gott, dass er uns mit Seinem Heiligen Geist durchströme, dass wir uns des Wunderbaren der Schöpfung immer bewusst bleiben und dass es uns gelingt, aus der Kraft des größten Wunders überhaupt zu leben: aus Seiner Liebe.

(Josef Bordat)

Christi Himmelfahrt

Mai 21, 2009

Wir wissen, dass Himmel die transzendente Wirklichkeit Gottes meint, bei dem und in dessen Liebe Christus und seine Heiligen sind. Wer sich nur Dinge sichtbar und erfahrbar in Raum und Zeit vorstellen kann, kann die Wirklichkeit etwa von Gedanken und Gefühlen nicht verstehen, der ist wie ein Blindgeborener, der keinen Begriff von der Welt der Farben haben kann.

Gott hat an Jesus wunderbar gehandelt. Jesus ist bei Gott, seinem Vater ­ für uns. Gott gibt ihm teil an seiner Macht und Herrlichkeit.

Das gültige Bild für die Botschaft ist: Jesus ist der zu Gott, dem Vater, erhöhte Herr. Er tritt für uns ein.

Heinrich Mussinghoff (Bischof von Aachen)

Das Vermächtnis Jesu

Mai 18, 2009

Viele Heilige erlitten das Martyrium. Kulminationspunkt ihres heiligen Lebens ist die Bereitschaft, um der Tugenden willen, also um Glaube, Hoffnung und Liebe willen, in den Tod zu gehen und damit zu verdeutlichen, dass ein Leben ohne die heiligenden Tugenden nicht lebenswert ist. Aus Liebe, der höchsten Tugend, sein Leben hinzugeben, das ist es, was hinter dem Ur-Martyrium, dem Kreuzestod Christi, steht, denn: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15, 13). Georg Kardinal Sterzinsky meint dazu: „Nach allem, was das Evangelium sagt, ist das Kreuz Jesu nicht eine Panne bei der Erfüllung des Auftrags, mit dem Jesus gesandt war; nicht blindwütiges Schicksal, sondern bewusste und gewollte Hingabe des Lebens aus Liebe.“

Im Johannesevangelium ist viel von dieser Liebe die Rede. Zwischen Ostern und Pfingsten wird die Liturgie der katholischen Kirche von den so genannten „Abschiedsreden Jesu“ (Joh 13, 1 – 17, 26) geprägt. Hier entfaltet Jesus in seinen letzten Lebensstunden auf Erden sein Vermächtnis an die Jünger und damit an alle, die ihm nachfolgen werden, an die gesamte Christenheit. Das zentrale Moment der Liebe Christi besteht in der Radikalität, mit der Gott auf Erlösung drängt. Eugenia Price brachte es einmal auf den Punkt: „Wenn nur ein einziger Mensch auf der ganzen Welt einen Erlöser gebraucht hätte – Jesus wäre für ihn ans Kreuz gegangen.“ So groß ist seine Liebe, so groß ist die Sehnsucht Gottes nach Versöhnung des Geschöpfes mit seinem Schöpfer! Als Menschen, die durch Christi Liebe und Opfertod erlöst sind, werden wir zur Nachfolge befähigt, zu eben solcher Liebe und auch zu eben solchem Opfertod, wenn wir nur Rebe am wahren Weinstock (Joh 15, 1) bleiben und den Trost des Heiligen Geistes (Joh 15, 7) annehmen.

(Josef Bordat)

„Gott aller Zeiten, bei meinem Besuch in Jerusalem, der ‚Stadt des Friedens‘, der geistlichen Heimat von Juden, Christen und Muslimen, bringe ich Dir die Freude, die Hoffnungen und Sehnsüchte, die Anstrengungen, das Leiden und den Schmerz aller Deiner Völker in der Welt. Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, erhöre den Schrei der Gequälten, der Geängstigten, der Beraubten. Sende Deinen Frieden über dieses Heilige Land, über den Nahen Osten, über die ganze Menschheitsfamilie. Erwecke die Herzen aller, die Deinen Namen anrufen, damit sie demütig auf den Pfaden der Gerechtigkeit und des Mitleids gehen. ‚Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht‘ (Klagelieder 3, 25)“.

Text auf dem Zettel, den Papst Benedikt XVI. im Rahmen seines Jerusalem-Besuchs am 12. Mai nach einem Gebet in die Klagemauer steckte.

Glaube und Vernunft

Mai 12, 2009

Nichts ängstigt mich mehr als Menschen, die um Gottes Willen keinen Raum lassen für ihren Verstand. Bis auf Menschen, die um ihres Verstandes Willen keinen Raum lassen für Gott.

Josef Bordat

Wer ist Gott?

Mai 8, 2009

Das Evangelium hilft uns zu verstehen, wer Gott wirklich ist: Er ist der barmherzige Vater, der uns in Jesus über alle Maßen liebt.

Papst Benedikt XVI.

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. (Ps 23, 1)

Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. (Joh 10, 11)

Ich glaube, dass die Worte Jesu vom guten Hirten uns direkt berühren. Ist es nicht so etwas wie ein „Urbild“, das tief in der Seele verwurzelt ist?

Der Hirte, von dem Jesus spricht, denkt nicht nur an sich. Er ist vor allem mutig. Er traut sich was für die Seinen. Er schaut nicht tatenlos zu, wie die Herde vom Wolf angegriffen wird. Dieser Hirt verteidigt die Seinen und riskiert für sie sein Leben. Bei einem solchen Hirten weiß ich mich geborgen und beschützt.

Dieser Hirte ist nicht nur tapfer, er kennt auch die Seinen. Nicht irgendwie und oberflächlich, sondern wirklich. Er kennt und nennt mich beim Namen. Er weiß um mich, versteht, was in mir vorgeht, ohne dass ich es groß erklären muss. So gekannt zu sein, könnte schlimm sein, wenn er mich kritisch und ablehnend durchschauen würde. Er kennt mich aber anders. Er kennt mich als der gute, sorgende Hirte.

Noch etwas Besonderes hat dieser Hirte. Er hat „noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind“. Auch für sie ist er da. Seine Sorge gilt nicht nur „uns“, die zu „seinem“ Stall gehören, sondern auch den fremden Schafen. Er ist nicht parteiisch, nur um die „Seinen“ besorgt, denn im Grunde sind sie alle die Seinen und sollen alle einmal „nur eine Herde“ unter „einem Hirten“ bilden.

Christoph Kardinal Schönborn (Erzbischof von Wien)

Die tiefe Bedeutung der Heiligen liegt darin, dass mit dem lebendigen Glauben der Toten der tote Glaube der Lebenden erneuert wird.

Josef Bordat

Dreisatz des Glaubens

April 23, 2009

Der Glaube des Christen ist nicht nur ein Glaube an die Trinität Gottes, sondern kann auch selbst als ein trinitarisches Phänomen gedeutet werden. Der dreifaltige Gott lässt sich nämlich am besten durch drei Personen beschreiben, denen jeweils ein prägnantes Wesensmerkmal zukommt. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind dem gläubigen Christen Schöpfer, Erlöser und Mittler. Diese drei grundlegenden, existentiellen Manifestationen Gottes werden durch drei besondere Glaubensakte gefeiert: Weihnachten, Ostern, Pfingsten.

In einem eher christologischen Glaubensverständnis, bei dem es um das österliche Heilsgeschehen geht, lässt sich der christliche Glaube in diesen Dreisatz fassen:

Gott leidet mit dem Menschen im Gekreuzigten.
Der Mensch lebt mit Gott im Auferstandenen.
Der Heilige Geist gewährt diese Einsichten.

Der Glaube an den dreifaltigen Gott ist also selbst ein dreifaltiger. Und so wie Gott die drei Personen eint, so ist auch der Glaube letztlich nur ein einziger. Man kann als Christ nicht nur an eine der Personen glauben, weil sie nicht etwa additiv verbunden sind, sondern so einander durchdringen, dass sie sich nicht isolieren lassen, ohne dass alles zerfiele. Dies ist Kern der Dreieinigkeit Gottes. Wer an den Gott der Bibel glaubt, verehrt den Dreifaltigen. Alles andere wäre einfältig.

(Josef Bordat)

Konrad von Parzham

April 21, 2009

Konrad von Parzham ist der Patron meiner Gemeinde. Konrad wurde 1818 geboren. Er stammte aus einer Bauernfamilie in Parzham bei Griesbach, Diözese Passau. In reifem Alter wurde er Kapuzinerbruder (1849) in Altötting, wo er einundvierzig Jahre das Amt des Pförtners versah. An dem großen Wallfahrtsort hat er Wanderern und Armen viel Gutes getan. „In Gottes Namen“, sagte er immer wieder. Er war ein Spender der Liebe Gottes. Konrad starb am 21. April 1894.

Kardinal Pacelli, der spätere Papst Pius XII., sagte über den hl. Bruder Konrad: „Bei Konrad, diesem Helden des Glaubens, treuer Pflichterfüllung und christlicher Nächstenliebe, sucht ihr vergebens nach den wunderbaren Großtaten anderer Heiliger, die selbst die Welt staunend aufhorchen lassen. Aber ihr seht bei ihm neben der Frömmigkeit der heiligen Einsiedler einen Tugendheroismus, der dem tätigen Leben der Großen in nichts nachsteht.“

Im Tagesgebet der heutigen Messfeier betet die Kirche:

„Gott,
du hast den heiligen Bruder Konrad
zum Dienst an den Wallfahrern
und Notleidenden berufen.
Mache auch uns bereit,
in Geduld und Güte denen zu begegnen,
die auf unsere Hilfe warten.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.“

Da kann ich nur sagen: Amen.

(Josef Bordat)

Er ist bereit!

April 20, 2009

Nun ist es amtlich: Wir haben einen neuen Weihbischof! Dr. Matthias Heinrich ist gestern zum neuen Weihbischof des Erzbistums Berlin ernannt worden. In der überfüllten Hedwigs-Kathedrale legten neben dem Erzbischof von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky, auch die konzelebrierenden Eminenzen Heinrich die Hände auf, unter anderen der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Perisset, der Kölner Kardinal Joachim Meisner, der Hamburger Erzbischof Werner Thissen, der Erfurter Bischof Joachim Wanke, der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle sowie der Stettiner Alt-Erzbischof Marian Przykucki.

Die zweistündige Feier unter Mitwirkung des St. Hedwigs-Chors unter der Leitung von Domkapellmeister Harald Schmitt bot einen würdigen Rahmen für dieses historische Ereignis; es ist die erste Bischofsweihe in Berlin seit 20 Jahren, d. h. die erste und bisher einzige in der wiedervereinigten Stadt. Diese sei, so Kardinal Sterzinsky in seiner Predigt, nicht – wie so oft zitiert – die „Hauptstadt des Atheismus“, sondern eine Stadt, in der es Atheisten gebe, aber auch Christen. Er betonte, dass er und Heinrich künftig gemeinsam in der Stadt Berlin für die Wirklichkeit Gottes Zeugnis ablegen wollen. Weil er sich nicht beworben, sondern „nur“ bereit gehalten habe für dieses Amt, und weil er dazu erwählt wurde, brauche er, Heinrich, auch kein Programm, um die Menschen von seiner Qualifikation zu überzeugen. Statt dessen müsse er seine Bereitschaft unter den Segen Gottes stellen, um den bischöflichen Dienst im christlichen Glauben und in der Treue zur Kirche zu erfüllen.

Ein kleines Programm hat er doch, der neue Weihbischof. Es zeigt sich in seinem Wahlspruch „Illum oportet crescere“, zu deutsch „Er muss wachsen.“ (Joh 3, 30). Darauf sind an dieser Stelle die Worte Johannes des Täufers überliefert, der anfügt: „Ich aber muss kleiner werden.“ Wer Heinrich an diesem Abend sieht, stellt fest, dass der Spruch gut gewählt ist: Bescheidenheit gepaart mit der Entschlossenheit, dem Wachstum Christi auch unter den schwierigen Bedingungen der Diaspora zu dienen, das spricht aus den Augen und aus den Worten des neuen Weihbischofs. Ganz konkret hat er sich vorgenommen, die Medienarbeit des Bistums voranzubringen und in den Gemeinden zwischen Rügen und der Mark Brandenburg um Verständnis für und Mitwirkung an den Sanierungsvorhaben der Erzdiözese zu werben. Kein leichtes Unterfangen, doch Heinrich sagt mit fester Stimme: „Mit Gottes Hilfe bin ich bereit.“

(Josef Bordat)

Vor vier Jahren wurde aus Joseph Kardinal Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, Papst Benedikt XVI. Wenn ich daran zurückdenke, kommen mir hauptsächlich Jubelbilder in den Sinn, die in einer „Wir sind Papst“-Hysterie entstanden, die so gar nicht zur Situation passten. Denn ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, dass Ratzinger da, wo er vorher saß, besser aufgehoben war, als dort, wo er jetzt ist. Der Gelehrte, der Denker, der Stille-Arbeiter, der Bürokrat, der Tief- und Hintergründler, es scheint, als trage er den Entscheid des Konklave mehr als Last denn als Freude. Er ist auch als Papst Benedikt der Theologe Ratzinger geblieben, was Probleme mit sich bringt, denn als Papst kann er nicht mal versuchsweise in die spekulative Philosophie abtauchen oder gewagte theologische Thesen aufstellen, wie dies in der akademischen Welt alltäglich ist. Das, was er als Papst sagt, und sei es noch so informell und behelfsmäßig, geht eine halbe Stunde später über die Ticker der Agenturen als das, was die Kirche meint. Weltweit.

Mit seiner Regensburger Rede (September 2006) hat Benedikt diese Erfahrung machen müssen. Er hat aus ihr gelernt und wirkt heute bei seinen öffentlichen Auftritten mehr wie ein staatsmännischer Diplomat denn ein Dogmatiker, der gerade aus dem Studierzimmer kommt. Er verlegt sich mehr auf den pastoralen Dienst des Bischofs als sich in Reminiszenzen an die Vergangenheit als Theologieprofessor zu ergehen, ohne freilich seinen brillanten Intellekt außen vor zu lassen. Langsam scheint Benedikt in seinem Amt angekommen zu sein und gelernt zu haben, mit dessen Bürde umzugehen. Dazu gehört auch, manchmal als Staatschef zu agieren, im Umgang mit anderen Staatschefs und zur Wahrung der katholischen Interessen in der Weltpolitik.

Wie so ziemlich jedes andere Land hat auch der Vatikan seine Probleme mit China. Benedikts erklärtes Ziel ist es, die Beziehungen zur neuen Supermacht zu verbessern, um damit zu erreichen, dass den Katholiken im bevölkerungsreichsten Land der Erde die freie Religionsausübung gewährleistet wird. Bange Blicke gingen aber auch immer wieder Richtung Irak, wo die Christenverfolgung besonders dramatische Formen angenommen hat. Doch Benedikt scheut sich nicht, darauf hinzuweisen, dass auch in anderen Teilen der Welt Christen um ihres Glaubens willen verfolgt und ermordet werden – jährlich sind über 100.000 Todesopfer zu beklagen; rund 80 Prozent aller wegen ihrer Religion diskriminierten Menschen sind Christen. Der Papst macht, wie sein Vorgänger, immer wieder deutlich, dass Religionsfreiheit ein elementares Menschenrecht ist.

Religion und Vernunft

Benedikt ist ein Papst, der wie kaum ein anderer vor ihm in der Lage ist, eine Brücke zwischen Religion und Gesellschaft, Glauben und Wissen, Kirche und Staat zu schlagen. Seine Diskussionen mit Jürgen Habermas und mit Paolo Flores d’Arcais zeigen die Bereitschaft und Fähigkeit des Papstes, am gemeinsamen Bau einer post-säkularen Gesellschaft intellektuell und spirituell mitzuwirken. Immer wieder sucht er zu begründen, warum „der Sieg der Vernunft über die Unvernunft auch ein Ziel des christlichen Glaubens ist“ und warum für den Christen gilt: „Der Glaube zerstört die Vernunft nicht, er bewahrt sie und bleibt sich dadurch selbst treu.“

Benedikt hat schon früher betont, dass die Wahrheit jenseits der Natur liegt und dass es dem Christentum um Abgrenzung sowohl gegenüber einer einengenden funktional-instrumentellen Rationalität reiner Wissenschaftlichkeit als auch gegenüber der Unvernünftigkeit des Heidentums geht, d. h. um ein erweitertes Verständnis von Vernunft, wie sie sich in der sittlich-geschichtlichen Entfaltung des Christentums manifestiert: „Die beiden immer auseinander fallenden Seiten der Religion, die ewig waltende Natur und die Heilsbedürftigkeit des leidenden und ringenden Menschen sind ineinander verbunden. Die Aufklärung kann Religion werden, weil der Gott der Aufklärung selbst in die Religion eingetreten ist. Das eigentlich Glauben heischende Element, das geschichtliche Reden Gottes, ist doch die Voraussetzung dafür, daß die Religion sich nun dem philosophischen Gott zuwenden kann, der kein bloß philosophischer Gott mehr ist und doch die Erkenntnis der Philosophie nicht abstößt, sondern aufnimmt. Hier zeigt sich etwas Erstaunliches: Die beiden scheinbar konträren Grundprinzipien des Christentums: Bindung an die Metaphysik und Bindung an die Geschichte bedingen sich gegenseitig und gehören zusammen; sie bilden zusammen die Apologie des Christentums als religio vera. Wenn man demgemäß sagen darf, daß der Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen nicht zuletzt durch den Anspruch seiner Vernünftigkeit ermöglicht wurde, so ist dem hinzuzufügen, daß ein zweites Motiv gleichbedeutend damit verbunden ist. Es besteht zunächst, ganz allgemein gesagt, im moralischen Ernst des Christentums.“ Dies im Austausch mit Andersdenkenden und -glaubenden zu vertreten, ist ein zentrales Anliegen des Papstes.

Hier nähert er sich seinem theologischen Antipoden Hans Küng, der das Gespräch der Kirche mit Nichtreligiösen für ebenso wichtig hält wie den Trialog der monotheistischen Religionen. Es geht Benedikt (und, wie sich immer wieder zeigt, auch Habermas) darum, das Phänomen der neuen Religiosität fruchtbar zu machen für Sozialbeziehungen, politische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse sowie die Wirtschaft.

Gerade der hat Benedikt mit der Enzyklika Deus Caritas est (Januar 2006) erneut die katholische Soziallehre ins Stammbuch geschrieben, die heute, über 160 Jahre nach Kettelers Mainzer Manifest (1848), aktueller denn je erscheint, um nach den totalitären Staatsutopien des 20. Jahrhunderts eine neue Utopie zu verhindern, die nicht weniger totalitär ist: den freien Markt. Kritik des Liberalismus – man wünschte sich, die Union schaute in dieser Angelegenheit mal öfter gen Rom.

Benedikt übte ferner deutliche Kritik an dem auf Kultur und Geist übergreifenden Erklärungs- und Deutungsanspruch der Wissenschaft (Enzyklika Spe salvi, November 2007), er sucht aber zugleich den Dialog mit Wissenschaftlern, auch wenn nicht alle ihn anzunehmen bereit sind. So musste im Januar 2008 eine Rede Benedikts an der römischen Universität La Sapienza nach Protesten einiger Hochschulangehöriger abgesagt werden.

Der Papst Benedikt kritisiert in Spe salvi den Anspruch der modernen Wissenschaft, dem Menschen „Erlösung“ bringen zu können, Befreiung vom Leid. Im Fokus der Auseinandersetzung steht Francis Bacon als Begründer der naturwissenschaftlichen Methodik, der Empirie, die sich als Paradigma für die Wissenschaft insgesamt herausgebildet hat. Deren Prinzip lautet: Wahr ist, was nach Beobachtung durch sinnliche Wahrnehmung der Fall ist. Der Papst kommt in der Enzyklika zu dem Urteil, dass der Mensch „nie einfach nur von außen her erlöst werden kann“, denn „Francis Bacon und die ihm folgende Strömung der Neuzeit irrten, wenn sie glaubten, der Mensch werde durch die Wissenschaft erlöst. Mit einer solchen Erwartung ist die Wissenschaft überfordert; diese Art von Hoffnung ist trügerisch.“ Die Wissenschaft könne zwar „vieles zur Vermenschlichung der Welt und der Menschheit beitragen“, doch sie kann ebenso „den Menschen und die Welt zerstören, wenn sie nicht von Kräften geordnet wird, die außerhalb ihrer selbst liegen.“ Fazit: „Nicht die Wissenschaft erlöst den Menschen. Erlöst wird der Mensch durch die Liebe.“ Mutige, eindringliche und wahre Worte.

Man kann nur hoffen, dass sich der Papst nicht entmutigen lässt und weiter versucht, Brücken zwischen Religion und Wissenschaft zu schlagen, um gemeinsam mit den Akademikern guten Willens die menschliche Vernunft auf diese Wahrheit hin zu orientieren und mitzuhelfen, ein Klima in den Wissenschaften zu erzeugen, in dem die moralischen Implikationen der Forschung stets mitbedacht werden.

Der Kirchenmann

Liturgisch gilt für den Papst: Keine Experimente! Benedikt bleibt der konservativen Linie aus seinem Werk „Der Geist der Liturgie. Eine Einführung“ treu. Die „Rolle rückwärts“ Richtung vorkonziliarem Ritus in der Eucharistiefeier durch Zulassung de Tridentinischen Messe (Juli 2007) wird unterdessen überschätzt, denn zum einen handelt es sich ausdrücklich um eine Sonderform, zum anderen hat der Vatikan betont, damit die Liturgiereform des Konzils nicht rückgängig machen zu wollen. Auch die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Pius-Bruderschaft ist eher eine Marginalie in Sachen Einheit der Kirche und bleibt es, solange die zahlenmäßig weit bedeutendere Gruppe der ausgeschlossenen Befreiungstheologen links liegen gelassen wird. Doch auch das ist eher ein Nebenschauplatz, gemessen an den anstehenden Aufgaben im Bereich der Ökumene, die Benedikt nicht wirklich beherzt anpackt. Es wäre auch vermessen, von Benedikt Impulse für die Ökumene zu erwarten. Was er in diesem Punkt bislang geleistet hat, ist überschaubar und betrifft die weitere Einbeziehung der Orthodoxen in den ökumenischen Diskurs, die häufig vergessen werden, in Europa aber nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Für viele evangelische, aber auch katholische Christen hierzulande war die neuerliche Betonung des ausschließlich auf die römisch-katholische Kirche bezogenen Kirchenbegriffs des Vatikan eine bittere Enttäuschung. Man darf dabei aber zweierlei nicht vergessen: erstens, dass der Papst nur das wiederholt hat, was sowieso Stand der Dinge ist und zweitens, dass der Papst Oberhaupt der Weltkirche ist und – auch als Deutscher – auf deutsche Sonderbefindlichkeiten keine Rücksicht nehmen kann. Die „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ (Juni 2007) kamen wenige Wochen nach der Brasilienreise, wo Benedikt zur Kenntnis nehmen musste, in welch tiefer Krise die Kirche im größten lateinamerikanischen Land steckt, weil die Katholiken ihrer Kirche zunehmend den Rücken kehren und in den letzten Jahren vermehrt zu den eifrig werbenden evangelikalen Freikirchen gewechselt sind. Hier tut Abgrenzung Not. Nicht jeder, der kostenlos Milch und Müsliriegel verteilt und spirituelle Angebote unterbreitet, kann „Kirche“ im eigentlichen Sinne sein – bei allem Respekt vor dem jeweiligen Bekenntnis. Der starre Kirchenbegriff des Vatikan (nur die römisch-katholische Kirche ist wahrhaft „Kirche“), den im Lande Luthers kaum jemand versteht, hat jedenfalls seine Vorgeschichte in der Auseinandersetzung des amerikanischen Klerus (die Hälfte der Katholiken lebt in Amerika) mit diesen neuen, dynamischen Strömungen des Proselytismus, die oft genug Anlass geben zu zweifeln, ob auch überall Kirchlichkeit drin ist, wo „Kirche“ drauf steht. Insoweit schafft die erwähnte Verlautbarung, so schmerzlich sie sein mag, vor allem eines: Klarheit.

Unter Benedikt dürften theologische Debatten um das Zölibat und das Ordinariat der Frau theologische Debatten bleiben. In dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum Caritatis (Februar 2007) wird die Bedeutung des Zölibats für die Radikalität eines christlichen Lebensstils, bei dem sich sakramentale Kompromisse (hier: Ehe und Priesterweihe) ausschließen, betont: „Es ist notwendig, den tiefen Sinn des priesterlichen Zölibats zu bekräftigen, der zu Recht als ein unschätzbarer Reichtum betrachtet wird. In dieser Wahl des Priesters kommen nämlich in ganz eigener Weise seine Hingabe, die ihn Christus gleichgestaltet, und seine Selbstaufopferung ausschließlich für das Reich Gottes zum Ausdruck. Deshalb reicht es nicht aus, den priesterlichen Zölibat unter rein funktionalen Gesichtspunkten zu verstehen. In Wirklichkeit stellt er eine besondere Angleichung an den Lebensstil Christi selbst dar.“

Das hindert die Jugend in der Kirche nicht daran, „ihren“ Papst mehrheitlich gut zu finden. Benedikt trat vor drei Jahren ein schweres Erbe an, war sein Vorgänger Johannes Paul II. doch insbesondere bei der Jugend sehr beliebt. Ihr schenkte er ein Mega-Event, den Weltjugendtag, der bei seiner zehnten Auflage 1995 in Manila die größte Versammlung in der Menschheitsgeschichte erlebte: fast vier Millionen junge Christen hatten sich in der Hauptstadt der Philippinen zusammengefunden. Zehn Jahre später sollten immerhin 1,2 Millionen nach Köln kommen – eine organisatorische Bewährungsprobe für die Stadt und eine würdige „Taufe“ für den gerade wenige Wochen im Petrusamt befindlichen Ratzinger, den man mit allem möglichen assoziiert, nur nicht mit „Jugend“. Umso überraschender, dass der zurückhaltende, konservative Gelehrte die Jugendlichen in Köln in seinen Bann zog und binnen weniger Tage zum Popstar einer Generation wurde – der „Generation Benedikt“.

Der Papst auf Reisen

Johannes Paul II. galt als „Reise-Papst“ – er hat auf 104 Reisen 127 Länder besucht. Benedikt ist in dieser Hinsicht etwas zurückhaltender. Nach seinem Auftritt in Köln (August 2005) war er in Polen (Mai 2006), Spanien (Juli 2006), ein weiteres Mal in Deutschland, genauer: in Bayern (September 2006), in der Türkei (November 2006), in Brasilien (Mai 2007), Österreich (September 2007), in den USA (April 2008), beim Weltjugendtag in Australien (Juli 2008), in Frankreich (September 2008) und zuletzt in Kamerun und Angola (März 2009). Für Mai ist ein Besuch im Heiligen Land geplant.

Von seinen Reisen gingen immer wieder Impulse aus und auch das, was er in der Ferne sagte, ließ aufhorchen. Von Regensburg war schon im ersten Teil die Rede. Viele Feinde, die er sich mit dem Zitat eines scharfen Urteils des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos über den Islam als einer angeblich widervernünftigen Religion mit großer Gewaltbereitschaft gemacht hatte, versöhnte er einige Wochen später bei seinem Türkeiaufenthalt, wo er den Muslimen Respekt bezeugte.

Dagegen löste er in Brasilien mit seiner positiven Deutung der Missionierung Lateinamerikas im 16. Jahrhundert eine Kontroverse aus. Vertreter der Indio-Nachfahren verwiesen darauf, dass die Christianisierung sehr wohl ein gewaltsames Aufzwingen einer fremden Kultur war, etwas, dass Benedikt mit Blick auf die universale Sehnsucht nach Erlösung durch Jesus und sein Evangelium verneint hatte, eine Position, der sich Lateinamerika-Kenner Mariano Delgado anschloss, während der Historiker Hans-Jürgen Prien offen von „Geschichtsklitterung“ sprach. Man kann Benedikt wohl nur dann folgen, wenn man es für richtig hält, eine theologisch-metaphysische Betrachtung zum Leitmotiv eines Urteils über historische Epochen zu erklären und dabei den Blick von den empirischen Befunden bewusst zu lösen, um ihn auf das soteriologische Ganze zu lenken. Das ist eine geschichtsphilosophische Frage, aber auch eine, die so eng mit Glaubenskonstituten (Erlösung) verbunden ist, dass es keine klare Antwort gibt. Nur eines ist klar: Diplomatisch geschickt kann die Äußerung des Papstes wohl nicht genannt werden.

Diplomatisch geschickt war hingegen die Reise Benedikts in die USA, einem Land, dass jahrzehntelang dem Vatikan gegenüber sehr reserviert war – und umgekehrt. Erst unter Reagan nahm man diplomatische Beziehungen auf. Die Reise führte den Papst nicht nur zur UNO und nach Ground Zero, sondern auch zur größten Jüdischen Gemeinde außerhalb Israels.

Seine letzte Reise führte Benedikt nach Afrika, genauer: nach Kamerun und Angola. Es ist bedauerlich, dass die Afrika-Reise auf die „Flugzeugrede“ und diese wiederum auf die „Kondomfrage“ reduziert wurde. Doch Reduktion ist das Geschäft der Medien. Wer hat denn schon Zeit und Lust, sich mit katholischer Moraltheologie im Ganzen zu beschäftigen oder eine Papstrede mal zu Ende zu lesen? Zwar würde man dann erkennen, dass die anscheinend so „lebensfremde“ Sexualmoral gar nicht das Ergebnis der pathologischen Gängelungsabsicht einer lustfeindlichen Altherrenrunde ist, sondern eine zwingende Folge der ganzheitlichen Sicht auf den Menschen als Person mit unveräußerlicher Würde, doch will man das eigentlich erkennen? Wer gegen den Zeitgeist einmal darauf achtet, dass die katholische Morallehre von der Personalität des Menschen ausgeht, auch und gerade dann, wenn es um Intimität und Sexualität geht, wird sich hüten, vorschnell von „unmenschlich“ zu sprechen, wenn es darum geht, das Kondom als Allheilmittel zu kritisieren, wie es der Papst regelmäßig und völlig zu Recht tut.

Die Aussage, dass nicht Kondome die erste Wahl bei der AIDS-Bekämpfung sind, insbesondere wenn es um die Verhinderung von Neuinfektionen geht, sondern Keuschheit und Treue, ist dabei nur dann ein medienträchtiger Skandal, wenn der Papst dies sagt. An der Riege professioneller Kirchenkritiker, die keine Chance zur Papstschelte ungenutzt verstreichen lässt, scheint indes völlig vorbeigegangen zu sein, dass dies seit Jahrzehnten auch die Position der wichtigsten katholischen Hilfswerke sowie zahlreicher säkularer Einrichtungen in der AIDS-Bekämpfung ist.

Das bischöfliche Hilfswerk Misereor etwa teilt den Standpunkt des Papstes: „Viele Menschen in Europa verbinden mit dem Schutz vor AIDS vorschnell Kondomkampagnen. Wer aber meint, unter den Lebensbedingungen der Armutsregionen wären sie das Mittel in der AIDS-Bekämpfung, greift viel zu kurz. Die Erfahrungen unserer Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika und die Erfolge der gemeinsamen Projekte zeigen uns, dass ein wirksamer Schutz vor AIDS anders, das heißt ganzheitlich, ansetzen muss“. Das UN-Hilfswerk UNESCO und die Weltgesundheitsorganisation WHO propagieren den so genannten ABC-Ansatz, bei dem A (=abstinence; Enthaltsamkeit) und B (=behavior; Verhalten, also Treue [einige setzen für B „being faithful“) für vorrangig gegenüber C (=condoms; Kondome) erachtet werden. Die größten Erfolge erreicht man mit A, dann mit B und erst dann – als ultima ratio – mit C.

Einen eindrucksvollen Beleg für diese These liefert Uganda. Das Land hatte in den 1980er Jahren vergeblich versucht, das AIDS-Problem „technisch“, also mit der forcierten Abgabe von Kondomen zu lösen, gesponsert durch europäische Entwicklungsorganisationen. Erst durch eine von der katholischen Kirche sowie anderen religiösen Gemeinschaften unterstützte Kampagne für eine Veränderung des Sexualverhaltens, mit der darauf hingewirkt wurde, dass der erste Geschlechtsverkehr später stattfindet und Sex außerhalb einer festen Beziehung seltener geschieht, konnten in den 1990er Jahren die unverbindlichen Sexualkontakte um 60 Prozent und die AIDS-Quote um 70 Prozent gesenkt werden („Science“). Andere Länder der Region, die nur auf Kondome gesetzt hatten, konnten, so „Science“, keinerlei Erfolg messen. Heute hat Uganda mit 4% eine der niedrigsten AIDS-Raten des afrikanischen Kontinents.

Grundsätzlich scheint die Tatsache, dass die Zahl der Katholiken und die Zahl der AIDS-Kranken in Afrika negativ korreliert, weitgehend unbekannt zu sein. Folgt man den Statistiken der Zeitschriften „Komma“ und „ideaSpektrum“, so erkennt man: In den Ländern, in denen der Katholikenanteil bei unter 5% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei über 30% (Swaziland: 43% Infizierte, 5% Katholiken, Botswana: 37%, 4%), in den Ländern, in denen der Katholikenanteil bei unter 10% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei über 20% Simbabwe 25% Infizierte, 8% Katholiken, Südafrika 22%, 6%). Dort hingegen, wo der Katholikenanteil bei über 10% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei unter 20% (Sambia 17% Infizierte, 26% Katholiken, Malawi 14%, 19%). Und dort schließlich, wo der Katholikenanteil bei über 30% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei unter 5% (Ruanda 5% Infizierte, 47% Katholiken, Uganda 4%, 36 %). Kurz: Je mehr Katholiken, desto weniger AIDS.

Auf diese Erfahrungen in Uganda und diese eindrucksvollen Zahlen bezog sich offensichtlich auch Benedikt, als er auf seinem Flug nach Afrika zu einer „Humanisierung der Sexualität“ einlud. Auch wenn solche Fakten die eigene Meinung so sehr stören, dass man sie am besten vernachlässigt, ganz wegwischen sollte man sie nicht.

Was aber hat die Kirche gegen Kondome? Antwort: Nichts. Die Kirche hat nichts gegen Kondome an sich, auch nicht gegen deren Gebrauch im speziellen, sondern nur etwas dagegen, dass C vor B und A gelesen wird. Die katholische Morallehre besagt, das jeder katholische Christ enthaltsam leben sollte, wenn er nicht verheiratet ist. Wenn er verheiratet ist, muss es nicht enthaltsam leben. Wenn der Verheiratete infiziert ist und mit seinem Ehepartner schlafen will, darf er Kondome verwenden. Dies steht nicht im Widerspruch zur Auffassung der katholischen Morallehre hinsichtlich der Empfängnisverhütung (nach Auffassung der Kirche dürfen grundsätzlich keine Mittel zur künstlichen Empfängnisverhütung eingesetzt werden, wozu auch Kondome zählen), weil es hierbei ja gerade nicht um eine Handlung mit empfängnis-, sondern mit infektionsverhütender Wirkung geht und diese Wirkung für die Entscheidung, ein Kondom zu verwenden, in dem Fall des infizierten Ehepartners ausschlaggebend ist (so ein Dokument des Vatikan aus dem Jahre 2006). Für die moralische Bewertung einer Handlung ist in der katholischen Morallehre bekanntlich die intentionale Struktur, also die Ausrichtung des Willens maßgeblich, d. h. die Frage, was mit der Handlung beabsichtigt ist – nicht deren äußerer Vollzug. Also: In dieser Konstellation ist der Gebrauch des Kondoms erlaubt. Die beste, weil sicherste Variante ist freilich auch in der Ehe die Enthaltsamkeit, wenn einer der Partner AIDS hat, weil auch hier die Risikoerwägungen im Zusammenhang mit dem Kondomgebrauch gelten, von denen gleich noch die Rede sein wird.

Der Papst möchte aber eindringlich davor warnen, dass dieses ABC aus Gründen der Leichtfertigkeit und in einer hedonistischen Lebensweise, die weder Rücksicht auf andere noch auf sich selbst nimmt, grundsätzlich umgekehrt wird: erst C, dann B und dann – wenn überhaupt – A. Die katholische Kirche erinnert an die Bedeutung von A und B, während viele nur auf C setzen, obwohl nachweislich die größten Erfolge mit A, dann mit B und schließlich mit C erzielt werden. Das C als Allheilmittel führt in der Tat eher zu einer Verschlimmerung des Problems. Auch dafür gibt es einen traurigen Beleg: die Stadt Washington DC. Im „Schwarzwälder Boten“ vom 25. März 2009 war unter der Überschrift „Die Hauptstadt des AIDS“ zu lesen, dass 3 Prozent der Bevölkerung Washingtons mit dem HI-Virus infiziert sein soll. „Die tatsächliche Zahl liegt noch deutlich höher“, wird Bürgermeister Adrian Fenty zitiert, und die AIDS-Beauftragte der Stadt, Shannon Hader, meint: „Unsere Ansteckungsrate ist schlimmer als die in Westafrika.“ Tatsächlich: Um 22% ist die Zahl der Infizierten seit 2007 gestiegen. Man stehe vor einem Rätsel wie dies trotz der kostenlosen Abgabe von Kondomen geschehen konnte. Vielleicht sollte man der Stadtverwaltung von Washington DC die Telefonnummer des Bischofs von Uganda verraten.

Der Grund für eine solche Überlegenheit von A und B gegenüber C ist sehr einfach: das verbleibende Risiko, das bei A und B 0%, bei C aber etwa 10% beträgt, folgt man Making condoms work for HIV prevention (2004), einer Studie des Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (UNAIDS), in der vier zwischen 1993 und 2002 durchgeführte wissenschaftliche Studien ausgewertet werden. Schaut man sich die Studien genauer an, merkt man schnell, dass UNAIDS sich an der optimistischsten orientiert. Im Einzelnen lauten die Ergebnisse: Senkung um 69%, 80%, 87% bzw. 93%. Das macht im Durchschnitt 82,25%. Die jüngste Studie aus dem Jahr 2002 von Weller und Davis ermittelt eine Senkung von 80%, was einem Restrisiko von 20% entspricht. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich würde nicht mehr fliegen, wenn ich damit rechnen müsste, dass jedes fünfte Flugzeug abstürzt.

Anders gesagt: Mit Kondomen kann lediglich die Zeit um den Faktor 5 bis 10 verzögert werden, bis eine erhebliche Infektions-Wahrscheinlichkeit erreicht wird. Noch drastischer: Wer regelmäßig Kondome verwendet, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später infizieren. Das ist der Unterschied zwischen „safe“ und „safer“. Kondome verschlimmern also insoweit das Problem, als sich ein Gefühl der Sicherheit einstellt, die Sicherheit selbst aber nicht da ist. Zusammen mit einer Mentalität der sexuellen Freizügigkeit trägt das Kondom, wenn es regelmäßig verwendet wird, allenfalls dazu bei, den Zeitpunkt der Infektion hinauszuzögern, nicht aber das Problem zu beseitigen.

Das Kondom unter diesen Umständen als wirksames (möglicherweise sogar einzig wirksames) Mittel gegen AIDS zu preisen und in Werbekampagnen von der (nicht vorhandenen) Sicherheit (als „Null-Risiko“) zu schwärmen, das ist unmenschlich und zynisch, nicht jedoch die Aussagen des Papstes. Denn seine Alternative heißt nicht Sex ohne Kondom, was das Risiko gegen 100% gehen ließe, sondern Treue. Zur Erinnerung: „A“ wie „abstinence“ und „B“ wie „behavior“ senken das Risiko auf 0%.

Die Lösung liegt in der Tat vielmehr in einem „spirituellen und menschlichen Erwachen“ und der „Freundschaft für die Leidenden“, wovon Benedikt spricht. Die Freundschaft besteht in der tätigen Nächstenliebe (jeder vierte afrikanische AIDS-Kranke wird in katholischen Einrichtungen versorgt), das Erwachen in der Besinnung auf Enthaltsamkeit und Treue. Das ist nicht leicht, aber möglich. Der Sexualtrieb liegt zwar in der Natur des Menschen, doch diese Natur ist nicht nur biologischer Art, sondern kennt die Vernunft und den Willen als wirksame Regulative. Eine Ethik wie die katholische Morallehre kann auf die Schwäche dieser Instanzen keine Rücksicht nehmen, denn das hieße, dem naturalistischen Fehlschluss vom Sein auf das Sollen zu verfallen. Und das wäre das Ende jeder Ethik.

Dass afrikanische Pfarrer im Einzelfall dennoch auf das Kondom als ad hoc-Lösung verweisen, ist kein Widerspruch zu der Regel, wenn es in begründeten Ausnahmen als Akt der Barmherzigkeit geschieht und nicht selbst zur Norm gemacht wird, durch die sich ein trügerisches Sicherheitsgefühl einstellte und sich der Irrtum verstetigte. Für die Gewissenentscheidung des Einzelnen hält sich die katholische Morallehre immer offen, nicht aber für die Lehrmeinung, durch das Verteilen von Kondomen könne man den Kampf gegen AIDS gewinnen. Daran ändern auch die üblichen Schimpfkanonaden unfehlbarer AIDS- und Afrika-Experten aus den Reihen der deutschen Politik nichts.

Der Papst ist Deutscher, der Papst ist Bayer. Daraus macht er keinen Hehl, warum auch. Auch wenn die Hysterie einiger Medien Formen der Berichterstattung hervorbrachten und -bringen, die gewöhnungsbedürftig sind und Ratzinger selbst wohl am wenigsten zugesagt haben dürften („Wir sind Papst!“), gibt er der weitgehend entkirchlichten Heimat einige dringend benötigte spirituelle Impulse, auch wenn der ökumenische Dialog weniger Rückenwind erhält als zu wünschen wäre. Seine Besuchsreisen in der Heimat waren Medienereignisse und interessierten nicht nur das katholische Stammpublikum.

Vielleicht kommt Benedikt ja im November nach Berlin, zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Dann könnte das Kirchenoberhaupt versuchen, nach den katholischen Rheinländern und Bayern auch die protestantischen Preußen zu erobern. Einen prominenten Protestanten hat der Papst schon auf seiner Seite: Christoph Markschies, Kirchenhistoriker und Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin. Markschies hatte angesichts der La Sapienza-Affäre betont, an seiner Hochschule sei Benedikt im Falle eines Berlin-Besuchs jederzeit willkommen. Offenheit der akademischen Welt und Zeichen gelebter Ökumene – kein schlechter Lockruf aus einer Stadt, in der die Menschen wissen, wie lebensfeindlich künstliche Grenzen sind, die trennen, was eigentlich zusammengehört.

(Josef Bordat)

10.000

April 18, 2009

Heute erfolgte der 10.000ste Zugriff auf dieses Blog. Vielen Dank allen Leserinnen und Lesern!

Bedanken möchte ich mich auch bei den Gastautoren, die das Angebot bereichern, und bei den Kolleginnen und Kollegen aus der „Blogozöse“, die auf dieses Angebot hinweisen.

Ihr
Josef Bordat

Glaube an den Schöpfergeist ist ein wesentlicher Inhalt des christlichen Credo. Dass die Materie mathematische Struktur in sich trägt, geisterfüllt ist, ist die Grundlage, auf der die moderne Naturwissenschaft beruht. Nur weil Materie geistig strukturiert ist, kann unser Geist sie nachdenken und selbst gestalten. Dass diese geistige Struktur von dem gleichen Schöpfergeist kommt, der auch uns Geist geschenkt hat, bedeutet Auftrag und Verantwortung zugleich. Im Schöpfungsglauben liegt der letzte Grund unserer Verantwortung für die Erde. Sie ist nicht einfach unser Eigentum, das wir ausnützen können nach unseren Interessen und Wünschen. Sie ist Gabe des Schöpfers, der ihre inneren Ordnungen vorgezeichnet und uns damit Wegweisungen als Treuhänder seiner Schöpfung gegeben hat. Dass die Erde, der Kosmos, den Schöpfergeist spiegeln, bedeutet auch, dass ihre geistigen Strukturen, die über die mathematische Ordnung hinaus im Experiment gleichsam greifbar werden, auch sittliche Weisung in sich tragen. Der Geist, der sie geformt hat, ist mehr als Mathematik – er ist das Gute in Person, das uns durch die Sprache der Schöpfung den Weg des rechten Lebens zeigt.

Papst Benedikt XVI.

Was für die beiden Jünger, die sich auf den Weg nach Emmaus machen, ansteht, ist die Bewältigung ihrer Enttäuschung und tiefen Trauer. (…) Die Heilige Schrift bewahrt viele Geschichten, in denen Menschen traurig, perspektivlos, ja lebensmüde sind, doch in der Begegnung mit Gott wieder Mut finden. All diese Menschen machen im Grunde die Erfahrung der beiden Emmaus-Jünger: Wir sind nicht allein. (…) Die richtige Schrittfolge ist dabei wichtig: Zunächst gestehen die beiden Wanderer auf dem Weg nach Emmaus einander ihre Traurigkeit und Resignation ein, und zwar in aller Offenheit, ohne etwas zu beschönigen. In diese trostlose Situation tritt Jesus ein ­ und zwar nicht als Problemlöser, sondern als aufmerksamer Wegbegleiter und Zuhörer. Indem er nach ihren Sorgen fragt, versucht er die beiden Männer zu verstehen und nimmt ihren Kummer und ihre Resignation auf. Aus diesem Teilnehmen und Annehmen erwächst, wenn auch noch anfanghaft, Gemeinschaft und Vertrauen. (…) Wenn unser aller Weg in dieselbe Richtung führt und das Glaubenszeugnis aller zusammenklingt, dann sind wir ­ wie die Jünger von Emmaus ­ Glieder einer lebendigen und missionarischen Kirche. Dann erreichen wir nämlich die Ohren der vielen Fragenden und locken die Suchenden auf den Weg mit dem auferstandenen Herrn.

Hans-Josef Becker (Erzbischof von Paderborn)

Wir bekennen im heutigen Gottesdienst mit der ganzen Christenheit, (…) dass Jesus Christus auferstanden ist. Wir nehmen keinen Abstand von der Wirklichkeit dieser Auferstehung, betrachten sie nicht als eine schöne Legende oder als bloßes Symbol der Vitalität des Kosmos, nicht als eine Tradition der Urkirche, welche die heutige Wissenschaft relativieren könnte, nicht als Ausdruck der natürlichen menschlichen Sehnsucht nach einer Überhöhung der beschränkten Verhältnisse, in denen Einzelne wie auch Kulturgemeinschaften leben, die sich als sterblich empfinden. Wir glauben, dass Jesus von Nazaret, der menschgewordene Sohn Gottes, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, nach seinem Erdenleben, nach seinem Leiden und seinem Tod, als Gottmensch lebt. Wir vermögen nicht unmittelbar und in jeder Lebenslage uns vorzustellen, was das für uns bedeutet. Wir denken nicht immer daran. (…) Nicht wir machen unser Leben neu. Er macht es neu. Wir vergessen oft, wie erhaben unsere Würde ist, wie treu Jesus zu uns steht. Wir vergessen häufig, dass die heilige Eucharistie das Sakrament der Liebe ist, durch das wir alle über alle Grenzen hinweg ein einziger Leib sind, Jesu Leib, als neue Schöpfung.

Amédée Grab (*1930, em. Bischof von Chur)

Ostern 2009

April 12, 2009

Christus ist auferstanden, Halleluja!

Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Ihr
Josef Bordat

Propter nos homines ­ für uns Menschen, so heißt es im Glaubensbekenntnis, ist er, Jesus Christus, der Sohn Gottes, Mensch geworden, um uns Menschen den Weg in das Leben in Fülle zu ermöglichen. Im Blick auf die Leidensgeschichte wird klar, was das bedeutet: Gott gibt alles um des Menschen willen! Im Kreuz Jesu erkennen wir einen Gott, der sich ganz und gar hingibt. Er zeigt in seinem Handeln, dass die größte Freiheit sich in der Liebe realisiert und vollendet. Gott, der wirklich absolut frei ist, offenbart im Kreuz, was wahre Freiheit ist: alles geben können in der Liebe. Deswegen kann der Herr in der Stunde seines Todes rufen: Es ist vollbracht!

Aber ­ warum dieser ungeheure Aufwand, warum der Liebestod Gottes in Jesus Christus am Kreuz, das größte, faszinierendste und zugleich schrecklichste Geschehen aller Zeiten? Noch einmal: um des Menschen willen! Ja, so kostbar ist das Leben jedes Menschen, dass Gott dafür alles gibt.

Reinhard Marx (Erzbischof von München und Freising)

Heilige Woche

April 6, 2009

Die Heilige Woche führt uns vor Augen, wie nah das „Hosanna!“ und das „Kreuziget ihn!“ beieinander liegen können.

Am Palmsonntag „nahmen sie Palmzweige, zogen hinaus, um ihn zu empfangen, und riefen: Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ (Joh 12,13)

Am Karfreitag, fünf Tage später, wo waren sie da?

„Kein Hosanna war mehr zu hören; vielmehr schrien sie: Ans Kreuz mit ihm! Da zeigte sich, dass sie beim Einzug in die heilige Stadt nur Mitläufer waren. Jesus aber braucht keine Mitläufer, er sucht Nachfolger, Menschen, die zu ihm stehen, auch wenn es mühsam, ja gefährlich wird. Gott selbst ist es, der uns so liebt. Wenn wir uns gläubig dieser Botschaft öffnen, erfahren wir nicht nur, wer Jesus Christus ist; wir begegnen ihm auch und erfahren seine liebende Gegenwart, Gottes liebende Gegenwart, die uns trägt, die Dunkelheit unserer Angst vertreibt und auch in schwierigen Momenten unseren Lebensweg erleuchtet. Diese Liebe -erwidern wir mit unserer Liebe, die sich in felsenfester Treue zu Jesus zeigt. Wir sind keine Mitläufer, wir sind Nachfolger und stehen zu ihm. Die Größe des Menschen und seine höchste Berufung liegen nicht darin, Bedeutendes in dieser Welt zu vollbringen, sondern die Liebe Gottes mit unserer Liebe zu beantworten.“ (Friedrich Kardinal Wetter, em. Erzbischof von München-Freising).

Gebe Gott, dass wir immer diese Treue im Glauben haben und seine Liebe unter allen Umständen weiterschenken – nicht nur in der Heiligen Woche.

(Josef Bordat)

Schöpfung

April 3, 2009

Überlegungen zu Ursprung und Grund der Existenz unter Zuhilfenahme der Mystik

„Wenn Gott der Schöpfer aller Dinge ist, wer hat dann diesen Schöpfer erschaffen?“ – Mit dieser Frage versuchen einige philosophisch interessierte Menschen den Schöpfungsglauben elegant zu widerlegen. Wenn dieser Schöpfungsglaube einen ins Unendliche gehenden Prozess von „Schöpfungen“ anstoße, so die Auffassung, könne es ja keine erste Instanz geben, die – ungeschaffen – die Schöpfung vornimmt. Nicht nur, dass sie damit übersehen, dass auch ein nicht geschaffenes Universum die Frage nach dem Ursprung und einem möglichen „Vorher“ aufwirft – diesem vermeintlich so einsichtigen „Widerlegungsargument“ liegt ein Missverständnis bzgl. des Schöpfungsbegriffs zugrunde: Schöpfung sei gleichbedeutend mit „zeitlichem Anfang“.

Schöpfung: Nicht Anfang, sondern Ursprung

Schöpfung, so wie die christliche Theologie den Begriff versteht, ist aber Ursprung außerhalb von Zeit. Die Zeit entsteht erst im und mit dem Schöpfungsakt. Gott, der schon vor der Schöpfung war, steht außerhalb der physikalischen Raumzeit unserer Welt, in der wir zu denken gewohnt sind, ohne die wir uns ja gar nicht in der Welt zurechtfinden könnten und unter dessen Bedingungen auch die Widerlegungsversuche stehen – freilich auch jede Rede von Gott, jede Deutung der Bibel, jede Apologie der Tradition und überhaupt alles, was Menschen denken. Das sollte aber nicht dazu verleiten, diese Bedingung auch für Gott verbindlich zu machen – erst dann würde die Frage relevant.

Exkurs: Mystik

Man kann hier sehr fein unterscheiden, zwischen dem Sein Gottes, dem Ursprung, dem Urgrund alles Seienden einerseits und andererseits dem sich im Schöpfungsakt den Bedingungen der Schöpfung selbst unterwerfenden und der Kreatur damit verbunden bleibenden Schöpfergott. Indem das ewige (verstanden als das unzeitliche) Sein sein Wort spricht, als Ur-Sache gleichsam seine Ur-Sage formuliert, wird es Teil der Geschichte. In Jesus Christus als dem menschgewordenen Gott erfährt diese Hinwendung des Schöpfers zur Schöpfung ihre verbindlichste Form. Es liegt daher nahe, Christus als Vollendung der historischen Schöpfung („Omegapunkt“, Teilhard de Chardin) aufzufassen und zugleich als Rückführung der Schöpfung in das Sein Gottes.

Die Mystik differenziert entsprechend zwischen der ursprünglichen, unvorstellbaren Gottheit und einem in der Welt entäußerten Schöpfer-Gott. Bei Meister Eckhart ist dies ausführlich bedacht, da es für ihn darauf ankommt, das Ziel aller mystischen Spiritualität erreichbar zu machen: die Einheit mit Gott, die Geburt Gottes in der Seele – dass Gott in mir geboren wird, so Eckhart mit Augustinus, daran sei alles gelegen. Für dieses mystische Einswerden mit Gott hat sich der Begriff „unio mystica“ eingebürgert, obwohl ihn Eckhart selbst in seinem gesamten Werk nicht ein einziges Mal verwendet (darauf wies mich der Eckhart-Kenner Norbert Winkler auf einer Tagung hin).

Der „Ort“ dieser Geburt ist die Seele des Menschen, genauer: der „Seelengrund“. Meister Eckhart hebt die Sonderheit dieses Seelengrundes an verschiedenen Stellen hervor. Der namenlose Seelengrund, kann, so wie Gott, nicht benannt werden, denn er ist wie Gott. Dieser Seelengrund ist ungeschaffen und unerschaffbar, also etwas, das niemals erschaffen werden kann. Damit Etwas in der Seele Gott, der ebenfalls ungeschaffen und unerschaffbar ist, gleicht, muss, da – so ein Axiom aus Aristoteles’ Metaphysik (III 4, V. 1000 b) – Gleiches nur durch Gleiches erkannt werden kann, dieses Etwas selbst ungeschaffen und unerschaffbar sein. Gäbe es dieses ungeschaffene und unerschaffbare Etwas in der Seele nicht, bliebe es dem Menschen verwehrt, sich in den Bereich des Göttlichen zu begeben.

Zur Erhellung dessen, was mit diesem Seelengrund gemeint ist, bedient sich Eckhart einer philosophischen Terminologie: Der Seelengrund ist keine Potenz, keine Kraft, kein Vermögen, also etwas an der Seele, sondern der wesentliche Grund (causa essentialis) in der Seele, also das, was in der Seele über die Seele hinausragt. Hier zeigt sich die Unterscheidung von Substanz und Akzidenz, die auch in der Differenz hinsichtlich des mystischen Gottesverständnisses maßgeblich ist: einmal der substanzielle Schöpfergott, dann der Gott der Eigenschaften (gütig, weise). Die christliche Theologie hat dies zu einem einzigen Gottesbild zusammenfasst, indem sie die Eigenschaften in ihrer Substantialität deutet und sie Gott als Wesensmerkmale zuschreibt (Güte, Weisheit); Gott ist damit nicht liebevoll, sondern Liebe.

Eckhart steht mit dem Seelengrund-Konzept in zwei antik-mittelalterlichen Traditionslinien. Zum einen gebraucht er Annahmen der aristotelisch-averroistischen Intellekttheorie (das hat Kurt Flasch eindrucksvoll herausgearbeitet), zum anderen greift er den Einheitsbegriff des Neuplatonismus’ auf. Das absolute Eine der Neuplatoniker, das nichts ist denn Eines, ist für Eckhart mit dem Seelengrund identisch. Sinnvoll ist eine derartige Identifikation des Seelengrundes mit dem Einen nicht deshalb, weil dadurch der Mensch mit Gott identifiziert würde, sondern deshalb, weil für Eckhart der Mensch als Mensch Vernunft ist und insoweit, als es nur eine Vernunft gibt, nur einen Geist, er qua ratio zugleich Teil hat am Göttlichen.

Eckhart übernimmt mit der Rede vom einen Geist die Auffassung des Averroes vom „allgemeinen Geist“, um dann mit der unio mystica die Bedingung der Möglichkeit einer Teilhabe des Individuums, der Einzelseele, an der Wahrheit der absoluten Vernunft zu schaffen, ein Modell, das ebenfalls bereits bei Averroes angelegt ist, der in seiner Theorie der Verbindung (coniunctio) von individueller Seele und allgemeinem Geist – bei Eckhart: Mensch und Gott – ein Hineingehen ins Allgemeine durch die Vorstellungskraft (imaginatio) beschreibt, was bei Eckhart der mystischen Erfahrung entspricht.

Den Anstoß für die Rede vom Anteil des Menschen am Göttlichen erhält Eckhart von Aristoteles, der in seiner Nikomachischen Ethik feststellt: „Ist also, mit dem Menschen verglichen, der Geist etwas Göttliches, so ist auch ein Leben im Geistigen, verglichen mit dem menschlichen Leben, etwas Göttliches. Wir sollen aber nicht den Dichtern [z. B. Simonides, Pindar, Aischylos, Sophokles und Euripides, J.B.] folgen, die uns mahnen, als Menschen uns mit menschlichen und als Sterbliche mit sterblichen Gedanken zu bescheiden, sondern, soweit wir können, uns zur Unsterblichkeit erheben und alles tun, um unser Leben nach dem einzurichten, was in uns das Höchste ist.“ (X 7, V. 1178 a).

Und jetzt wird es spannend: Eckhart hält mit Aristoteles die Vernunft für das Höchste. Die Vernunft aber ist nur eine einzige, sie lässt sich als solche nicht in göttliche und menschliche Vernünftigkeit aufspalten. Die eine, absolute Vernunft kennt keinen Gott als Schöpfer der Kreaturen. Die eine, absolute Vernunft als Ich oder Seelengrund ist sogar Ursache für einen derartigen Gott, sagt Eckhart in seiner berühmten „Armutspredigt“. Josef Quint deutet den Unterschied zwischen den beiden Gottesbegriffen in seiner Edition der Deutschen Werke Meister Eckharts an, indem er Gott als den auf die Kreatur bezogenen Schöpfer in Anführungszeichen stellt („Gott“). Es heißt dort, „daß Gott ,Gott’ ist, dafür bin ich die Ursache; wäre ich nicht, so wäre Gott nicht ,Gott’“, und das deshalb, weil ein solcher Gott nur in seiner Bezogenheit zu den Kreaturen Gott ist. Die eine, absolute Vernunft hingegen ist nicht auf Kreaturen bezogen, sondern einzig auf sich selbst, sie ist – so Eckhart – Ursache ihrer selbst (causa sui). Sie besitzt so ihren Zweck in sich selbst. An anderer Stelle nennt Eckhart diesen derart konfigurierten Gott Gottheit.

Eckharts Vorstellung vom ungeschaffenen und unerschaffbaren Seelengrund, der von Gott, sofern er Gott der Kreaturen ist, nichts weiß, der für einen solchen Gott sogar Ursache ist, der hingegen die Gottheit selbst ist, soweit damit die Teilhabe an der einen, absoluten Vernunft gemeint ist, vom Seelengrund, der als Bewusstsein seinen Zweck einzig in sich selbst besitzt, einzig sich seiner bewusst ist und damit Selbstbewusstsein ist – diese Vorstellung mit all ihren Implikationen ist eine radikale und schwer verständliche. So überrascht es nicht, dass man weder bei Johannes Tauler noch bei Heinrich Seuse noch bei Nikolaus Cusanus Eckharts Theorie vom Seelengrund in der ihr eigentümlichen Form wieder findet, obwohl sie bestens mit Eckharts Denken vertraut waren.

Problematisch an der Seelengrund-Theorie ist, dass Eckhart das Ich, das bei ihm als ungeschaffen gilt, da es sich als causa sui selbst erschafft, mit dem Seelengrund in Verbindung bringt und ontologisch gleichsetzt. Wenn nun der Seelengrund aber ein Teil der Seele ist, dann hätten wir etwas Ungeschaffenes im Geschaffenen. Das geht nach der christlichen Schöpfungslehre nicht, bei der ja die Schöpfung vollständig Emanation Gottes ist, also von Gott aus Gott heraus in die Existenz gesetzt wird, als Akzidenz der Ur-Substanz Gottes. Auch die Seele ist Teil dieser Schöpfung. Somit kann es darin nicht etwas Ungeschaffenes geben, keinen Seelengrund, kein „ewiges“, „ungeschaffenes“ Ich.

Schöpfungstheologisch interessant scheinen mir jedoch die beiden Gottesbegriffe Eckharts zu sein, die – wie gesagt – die Mystik insgesamt prägen: „Gott“/Gott bzw. Gott der Kreaturen/Gottheit. Wie ist das gemeint: erstens Gott als Schöpfer der Kreaturen, ganz auf sie bezogen, zweitens Gott als die absolute Vernunft, die Ursache ihrer selbst ist? Es ist dabei nicht an zwei verschiedene Götter zu denken. Auch helfen uns, wie ich oben bereits andeutete, unsere Zeitkonzepte nicht weiter. Es handelt sich eben nicht um den „frühen Gott“ und den „späten Gott“ bzw. den Gott vor und den Gott nach dem Schöpfungsakt, sondern es ist ein immerwährender Gott, der, insoweit er als Schöpfer der Kreatur zugewandt ist, ein Gott ist, der seinen Ursprung aufgibt, die Gottheit, die in ihm ist, sein nicht-zeugender Wesenskern. Ernst Soudek hat das einmal sehr schön zusammengefasst: „Auf den Begriff ,Gott’ beziehen sich alle Gedanken Meister Eckharts über die göttlichen Personen; unter ,Gottheit’ scheint er das letzte überhöhte ,Sein’ Gottes zu verstehen.“ In der unio mystica schicke sich der Mensch an, sich „über den dreieinigen Gott hinauszubewegen [..] in ,die Wüste’, den ,Grund, Boden, und Quell’ Gottes, in die ,Gottheit’“. Die Gottheit ist das, was mit dem Seelengrund eins werden kann. Dadurch geht der Mensch hinter die Schöpfung zurück, durch die Gott in seiner Eigenschaft als Schöpfer seine Ursprünglichkeit als Gottheit aufgegeben hat, nicht zeitlich unterschieden, sondern qualitativ. Das Wesenhafte, Unveränderte, man könnte fast sagen, nicht durch die Schöpfung „Korrumpierte“ an Gott wird Zielgröße desjenigen Menschen, der zum Ursprung seiner Selbst zurückkehren will. Das Ich wird dort – begriffen als eins mit dieser Gottheit –, zur Ursache seiner Selbst und sogar Gottes, insoweit er eben Schöpfer-Gott bzw. Gott der Kreaturen ist.

Am Ende kehrt also der „göttliche Mensch“ (so nennt Eckhart den Menschen in Einheit mit Gott) durch die Gottesgeburt im Seelengrund zu seiner eigenen Ursächlichkeit zurück und erreicht eben nicht „nur“ eine Einheit mit Gott, sondern auch mit sich, mit dem „Ich“ als diese ursächliche Gottheit, die causa sui ist und zugleich Selbstbewusstsein und Selbstzweck – unvermittelt, voraussetzungslos, ewig. Das ist mit Gottesgeburt in der Seele gemeint – ein schöpferischer Akt, aus dem der Gott, der in Bezug auf die Kreaturen Gott ist, hervorgeht. Darin besteht zugleich die unio mystica der Seele (genauer: des Seelengrundes) mit Gott (genauer: der Gottheit), weiterhin des zeitlichen Ich mit dem ursprünglichen Ich. Und das ist die Quintessenz der eckhartschen Theologie und zugleich – soweit ich es übersehe – Grundanliegen christlicher Mystik überhaupt.

Schöpfung: Nicht Anfang, sondern Grund

Thomas von Aquin erwähnt (gegen die „Welt ohne Anfang“ des Aristoteles), dass man besser von einem „Grund“ als von einem „Anfang“ sprechen sollte. Hier wiederholt sich aber das eingangs erwähnte Problem: „Was ist der Grund dieses Grundes?“, so könnte man fragen. Und auch die Lösung wiederholt sich: Gott ist ein finaler Grund außerhalb der Kausalität, weil er außerhalb dessen steht, was unser Denken in Kausalität erst möglich macht: Raum und Zeit. Gott untersteht eben nicht dem Ursache-Wirkungsprinzip, das wir in der Natur vorfinden. Gott ist gerade nicht Teil der Natur, sondern Herr der Natur, also auch des Ursache-Wirkungsprinzips, das im Schöpfungsakt gesetzt wird. Die Prinzipien, die man hier anwenden will, gelten ja gerade im Schöpfungsakt nicht, weil sie erst durch ihn Geltung erlangen.

Schöpfung: Nicht beweisbar, in der Liebe erahnbar, letztlich unvorstellbar

Diese Schöpfung ist für uns nicht vorstellbar, schon gar nicht ist sie mit dem Denkmitteln der Naturwissenschaft erfassbar. Der Anspruch, Schöpfung zeigen zu wollen oder zu sollen, verfehlt das Wesen der Schöpfung bzw. den epistemologischen Charakter der Ursprungsfrage, die ja keine naturwissenschaftliche ist. Womit sollte man Schöpfung denn zeigen? Zur Verfügung steht ja nur Geschaffenes! Das wäre so, als wolle man aus einem Film heraus die Existenz und Ursächlichkeit des Projektors nachweisen, um mal ein Bild Robert Spaemanns zu gebrauchen. Was man plausibel machen und begründet annehmen kann, ist, dass es etwas geben muss, das den Film ermöglicht, weil er nicht aus sich selbst erklärt werden kann, doch nicht etwa, wie diese Ursache aussieht. Insofern Leben nicht etwas ist, was seinen letzten Grund in sich selber trägt, bedarf es eines transzendenten Grundes, eines Schöpfers, den die philosophische Tradition und der christliche Glaube Gott nennen, ohne damit schon etwas über die Art und Weise der Schöpfung und die Eigenschaften des Schöpfergottes in seiner Hinwendung zur Welt auszusagen, nicht einmal, ob es sich um einen Gott des einmaligen (Deismus) oder auch des mehrmaligen (Theismus) gestaltenden Eingreifens handelt. Diese Akzidenzien sind Themen eines konkreten Gottesverständnisses bestimmter religiöser Glaubensvorstellungen zu Leid und Bewährung, Heil und Erlösung. Sie sind zur Substanz des göttlichen Seins Gottes, der Gottheit, konsistent, insoweit sie selbst substantiiert werden und als Absoluta universell gelten. Diese Referenz auf die Gottheit Gottes verhindert das Bild eines anthropomorphen „Wunscherfüller-Gottes“, der allein in erhofften Eigenschaften zur Stützung persönlich-situativer Gestimmtheit aufgeht. Noch einmal: Gott weiß, weil er Weisheit ist, Gott heilt, weil er Heil ist, Gott liebt, weil er Liebe ist. Oder – um in der Terminologie der (eckhartschen) Mystik zu sprechen: Der Schöpfergott liebt im Schöpfungsakt, weil seine Gottheit Liebe ist.

(Josef Bordat)

Religion kommt ja vom Lateinischen „religio“, das hieß zunächst einerseits soviel wie „Respekt“, „korrektes Verhalten“, „Verbindlichkeit“, „Gewissenhaftigkeit“, andererseits soviel wie „Bedenken“, „Zweifel“, „Besorgnis“, „Skrupel“, bevor es dann die Bezeichnung der Römer für Kulthandlungen und Bräuche wurde, also für die „Religion“ im engeren Sinne. Das erste deutet auf die christliche Ethik, das zweite auf die Stellung des homo religiosus zwischen „Ungewissheit und Wagnis“ (Wust). In früheren Beiträgen war davon ja schon die Rede.

Religio wiederum kommt zum einen von „relegare“, das heißt einerseits „wegschicken“, „verbannen“, „zurückweisen“, andererseits kann es heißen „genau beobachten“, „erwägen“, „betrachten“, „beschauen“, zum anderen von „religare“, das heißt „verbinden“, „anbinden“, „zusammenbinden“. Das erste verweist auf die Religiosität und Spiritualität des Einzelnen im persönlichen Gebet, in der Betrachtung, in der Meditation, der Versenkung, der Vereinzelung. Wir kennen den frühchristlichen Typus des Eremiten in der Wüste, der sich selbst verbannt, um noch genauer Gott betrachten zu können. Der Eremit wählt den besonderen Weg der Gottesbegegnung. Das zweite verweist auf die Gemeinschaft mit Gott, die dabei für den Gläubigen erfahrbar wird, aber auch auf die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander, die christliche communio. Als Kirche wird die Gemeinschaft „katholisch“, das heißt allgemein.

Besonderung und Allgemeinheit. Beides ist von Beginn an prägend für das Christentum, weil es im Leben Jesu eine Rolle spielt. Bevor Jesus öffentlich auftrat, bevor er für alle Menschen das Heil bringt, indem er verkündet: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15), ging er in die selbstgewählte Vereinzelung, in die Wüste, um dort sein Verhältnis zum Vater zu erwägen, zu betrachten. Ganz genau, ungestört. Dann trat er auf und wählt die Apostel aus, um Gemeinschaft zu haben mit den Jüngern und – gemeinsam mit ihnen – Gemeinschaft mit dem Vater.

Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg, fasst die Bedeutung der Wüste als ganz besonderem Ort zusammen: „Das Wirken Jesu beginnt mit einer Wüstenzeit – vierzig Tage lang. Jede Wüste stellt eine ganz besondere Herausforderung dar. Wer schon einmal in einer Wüste war, weiß um ihre Gefahren: Die Landschaft ist karg, die Sonne versengend, Durst und Hunger drohen. Der Mensch erfährt zutiefst, wie unbehaust und gefährdet er ist. Kein Wunder, dass die Wüste von alters her immer als ein Ort der Versuchung und Erprobung erfahren und gedeutet wurde. Hier ist der Mensch auf die elementaren Zusammenhänge des Lebens zurückverwiesen. Er wird konfrontiert mit der Frage nach dem Sinn seines Lebens und steht unweigerlich vor der Frage: Wie halte ich es mit Gott? Wenn wir uns schließlich auf diese elementare Frage einlassen, kann uns aufleuchten, dass die ,Wüste’ auch der Ort der Läuterung und Erneuerung ist.“

Dieser besondere Ort der Wüste ist überall zu finden, nicht nur in den geographischen Trockenzonen der Erde. Eine innere Wüste kennen wir alle. Weil Jesus den Versuchungen des Bösen auch unter den extremen Bedingungen der Wüste widerstand, dürfen wir darauf hoffen, dass auch uns dies gelingt. In den Gefährdungen unseres Lebens, in den Anfechtungen des Zeitgeistes, in Hunger und Durst sind wir mit Christus vereint. Ich glaube, dass er uns den Weg aus der Wüste hinausweist. Denn er ist das Brot des Lebens und das lebendige Wasser.

(Josef Bordat)

Speise der Seele

Februar 27, 2009

Das Fasten ist die Speise der Seele. Wie die körperliche Speise stärkt, so macht das Fasten die Seele kräftiger und verschafft ihr beweglichere Flügel, hebt sie empor und lässt sie über himmlische Dinge nachdenken, indem es sie über Lüste und die Freuden des gegenwärtigen Lebens erhaben macht.

(Johannes Chrysostomus)

Misereor Fastenaktion 2009

Februar 25, 2009

Gottes Schöpfung bewahren – damit alle leben können

Gott schuf die Welt:
Licht und Dunkelheit,
Himmel und Erde,
Pflanzen und Tiere.

Gott schuf den Baobab-Baum:
seine Früchte und Blätter zur Nahrung,
seine Samen zur Heilung,
seine Rinde für schützende Dächer.

Gott schuf uns Menschen:
mit Ohren, um seine Stimme zu hören,
einem Herzen, um seine Schöpfung zu lieben,
Händen, um seine guten Gaben zu teilen.

Gott schenkte uns sein Werk
als Zeichen seiner Liebe:
„Habt Teil an meiner Schöpfung.“
Und gab uns die Freiheit der Entscheidung.

Wollen wir alles für uns allein?
Vergessen wir über dem Heute das Morgen?
Wollen wir die Schöpfung beherrschen?
Zerstören wir, was da wächst und lebt?

Oder erkennen wir im Sprössling schon den Baum?
Teilen wir die Früchte der Schöpfung?
Sehen wir im Nächsten Gottes Ebenbild?
Lieben wir ihn in seinem Werk?

Sind wir
wahrhaft
die Seinen?

(Gedicht von Eva-Maria Rüdiger, auf der Rückseite des Kampagnenplakats)

Weiterführende Artikel zur Aktion finden Sie hier und dort.

(Josef Bordat)

Habemus Weihbischof!

Februar 19, 2009

Endlich. Im Erzbistum Berlin gibt es einen Nachfolger für Wolfgang Weider, der das Amt des Weihbischofs seit 1982 inne hatte: Domkapitular Matthias Heinrich ist gestern zum neuen Weihbischof von Berlin ernannt worden. Berlins Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky gab die Entscheidung des Papstes, auf die das Bistum sehr lange hatte warten müssen, während der Mittags-Meditation in der St. Hedwigs-Kathedrale bekannt. Die Bischofsweihe findet am 19. April, am vierten Jahrestag des Pontifikats Benedikts statt.

Matthias Heinrich ist ein echter Berliner. Am 26.06.1954 wurde er in der Hauptstadt geboren und war nach der Priesterweihe am 20.06.1981 Kaplan in St. Bonifatius (Berlin-Kreuzberg). Es folgten mehrere Stationen innerhalb der Diözese (ab 1984: Jugendpfarrer, Diözesandirektor Päpstlichen Werks für geistliche Berufe, Domvikar; ab 1985 Regens des Priesterseminars), ehe er im Jahr des Mauerfalls ein Lizentiats- und Promotionsstudium an der Universität Gregoriana in Rom begann. 1998 folgte die Ernennung zum Ordinariatsrat und die Promotion zum Dr. iur. can., zum Doktor des kanonischen Rechts (Kirchenrechts). Heinrich war danach als Diözesanrichter in Berlin tätig, ehe er 2000 ins Dezernat Personal im Erzbischöflichen Ordinariat eintrat und zunächst als stellvertretender Leiter fungierte, ab 2003 dann als Dezernatsleiter. Im gleichen Jahr erfolgte die Ernennung zum Bischofsvikar für das Personal im pastoralen Dienst und 2004 die Ernennung zum Domkapitular an der St. Hedwigs-Kathedrale.

Heinrich zeigte sich dankbar über seine Ernennung. Er sei sich bewusst, dass mit der Amtsübertragung großes Vertrauen in ihn gesetzt werde. Ich wünsche ihm eine lange und erfolgreiche Amtszeit und allzeit Gottes reichen Segen! An dieser Stelle sei aber auch dem bisherigen Würdenträger, Wolfgang Weider, herzlich für sein Engagement gedankt. Sogar nach seiner Emeritierung, über sein 76. Lebensjahr hinaus, wirkte er im Bistum zur Unterstützung des Kardinals. An seine warmherzige, ruhige und bodenständige Amtsführung werden sicherlich alle, die ihn kennen, gerne zurückdenken.

(Josef Bordat)

Pius, Petrus und der Papst

Februar 18, 2009

Manuskript für einen Vortrag in der Katholischen Pfarrgemeinde St. Norbert am 24.02.2009

1. Die Priesterbruderschaft Sankt Pius X

Die Priesterbruderschaft Sankt Pius X (lat. Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X, FSSPX) ist eine von der Kirche nicht anerkannte Priestervereinigung mit Gemeinschaftsleben ohne Gelübde nach dem Vorbild der Missionsgesellschaften. Sie gilt als eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche. Heute zählt sie auf der ganzen Welt 600.000 Mitglieder, darunter 500 Priester, und führt insgesamt sechs Priesterseminare und 80 Schulen. Die Bruderschaft finanziert sich vor allem durch Spenden.

Die Piusbruderschaft wurde 1970 von dem konservativen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. Seit 1974 befindet sie sich in einem offenen Konflikt mit dem Vatikan, weil es die Piusbruderschaft ablehnt, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils anzuerkennen und umzusetzen, etwa zum Kirchenverständnis, zur Gottesdienstordnung, zum Verhältnis von Kirche und Staat sowie zum Verhältnis der Kirche zu anderen Religionen. Kurz gesagt: Sie verweigert sich der Anpassung an die moderne Welt. In seiner Grundsatzerklärung vom 21. November 1974 stellte Lefebvre die These auf, dass kein Katholik, wenn ihm an seinem Seelenheil liege, diese Reform billigen könne, da sie nicht-katholische Tendenzen habe. Rom reagierte darauf mit der Durchsetzung des Missale Romanum von 1970.

Papst Paul VI. suspendierte1976 Lefebvre wegen unerlaubter Priesterweihen von seinen Ämtern. Dieser leistete keinen Gehorsam, obwohl ihn der Papst im September des gleichen Jahres in Privataudienz empfing. Mit Schreiben vom 11. Oktober 1976 stellte der Papst definitiv fest, dass sich Lefebvre angesichts des von ihm neu eingeführten, absolut falschen Traditionsbegriffs im Irrtum befinde. Durch vier gegen den ausdrücklichen Willen des Papstes vollzogene und damit unerlaubte Bischofsweihen im Jahr 1988 zog sich Lefebvre gemäß einer Erklärung der Kongregation für die Bischöfe vom 1. Juli 1988 als Tatstrafe die Exkommunikation zu (excommunicatio ipse facto). Papst Johannes Paul II. hat am 2. Juli im Apostolischen Schreiben Ecclesia Dei die Bischofsweihen als schismatischen Akt verurteilt und die Exkommunikation Lefebvres und der vier Bischöfe offiziell festgestellt.

In dem Dekret der Bischofskongregation und Kardinal Gantin vom 1. Juli 1988, veröffentlicht am 3. Juli im Osservatore Romano, heißt es: „Msgr. Marcel Lefebvre, ermeritierter Erzbischof von Tulle, hat – trotz des ausdrücklichen Monitums vom 17. Juni und der wiederholten Bitten, er möge von seinem Vorhaben absehen – durch die Bischofsweihen von vier Priestern ohne päpstlichen Auftrag und gegen den Willen des Papstes einen Akt schismatischer Natur gesetzt und sich damit die von can. 1364 par. 1 und can. 1382 des Codex des kanonischen Rechtes vorgesehene Strafe zugezogen. Ich erkläre mit allen rechtlichen Folgen, dass sowohl der obengenannte Msgr. Marcel Lefebvre als auch Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galarreta ipso facto sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zugezogen haben. Weiter erkläre ich, dass Msgr. Antonio de Castro Mayer, emeritierter Bischof von Campos, indem er direkt an der Liturgiefeier als Konzelebrant teilnahm und öffentlich dem schismatischen Akt zustimmte, sich die von can. 1364 par. 1 vorgesehene Exkommunikation als Tatstrafe zugezogen hat. Die Priester und Gläubigen werden ermahnt, dem Schisma von Msgr. Lefebvre nicht zuzustimmen, weil sie sich ipso facto die schwere Strafe der Exkommunikation zuziehen würden.“ (gegeben von der Kongregation für die Bischöfe, am 1. Juli 1988, gez. Kardinal Bernardin Gantin Präfekt der Kongregation für die Bischöfe).

Der Nachfolger Johannes Pauls II., Benedikt XVI., nähert sich den Lefebvianern hingegen wieder an, zunächst liturgisch, indem er im Juli 2007 verkündete, die Tridentinische Messe (der „alte Ritus“, bei dem der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde die Messe lateinisch „liest“) sei als außerordentliche Gottesdienstform wieder zugelassen. Das betraf – soviel Redlichkeit muss sein – nicht nur die Pius-Brüder, sondern auch eine ganze Reihe traditionalistischer Gruppierungen innerhalb der Kirche (auch die Petrus-Brüder, zu denen ich unten noch komme), die seither den „alten Ritus“ feiern, teilweise auch als reguläre Form. Nun erfolgte der zweite Schritt, der ausschließlich die Pius-Bruderschaft betrifft: die Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe. Was davon zu halten ist, soll unten noch angesprochen werden.

Derzeitiger Generaloberer der Piusbruderschaft ist Bernard Fellay, Oberer des deutschen Distrikts ist Franz Schmidberger. Er war einer der Gründungsväter der Piusbruderschaft und lange Jahre die rechte Hand von Lefebvre. Von 1983 bis 1994 stand der gelernte Mathematiker an der Spitze der weltweiten Bruderschaft und leitete sie als Generaloberer von der Schweiz aus. Ihm verdankt die Priesterbruderschaft ihre große Verbreitung.

2. Die Priesterbruderschaft Sankt Petrus

Die Priesterbruderschaft Sankt Petrus (lat. Fraternitas Sacerdotalis Sancti Petri, FSSP) ist eine klerikale Gesellschaft apostolischen Lebens päpstlichen Rechtes. Sie wurde am 18. Juli 1988 gegründet, als Reaktion auf die vom Heiligen Stuhl nicht approbierten Bischofsweihen von Lefebvre. Die Konstitutionen des Zweiten Vatikanischen Konzils werden vorbehaltlos akzeptiert. Die Anerkennung der Petrusbruderschaft durch Papst Johannes Paul II. erfolgte am 18. Oktober 1988. Durch die Wahl des Namens drückt die Gesellschaft ihre besondere Verbundenheit mit dem Papst aus.

Gründungsmitglieder waren Priester der von Lefebvre gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X. Erster Generaloberer war Josef Bisig (1988-2000). Nach eigenen Angaben hat die Petrusbruderschaft 300 Mitglieder, davon 180 Priester, 13 Diakone und 107 Seminaristen in 85 Diözesen. Das Durchschnittsalter lag im März 2006 bei 33 Jahren. Generaloberer ist derzeit John Berg, deutschsprachiger Distriktsoberer ist Axel Maußen.

Die Priester der Petrusbruderschaft werden seit Gründung der Bruderschaft in Wigratzbad (Deutschland) sowie seit 1994 in Denton/Nebraska (USA) ausgebildet, in Freiburg (Schweiz) befindet sich das Generalat. Der Petrusbruderschaft gehören keine Bischöfe an, die Priesterweihen werden durch der Bruderschaft nahestehende Bischöfe durchgeführt.

Die Petrusbruderschaft ist hauptsächlich in Europa, aber auch in Australien, Benin, Kanada, Kolumbien, Nigeria und in den USA tätig. In Deutschland ist sie außer in Wigratzbad auch in Augsburg, Bad Wörishofen, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Neckarsulm, Köln, Recklinghausen, Stuttgart, Rosenheim und Türkheim tätig. In Österreich bestehen vier Niederlassungen (Wien, Innsbruck, Linz und Salzburg), ebenso in der Schweiz (Rotkreuz, St. Pelagiberg, Thalwil und Zürich).

Ähnlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. vertritt die von Rom anerkannte Priesterbruderschaft St. Petrus einen konservativen Standpunkt. Sie will sich damit in besonderer Weise jener Gläubigen annehmen, die ihre geistliche Heimat in der überlieferten Liturgie (Tridentinische Messe) gefunden haben, weil sie darin den adäquaten Ausdruck ihres Glaubens sehen. Die Feier der Liturgie der hl. Messe (Missale), des Stundengebetes (Brevier) und der Sakramentenspendung (Pontificale und Rituale) im außerordentlichen römischen Ritus wird als ein wichtiges Mittel der Neuevangelisierung angesehen, ein Thema, das die Petrusbruderschaft ins Zentrum ihrer Spiritualität stellt: „Die Weitergabe des Glaubens ist unserer Überzeugung nach ein außerordentlich bedeutsames Gebot der Stunde. Dazu dienen unsere Katechesen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Glaubensvorträge und Exerzitien, zu denen wir regelmäßig einladen. Darüber hinaus führen wir Kinder-, Jugend- und Familienfreizeiten durch. Etliche Mitbrüder sind in der Krankenhausseelsorge aktiv. Die geistliche Betreuung alter und kranker Menschen, aber auch die Beichtseelsorge, nehmen in unserer Pastoral einen wichtigen Platz ein. Ziel ist es, möglichst viele Gläubige wieder zu einem lebendigen Glaubensvollzug und zum regelmäßigen Empfang der Sakramente zu führen. Die Liebe zu Jesus Christus lässt sich nicht trennen von der Liebe zur Kirche, dessen Haupt Er ist.“ (Website der Priesterbruderschaft St. Petrus) Im Jahr 2000 kam es zu einem Richtungsstreit um die Liturgie, mit dem Ergebnis, dass bestimmt wurde, keinem Mitglied der Petrusbruderschaft dürfe untersagt werden, die Messe in der postkonziliaren (der „neuen“) Form zu zelebrieren.

Das Dekret zur Aufhebung der Exkommunikation über die vier Bischöfe vom 24. Januar 2009 wird begrüßt: „Die Priesterbruderschaft St. Petrus möchte ihre Freude über diesen neuen wichtigen Schritt in Richtung Einheit ausdrücken“ und „bringt ihre große Dankbarkeit gegenüber dem Hl. Vater zum Ausdruck“. Man schließe sich dem Wunsch des Hl. Stuhles an, „dass diesem Schritt nun eine umgehende Verwirklichung der vollen Gemeinschaft mit der Kirche seitens der ganzen Bruderschaft St. Pius X. folge, auf dass die wahre Treue und Anerkennung des Lehramtes und der Autorität des Papstes mit dem Beweis der sichtbaren Einheit bezeugt werde“ (aus dem Dekret der Bischofskongregation vom 21. Januar 2009). Sie erkennt „in dieser großzügigen Geste einen Aufruf zur Einheit aller Katholiken, gegenüber allen Widersprüchen unserer Zeit das Königtum Jesu Christi in der Welt auszubreiten“. (offizielle Presseerklärung der Priesterbruderschaft St. Petrus).

3. Kommentar

Die Piusbruderschaft ist eine erzkonservative Gemeinschaft, die sich selbst ins Abseits gestellt hat, weil sie die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Kirchenverständnis, zur Gottesdienstordnung und zum Verhältnis von Kirche und Staat nicht akzeptiert. Die Priesterbruderschaft St. Petrus hingegen ist als Abspaltung von der schismatischen Piusbruderschaft stets auf der Linie Roms geblieben. Ihr ebenfalls konservativer Ansatz mag nicht jedem gefallen, doch scheint er durchaus, auch und gerade in der jüngeren Generation, Früchte zu tragen.

Noch ein Wort zu den Vorgängen um einen der vier Bischöfe, den Briten Richard Williamson. Hier war oft zu lesen: „Papst rehabilitiert Holocaustleugner!“, damit auch kirchenfernen Menschen klar wird: Es ist was faul im Staate Vatikan.

Doch das ist gleich doppelt falsch. Zunächst geht es nur um die Rücknahme einer Exkommunikation, die Voraussetzung für die Wiedereinsetzung in das Bischofsamt ist. Von Rehabilitierung kann also nicht die Rede sein. Und dann ist die Rücknahme einer Exkommunikation (wie schon die Exkommunikation selber) ein Akt, dem theologische und ekklesiologische, nicht politische Überlegungen vorausgehen. So unsensibel es von einem deutschen Papst ist, in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Shoa-Gedenktag einen solchen Menschen in den Schoß der Kirche zurückzuholen, so peinlich zudem die Tatsache ist, dass im Vatikan die schlechte Presse des Rehabilitationskandidaten offenbar unbekannt war, so sehr muss wohl auf diesen Sachverhalt hingewiesen werden.

Niemand wird aus der Kirche ausgeschlossen, weil er etwas Bestimmtes getan oder gesagt hat, und wieder aufgenommen, wenn er verspricht, sich künftig wohl zu verhalten. Für Fehlverhalten spendet die Kirche das Sakrament der Buße und Versöhnung. In der Beichte wird Vergebung möglich. Damit wären wir aber im vorliegenden Fall auch schon beim Problem: Vergebung setzt Reue voraus. Die Pius-Brüder zeigen aber in den Punkten, die sie von der postkonziliaren Kirche trennen, keine Reue, im Gegenteil: Je mehr der Papst auf sie zugeht, desto mehr Forderungen erheben jene, die sich durch den konservativen Kurs Benedikts (etwa auch in Fragen des Kirchenbegriffs) bestätigt sehen. Es gibt vor der Holocaust-Keule eine Reihe theologischer Gründe, die Pius-Brüder bis auf weiteres (das müsste von ihnen kommen) da zu lassen, wo sie sind: draußen.

So ist denn auch der zweite Gedenktag, in dessen Licht die Entscheidung steht, der 50. Jahrestag der Einberufung des Konzils, denkbar ungünstig gewählt für einen solch symbolträchtigen Akt pontifikaler Gnade. Si tacuisses!

Oder vielleicht doch nicht? Ich bin ein Mensch, der nicht an solche „unglücklichen Koinzidenzen“ (Kardinal Kasper), also: Zufälle, glaubt. Ich glaube vielmehr, hier überspannt der Papst mit seinem gut gemeinten Einheitswillen den Bogen. Ich gehe nicht so weit zu sagen, dass hier jemand versucht, die Kirche hinter das Konzil zurückzuführen, als späte Retourkutsche gegen die Küng-Fraktion. Das wäre töricht, egoistisch und der Sache nach unmöglich. Da Benedikt klug, demütig und realistisch ist, bemüht er sich rasch und – wie ich finde – überzeugend um Klärung und Wiederaufnahme des jüdisch-katholischen Dialogs. Und Forderungen nach Rücknahme der Exkommunikation Williamsons wegen der „Holocaustleugnung“ gehen am Wesen der Exkommunikation vorbei.

Deswegen schließe ich mich diesen voreiligen untheologischen Forderungen nicht an, erhebe aber eine andere: Benedikt möge sich ausnahmsweise mal den ausgeschlossenen Schäfchen auf der anderen Seite des Sees zuwenden, den Befreiungstheologen. Wenn er darüber hinaus wirklich die Einheit der Christen befördern will – ich kenne da ein paar Baustellen des konfessionellen Krachs, auf denen ein guter Polier fehlt, der die Richtung vorgibt. Doch wenn der Nachfolger des Petrus auch künftig immer nur auf einer Seite fischt, falle ich zwar nicht vom Glauben ab, doch mein positives Bild des Hochtheologen und Würdenträgers Ratzinger verlöre an Glanz.

(Josef Bordat)

Pro Reli

Februar 17, 2009

Vortrag in der Italienischen Mission am 14. Februar 2009

I. GESCHICHTE

1. Der Berliner Senat hat 2006 den Ethikunterricht gegen den Willen vieler Eltern und der beiden großen christlichen Kirchen als Pflichtfach für alle Schüler der 7. bis 10. Klasse eingeführt.

Man muss berücksichtigen, dass in Berlin über 1 Millionen Christen in den beiden Großkirchen registriert sind, also etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Das ist nicht die Mehrheit. Zu berücksichtigen gilt aber auch der wachsende Anteil der Muslime, der bald um die 10 Prozent beträgt. Und schließlich muss man sehen, dass sich in allen seriösen Umfragen die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner gegen Ethik als Pflichtfach und für die Wahlfreiheit ausgesprochen haben: 60% (Emnid, Mai 2005), 55% (Forsa, Januar 2008) und ganz frisch (Forsa, Januar 2009) 56% (gegen Ethik als Pflichtfach) bzw. 54% (für Reli/Ethik als Wahlpflichtbereich).

Das sind deutliche Signale, die der Senat aber nicht hören wollte und immer noch nicht hören will.

Nun gut. Der Religionsunterricht kann seither nur zusätzlich freiwillig und ohne Benotung auf dem Zeugnis besucht werden. Dabei beruft sich der Senat des Bundeslandes Berlin rechtlich auf den Artikel 141 GG, nach dem „Artikel 7 Absatz 3 Satz 1 [..] keine Anwendung in einem Lande [findet], in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand“, was in Berlin (und Bremen) der Fall war. In Artikel 7 Absatz 3 Satz 1 ist für die Länder, die keine Spezialklausel aufweisen können (also alle anderen), geregelt, dass „Religionsunterricht [..] in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach [ist].“ Anders ausgedrückt: In weiten Teilen der Bundesrepublik ist es selbstverständlich, dass Religion ordentliches Lehrfach ist, nur in den Stadtstaaten Berlin und Bremen nicht. Die haben zusammen nur etwa 5 Prozent der Bevölkerung. Aber: Berlin ist Hauptstadt und ist damit in einer besonderen Rolle, hat vielfach eine Vorreiterposition. Was heute in Berlin gilt, das könnte morgen in ganz Deutschland gelten. Auch deshalb ist der Kampf um den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach so ungeheuer wichtig.

2. Die Kampf um den Religionsunterricht begann vor zwei Jahren am Mittagstisch der sechsköpfigen Berliner Familie Lehmann.

Die Kinder des damaligen CDU-Vorsitzenden von Charlottenburg, Dr. Christoph Lehmann, regten an, eine Kampagne für einen Volksentscheid ins Leben zu rufen, um das umstrittene Gesetz zu kippen. Papa Lehmann hatte ja einige Erfahrung mit politischen Kampagnen und rief die Initiative „Pro Reli e.V.“ ins Leben. Die Initiative „Pro-Reli“ wollte und will immer noch durchsetzen, dass Schüler frei wählen dürfen, ob sie Religions- oder Ethikunterricht besuchen wollen.

Dazu wurde ein zweistufiges Volksbegehren durchgeführt.

34.472 gültige Unterschriften wurden 2007 in der ersten Stufe des Volksbegehrens für ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion an Berliner Schulen gesammelt. Das sind über 14.000 Unterschriften mehr als für die erste Stufe des Volksbegehrens erforderlich waren. Das Abgeordnetenhaus hatte vier Monate Zeit, über das Wahlpflichtfach Religionsunterricht abzustimmen. Die Mehrheit der Abgeordneten stimmte gegen das Volksbegehren, sodass die Mitglieder und Unterstützer von „Pro Reli“ in einer zweiten Stufe von 7 Prozent der Wahlberechtigten Unterschriften sammeln mussten (rund 170.000). Wie Sie sicherlich wissen, ist auch diese zweite Stufe erfolgreich erklommen worden.

Am Mittwoch, dem 4. Februar 2009, hat der Landesabstimmungsleiter das endgültige Ergebnis des Volksbegehrens festgestellt. Danach waren am letzten Tag der Eintragungsfrist, am 21. Januar 2009, 2.441.496 Personen stimmberechtigt. Für ein Zustandekommen mussten sieben Prozent der Stimmberechtigten, also 170.905 Personen dem Volksbegehren zustimmen. Ingesamt liegen 265.823 gültige Zustimmungserklärungen vor – das sind etwa 11 Prozent und fast 100.000 Unterschriften mehr als nötig. Insgesamt haben die Bezirkswahlämter 308.787 Unterschriften geprüft.

Das hat mich ein bisschen gewundert, weil „Pro Reli“ von etwa 307.000 Unterschriften sprach; es sind also noch rund 2.000 mehr – umso besser! Was mich auch gewundert hat: Die relativ hohe Zahl an ungültigen Stimmen, immerhin 42.964 (ca. 14 Prozent). Doch ist diese wohl v. a. auf Doppelunterschriften zurückzuführen, geleistet von Menschen, die schon im Herbst unterschrieben, das zwischenzeitlich aber vergessen hatten und nun noch mal „auf Nummer sicher“ gehen wollten und erneut unterschrieben haben. Hinzu kommen fehlende Unterschriftsberechtigungen, fehlende Daten und/oder unleserliche Angaben. Leider musste ich das auch bei den Unterschriften feststellen, die hier in der Gemeinde geleistet wurden. Aber es hat ja gereicht. Die meisten Unterstützer gab es, wie zu erwarten war, im Südwesten (Steglitz-Zehlendorf: 45.554, Tempelhof-Schöneberg: 38.186), die wenigsten im Osten (Lichtenberg: 7.009, Marzahn-Hellersdorf: 6.797).

3. Ein subjektiver Rückblick, also: Was war gut, was war schlecht?

Schlecht war, dass zu Beginn der Kampagne das Büro des Vereins nicht besetzt war und das Material nur sehr schleppend ausgegeben wurde. Auch der Wahlkampf setzte relativ spät ein. Was auch eher negativ ist, das ist die Tatsache, dass die islamische Föderation nicht für „Pro Reli“ gewonnen werden konnte und besonders schlimm fand ich, dass sich viele christliche Gemeinden, besonders der evangelischen Kirche, explizit nicht an den Aktionen beteiligt haben und sogar eine Gegeninitiative („Christen pro Ethik“) gegründet haben. Das fand ich sehr enttäuschend. Gut fand ich, dass sich die beiden Bischöfe, Sterzinsky und Huber (erster trotz Krankheit), unermüdlich eingesetzt haben: mit der Briefaktion, mit der viele Menschen erreicht wurden, und durch den persönlichen Einsatz beim Sammeln. Gelungen war auch die Weihnachtskartenaktion, das Engagement von Prominenten wie Günther Jauch und Arne Friedrich und nicht zuletzt der Einsatz von vielen gläubigen Christen in den Gemeinden. Wir waren z. B. mit unseren Firmlingen von St. Norbert einen Abend unterwegs und haben über 80 Unterschriften gesammelt.

4. Wie geht es jetzt weiter?

Es kommt nun in einer dritten Stufe zum Volksentscheid. Dessen Ausgang ist verbindlich, d. h., dort wird schon über das Gesetz selber abgestimmt. Um den eigenen Gesetzentwurf durchzubringen, braucht die Initiative „Pro Reli“ ca. 600.000 Ja-Stimmen, was 25% der Berliner Wahlbevölkerung entspricht.

15 Tage nach der Veröffentlichung des Ergebnisses im Amtsblatt muss der Senat den Termin für den Volksentscheid festlegen. Sowohl der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) als auch der Vorsitzende der SPD und ihrer Fraktion im Abgeordnetenhaus, Michael Müller, haben sich für einen frühen Termin Ende April ausgesprochen, genannt wurde der 26. April. Die Initiative „Pro Reli“, die Kirchen und die Oppositionsparteien CDU, FDP und Grüne fordern jedoch, dass der Volksentscheid gemeinsam mit der Wahl zum Europaparlament (7. Juni) stattfinden solle, unter anderem, um Kosten zu sparen. Die Entscheidung über den Termin fällt spätestens am 19. Februar, also am Donnerstag.

II. INHALT

Ich möchte jetzt noch einige Gründe nennen, warum ich es wichtig finde, dass es wieder einen Religionsunterricht als Wahlpflichtfach gibt, warum ich also hoffe, dass sich der Wähler, wann auch immer, für den Gesetzentwurf der Initiative „Pro Reli“ entscheidet.

1. Häufig wird behauptet, „Pro Reli“ stünde nicht für Wahlfreiheit, sondern für den Zwang zur Wahl.

1.) Zunächst ist es ja so: Die Initiative „Pro Reli“ setzt sich für Wahlfreiheit, also auch für den Ethik-Unterricht ein, der übrigens nach den Vorstellungen von „Pro Reli“ auf die Primarstufe erweitert werden soll, so dass sich niemand mehr von der Wertevermittlung – aus welcher Richtung sie auch kommen mag – befreien lassen kann, wie das jetzt in der Grundschule der Fall ist, wo Eltern, die für ihre Kinder weder eine dezidiert religiöse („Reli“), noch eine humanistisch-säkulare Wertevermittlung („Lebenskunde“) wünschen, ihre Kinder von der Wertevermittlung befreien lassen können. Das würde dann nicht mehr gehen, denn dafür gäbe es dann den Wahlpflichtbereich Reli/Ethik. Das kann man, wenn man bösartig ist, als „Zwang“ begreifen.

2.) Nur: Freiheit als Wahlzwang anzusehen, ist – philosophisch wie praktisch – nicht die schlechteste Definition eines Begriffs, auf den es nie eine einheitliche Sicht geben wird. Denn auch der, der sich nicht entscheidet, entscheidet sich ja, eben für das Nicht-entscheiden.

3.) Zudem ist es allemal besser, wenn Religions- und Ethiklehrer nach Wahlentscheidung der Schüler bzw. deren Eltern tätig werden und dann denen Religion bzw. Ethik unterrichten, die das auch wirklich wollen, als wenn der Staat, auch und gerade gegen den erklärten Willen von Schülern und Eltern, vorschreibt, welcher wertevermittelnde Unterricht stattfindet! Also: Besser „Wahlzwang“ als gar keine Wahl!

2. Häufig wird behauptet, so ein Wahlpflichtbereich erzeuge bzw. fördere die Intoleranz und hemme den Dialog.

Das Gegenteil ist der Fall.

1.) Hinter dem Ethik-Unterricht steht insbesondere der religions- und kirchenfeindliche Humanistische Verband Deutschlands. Der Toleranzbegriff von dessen „Humanismus“ umschließt nicht das, was er umschließen sollte, nämlich „das, was ich nicht verstehe, als Position des Anderen zu akzeptieren“ (Habermas). Er umschließt nur das eigene Paradigma. Für alles andere gibt es oft nur Hohn und Spott. Ob man mit einer säkularistischen Weltsicht den Religionen und den Gläubigen gerecht werden kann, ist fraglich, ob das dann den Frieden in der Gesellschaft befördert, ebenso. Für mich ist die Toleranzfrage an einen Standpunkt gebunden, Habermas meint wohl auch, dass ich zwischen meiner Position und der des Anderen differenzieren können muss. Dazu muss ich aber erst mal eine eigene Position haben. Diese „Diktatur des Relativismus“ (Ratzinger), die der „Humanismus“ befördert, macht Berlin nicht toleranter, sondern nur beliebiger. Der „Humanismus“ verwechselt scheinbar Gleichgültigkeit mit Toleranz.

2.) „Pro Reli“ ist dagegen keine Kampagne gegen den Dialog, sondern eine, die fordert, dass man anerkennt, dass dieser besser gelingt, wenn jeder die Chance hat, sich zunächst in seiner Weltanschauung zurechtzufinden. Keiner bei „Pro-Reli“, soweit ich das übersehe, will, dass Religiöse und Nicht-Religiöse sich feindlich gegenüberstehen. Auch als Katholik hat man übrigens bei Wahlfreiheit die Möglichkeit, Ethik zu belegen und auch Nicht-Katholiken dürfen am Religionsunterricht teilnehmen, wenn sie das wünschen. Noch einmal: Die Initiative „Pro Reli“ ist nicht gegen den Dialog, umgekehrt: sie fordert diesen Dialog. 25% des Unterrichts soll in Kooperation stattfinden, damit es zum interreligiösen, interkulturellen Austausch kommen kann. Um aber überhaupt in einen Dialog eintreten zu können, muss man wissen, was man sagen will. Dazu muss man wissen, was man warum denken sollte. Dem liegt eine Moralität im Rücken, die aber bei Kindern und Jugendlichen erst noch gefestigt werden muss. Diese ist auch (aber nicht nur) weltanschaulich (bei religiösen Menschen also religiös) geprägt, wird also auf der Grundlage des spezifischen anthropologischen und weltanschaulichen Ausgangspunkts, den viele Kinder und Jugendliche schon haben, aber noch festigen und entwickeln müssen, geformt. Dafür wurde im Diskurs schon der Begriff „Passgenauigkeit“ der Wertevermittlung genannt (Lindner, FDP Berlin). Ich finde den Begriff etwas irreführend, weil er suggeriert, die Schüler in eine bestimmte Form (die kath., evang., islam., humanist.) „einzupassen“, so als gäbe es immer eine solche Form und so als ginge dies in einfacher Weise, so als seien Menschen beliebig formbares Material. Ich spreche lieber von Wertevermittlung mit Rücksicht auf anthropologische Annahmen und weltanschauliche Traditionen.

3.) Also, nehmen wir mal ein Beispiel aus dem Unterrichtsalltag: Wie kann man Schüler davon abhalten zu stehlen? Zunächst dadurch, dass man den Schülern – seien sie von Hause aus katholisch, islamisch oder atheistisch erzogen – das unmoralische Wesen des Diebstahls je nach dem mit dem Siebten Gebot (nach kath. Zählweise), mit einer betreffenden Sure oder eben mit Kants Einwand, dass die Handlung Diebstahl vernünftigerweise nicht verallgemeinerungsfähig ist, erläutert. Dann aber – ungleich wichtiger als die jeweilige theoretische Folie: durch lebenspraktische Beispiele und Vorbilder (auch das der Lehrkraft). Hier lassen sich –in allen Traditionen – passende Geschichten finden, die den Grundsatz, dass niemand einem Anderen etwas grundlos wegnehmen darf, aus der Tradition heraus verständlich machen. Darüber kann man sich dann austauschen. Sonst wird der Dialog substanzlos (wie ich bei einer Hospitation im Ethik-Unterricht einer 9. Gesamtschulklasse feststellen musste). So kann es im Ergebnis viel besser gelingen, ein bestimmtes handlungstheoretisches oder moralisches Postulat (wie etwa das genannte) verschiedenartig zu begründen und somit verschiedene Traditionen – für wie falsch man diese im einzelnen auch halten mag – zu berücksichtigen.

3. Häufig wird behauptet, der Ethik-Unterricht sei weltanschaulich neutral, der Religionsunterricht hingegen nicht, was mit einem „weltanschaulich neutralen“ Staat nicht zu vereinbaren sei.

1.) Dass der Staat weltanschaulich neutral sein soll, gilt in beide Richtungen: Er soll weder eine bestimmte Religion fördern, noch eine bestimmte Form von Bekenntnislosigkeit. Viele denken offenbar, „bekenntnislos“ sei ein Synonym für „neutral“. Das stimmt aber nicht, wie an vielen ethischen Fragen unserer Zeit deutlich wird, wo sich „Humanisten“ und „Freidenker“ eben nicht hinstellen und sagen: Das muss jeder selbst entscheiden, sondern von der Politik Regelungen in ihrem weltanschaulichen Sinne verlangen. Das ist wichtig und richtig, dass sie das tun, wenn es ihrer Haltung entspricht, nur sollten sie diese Haltung nicht als die „neutrale“ darstellen. Denn das ist die größte aller Gefahren: Wenn man sich seines eigenen Standpunktes (einschließlich der eigenen Voreingenommenheit) nicht mehr bewusst ist. Denn dann kann man sich und seine Haltung nicht mehr in Bezug setzen zu anderen und verliert letztlich komplett den Bezug zur Realität.

2.) Dass die Wertevermittlung im Religions-Unterricht nicht neutral sein kann, liegt darin begründet, dass Religionen nicht neutral sind, sondern von den Gläubigen stets die Einnahme von Positionen erwarten (im Christentum etwa die Befolgung der lex nova Jesu: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe.“). Übrigens: Da Transzendenz in der Ethik des Säkularismus keine Rolle spielt, geht auch der Bezug zu Dimensionen der Moral verloren, die für religiöse Menschen elementar sind: Liebe Gottes, Gnade, Erlösung. Der Glaube ist Teil der Moralität des Gläubigen.

3.) Woher aber kommt die Vorstellung, die Wertevermittlung im Ethik-Unterricht sei „neutral“? Ethik ist doch auch immer tendenziös, denn sie kann aristotelisch oder kantianisch, teleologisch oder deontologisch, intentionalistisch oder konsequentialistisch sein. Aus dem gewählten Ansatz ergeben sich dann sehr unterschiedliche Urteile über die moralische Güte von Handlungen, die sich zu „Werten“ akkumulieren lassen. Das wäre dann aber keine Wertevermittlung, sondern eine Aufstellung der vermittelten Werte, geordneten nach Ethik-Schulen. Ethik-Unterricht soll aber Werte vermitteln. Damit gibt er selbst diese (schwache) Neutralität zugunsten eines Bekenntnisses auf. Jede ethische Überzeugung, die ich einigermaßen überzeugend vermitteln will, setzt eine wertende und persönliche Grundentscheidung voraus, die ebenso wenig neutral – womöglich „wissenschaftlich“ – zu begründen ist wie eine religiöse Glaubensentscheidung. Damit verliert der Ethik-Unterricht den Nimbus der Neutralität. Für Reli zu sein heißt also nicht gegen Ethik zu sein, sondern den postulierten Neutralitätsanspruch des Ethik-Unterrichts zugunsten von Aufrichtigkeit und Authentizität zu bestreiten. Im Grunde ist die Bezeichnung „Ethik“ in „Ethik-Unterricht“ ein Etikettenschwindel, da Ethik-Unterricht „wertvermittelnd“ sein soll, Ethik selber aber nur „wertanalysierend“ oder „wertbewertend“ sein kann. Es müsste wohl eher „Humanismuskunde“ heißen. Dagegen wäre auch nichts zu sagen, dann wüsste man wenigstens, was einen erwartet.

4. Bei all dem muss man wohl befürchten, dass das Thema „Religion“ innerhalb des Ethik-Unterrichts nicht nur in geringem Umfang, sondern auch tendenziös behandelt wird.

1.) In der Tat ist es leider so, dass Religionen – wenn überhaupt – im Ethikunterricht in einem, nun ja, sehr kritischen Licht erscheinen. Wenn man weiß, dass dahinter mit dem Humanistischen Verband eine Einrichtung steht, die eine Nähe zu religions- und kirchenfeindlichen Kreisen nicht leugnen kann, dann kann man sich wohl berechtigterweise Sorgen machen. Und ich ahne auch schon, wie „neutral“ das Thema „Christentum“ im Berliner Ethik-Unterricht eingeführt und besprochen wird – wie gesagt: wenn überhaupt. Im Lehrplan steht es jedenfalls ebenso wenig wie „Judentum“, „Hinduismus“, „Buddhismus“, „Islam“ – dafür gibt es aber die Unterrichtseinheit „Religionen und Ideologien“, wo dann vermutlich das Phänomen „Gewalt“ als gedankliche Klammer dient. Man muss kein praktizierender Katholik sein um zu verstehen, dass die Auffassung, bei Gott handle es sich um ein Hirngespinst, bei der Bibel um ein Märchenbuch, bei Religion um institutionalisierte Dummheit und bei der Kirche um eine verbrecherische Vereinigung denkbar schlechte Voraussetzungen für die postulierte „Neutralität“ des Ethik-Unterrichts darstellen, soweit in diesem eben von Religion überhaupt noch die Rede ist. Leider ist diese Haltung der wahrnehmbare Konsens derer, die den Ethikunterricht in Berlin federführend mitgestalten.

2.) Abgesehen von den grundsätzlichen Problemen einer „wertneutralen Wertevermittlung“ gibt es im Ethik-Unterricht ein methodisches Problem. Oft werden Fallbeispiele moralisch schwer entscheidbarer Situation genommen, um verschiedene Varianten von Moralität daran „abzuarbeiten“ (Was sagen Katholik, Protestant, Jude, Marxist, Buddhist, Humanist u.v.a.m. zum Thema „Krieg“, „Lohngerechtigkeit“, „Abtreibung“, „Sterbehilfe“ etc.). Dann wird eine repräsentative Quelle zitiert, wo kurz dargestellt wird, was die Position ist. Häufig genug (gerade bei den religiösen Vorstellungen) aber nicht, warum sie dies ist. Dazu gehörte (Beispiel: Katholizismus) nämlich eine Einbettung der Partikularposition in die gesamte Moraltheologie und eine Erläuterung, wie diese wiederum zur christlichen Anthropologie passt, an die wiederum die Schöpfungstheologie hängt. Wer also nicht nur darüber informieren will, was Moslems, Katholiken oder Buddhisten glauben, das gut und richtig sei, sondern auch, warum sie dies glauben, bräuchte nicht 2 Stunden pro Wochen, sondern 20. Die Positionen werden also im luftleeren Raum präsentiert und wirken dann lächerlich genug, um sie verwerfen zu können. Dies scheint mir – ungeschützt behauptet – bloß noch der einzige Zweck der Erwähnung religiöser Positionen zu sein: sie hinreichend lächerlich erscheinen zu lassen.

3.) Im konfessionellen Unterricht könnte eine detaillierte (durchaus auch kritische) Auseinandersetzung mit den „eigenen“ Positionen stattfinden, die schon zeitlich nicht in den Ethikunterricht passt. Zudem erfahren die Kinder/Jugendlichen im Religionsunterricht etwas über das Glaubensleben. Der Kenntnisstand hinsichtlich ekklesiologischer, liturgischer und anderer Dinge, die für die Glaubenspraxis wichtig sind, ist äußerst dürftig.

III. FAZIT

Religionsunterricht ist wichtig und unersetzlich. Er braucht einen Platz im Curriculum, wie auch Religion einen Platz in der Gesellschaft braucht. Wir Katholiken sollten nicht zulassen, dass die schleichende Entchristlichung und Entkirchlichung Berlins fortschreitet. Denn irgendwann trifft es auch die Theologischen Fakultäten, irgendwann die Fronleichnamsprozessionen auf öffentlichen Straßen und irgendwann können wir uns wieder im Untergrund versammeln. Das ist sehr pessimistisch und so pessimistisch möchte ich nicht schließen. Ich stelle mir nämlich vor, dass zum Volksentscheid jeder der fast 300.000 Menschen, die unterschrieben haben, noch einen anderen Menschen mitbringt, und dann die 600.000 Kreuzchen für den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach gemacht werden, die es dafür braucht, und auch dafür, zu zeigen: Wir leben in der Gesellschaft und wollen auch weiterhin in ihrer Mitte für sie wirken. Wir lassen uns nicht an den Rand drängen.

(Josef Bordat)

40 Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. 41 Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein! 42 Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war rein. 43 Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: 44 Nimm dich in Acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priesterund bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein. 45 Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

Der Mann ist gesund geworden vom Aussatz das heißt: Es lohnt sich für ihn wieder zu leben. Wer kann ein solches Glück für sich behalten? Das lässt keinen kalt, der es hört. Jeder wittert seine Chance, sich auch so ein Wunder von Jesus abzuholen. Wenn er den Aussatz heilen kann, hat er auch noch andere Möglichkeiten, um das Leben schöner zu machen. Was für ein Missverständnis bahnt sich an: Jesus wird nicht mehr gesehen als der, der gekommen ist, damit die Menschen sich ihm anvertrauen und er sie zu Gott führt, sondern als der, den man nun unter Druck setzen kann, dass er das Leid fortnimmt. “Wenn du willst, kannst du mich rein machen”, hat der Aussätzige gesagt. So hat er sich Jesus ausgeliefert ohne Bedingungen. Nun soll er sich dem Urteil des Priesters stellen nach der Weisung, die im Volke Israel gilt. Nur bei den Demütigen kommt das Reich Gottes an. Jesus ist nicht gekommen, um die Krankheiten aus der Welt zu schaffen, sondern um die Menschen zur Umkehr des Herzens zu rufen. Wo das geschieht, beginnt das Reich Gottes. Und manche Krankheit kann zum Schlüssel werden auf dem Weg dorthin.
Wolfgang Weider (*1932, em. Weihbischof von Berlin)

Heute begeht die Katholische Kirche den „Welttag der Kranken“. Und ich bin was? Richtig: krank! Seit Tagen plage ich mich mit einer heftigen Erkältung.

Was mich aber eigentlich mit diesem Welttag verbindet, ist die Krankenseelsorge, zu der ich seit 1. Februar offiziell ausgesandt bin. Leiten soll mich dabei das, was in diesem schönen Segensgebet zum Ausdruck kommt, das der Krankenhausdekan, Pfarrer Horst Freyer, für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses für ehrenamtliche Mitarbeiter im Besuchsdienst am Ende des Aussendungsgottesdienstes am 31. Januar in der Pfarrkirche Herz Jesu in Berlin-Tempelhof gesprochen hat:

Herr, segne meine Hände, dass sie behutsam seien,
dass sie halten können, ohne Fesseln zu werden,
dass sie geben können ohne Berechnung,
dass ihnen innewohne die Kraft, zu trösten und zu segnen.

Herr, segne meine Augen, dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen,
dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,
dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige,
dass andere sich wohlfühlen können unter meinem Blick.

Herr, segne meine Ohren, dass sie deine Stimme zu gehorchen vermögen,
dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not,
dass sie verschlossen seien für den Lärm und das Geschwätz,
dass sie das Unbequeme nicht überhören.

Herr, segne meinen Mund, dass er dich bezeuge,
dass nicht von ihm ausgehe, was verletzt und zerstört,
dass er heilende Worte spreche,
dass er Anvertrautes bewahre.

Herr, segne mein Herz, dass es Wohnstatt sei deinem Geist,
dass es Wärme schenken und bergen kann,
dass es reich sei an Verzeihung und Versöhnung,
dass es Leid und Freude teilen kann.

Amen.

(Georg Baumann)

Gebe Gott, dass es mir gelingt, meine Sinne in diesem Sinne einzusetzen.

Ich möchte mich bei allen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bedanken, von deren Erfahrungen ich viel lernen durfte, bei Frau Kadzik für die Schreibarbeit und die Organisation und schließlich bei Herrn Diakon Markgraff-Kosch für die Leitung des Kurses! Vielen Dank und: Auf bald!

Josef Bordat

Mariä Lichtmess

Februar 2, 2009

Oder: Fest der Darstellung des HerrnAm heutigen Fest der Darstellung des Herrn feiert die Kirche den Tag des geweihten Lebens. (…) Wie (…) das Leben Jesu in seinem Gehorsam und seiner Hingabe an den Vater ein lebendiges Gleichnis für den “Gott-mit-uns” ist, so wird die konkrete Hingabe der geweihten Personen an Gott und an die Brüder zum beredten Zeichen der Gegenwart des Reiches Gottes für die Welt von heute. Die Art und Weise eures Lebens und Handelns vermag es, die volle Zugehörigkeit zu dem einen Herrn unvermindert zu bekunden; eure vollständige Hingabe in die Hände Christi und der Kirche ist eine starke und klare Verkündigung der Gegenwart Gottes in einer Sprache, die für unsere Zeitgenossen verständlich ist. Das ist der erste Dienst, den das gottgeweihte Leben für die Kirche und die Welt leistet. Innerhalb des Volkes Gottes sind die Gottgeweihten gleichsam Wächter, die das neue Leben, das in unserer Geschichte schon vorhanden ist erblicken und verkünden. (Papst Benedikt XVI.)


Verstehe

Januar 24, 2009

Der menschliche Verstand ist in der Praxis nicht verlässlich, am wenigsten in größter Not.

Karl Jaspers

Jahresbilanz

Januar 15, 2009

Dieses Blog gibt es jetzt seit einem Jahr. Etwa 7500 Zugriffe auf die fast 100 Artikel zeugen von einem ungebrochenen Interesse an den hier behandelten Themen, mit dem ich in dieser Intensität nicht gerechnet hatte. Vielen Dank allen Leserinnen und Lesern! Bedanken möchte ich mich insbesondere bei den Gastautoren, die das Angebot bereichert haben, und bei den Kolleginnen und Kollegen aus der „Blogozöse“, die gelegentlich auf dieses Angebot hingewiesen haben.

Inwieweit das Text-Angebot hier im Blog in diesem Jahr erweitert werden kann, wird sind zeigen – es hängt im Wesentlichen mit dem Verlauf einiger Projekte zusammen, die in der nächsten Zeit anstehen.

Im März ist mal wieder ein Peru-Aufenthalt an der Reihe – dazu sei auf ein anderes Blog verwiesen, in dem ich seit vier Jahren unsere Peru-Reisen dokumentiere und anderes (hoffentlich) Interessante zu diesem lateinamerikanischen Land zusammentrage.

http://roxanajosef.wobistdujetzt.com/

Ihr
Josef Bordat

Taufe

Januar 11, 2009

In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. (Mk 1, 9-11)

Johannes tauft Jesus im Jordan. Eine Begegnung, bei der sich der Himmel öffnet. Die Taufe ist das Zeichen der Aufnahme in die Gemeinschaft derer, die zu Christus halten.

Papst Benedikt XVI. hat es einmal so ausgedrückt:

Durch die Taufe wird jedes Kind in einen Freundeskreis aufgenommen, der es nie, weder im Leben noch im Tod, verlassen wird, denn diese Gemeinschaft ist die Familie Gottes, die die Verheißung der Ewigkeit in sich trägt. (…) Dieser Freundeskreis, diese Familie wird ihm Worte des ewigen Lebens geben, Worte des Lichts, die auf die großen Herausforderungen des Lebens eine Antwort geben und den rechten Weg weisen (…) Diese Familie Gottes, dieser Freundeskreis hat ewigen Bestand, da er Gemeinschaft mit demjenigen ist, der den Tod besiegt hat, der die Schlüssel zum Leben in Händen hält. Dieser Gemeinschaft, der Familie Gottes, anzugehören bedeutet, mit Christus vereint zu sein, der Leben ist und über den Tod hinaus immerwährende Liebe schenkt. Und wenn wir sagen können, dass Liebe und Wahrheit die Quelle des Lebens, das Leben selbst sind und ein Leben ohne Liebe ist kein Leben, dann können wir sagen, dass diese Gemeinschaft mit Ihm, der wirklich das Leben ist, mit Ihm, der das Sakrament des Lebens ist, eure Erwartung, eure Hoffnungen erfüllen wird.

(Josef Bordat)

Die Weisen aus dem Morgenland, von denen die Bibel zwar weder sagt, dass es Könige, noch, dass es drei an der Zahl waren, die aber in königlicher Würde dem Ruf Gottes folgten und Jesus drei Geschenke darbrachten, standen während des Weltjugendtags in Köln im Sommer 2005 im Mittelpunkt vieler liturgischer Angebote. Von dort sind uns viele Betrachtungen zu diesem zentralen Ereignis des Weihnachtsfestkreises geschenkt.

Der Weg ist das Ziel

Papst Benedikt XVI., für den der WJT das erste Großereignis seines Pontifikats war, betrachtet insbesondere den Weg, auf den sich die Sterndeuter machen. Er unterscheidet dabei drei Phasen. Zunächst das Angerührtsein vom Stern und der freudige Aufbruch. Dann die Verdunkelung, das Erlöschen des Sterns, die Ratlosigkeit und die Furcht vor dem Umsonst. Diese Erfahrung des sich verhüllenden Gottes macht wohl jeder Christ irgendwann. Ihr ist, so Benedikt, mit Geduld zu begegnen, mit demütigem und beharrlichem Klopfen an die Tür des schweigenden Gottes, der uns die Stunden des Dunkels schickt, um unsere Sehnsucht wachsen zu lassen. Erst dadurch werden wir geformt und befähigt, bei unserer Wanderschaft auf dem inneren Weg der Seele den Aufstieg zu den Höhen des Ewigen zu schaffen. Schließlich endet der Weg der Weisen im Finden und Anbeten des Gefundenen. Damit ist der Weg aber nicht zuende, sondern er beginnt auf’s Neue, denn nun geht es für die Weisen, die einen neuen König erwartet hatten, darum, mit der größtmöglichen Differenzerfahrung fertig zu werden: kein Palast, ein Stall, kein Thron, eine Krippe, kein Königspaar, eine Magd und ein Handwerker. Gott ist anders. Vor allem, als man ihn sich vorstellt. Was also folgt ist ein innerer Weg, ein inneres Sich-Annähern an den, der doch immer der Andere sein wird. Auf diesem Weg, auf dem wiederum Dunkel und Licht sich abwechseln, sinken die Drei (und wir mit ihnen, wenn wir uns denn auf den Weg machen) immer tiefer in das Geheimnis der Herrlichkeit Gottes hinein.

Heilige Drei Könige, Heiligkeit der Kirche, Heiligung des Einzelnen

Die Kirche ist auf diesem Weg, allen voran ihre Heiligen. Dies gilt für die Phasen des Lichts, aber auch die des Dunkels. Gerade die größten Heiligen erlebten die dunkelsten Stunden, waren umgeben von sternenloser, schwarzer Nacht. Auch die Kirche hat beides erlebt. Sie erlebt auch heute beides: Dem lichtreichen Aufbruch zahlreicher neuer Bewegungen steht die totale Finsternis der Verfehlungen Einzelner gegenüber.

Der folgende Text ist ein Auszug aus der Ansprache Benedikts bei der Vigil vom 20. August 2005, die im Rahmen des WJT auf dem Marienfeld bei Köln stattfand (hier zit. nach: Du bist das Licht der Welt. Gedanken zum Weihnachtsfest von Joseph Ratzinger. Leipzig: St. Benno Verlag 2006, S. 34-38).

„Von Gott reden viele; im Namen Gottes wird auch Hass gepredigt und Gewalt ausgeübt. Deswegen kommt es darauf an, das wahre Antlitz Gottes zu finden. Die Weisen aus dem Orient haben es gefunden. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, hat Jesus zu Philippus gesagt (Joh 14, 9). In Jesus Christus, der sich für uns das Herz hat durchbohren lassen, ist uns das wahre Gesicht Gottes erschienen. Ihm folgen wir mit der großen Schar derer, die uns da vorangegangen sind. Dann gehen wir recht.

Das bedeutet, dass wir uns nicht einen privaten Gott und nicht einen privaten Jesus zurechtmachen, sondern dem Jesus glauben, vor dem Jesus uns beugen, den uns die Heiligen Schriften zeigen und der sich in der großen Prozession der Gläubigen, die wir Kirche nennen, als lebendig, als immer gleichzeitig mit uns und zugleich immer uns voraus zeigt. An der Kirche kann man sehr viel Kritik üben. Wir wissen es, und der Herr hat uns gesagt: Sie ist ein Netz mit guten und schlechten Fischen, ein Acker mit Weizen und Unkraut. Papst Johannes Paul II., der uns in den vielen Seligen und Heiligen das wahre Gesicht der Kirche gezeigt hat, hat auch um Vergebung gebeten für das, was durch das Handeln und Reden von Menschen der Kirche an Bösem in der Geschichte geschehen ist.

So hält er auch uns selber den Spiegel vor und ruft uns auf, mit all unseren Fehlern und Schwächen in die Prozession der Heiligen einzutreten, die mit den Weisen aus dem Orient begonnen hat. Im Grund ist es doch tröstlich, dass es Unkraut in der Kirche gibt: In all unseren Fehlern dürfen wir hoffen, doch noch in der Nachfolge Jesu zu sein, der gerade die Sünder berufen hat. Die Kirche ist wie eine menschliche Familie, und sie ist doch zugleich die große Familie Gottes, durch die er einen Raum der Gemeinschaft und der Einheit quer durch die Kontinente, durch die Kulturen und Nationen legt. Deswegen freuen wir uns, dass wir zu dieser großen Familie gehören; dass wir Geschwister und Freunde haben in aller Welt. Wir erleben, wie schön es ist, einer weltweiten Familie anzugehören, die Himmel und Erde, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alle Teile der Erde umspannt. In dieser großen Weggemeinschaft gehen wir mit Christus, gehen wir mit dem Stern, der die Geschichte erleuchtet.“

(Josef Bordat)

Hasta la victoria

Januar 2, 2009

In der Neujahrsmesse im Petersdom betonte Papst Benedikt XVI., das Christentum sei zu einer „friedlichen Revolution“ fähig. Die irdische Geschichte Jesu habe dazu den Anstoß gegeben. „Es ist keine ideologische, sondern eine geistliche Revolution, keine utopische, sondern eine echte. Dazu braucht es unendliche Geduld, das dauert bisweilen sehr lange. Jede Abkürzung ist zu vermeiden, man muss den schwierigsten Weg gehen: die Verantwortung muss im Gewissen der Menschen wachsen.“, so der Papst in der Predigt.

„Revolutionäre“ hat es in der Kirchengeschichte immer wieder gegeben. Auffällig ist dabei die Nähe zur Ursprünglichkeit Gottes, die Nähe zu Christus, die Nähe zum Kern des Evangeliums, die sich in der tagtäglichen Lebenspraxis einer ernsten und authentischen Nachfolge äußert. Franz von Assisi, Meister Eckhart, Teresa de Ávila, Don Giovanni Bosco, Edith Stein oder auch die 2008 verstorbene Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolarbewegung, verkörpern diese schleichende, vielfach auch belächelte Revolution der winzigsten Schritte hin zum neuen Menschen, der „das Wort lebt“.

Eine solche Revolution kann man – quasi in Echtzeit – auf den Fazendas da Esperança (Höfen der Hoffnung) miterleben, auf denen zigtausendfache Christus-Nachfolge in bester franziskanischer und fokolarischer Tradition vom heilenden Geist des Evangeliums zeugt, der Veränderung bewirkt, wo sie Not tut.

Ein Hof der Hoffnung (Gut Neuhof) liegt in Markee bei Nauen, etwa 50 Kilometer nordwestlich von Berlin. Er wurde dort vor zehn Jahren auf dem völlig verwahrlosten Gelände des Gutes initiiert, getragen von der Vision, zur Jahrtausendwende ein „neues Bethlehem“ geschaffen zu haben, „in dem Gott zu den Menschen kommt“.

Seit zehn Jahren leben in den sanierten Gebäuden junge Menschen, deren Leben von Drogen und anderen Süchten beherrscht war und die gemeinsam einen Ausweg suchen und damit einen Aufbruch wagen, der mit einem radikalen Umbruch einhergeht. Statt der rituellen Betäubung und Weltflucht beherrscht die Hinwendung zum Nächsten und die praktische Arbeit auf dem Hof den neuen Lebensrhythmus der Rekuperanten. Landwirtschaft und Kunsthandwerk, Fleischerei und Café: das Projekt erwirtschaftet seine laufenden Kosten selbst.

Ein Jahr dauert das Rekuperationsprogramm. Einer der Hof-Gründer, der Franziskanerpater Hans Stapel, betonte die Notwendigkeit, dieses Jahr in einer Gemeinschaft zu verbringen, in der das liebevolle Miteinander die entscheidende Rolle spiele. Es komme darauf an, die frohe Botschaft Jesu nicht nur am Sonntag Vormittag zu hören, sondern sie in die Tat umzusetzen, „das Wort zu leben“. Die im Evangelium verkündete Liebe sei universell, sie erstrecke sich auf alle Menschen und bringe ihnen Gott nahe, denn „Gott ist Liebe“. Nur durch diese Liebe könnten Menschen zu sich selbst finden und eine Wandlung erfahren. Die nicht immer kirchennahen jungen Erwachsenen nehmen dieses Angebot dankbar an. Und bleiben in der Zeit nach dem Aufenthalt den neuen Idealen treu; die Rückfallquote ist mit 20% vergleichsweise gering.

Seinen Ursprung nahm das Gemeinschaftsprojekt von Franziskanerorden und Fokolarbewegung vor 25 Jahren in Brasilien, wo Pater Hans die erste „Fazenda da Esperança“ gegründet hat. Seit zehn Jahren breitet sich das Projekt in der ganzen Welt aus, alle drei Wochen wird eine neue „Fazenda“ eingeweiht, schwerpunktmäßig in Lateinamerika, Afrika und Asien, aber auch in Europa. In Deutschland gibt es drei „Höfe der Hoffnung“, zwei in der Nähe von Berlin, einer – 2008 neu eröffnet – in Bayern. Über 10.000 junge Menschen fanden in den 25 Jahren der „Fazenda“-Geschichte den Weg aus der Droge ins selbstbestimmte Leben.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurden die „Fazendas“ durch den Brasilien-Besuch des Papstes am 12. Mai 2007 bekannt. Auf der Fazenda in Guaratingueta traf sich Benedikt mit Pater Hans und hörte gebannt die Erfahrungen der Rekuperanten, die ihn so sehr beeindruckt haben müssen, dass er seither mehrmals bei unterschiedlichen Gelegenheiten auf die Glaubenskraft und die gelebte Liebe, die die Höfe und ihre Bewohner prägt, Bezug genommen hat, etwa am 21. Dezember 2007 in einer Ansprache vor der Römischen Kurie: „Mit besonderer Freude erinnere ich mich an den Tag auf der Fazenda da Esperança, wo Menschen, die in die Sklaverei der Droge gefallen sind, Freiheit und Hoffnung wiederfinden. Als ich dort angekommen bin, habe ich zuerst in neuer Weise verstanden, dass die Schöpfung Gottes eine erneuernde Kraft hat. [...] Wir müssen die Schöpfung nicht nur im Hinblick auf ihre Vorteile schützen, sondern auch um ihrer selbst willen – als Botschaft des Schöpfers, als Geschenk der Schönheit, die uns Verheißung und Hoffnung ist. Ja, der Mensch braucht die Transzendenz. ,Gott allein genügt’, sagt die Heilige Theresa von Avila. Wenn Er fehlt, muss der Mensch allein versuchen, die Grenzen der Welt zu überwinden, um für sich selbst den Raum des Unendlichen zu eröffnen, auf den hin er geschaffen wurde. Von daher wird die Droge fast zu einer Notwendigkeit. Aber bald merkt er, dass es eine unendliche Illusion ist, eine Falle, so könnte man sagen, die der Teufel für den Menschen vorbereitet hat. Dort auf der Fazenda da Esperança scheinen diese Abgründe der Welt wirklich überwunden zu sein, indem man sich mit seinem Leben öffnet und auf Gott schaut und so Rekuperation geschieht.“

Gottesglaube (mit all seinen positiven Folgen) als Ersatz für die Droge (mit all ihren negativen Folgen) – eine wahre Revolution! Ich wünsche den „Revolutionären“ auch im neuen Jahr viel Kraft und Gottes reichen Segen!

Josef Bordat

Neujahr

Januar 1, 2009

Gesegnet sei das Neue Jahr,

gesegnet Jesu Namen,

gesegnet dieser Gnadentag,

denn Gott will sich erbarmen.

Wir ziehen an ein neues Herz

und opfern uns dem Herren,

kein anderes Geschenk will er,

als dass wir ihn begehren.

(aus Irland)

Einen guten Start ins Jahr – mit der Friedensbotschaft des Papstes!

Ihr Josef Bordat

Silvester

Dezember 31, 2008

Der letzte Tag des Kalenderjahres ist nach Papst Silvester I. benannt, dessen Amtszeit (314-335) in eine weltgeschichtliche Umbruchsphase fällt. 313 hatte der römische Kaiser Konstantin im Toleranzedikt von Mailand Religionsfreiheit garantiert und damit das Christentum, das sich überall im Reich ausgebreitet hatte, offiziell anerkannt. 325 wurde auf dem Konzil von Nicaea, an dem Silvester nicht teilnahm, sich aber vertreten ließ, das erste Glaubensbekenntnis formuliert.

Über das Leben und Wirken Silvesters ist nur wenig bekannt, es fehlt jeder schriftliche Nachlass. Die Legenda Aurea berichtet davon, dass Silvester den kranken Konstantin geheilt und getauft und dieser der Kirche zum Dank zahlreiche materielle und immaterielle Privilegien zugesprochen habe („Konstantinische Schenkung“). Dies entspricht aber nicht der historischen Wahrheit, wie bereits im späten Mittelalter von Nikolaus von Kues und Lorenzo Valla nachgewiesen wurde. Offenbar gingen die wirkmächtigen religionspolitischen Impulse dieser Jahre gänzlich und allein vom Kaiser aus.

Silvester starb am 31. Dezember 335. Sein Leichnam wurde in der Priscillakatakombe an der Via Salaria Nova in Rom beigesetzt. Silvester wurde 813 in den Kirchenkalender aufgenommen. In der sakralen Kunst wird er mit Attributen und in Situation dargestellt, die der Legende entnommen sind, etwa mit Buch und Tiara als vom Kaiser verliehenem Ehrenzeichen, mit dem wiederbelebten Stier und dem gebundenen Drachen, bei der Taufe Konstantins, bei der Beisetzung der Petrusreliquien oder auch bei der Verehrung des von Helena, der Mutter Konstantins, aufgefundenen Kreuzes. Silvester ist Patron der Haustiere, für eine gute Futterernte und selbstverständlich für ein gutes neues Jahr. Das wünsche ich Ihnen von Herzen!

(Josef Bordat)

Zwischen den Jahren

Dezember 29, 2008

Mögest Du in Deinem Herzen

das vergangene Jahr

in Dankbarkeit bewahren.

Mit jedem Jahr wachsen die Gaben,

die Gott Dir schenkte,

um alle, die Du liebst,

mit Freude zu erfüllen.

In jeder Stunde,

Freude und Leid,

lächelte der Menschgewordene

Dir zu -

bleib Du in seiner Nähe.

(Irischer Segenswunsch, aus: Gottes Licht begleite dich. Die schönsten Geschichten zur Weihnachtszeit. Leipzig: St.-Benno-Verlag, S. 144)

8 Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. 9 Doch einige von der sogenannten Synagoge der Libertiner und Zyrenäer und Alexandriner und Leute aus Zilizien und der Provinz Asien erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten; 10 aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen. 11 Da stifteten sie Männer zu der Aussage an: Wir haben gehört, wie er gegen Mose und Gott lästerte. 12 Sie hetzten das Volk, die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, drangen auf ihn ein, packten ihn und schleppten ihn vor den Hohen Rat. 13 Und sie brachten falsche Zeugen bei, die sagten: Dieser Mensch hört nicht auf, gegen diesen heiligen Ort und das Gesetz zu reden. 14 Wir haben ihn nämlich sagen hören: Dieser Jesus, der Nazoräer, wird diesen Ort zerstören und die Bräuche ändern, die uns Mose überliefert hat. 15 Und als alle, die im Hohen Rat saßen, auf ihn blickten, erschien ihnen sein Gesicht wie das Gesicht eines Engels.

1 Der Hohepriester aber fragte: Ist das wahr? 2 Stephanus antwortete: Brüder und Väter, hört mich an! Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, als er in Mesopotamien lebte, ehe er sich in Haran niederließ, 3 und sagte zu ihm: Zieh weg aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und geh in das Land, das ich dir zeigen werde. 4 Da zog er aus dem Land der Chaldäer fort und ließ sich in Haran nieder. Von dort ließ Gott ihn nach dem Tod seines Vaters in dieses Land übersiedeln, in dem ihr jetzt wohnt. 5 Er hat ihm darin kein Erbteil gegeben, auch nicht einen Fußbreit, doch hat er verheißen, das Land ihm und seinen Nachkommen zum Besitz zu geben, obwohl er kinderlos war. 6 So sprach Gott: Seine Nachkommen werden als Fremde in einem Land wohnen, das ihnen nicht gehört; und man wird sie zu Sklaven machen und sie vierhundert Jahre lang hart behandeln. 7 Aber auch über das Volk, dem sie als Sklaven dienen, werde ich Gericht halten, sprach Gott, und nachher werden sie ausziehen und mich an diesem Ort verehren. 8 Und er gab ihm den Bund der Beschneidung. So wurde Abraham der Vater Isaaks und beschnitt ihn am achten Tag, ebenso Isaak den Jakob, und Jakob die zwölf Patriarchen. 9 Die Patriarchen aber waren eifersüchtig auf Josef und verkauften ihn nach Ägypten; doch Gott war mit ihm. 10 Er rettete ihn aus allen seinen Nöten, schenkte ihm Weisheit und die Gunst des Pharao, des Königs von Ägypten, und er bestellte ihn zum Herrscher über Ägypten und über sein ganzes Haus. 11 Es kam aber eine Hungersnot über ganz Ägypten und Kanaan und das Elend war groß. Auch unsere Väter hatten keine Nahrung mehr. 12 Als Jakob hörte, dass es in Ägypten Getreide gab, schickte er unsere Väter ein erstes Mal dorthin. 13 Beim zweiten Mal gab Josef sich seinen Brüdern zu erkennen und dem Pharao wurde Josefs Herkunft bekannt. 14 Josef aber ließ seinen Vater Jakob und seine ganze Familie holen: fünfundsiebzig Menschen. 15 So zog Jakob nach Ägypten hinab; und er starb und auch unsere Väter starben. 16 Man brachte sie nach Sichem und bestattete sie in dem Grab, das Abraham von den Söhnen Hamors in Sichem für Silbergeld gekauft hatte. 17 Als aber die Zeit der Verheißung herankam, die Gott dem Abraham zugesagt hatte, vermehrte sich das Volk und breitete sich in Ägypten aus, 18 bis ein anderer über Ägypten König wurde, der von Josef nichts wusste. 19 Er ging gegen unser Volk heimtückisch vor und zwang unsere Väter, ihre Kinder auszusetzen; sie sollten nicht am Leben bleiben. 20 In dieser Zeit wurde Mose geboren und Gott hatte Gefallen an ihm. Drei Monate lang wurde er im Haus seines Vaters aufgezogen; 21 als er aber ausgesetzt wurde, nahm ihn die Tochter des Pharao auf und erzog ihn als ihren Sohn. 22 Und Mose wurde in aller Weisheit der Ägypter ausgebildet und er war mächtig in Wort und Tat. 23 Als er vierzig Jahre alt war, reifte in ihm der Gedanke, nach seinen Brüdern, den Söhnen Israels, zu sehen. 24 Und als er sah, wie einem von ihnen Unrecht geschah, kam er dem Unterdrückten zu Hilfe und rächte ihn, indem er den Ägypter erschlug. 25 Er dachte, seine Brüder würden begreifen, dass Gott ihnen durch seine Hand Rettung bringen wolle; doch sie begriffen es nicht. 26 Am folgenden Tag kam er dazu, wie sie sich stritten; er versuchte, sie auszusöhnen und Frieden zu stiften, und sagte: Männer, ihr seid doch Brüder. Warum tut ihr einander Unrecht? 27 Der Mann aber, der seinem Nächsten Unrecht getan hatte, stieß ihn weg und sagte: Wer hat dich zum Anführer und Schiedsrichter über uns bestellt? 28 Willst du mich etwa umbringen, wie du gestern den Ägypter umgebracht hast? 29 Daraufhin floh Mose und hielt sich als Fremder in Midian auf; dort wurden ihm zwei Söhne geboren. 30 Als vierzig Jahre vergangen waren, erschien ihm in der Wüste beim Berg Sinai ein Engel im Feuer eines brennenden Dornbusches. 31 Als Mose die Erscheinung sah, wunderte er sich darüber. Er ging näher hin, um sie genauer zu betrachten. Da ertönte die Stimme des Herrn: 32 Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Mose begann zu zittern und wagte nicht hinzusehen. 33 Da sagte der Herr zu ihm: Zieh deine Schuhe aus! Denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. 34 Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und seine Klage gehört. Ich bin herabgestiegen, um sie zu retten. Und jetzt geh, ich sende dich nach Ägypten. 35 Diesen Mose, den sie verleugnet hatten mit den Worten: Wer hat dich zum Anführer und Schiedsrichter bestellt?, ihn hat Gott als Anführer und Befreier gesandt durch die Hand des Engels, der ihm im Dornbusch erschien. 36 Dieser Mose hat sie herausgeführt, indem er Zeichen und Wunder tat in Ägypten und im Roten Meer und in der Wüste, vierzig Jahre lang. 37 Dies ist der Mose, der zu den Söhnen Israels gesagt hat: Einen Propheten wie mich wird Gott euch aus euren Brüdern erwecken. 38 Dieser stand bei der Versammlung des Volkes in der Wüste zwischen dem Engel, der mit ihm auf dem Berg Sinai redete, und unseren Vätern. Er hat Worte des Lebens empfangen, um sie uns zu geben. 39 Aber unsere Väter wollten sich ihm nicht unterordnen; sie wiesen ihn ab und wandten ihr Herz nach Ägypten zurück. 40 Sie sagten zu Aaron: Mach uns Götter, die vor uns herziehen! Denn dieser Mose, der uns aus Ägypten herausgeführt hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. 41 Und sie fertigten in jenen Tagen das Standbild eines Kalbes an, brachten dem Götzen Opfer dar und freuten sich über das Werk ihrer Hände. 42 Da wandte sich Gott ab und überließ sie dem Sternenkult, wie es im Buch der Propheten heißt: Habt ihr mir etwa Schlachtopfer und Gaben dargebracht während der vierzig Jahre in der Wüste, ihr vom Haus Israel? 43 Das Zelt des Moloch und den Stern des Gottes Romfa habt ihr herumgetragen, die Bilder, die ihr gemacht habt, um sie anzubeten. Darum will ich euch in die Gebiete jenseits von Babylon verbannen. 44 Unsere Väter hatten in der Wüste das Bundeszelt. So hat Gott es angeordnet; er hat dem Mose befohlen, es nach dem Vorbild zu errichten, das er geschaut hatte. 45 Und unsere Väter haben es übernommen und mitgebracht, als sie unter Josua das Land der Heidenvölker besetzten, die Gott vor den Augen unserer Väter vertrieb, bis zu den Tagen Davids. 46 Dieser fand Gnade vor Gott und bat für das Haus Jakob um ein Zeltheiligtum. 47 Salomo aber baute ihm ein Haus. 48 Doch der Höchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist, wie der Prophet sagt: 49 Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was für ein Haus könnt ihr mir bauen?, spricht der Herr. Oder welcher Ort kann mir als Ruhestätte dienen? 50 Hat nicht meine Hand dies alles gemacht? 51 Ihr Halsstarrigen, ihr, die ihr euch mit Herz und Ohr immerzu dem Heiligen Geist widersetzt, eure Väter schon und nun auch ihr.1 52 Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid, 53 ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt. 54 Als sie das hörten, waren sie aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. 55 Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen 56 und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. 57 Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, 58 trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. 59 So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! 60 Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.

***

Heute, am 26. Dezember, feiert die Kirche ihren ersten Martyrer, den Hl. Stephanus, Diakon der jungen Jerusalemer Gemeinde, der bereit war, für seinen Glauben in den Tod zu gehen und diesen in der damals üblichen Hinrichtungsmethode, der Steinigung, fand. Noch im Sterben betet Stephanus mit lauter Stimme für seine Peiniger: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7, 60). Er vollzieht damit in letzter Konsequenz die Nachfolge Christi, der bei Gott für die Soldaten, die ihn ans Kreuz nagelten, im Moment des größten Schmerzes Fürsprache hielt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23, 34).

In dieser Nachfolge Christi liegt die enge Verknüpfung von Martyrium und Heiligkeit verwurzelt. Die fama martyrii gilt darum als besondere Tugendübung, gewissermaßen als Spezialfall der fama sanctitatis, der Tugendhaftigkeit, die den Christen ursächlich zum Heiligen macht. Deswegen hat das Martyrium in der Praxis der Heiligsprechungsprozesse eine so überragende Bedeutung.

Kulminationspunkt des heiligen Lebens ist die Bereitschaft, um der Tugend willen, also insbesondere um Glaube, Liebe und Hoffnung willen, in den Tod zu gehen und damit zu verdeutlichen, dass ein Leben ohne die heiligenden Tugenden, ein Leben, das nicht im Einklang mit den Geboten Gottes steht, nicht lebenswert ist. Keine Furcht, keine Anpassung, keine Kompromisse, kein Arrangement mit den Verhältnissen, wenn diese nicht den Geboten Gottes entsprechen. Daraus bezieht das Martyrium stets neu seine Aktualität für das Leben eines jeden Christen, auch und gerade heute.

Was aber unterscheidet das Martyrium des Heiligen, der für seinen Glauben an Gott, seine Liebe zu Christus und seine Hoffnung auf das ewige Heil zu sterben bereit ist, von dem des Helden, der für die Freiheit zu sterben bereit ist?

Hierzu lohnt sich ein Blick auf die Auseinandersetzung Karl Rahners mit dem Begriff und Wesen des Martyriums. In seinem Buch Die Theologie des Todes widmet er sich dem Martyrium im letzten Kapitel. Die Verbindung von Martyrium und Tod liegt auch hier nahe („Das Martyrium, so wie wir heute diesen Begriff auffassen, ist der Tod um des christlichen Glaubens oder der christlichen Sitte willen.“, Karl Rahner: Die Theologie des Todes. Freiburg i. Br. 1958, S. 73), obwohl Rahner selbst darauf verweist, dass Martyrium zunächst „Zeugnis“ bedeutet und in der Bibel in diesem Wortsinn verwendet wird (ebd., S. 74). Rahner fragt hinsichtlich des Zusammenhang von Zeugnis und Tod: „Was hat das Zeugnis für Christus mit dem Tod zu tun? Ist das Ergebnis der Begriffsgeschichte doch nur mehr oder weniger Zufall, eine einigermaßen willkürliche Amalgamierung von Zeugnis und Tod, oder haben sich in diesem Begriff Wirklichkeiten gefunden, die innerlichst zusammengehören?“ (ebd., S. 74).

Eine erste Annäherung an diese Frage bestünde darin, festzustellen, dass im Martyrium nicht nur im, sondern mit dem Tod Zeugnis für ein Ideal, etwa den Glauben, abgelegt wird. Der Martyrer bezeugt seinen Glauben, auch auf die Gefahr hin, dabei mit seinem Leben zu bezahlen. Die Bereitschaft, diese letzte Konsequenz zu tragen, passt zur Radikalität des Heiligen, der allen vor Augen führt, dass es ihm ernst war und ernst ist mit seiner Überzeugung, so ernst, dass er ihr treu bleibt, bis in den Tod. Dieses Schema passt aber auch auf die Gesinnung eines Helden, der für eine politische Überzeugung zu sterben bereit ist und mit seinem Tod für sie Zeugnis ablegt; die Geschichte lebt von diesen Menschen, ohne dass sie Heilige wären.

Um nicht nur die Zusammengehörigkeit von Tod und Zeugnis im Akt des Martyriums, sondern auch dessen Heiligkeit zu erahnen, müsste in einer zweiten Betrachtung mit Rahner zwischen den beiden Komponenten, dem freiwilligen Tod als Akt der Wahrung persönlicher Integrität und der damit verbundenen „Heiligung“ des eigenen Lebens sowie dem mit dem Tod gegebenen Zeugnis als Akt der „Heiligung“ eines Ideals, unterschieden werden. Auf dieses Ideal kommt es letztlich an, ob von der Heiligkeit des Martyriums gesprochen werden kann, denn nur, wenn das, was der Martyrer bezeugt, wofür er stirbt, heilig ist, ist auch das Martyrium ein heiliger Akt. Während dies beim Helden, der für die Freiheit stirbt, in den Augen der Kirche nicht der Fall ist, erweist sich der Heilige, der für Gott stirbt, gerade dadurch als heilig, dass er im Tod für das Heilige Zeugnis ablegt.

Zunächst zum Tod und der personalen Integrität des Martyriums. Ausgehend davon, dass im Wissen um den Tod das Wissen um die Transzendenz verborgen liegt, formuliert er die These, dass dieses Wissen um die Transzendenz „nur in der Form des frei vorgelassenen Wissens um die eigene Todesgeweihtheit echt ist“ (ebd., S. 78). Nur wer den Mut zur Freiheit habe, zur letzten Freiheit, zur erfüllten Freiheit, „in der nicht nur dies und das, nicht nur an der Oberfläche des Lebens frei gehandelt wird, sondern in der über das ganze Leben bis in seine Tiefe frei entschieden wird“ (ebd., S. 78), kann die eigentliche Bestimmung des Menschen, die Heiligkeit, realisieren. Dann folgt daraus eine „frei geliebte Freiheit zum Tode“ (ebd., S. 78), die den Heiligen als „Mensch, der er sein sollte“ (ebd., S. 78) auszeichnet. Der Clou liegt im Umkehrfolgerung: Nur wer in dieser Freiheit „ja“ sagt zum Tod, sagt auch „ja“ zum Leben und zum Sinn des Daseins. Wer also im Leben Zeugnis ablegt für seinen Glauben, der muss dies auch im Tod tun, um nicht sein Leben zu entwerten. Umgekehrt heiligt sein „freiwilliger“ (ebd., S. 76) Tod das Leben. In diesem Sinne kann Rahner vom Martyrertod als der „gültigen Vollendung des Daseins“ (ebd., S. 78) sprechen. So wird erklärbar, dass es Menschen gibt, die mit dem Mut zur Freiheit für ihren Glauben oder ihre politischen Ideale freudig in den Tod gehen – personalen Integrität, d. h., man will im Tod bleiben, was man im Leben war. Dazu gehört der Mut zur Freiheit. Im Martyrium als besonderer Fall der Tugendhaftigkeit manifestiert sich also die Tugend der Tapferkeit in herausragender Weise. Die „Vollendung des Daseins“ ist allerdings nicht den Heiligen vorbehalten, sondern gilt auch für Helden, denn sie bleiben ebenfalls ihren Idealen, mit denen sie sich so sehr identifiziert haben, im Tode treu.

Nun zum Zeugnis und der überpersonalen Heiligung im und durch das Martyrium, die nicht nur Heiligkeit des Akts, sondern des Akteurs erweist. Rahner erinnert daran, dass sich im Martyrium Gnade, Glaube und Heil begegnen: „Dort, wo so gestorben wird, frei und gläubig vertrauend, alles einzelne lassend in dem freien Vertrauen, dadurch alles zu erhalten, wo man scheinbar ins Leere und bodenlos Abgründige zu fallen erfährt, dort tut man etwas, was man nur in der Gnade Christi tun kann [...]“(ebd., S. 79). Um nun aber zu erkennen, dass dieser „Glaubenstod wirklich ein Zeugentod [...] ist“ (ebd., S. 89), der auf die Heiligkeit des Zeugen hindeutet, muss man zunächst um die „unauflösliche Einheit von Zeugnis und bezeugter Sache“ wissen, die „durch Gottes gnadenhafte Verfügung“ garantiert ist: „Hier wird in absoluter Gültigkeit und Vollendung vollzogen, was bezeugt wird: das christliche Dasein als siegreiche Gnade Gottes. Das Zeugnis setzt das Bezeugte gegenwärtig, und das Bezeugte schafft sich selbst die Bezeugung, die untrüglich ist.“ (ebd., S. 93). Wenn dem so ist, dann folgt daraus, dass das Zeugnis des Martyrers nicht nur ein persönlicher Glaubensakt ist, mit dem er sich im Sinne der Integrität selbst über den Tod hinaus treu bleibt, sondern dass er den Glauben an sich bezeugt, weil sich im Zeugnis der Glaube an sich, nicht nur der persönliche Glaube, als das Bezeugte manifestiert. Wesen und Akt des Glaubens fallen im Zeugnis in eins, denn das Zeugnis im Tod des Heiligen zeugt vom Wesen des Glaubens und ist zugleich ein Akt des Glaubens. Auch dies könnte noch gelten, ersetzte man „Glauben“ durch „Freiheit“, denn das Zeugnis im Tod des Helden offenbart ebenso als Akt der Freiheit zugleich das Wesen der Freiheit, das nämlich genau darin besteht, freiwillig für seine Ideale sterben zu können. Es geht also auch beim Helden nicht nur um die persönliche Freiheit, sondern um Freiheit an sich.

Doch nur, wenn das Geglaubte etwas Heiliges ist und damit das Heilige an sich bezeugt wird und sich im Zeugnis das Heilige selbst die „untrügliche Bezeugung“ schafft, was die besondere Begnadigung des Zeugen durch das Heilige andeutet, nur dann liegt es nahe, vom Martyrium als einem Akt der Heiligkeit zu sprechen, der den Martyrer zum Heiligen macht.

Dieses bezeugte und sich zugleich Bezeugung schaffende Heilige ist Gott, die christliche Religion, aber auch die Instanz, die „heilig“ spricht, die Kirche. Heiligkeit ist ein Wesensmerkmal der Kirche, nicht nur, weil sie Gott bezeugt, und damit eine „Martyrerin“ ist, sondern weil sich Gott selbst diese „Bezeugung, die untrüglich ist“ durch sein eigenes Martyrium geschaffen hat: durch den Kreuzestod des menschgewordenen Gottes, Jesus Christus. Dessen gedenkt die Kirche in jeder Heiligen Messe. Rahner bindet die Heiligkeit des Martyriums und die Heiligkeit der Kirche folglich sehr fest aneinander, indem er darauf verweist, dass „Kirche und Martyrium [sich] gegenseitig [..] bezeugen“ (ebd., S. 93). Die Kirche zeugt durch das „Wortzeugnis [...] von der eschatologisch siegreichen Gnade“, in dem „die innerste Interpretation des Martyriums gegeben [wird]: es ist wirklich, was es zu sein scheint: die wirklich umfassende Tat des weltüberwindenden Glaubens, die Vollendung des Menschen“ (ebd., S. 93). Umgekehrt zeugt das Martyrium für die „überweltliche Herkunft“ der Kirche, zumindest für den, „der in der Gnade Gottes zu sehen vermag“ (ebd., S. 93). Dieser Akt gegenseitiger Bezeugung verdichtet sich in der Eucharistie, in der die Kirche im „vollendeten kultischen Selbstvollzug“ (ebd., S. 94) die mystische Feier des Todes Christi und unseres eigenen in ihm auch deswegen begeht, um im Messopfer auf die Christen zu deuten, die im Martyrertod „pragmatisch“ (ebd., S. 94) auf die Kirche gedeutet haben.

Das Martyrium ist also notwenig (personale Integrität in der Treue zum Heiligen über den Tod hinaus) und hinreichend (untrügliches Schaffen von Bezeugung durch das Heilige selbst) für die Heiligkeit eines Menschen, wenn das Ideal, für das er lebend und sterbend Zeugnis abgab, selbst heilig ist. Die Bedeutung der Heiligkeit des Martyrers, beispielsweise des Hl. Stephanus, liegt also in der umfänglichsten Deutung des christlichen Glaubens: dem Zeigen auf und dem Zeugen von Christus durch die Nachfolgerschaft im heilbringenden Opfertod.

(Josef Bordat)

Licht in dunkler Nacht

Dezember 24, 2008

Heute in meinem Abreißkalender:

„Der Stern von Betlehem ist ein Licht in dunkler Nacht – auch heute noch.“

Edith Stein.

(J. B.)

Weihnachten 2008

Dezember 23, 2008

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, schöne Stunden mit Ihrer Familie und Ihren Freunden, für 2009 alles Gute für das Privatleben und den Berufsalltag, beste Gesundheit und größte Zufriedenheit.

Vor all dem wünsche ich Ihnen die marianische Erfahrung, dass ein Ja zu Gott ein Ja zu Leben, Frieden und Erlösung ist, auch und gerade dann, wenn dieses Ja nicht leichtfertig gesprochen wird, wenn es nicht folgenlos bleibt, sondern wenn es den Menschen verändert und diese Veränderung auch mit Mühen verbunden ist, manchmal sogar schmerzt. Doch das Ja des neuen Menschen, der sich im Menschgewordenen, Gekreuzigten, Auferstandenen geborgen weiß, überschallt alle Neins und Vielleichts des alten Menschen und öffnet die Tür zu einer Welt der Weisheit, der Demut und des Lichts, die mit dem Jesuskind in der Krippe ihren Anfang nahm, um unsere, um meine Welt der Sturheit, des Stolzes und des Dunkels abzulösen.

Ich wünsche Ihnen die Erfahrung, dass der Aufruf, dem Stern zu folgen, dem Licht, Ihm, dass dieser Aufruf Ihnen gilt, heute, 2000 Jahre nach der Nacht von Betlehem. Ich glaube, dass eine solche Erfahrung möglich ist. Denn ich glaube, dass der Aufruf immer noch gilt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er hier und heute ganz besonders gilt. Und ich bin mir sicher, dass er allen Menschen gilt. Nicht nur Kirchensteuerzahlern.

Herzliche Grüße,
Ihr
Josef Bordat

Erkenntnis aus Gnade

Dezember 12, 2008

Menschliche Erkenntnis lässt sich deuten als Teilhabe an der allumfassenden Vernunft Gottes. Diese Teilhabe geschieht durch Gnade.

Mit den Worten des Origenes (185-254):

Durch die unermessliche Fülle der von Gott auf die Menschen ausgebreiteten göttlichen Gnade wird uns nach Gottes Heilsplan manchmal Einsicht in etwas gewährt, was sonst wegen seiner Größe, seiner übermenschlichen Art, seiner unendlichen Überlegenheit [...] ewig entzogen bliebe.

(Josef Bordat)

In „Auferstehung der Metaphysik“ (1920) beschäftigt sich Peter Wust mit dem Begriff der Intuition und verdeutlicht seine Bedeutung an der – seiner Meinung nach missbräuchlichen – Verwendung des Intuitionskonzepts zur Differenzierung zwischen Wissenschaft und Philosophie bei Henri Bergson.

Bergson ist ein Vertreter der christlichen Existenzphilosophie, dessen Denksystem sich nach Wust durch drei Dinge auszeichnet: Ein Anti-Intellekualismus, eine Fokussierung auf das Leben als Gegenstand der Spekulation und die Trennung von Philosophie und Wissenschaft, „indem er die Intuition als das wahre Organon der Philosophie hinstellt“ (Wust, Metaphysik, 177). Dabei übersehe Bergson, so Wust, dass Wissenschaft ohne Intuition nicht möglich sei, „ohne jene schöpferische Zeugungskraft, ohne jene intuitive Synthesis, die das Atomisierte durch einen Blitzstrahl des Geistes in eine Totalität verschmilzt“ (182).

Dies gilt bei Wust für induktives (synthetisches) und deduktives (analytisches) Fortschreiten in der wissenschaftlichen Forschung, denn die Synthese sei „jenem allgemeinen Seinsgesetz der Systase, der Rückkehr aller Besonderung in die Einheit, eng verwandt; hier berühren sich das Subjektive und das Objektive, wie auch umgekehrt die Besonderung aus der Einheit sowohl in der subjektiven als auch in der objektiven Sphäre ein einziges Weltgesetz ist, so daß man sogar sagen könnte, daß auch die Analyse, der in der objektiven Sphäre die unendliche wunderbare Selbstzerspaltung und Selbstdifferenzierung des Seins zugeordnet ist, ohne einen intuitiven Akt nicht erfolgen kann.“ (182 f.)

Wust argumentiert ganz in Begriffen platonisch-augustinischer Metaphysik. Er sieht die Erkenntnisse der Wissenschaft ontologisch vorgeprägt, eine metaphysische Basis der Forschung, die uns Wissenschaft eher als Tätigkeit des Auffindens von Bestehendem denn des Erfindens von Neuem begreifen lässt. Wust gibt das „Objektive“ nicht preis, wie es im Gefolge von Kants Subjektivismus der Philosophie angeraten schien, und spricht geradezu mutig vom „Sein“, nicht bloß von der Erscheinung dessen, was ist (des „Dinges an sich“). Die Bezugsgrößen sind bereits vorhanden, sie müssen nicht konstruiert werden. Diese Voraussetzungen anzuerkennen und auf dieser Grundlage zu forschen, verlangt nach Wust eine Vorstellung des „großen Ganzen“, die nur intuitiv zu erlangen ist.

Damit, so Wust, falle nicht nur die Wissenschaft nicht aus dem methodischen Rahmen der Intuition, sondern eben auch die Philosophie nicht aus dem Rahmen der wissenschaftlichen Methodik. Der von Bergson vorgenommene Schnitt sei unbegründet, obgleich der Philosophie ein besonders großer Anteil Intuition eigne. Sie ist bei Wust gewissermaßen nicht nur die alte Königin der Wissenschaften, sondern damit eben zugleich die höchste Steigerungsform intuitiven Denkens (soweit dieses gerade noch den Anspruch erhebt, intersubjektiv Gültiges und Verhandelbares mitzuteilen, also im Ergebnis nicht bloß höchstpersönliche Poesie oder Phantasie vorzustellen, die – in bezug auf die Wahrheit – gleichwohl eine unersetzliche Bedeutung hat, nur eben nicht systematisierbar ist wie wissenschaftliche oder philosophische Erkenntnis, soweit und solange sie eben nicht in selbige überführt wird oder konsistent in selbiger aufgeht).

Die Philosophie als „höchste Steigerung jener Intuition“ betätigt sich nach Wust „nicht bloß im Bereich der Theorie, sondern auf jedem anderen Gebiete kultureller Formungen“ (183). Auch das ist sicher kein prinzipielles Unterscheidungskriterium, da auch Wissenschaft über kurz (Anwendungsforschung und technische Entwicklung) oder lang (Grundlagenforschung) Teil unserer Kultur wird, und unsere Lebensweise formt – man denke an Entwicklungen im medialen Bereich (Internet, Mobiltelefon). Nur meint Wust, dass Philosophie von vorneherein so angelegt sein muss, dass sie kulturdurchdingend und -formend wirkt, weil sie den schaffenden Geist zum Gegenstand hat, während bei der Wissenschaft die Orientierung in Richtung der faktischen Naturgegebenheiten geht, die es zunächst zur Kenntnis zu nehmen und möglichst exakt zu beschreiben gilt, ehe dann eine Formung von Lebensbedingungen –und damit von Kultur – stattfinden kann.

Der Analyse der Natur (Wissenschaft) stellt Wust – die Intuition als Methode im Hinterkopf – die Synthese des Geistes (Philosophie) entgegen. In der für seine Metaphysik typischen plastischen Sprache, die von ebenso kraftvollen wie mystischen Allegorien lebt, zeigt er die Potentialität der Intuition: „Überall nämlich, wo eine Formung des Seins einsetzt, verläßt der Geist den Weg der verstandesmäßigen Zerstückelung und sendet den Blitz geistiger Zeugung in die toten Glieder einer auseinandergerissenen Stofflichkeit. Der Lebensschwung, die Schaffenslust und Werdelust, entrafft die Materie ihrer Diskontinuität und stiftet einen lebendigen Bezug zwischen den zersplitterten Teilen. Man kann deshalb sagen, dass der Begriff einer toten Materie überhaupt ein rein abstraktes Gebilde ist, dem in der Wirklichkeit keine reale Bedeutung zukommen kann, weil weder Kraft an sich noch Stoff an sich in reiner Isoliertheit angetroffen werden können. Überall sind beide wie durch ein mysteriöses Band aneinandergeknüpft, sodaß das Sein nie in einer starren Ruhe und Unfruchtbarkeit daliegen kann, weil alles Sein diesen ewigen Bezug hat.“ (183)

Sicherlich erschöpft sich die Darstellung der Materie bei einem Existenzphilosophen der 1920/30er Jahre sehr rasch in altbackenen scholastischen Begriffen, die etwas oberflächlich wirken (Kraft, Stoff; Form), aber trotz der tatsächlichen Komplexität des Atomaren, wie sie durch die physikalische Grundlagenforschung immer stärker zu Tage tritt, bleibt doch die grundsätzliche Frage, was „die Welt im innersten zusammenhält“, stets die gleiche. Darauf antwortet der Philosoph Wust mit dem „mysteriösen Band“, das den „ewigen Bezug“ von Stoff und Kraft herstellt: der „Geist“, der zeugt und lebendig macht. Wust bestätigt mit der Rede vom Sein, das „nie in einer starren Ruhe [...] daliegen kann“, zudem den alten Verdacht des Heraklit („Alles fließt.“) und trifft nolens volens den Nerv der modernen Physik, die sich nach Einstein, Planck und Heisenberg im Strom der Nichtfeststellbarkeiten zu definieren sucht. Der Geist übersteigert seine Deutungskompetenz in Richtung Kreativität. Er wird vom Beschreiber des Vorhandenen über den Erhalt des Beschriebenen zum Erschaffer des Neuen.

Eine gewisse Nähe zum Pantheismus kann Peter Wust damit wohl kaum abgesprochen werden. Er selbst hält den Pantheismus für „gar nicht so unberechtigt“, aber für absurd, soweit man damit „den Gottesbegriff so vermenschlicht, daß nun aus der Unendlichkeit eine endliche Begrenzung hervorgeht“. Gott zu vermenschlichen resp. zu naturalisieren ist in der Tat absurd. Doch der Vorwurf der Absurdität trifft wohl in gleicher Weise Bestrebungen, den Menschen resp. die Natur zu vergötzen. Was dies für die Debatte um Schöpfung und Evolution, um ID und Darwinismus bedeutet, sollte klar sein: Weder ist Materie aus sich selbst schöpferisch, sei sie in ihrer Entfaltung auch kommunikativ, kooperativ und kreativ – die Ursache dessen bildet sie nicht selbst, noch verdinglicht sich Gott in (naturwissenschaftlich!) erfahrbarer Weise in der Welt. Die gnadenhafte Einwirkung des Geistes in die Natur gehört damit weder in die Sphäre der Wissenschaft noch der Philosophie, sondern – wie alle anderen letzten Fragen des Menschen – in den Bereich der Religion.

Dass Wust das ähnlich gesehen hätte, kommt zwar an dieser Stelle in seiner „Auferstehung der Metaphysik“ nur unscharf heraus, wird jedoch in seinem hierarchischen Drei-Ebenen-Modell des „Insecuritas“-Raumes umso deutlicher („Ungewißheit und Wagnis“, 1937).

(Josef Bordat)

60 Jahre AEMR

Dezember 10, 2008

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) wird heute 60 Jahre alt. Am 10.12.1948 wurde Resolution 217 A (III) von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen und verkündet.

An anderer Stelle habe ich bereits aus unterschiedlicher Perspektive auf dieses Jubiläum aufmerksam gemacht.

Das Menschenrecht Religionsfreiheit (vor allem im Sinne der kollektiven Freiheit zur Ausübung von Religion, nicht bloß im Sinne der individuellen Freiheit von Religion) ist dabei ein ganz zentrales, denn Ringen um Freiheit war und ist zunächst das Ringen um Religionsfreiheit, wie der Staats- und Verfassungsrechtler Georg Jellinek betont, der die Religionsfreiheit als „Ursprungsrecht der verfassungsmäßig gewährten Grundrechte“ (Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Ein Beitrag zur modernen Verfassungsgeschichte. München 1895, S. 1) ansieht. Auch der Philosoph Ernst Bloch erkennt: „Die Bedeutung der Glaubensfreiheit kann daran gemessen werden, daß in ihr der erste Keim zur Erklärung der übrigen Menschenrechte enthalten ist.“ (Naturrecht und menschliche Würde. Frankfurt a.M. 1975, S. 66 f.).

In diesem Sinne ist die Religionsfreiheit ganz besonders zu achten und zu schützen.

(Josef Bordat)

Zum größten Wallfahrtsort der Welt kommen jährlich rund 20 Millionen Pilger. Er hat eine ganz besondere Geschichte, die mit einem Angehörigen des Volkes der Chichimecca beginnt. Sein Name ist Cuauhtlatoatzin. Er wurde 1474 nahe der mexikanischen Azteken-Metropole Tenochtitlán geboren. 1524 ließ er sich taufen und nannte sich seitdem Juan Diego.

Am 9. Dezember 1531 erschien ihm auf dem Berg Tepeyac die Jungfrau Maria, die ihn bat, auf dem Berg eine Kapelle zu errichten. Sein Bischof glaube Juan Diego nicht. Drei Tage darauf erschien ihm Maria erneut und beauftragte ihn, dem Bischof die Rosen zu bringen, die er (mitten im Winter) am Hang des Berges finden würde. Juan Diego sammelte die Rosen in seinem Umhang und brachte sie zum Bischof. Als er dort den Umhang öffnete, war statt der Rosen ein Abbild der Muttergottes zu sehen. Sofort gab der Bischof den Bau der Kapelle in Auftrag, neben der Juan Diego bis zu seinem Tod (30. Mai 1548) als Eremit lebte. Die kleine Kapelle wurde später durch eine große Basilika ersetzt, zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe.

Juan Diego wurde 1990 selig- und 2002 heiliggesprochen. Er war der erste Heilige der Neuen Welt. Ein besonderer Mann, ein besonderer Ort – 20 Millionen Pilger jährlich können nicht irren.

(Josef Bordat)

Es ist Advent

November 28, 2008

I.
Am Sonntag, dem ersten Advent, beginnt ein neues Kirchenjahr. Es beginnt zugleich die Vorbereitung auf Weihnachten, auf das Fest, das Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erinnert. Mit dem göttlichen Christus kam etwas in die Welt, das zuvor durch die Sünde verdunkelt war: die Liebe. Der Akt der Liebe Gottes zum Menschen ermöglicht die Liebe des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Adventszeit dient der betrachtenden Vorbereitung auf diesen Neuanfang Gottes mit dem Menschen, der dem Neuanfang des Menschen mit Gott vorausgeht.

Vor 60 Jahren wurde im Advent auch ein Neuanfang gewagt: Nie wieder sollten Hass und Intoleranz die Menschen gegeneinander aufbringen und in Gewalt und Krieg führen. Vor 60 Jahren verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit Resolution 217 A (III) vom 10.12.1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR). Die AEMR enthält 30 Artikel und sieht vier Typen von Rechten vor: 1. Leib- und Lebensrechte (Art. 3: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“), 2. Freiheits- und Gleichheitsrechte (Art. 7: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.“), 3. politische (Art. 21, 1: „Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.“), soziale (Art. 22: „Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.“) und kulturelle Rechte (Art. 27, 1: „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.“) und schließlich 4. justizielle Rechte und Verfahrensregeln (Art. 10: „Jeder hat bei der Feststellung seiner Rechte und Pflichten sowie bei einer gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Beschuldigung in voller Gleichheit Anspruch auf ein gerechtes und öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht.“).

437 Jahre zuvor wurden in einer Adventspredigt des Dominikaners Antonio Montesino auf der Insel Española mit Blick auf die dort lebenden Indios zentrale Inhalte der wichtigsten, vorderen Artikel der AEMR angesprochen (universale Menschenwürde, Recht auf Leben, Verbot der Sklaverei, Verbot der Folter, Verbot unmenschlicher Behandlung). Vor fast 500 Jahren, am vierten Adventssonntag des Jahres 1511, gab es damit so etwas wie eine echte „Menschenrechtspredigt“ (Eggensperger / Engel: Bartolomé de las Casas. Dominikaner, Bischof, Verteidiger der Indios. Mainz 1992, S. 142), ein gutes Vierteljahrtausend vor der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution. Wie kam es dazu?

II.
Nach der Entdeckung der Neuen Welt (1492) kamen 1510 die ersten Dominikanerpatres auf die Insel Española. Heute ist Española geteilt: Im Westen liegt das französischsprachige Haiti und im Osten die spanischsprachige Dominikanische Republik. Sie erkannten, dass die von den Conquistadores herbeigeführten Zustände in den Kolonien jeglicher Menschlichkeit entbehrten. Damals hatte die Spanier im Wesentlichen den Karibikraum besiedelt, die Eroberung der kontinentalen Großreiche stand noch bevor (1519 eroberte Hernán Cortés das Aztekenreich, 1532 Francisco Pizarro das Inkareich).

Im Zentrum der kritischen Missionare der ersten Generation stand Antonio Montesino. Montesino war von 1510 bis 1522 als Missionar in Española, bis zu seinem Tod (1540) noch in Puerto Rico und Venezuela. Mit seiner eindrucksvollen Adventspredigt warf er die Frage der Rechtfertigung des brutalen Kolonialregimes auf, eine Frage, deren Widerhall die bis dato vorherrschende Selbstverständlichkeit der Conquistadores für immer zerstörte. Während der zwei Jahrzehnte davor hatte sich niemand genötigt gesehen, irgendeine Rechenschaft über sein Verhalten abzugeben. Die Tatsache der Entdeckung selbst rechtfertigte die Besatzung und Exploration der entdeckten Gebiete. Das änderte sich durch die starken Worte Montesinos.

In seiner Predigt zum Johannes-Evangelium („Ich bin die Stimme, die aus der Wüste ruft.“, Joh 1, 23) forderte er ein Verbot der Indianersklaverei und die Aufhebung des Encomienda-Systems. Montesino sagte, dass sich alle daran beteiligten Conquistadores im „Stand der Todsünde“ befänden („…todos estáis en pecado mortal…“), da es für ihr Tun keine Rechtfertigung gebe („…Decid, ¿con qué derecho y con qué justicia tenéis en tan cruel y horrible servidumbre aquestos indios? ¿Con qué auctoridad habéis hecho tan detestables guerras a estas gentes que estaban en sus tierras mansas y pacíficas, donde tan infinitas dellas, con muerte y estragos nunca oidos habéis consumido?…“). Deutlich prangert er ihre rücksichtslose Habgier an („…¿Cómo los tenéis tan opresos y fatigados, sin dalles de comer ni curallos en sus enfermedades, en que, de los excesivos trabajos que les dais, incurren y se os mueren y por mejor decir, los matáis por sacar y adquirir oro cada día?…“) und stellt eine Frage, die erst mit der Bulle Sublimis Deus (1537) zugunsten der Indios beantwortet wird: „Sind sie keine Menschen? Haben sie nicht vernunftbegabte Seelen?“ („¿Éstos no son hombres? ¿No tienen ánimas racionales?”) (zit. nach Las Casas: Historia de las Indias. Bd. 3. Hrsg. v. Fernández, I. P. et al. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 5, Madrid 1994, S. 1761 f.).

Damit stößt er gleichsam ein Hauptproblem der Auseinandersetzung um die Indios an: Sind Indios vernunftbegabte Wesen? Wenn ja, womit sollte dann die Selbstverständlichkeit begründet werden, mit der man sie versklavte; wenn nein, wie sollte man sie dann missionieren, wie sollten sie – mit rein animalischem Habitus – die christliche Doktrin verstehen, annehmen und nach ihr leben? – Am darauffolgenden Sonntag bekräftigt Montesino seine Auffassung unter dem Leitmotiv „Ich rufe mein Wissen weit hinaus, wahrhaftig, meine Worte sind kein Trug“ (nach Hiob 36, 3-4, vgl. Las Casas 1994: S. 1766).

III.
Einer der Zuhörer ist der junge Bartolomé de Las Casas, der gerade seit einigen Jahren im priesterlichen Dienst stand. Während die Botschaft die Kolonialgesellschaft zwar irritierte, die Conquistadores aber letztlich unbeeindruckt blieben (Las Casas resümiert später nüchtern die Reaktionen der Zuhörer: „Viele waren sprachlos, einige wie von Sinnen, die anderen verstockt, manche sogar zerknirscht, aber keiner bekehrt.“, zit. nach Engl: Die Eroberung Perus in Augenzeugenberichten. München 1977, S. 66), beschäftigte die Philippika seines späteren Ordensbruders – Las Casas trat erst 1522 in den Predigerorden ein – den jungen Kaplan sehr, auch wenn dieser zunächst keine praktischen Konsequenzen aus den eindrucksvollen Worten Montesinos zog. Dies geschah erst einige Jahre später, wofür zwei Ereignisse entscheidend waren:

1.) In den Jahren 1512/13 nimmt Las Casas als Feldkaplan an der blutigen Eroberung Kubas unter Diego de Velazquez teil und wird Zeuge einiger Massaker. Unter dem Eindruck der sinnlosen Gräueltaten wird sein Verhältnis zu den Conquistadores zunehmend kritisch.

2.) 1514 wird Las Casas gebeten, am Pfingstfest die Predigt zu halten. Bei der Vorbereitung stößt er im Buch Jesus Sirach auf folgende Stelle: „Ein Brandopfer von ungerechtem Gut ist eine befleckte Gabe, Opfer der Bösen gefallen Gott nicht. Kein Gefallen hat der Höchste an den Gaben der Sünder, auch für eine Menge von Brandopfer vergibt er die Sünden nicht. Man schlachtet den Sohn vor den Augen des Vaters, wenn man ein Opfer darbringt vom Gut der Armen. Kärgliches Brot ist der Lebensunterhalt der Armen, wer es ihnen vorenthält, ist ein Blutsauger. Den Nächsten mordet, wer ihm den Unterhalt nimmt, Blut vergießt, wer dem Arbeiter den Lohn vorenthält.“ (Jes Sir 34, 21-26). Las Casas erkennt: Die ausgeraubten Armen, von denen hier in der Heiligen Schrift die Rede ist, sind die Indios, die als Zwangsarbeiter in seinen Mienen und auf seinem Landgut schuften. Und der Mörder seines Nächsten ist niemand anderes als er selbst, der Priester Las Casas. Die eucharistischen Opfer in den zahlreichen Gottesdiensten sind als Kompensation untauglich und werden von Gott nicht anerkannt, weil die Opfergaben Diebesgut darstellen. Er zieht die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis und verzichtet öffentlich auf seinen ertragreichen Grundbesitz.

Dennoch: Antonio Montesino kann durchaus als sein Mentor angesehen werden, denn er unterstützte Las Casas in seinem praktischen Einsatz für die Indios und ermutigte ihn, Memoriales an den Hof zu verfassen, um diesem sein Programm einer evangeliums- und missionszentrierten Kolonialisierung mit friedlichen Mitteln vorzustellen. Er hatte erkannt: Die Botschaft von der Liebe Gottes kann und darf nicht gewaltsam verbreitet werden! Leider waren er und seine Anhänger mit dieser Einstellung ziemlich allein. Die Zeichen der Zeit standen auf Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung. Die spanischen Conquistadores dienten in den Kolonien nicht Christus, sondern „ihrer Göttin Habgier“ (Las Casas: Tratados de 1552. Hrsg. v. Hernández, R. / Galmés L. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 10, Madrid 1992, S. 172), während die meisten Missionare schwiegen.

Karl V., der neben der spanischen Krone ab 1519 auch die Kaiserkrone trug, sorgte sich mehr um die Finanzkrise (Spanien war bei der deutschen Banken Fugger und Welser hoch verschuldet), innenpolitische Schwierigkeiten (1517 trat ein gewisser Martin Luther auf und drohte, das Reich zu zersetzen) und handfeste europapolitische Interessen (1523 belagerten die Osmanen die Stadt Wien und bedrohten damit das Reich von Süd-Osten her). Lateinamerika war zwar geostrategisch bedeutend und ökonomisch ertragreich, aber die „Menschen“ dort – wie gesagt: bis zur Bulle Sublimis Deus (1537) von Papst Paul III. galten Indios nicht als „richtige“ Menschen – waren den Herrschenden ziemlich egal.

IV.
Heute kümmert sich die bischöfliche Aktion Adveniat um Menschen in Lateinamerika. Das deutsche katholische Hilfswerk ruft insbesondere in der Adventszeit zu Spenden auf. In jeder Adventszeit gibt es dazu eine besondere Adveniat-Jahresaktion, d. h. eine Reihe von Veranstaltungen, die in Zusammenarbeit mit zahlreichen Bistümern Deutschlands organisiert wird, um auf die Nöte in Lateinamerika und die Arbeit von Adveniat hinzuweisen. Und selbstverständlich auch, um dafür Spenden einzuwerben. In dieser Adventszeit geht es – aufgepasst, liebe Berliner! – um das Thema „Großstadtpastoral“. Das Motto dazu lautet: „Gott wohnt in ihrer Mitte“ (vgl. Offb 21, 3).

Der Hintergrund der Aktion ist folgender: Derzeit leben in Lateinamerika knapp 70 Prozent der Menschen in Millionenstädten, Tendenz steigend. Das wirft fragen auf, die für die Kirche vor allem (aber nicht nur!) in Lateinamerika entscheidend sind. Wie wohnt Gott in der Stadt? Wie wird zwischen Wohnung, U-Bahn und Arbeit Glaube gelebt und Gemeinde geschaffen? Wie gelingt es der Kirche, Netzwerke gegenseitiger Hilfe zu bilden und den Menschen beizustehen? Wir sind eingeladen, Antworten zu geben. Und zu spenden.

(Josef Bordat)

Heute feiert die Kirche mit Katharina von Alexandria eine Heilige, hinter deren Leben viele Fragezeichen stehen. Genauer gesagt: Es ist nicht einmal klar, ob sie überhaupt gelebt hat. Ihre Botschaft, den Glauben aus einer Haltung mystischer Vermählung mit Christus in Demut und Weisheit zu bezeugen, muss heute umso mehr lebendig gehalten werden. Dieser Auftrag geht ganz besonders an Philosophen, Theologen und Gelehrte, Lehrer und Studenten, deren Patronin Katharina von Alexandria ist.

Heute feiere auch ich: Katharina – so heißt meine Mutter. Liebe Mama: Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag!

Ein Zitat des brasilianischen Bischofs Dom Helder kennt wohl auch derjenige, der sich sonst eher weniger mit Lateinamerika und der Befreiungstheologie auseinandergesetzt hat: „Wenn ich den Armen ein Brot gebe, nennt man mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein Brot haben, nennt man mich einen Kommunisten.“ Ein Satz, der polarisiert. Hier der Heilige, dort der Kommunist. Fallbeilartig trennt das offizielle Lehramt („man“) zwischen erwünschter individualisierter Hilfe und unerwünschten, unverschämten Anfragen an Struktur und Organisation von Gesellschaft und – wie wir noch sehen werden – von Kirche.

Der Ansatz der Befreiungstheologie, der in den 1960ern entwickelt und in dem 1971 erschienenen Buch „Teología de la liberación“ vom Peruaner Gustavo Gutierrez erstmals systematisch dargelegt wurde, ist ein gesellschaftspolitischer, der Exegese und Liturgie kontextabhängig ausgestaltet. Die Leitfrage lautet: „Wie können wir unter den Bedingungen der in weiten Teilen der Bevölkerung herrschenden absoluten Armut Theologie treiben?“ Antwort: „Nur, indem wir diese Bedingungen in der theologischen Reflexion berücksichtigen.“

Im Rahmen einer Bildungsveranstaltung der Katholischen Studierendengemeinde Berlin (KSG) zum Semesterprogramm „UN-verschämt. Wahrheit ist unbequem“ führte Pfarrer Norbert Arntz, Mitarbeiter der Missionszentrale der Franziskaner und einige Jahre als Seelsorger in Peru tätig, in diesen Ansatz ein und markierte Grundpositionen der Befreiungstheologie, über die im Anschluss an den Vortrag vehement gestritten wurde.

Die Befreiungstheologie hat drei Säulen: die realpolitische Option für die Armen, die spirituelle Rede vom Reich Gottes und die Forderung nach kirchenorganisatorischen Reformen im Sinne der lateinamerikanischen Basisgemeinden (CEB). Dem korrespondieren drei Dimensionen der Befreiung: von Not, von Sünde und von „den Einflüssen äußerer Mächte“, die Menschen daran hindern, „gelebt zu haben, bevor sie sterben“.

Hinsichtlich des ersten Punktes war man sich schnell einig: Die Option für die Armen ist ein wichtiger Auftrag für die Kirche, nicht zuletzt bestätigt durch Papst Benedikts Eröffnungsansprache der Bischofskonferenz von Aparecida (2007), wo er die Kirche „Anwältin für Gerechtigkeit und Recht“ nannte. Das Verhältnis von Befreiungstheologie zur lehramtlichen katholischen Soziallehre beschrieb der Referent als gegenseitige Befruchtung von Reflexion und Verkündigung. Die z.T. heftige sozial- und wirtschaftspolitische Kritik an der Befreiungstheologie, auch und gerade aus dem Geist der katholischen Soziallehre (etwa bei Joseph Höffner), blieb unerwähnt. Soweit zur Harmonie.

Kritik wurde dann zunächst an der Reich Gottes-Vorstellung laut, die als zu diesseitig bezeichnet wurde. Der Versuch, das Reich Gottes durch Menschen herbeizuführen, lässt in der Tat eine gewisse Nähe zum marxschen Paradies der klassenlosen Gesellschaft erahnen, Distanzierungsversuche („Aber wir glauben eben zusätzlich an das Reich Gottes!“) sind zirkulär, weil ja gerade das Transzendenzmoment des vertrauenden Glaubens, das bei Marx – als Vertröstung („Opium“) missverstanden – fehlt, auch in einem anthropogenen „Reich Gottes“ verschwindet. Dabei lässt sich sicherlich nicht leugnen, dass die Christen in der Welt mit dem Bau des Reiches Gottes beginnen müssen, damit Gott ihn vollenden kann. Pfr. Arntz  erinnert dazu an Dorothee Sölle (die als „atheistisch Glaubende“ aber auch eher Zeugin für Marx als für Jesus ist): „Gott hat keine anderen Hände als unsere.“ Arntz ergänzt: „Aber Gott ist größer als unsere Vorstellung“. So mündet dieser Aspekt dann auch noch in die zwischen Immanenz und Transzendenz halbwegs vermittelnde Formel ein: „Es kommt auf den Menschen an, aber es hängt nicht von ihm ab.“

Die Frage, auf die wohl jede innerkirchliche Diskussion zuläuft, kanalisierte auch in der KSG rasch das Streitgespräch und entzweite die Diskutanten: Kann es eine echte Option für die Armen geben, ohne zugleich auf eine Option für strukturelle Reformen innerhalb der Kirche zu bestehen?

Die Frage im Hintergrund lautet: Können Strukturen als solche ungerecht sein oder liegt es am Menschen, sein Handeln gerecht oder ungerecht auszurichten, unabhängig von der gegebenen Struktur? Ja, es liegt am Menschen, sagen die einen. Was heißt überhaupt „gegeben“ – „gemacht“ wäre wohl treffender, werden die anderen entgegnen. Eben, werden erstere sagen: Der Mensch macht’s (un)möglich! – „Wie denn?! Bei diesen Strukturen!“ Henne und Ei.

Wenn man akzeptiert, dass ersteres zumindest prinzipiell gelten kann, Strukturen also per se „ungerecht“ sein können, und zwar für jede menschliche Struktur, so kann dies auch für die Kirche gelten, die ja – auch von ihrem Selbstverständnis her – auch historisch gewachsen ist, obgleich sie als außergeschichtliche Hand Gottes auf Erden gestiftet wurde. Das führt uns – negativ gesprochen – zu der Frage: Muss jeder, der sich um Arme kümmert, auf kurz oder lang die Loyalität zur – zu dieser! – Kirche aufkündigen, weil sie etwa Teil des Problems und nicht der Lösung ist? Der Referent schien dieser Ansicht zu sein und setzte der bestehenden, real existierenden hierarchischen Organisationsstruktur das befreiungstheologisch inspirierte Modell der Basisgemeinde entgegen, die Christus nicht an der Spitze einer Pyramide, sondern in der Mitte eines Kreises lokalisiert. Die Pyramide sei das Relikt der Feudalgesellschaft, das es zu überwinden gelte.

Dabei ist das vom Referenten eingeführte Konzept der „konstantinischen Kirche“ historisch und theologisch fragwürdig, sieht sich die römisch-katholische Kirche doch – 300 Jahre vor Konstantin – von Christus gestiftet, der den ersten Papst (Petrus) persönlich ernannte.

Doch während die lehramtliche Ekklesiologie davon ausgeht, dass die Struktur der Kirche gottgewollt ist, sehen die Befreiungstheologen in ihr als solche und in Gänze eine politisch motivierte „strukturelle Sünde“, denn die auf Macht zielende hierarchische Organisation begünstige die Korrumpierbarkeit und die Bereitschaft zur Kooperation mit der weltlichen Macht, auch und gerade dort, wo Kirche diese Macht in der Nachfolge Jesu kritisieren sollte; historische Beispiele gibt es reichlich, zumal in Lateinamerika. Dem stehe jedoch, so Studierendenpfarrer Pater Thomas OP, gegenüber, dass die Kirche nur aufgrund dessen, dass sie in der Person des Papstes zumindest symbolische „Macht“ besitzt, überhaupt Kritik an anderen Mächten wie China, Russland und den USA üben kann. Ein bedenkenswerter Punkt. Würde es die Stellungnahme einer Basisgemeinde zum Irak-Krieg in die Tagesschau schaffen? Wird das häufig sehr kluge Wort der Größen aus dem protestantischen Lager auch nur annähern so wahrgenommen wie das des Papstes? Es braucht wohl – zumal heutzutage, bei stetig sinkender Aufmerksamkeitsspanne – eine Symbolfigur, einen Papst, der mehr als eine Milliarde Menschen vertritt, nur dadurch, dass er auftritt.

Aus eigener Anschauung weiß ich um die Probleme in Peru und kann insoweit die Entstehung der Befreiungstheologie sehr gut nachvollziehen. Ob es jedoch klug ist, die beiden Aspekte, die praktische Arbeit vor Ort und die theoretische an den Universitäten, als zwei Seiten der einen Medaille, als zwei gleichberechtigte Aspekte im Kampf gegen Ungerechtigkeit und für die Befreiung der Menschen anzusehen, darf bezweifelt werden. Zwar sind strukturelle Fragen immer mitzubedenken und auch die Kirchenstruktur enthält Aspekte, die reformbedürftig sind (welche dies im einzelnen sind und wie die  Reformen aussehen könnten, kann jetzt hier nicht ausgeführt werden), doch Kirche ist keine ausschließlich menschliche Organisation. Sie ist im Wesentlichen die Manifestation des mystischen Leibes Christi in der Welt, von Gott gewollt und von Jesus eingesetzt, mit expliziten und impliziten Auflagen hinsichtlich einer ganz bestimmten Struktur. Diese wird von der jetzigen Kirche eher getroffen als vom Modell der Basisgemeinde, soweit dieses sich nicht in die Hierarchie einfügen lassen, sondern das Organisationsprinzip von Kirche schlechthin darstellen soll.

(Josef Bordat)

Die zentrale Einsicht Peter Wusts stand heute in meinem Abreißkalender:

„Der Zauberschlüssel zum Tor der Weisheit ist nicht die Reflexion, sondern das Gebet.“

Eine Einsicht, die man nicht reflektieren, sondern nur meditieren kann.

(Josef Bordat)

Adventszeit, Fastenzeit

November 10, 2008

Früher dauerte die Adventszeit sechs Wochen. Und früher war diese Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest – ähnlich wie die 40 Tage vor Osten – eine Buß- und Fastenzeit[1]. Heute ist die Adventszeit zeitlich und inhaltlich verkürzt: Vier Wochen lang darf rund um die Uhr konsumiert und Glühwein getrunken werden. Das war’s dann. Oder?

Da auch ich mich nicht gänzlich der adventlichen Vorfreude auf Weihnachten entziehen will, nutze ich die zwei Wochen vor dem ersten Adventssonntag als Fastenzeit. Was religiös-geistliche Ursachen hat, zeitigt durchaus auch weltlich-körperliche Folgen: Vor den nicht immer kalorienarmen Mahlzeiten, die der Dezember bereithält, entlastet man sich und sorgt dafür, dass die Waage im Januar nicht allzu erschreckende Botschaften kundtut. Hier zeigt sich die Mehrdimensionalität des Fastens. Fasten ist gut für Körper und Seele, für sich und andere. Lassen Sie mich das kurz erläutern.

I. Fasten und Heiligung

Letztes Ziel des Christen ist die Heiligkeit. Erreicht wird sie durch die Erlösung in Christus, durch die Gnade Gottes, aus dessen Liebe unsere Liebe erwächst. Spürbar werden soll sie durch eine Heiligung des Lebens. Zum „heilig“ werden bzw. „heilig“ sein gehört neben einer Gesinnung, die dem entspricht, was als „heilig“ angesehen wird, auch eine sichtbare Manifestation der Gesinnung in konkreten Lebensformen und Verhaltensweisen, denn wie sonst würde die edle Gesinnung erkennbar und die Person zur „Heiligen“ werden. Zu diesen Verhaltensweisen zählt in erster Linie die Liebe, aber auch das Fasten als Ausdruck der Buße und der willentlichen Weltabkehr, des Verzichts auf Annehmlichkeiten und der bewussten Orientierung auf Gott. Das Fasten ist als Technik Voraussetzung für Heiligkeit und zugleich deren Konsequenz, gelangt also selbst in die Sphäre des Heiligen.[2] Im Folgenden soll es aber um die durchaus auch heute noch praktisch nachvollziehbare Technik des Fastens gehen, die den Menschen heiligt.

Fasten spielt als Technik der Besinnung auf das Wesentliche nicht nur im Christentum, sondern in allen großen Religionen eine rituelle Rolle. Bekannt sind der islamische Ramadhan (Fasten als eine der fünf Säulen des Glaubens), das jüdische Fest Jom Kippur (Fasten als dankbare Erinnerung an den Versöhnungstag, an dem der Priester im Heiligtum für die Sünden des ganzen Volkes sühnte, Lev 16, 29-31) oder auch die Rede vom Nutzen des Fastens im Buddhismus (Fasten als Beitrag zu einem ungetrübten Geist). Doch insbesondere die Bibel steckt voller Passagen, die den Wert des Fastens ausdrücken. Dabei geht es insbesondere um Buße und Befreiung von Schuld und Sünde. So versuchen die Einwohner der Stadt Ninive ihrem Untergangsschicksal durch „Fasten und Buße“ zu entgehen: „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, groß und klein, den Sack zur Buße an.“ (Jon 3, 5). Ferner ist das Fasten damit auf die Beschwichtigung Gottes gerichtet – als Alternative zum Opfer. An anderer Stelle wird diese Intention noch deutlicher: „Dann rief ich dort am Fluss bei Ahawa ein Fasten aus; so wollten wir uns vor unserem Gott beugen und von ihm eine glückliche Reise erbitten für uns, unsere Familien und die ganze Habe.“ (Esr 8, 21). Auch auf die Gefahren und Unannehmlichkeiten des Fastens wird verwiesen. In den Psalmen heißt es einmal „Ich nahm mich durch Fasten in Zucht, doch es brachte mir Schmach und Schande.“ (Ps 69, 11) und an anderer Stelle: „Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Leib nimmt ab und wird mager.“ (Ps 109, 24). Entscheidend für die Tradition des Fastens in der christlichen Kirche ist jedoch, dass Jesus Christus selbst 40 Tage in die Wüste ging, um sich fastend auf seine Mission vorzubereiten (Mt 4, 1-11).[3] Viele Heilige, die sich in die Nachfolge Christi begeben haben, stellten das Fasten demnach in den Mittelpunkt ihrer Berufung, etwa Hildegard von Bingen[4] oder Franz von Assisi[5].

Doch ist das Fasten heute längst nicht mehr an religiöse Intentionen gebunden, sondern steht als populäre Alltagsauszeit zwischen Gesundheitstrend, Schlankheitswahn und dem Befreiungsakt, den man sich für Körper und Seele erhofft. Als Losung „Simplify your Life“ erreicht die Verzichtskultur den Status einer Modeerscheinung. Und nicht zuletzt angesichts der jüngsten Forschungsergebnisse zum Klimawandel fordern immer mehr Menschen – auch solche, von denen man es kaum erwartet – einen weitreichenden Verzicht auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Fasten, um die Welt zu retten. In der Tat darf man die These wagen: Verzicht kann heute noch als individueller Befreiungsakt initiiert werden, in 50 Jahren wird er aufgrund der sich verschärfenden Umweltproblematik kollektive Notwendigkeit sein.

Es gibt verschiedene Formen und Gestalten des Fastens: Heilfasten[6], meist verbunden mit völliger Abstinenz fester Nahrung, der selektive Verzicht auf bestimmte Nahrungs- bzw. Genussmittel (etwa Alkohol, Süßigkeiten, Fleisch), das Einschränken von Lebensgewohnheiten bis hin zur völligen Entsagung bestimmter Dinge. Dann bleiben der Fernseher oder das Mobiltelefon zeitweilig ausgeschaltet. „Warum nur?“, möchte man fragen. Auch wenn man den religiösen Motivationen nicht folgt und insoweit nicht schon im Fasten selbst das Heiligende erkennt, so hat das Fasten dennoch als Verzichtsübung im Hinblick auf die „Heiligung“ zwei entscheidende säkulare Aspekte: Solidarität und Freiheit.

II. Solidarität und Freiheit

Zum einen ist das Gefühl der Solidarität mit denen, die nicht freiwillig entsagen, sondern einfach nicht genug von dem haben, auf das sie verzichten könnten, ein bestimmendes Moment des Fastens, das zur Heiligung notwendig ist. Armut und Verzicht gelten in vielen von Heiligen gestifteten Gemeinschaften als heils- und heiligungsnotwendig. Aus der Verbundenheit im Verzicht erwächst die tätige Hilfe, nicht nur in der Anteilnahme an der Not des Mitmenschen, sondern im Teilen des Materiellen, so dass die Not gelindert werden kann. Hier wirkt sich das Fasten konkret-materiell aus und bewirkt eine Heiligung der Welt.

Soweit bleibt Solidarität ein Akt des Einzelnen. Aus der individualistischen Fastenlehre hat sich jedoch auch eine christliche Konsumethik entwickelt, die sich nicht nur positiv auf das körperliche Befinden und das Seelenheil dessen auswirkt, der sich ihr verschreibt, sondern die auch systematisch gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen vermag. So ist es nach Max Weber ironischerweise gerade diese innerweltliche Askese, die eine große historische Rolle bei der Schaffung des modernen Wohlstandes gespielt hat. Ein bescheidener Lebenswandel, die Bereitschaft zum Reinvestieren von Gewinn und der Wille zum Lernen prägten eine Ausrichtung auf die diesseitige Welt, in der das verantwortliche Ausüben weltlicher Aufgaben mit Blick auf das Jenseitige und Ewige idealisiert wurde; Gott als letzter Zweck, auch der Wirtschaft.[7] Ein auch heute gültiger Appell an die höhere Verantwortlichkeit jenseits des maroden (Finanz-)Systems.

Und dann – zum zweiten – ist da die Freiheit. Was hat Verzicht mit Freiheit zu tun? Eine Antwort lautet: So wie uns der Zwang zum Konsum, dem wir häufig unterliegen, die echte Freiheit raubt und uns nur die Spur einer Scheinfreiheit lässt, so kann uns umgekehrt der Verzicht auf Konsum die Freiheit zurückgeben. Es ist die Freiheit, etwas nicht zu haben, nicht haben zu müssen. Hier liegt also der Heiligungseffekt im abstrakt-spirituellen und wirkt sich wiederum verstärkend auf die Gesinnung und die Bereitschaft zur Solidarität aus. Wer gelernt hat, dass der Konsumzwang einengt und der Verzicht befreit, wird sich weniger schwer tun zu teilen als der, der diese Erfahrung nicht hat machen können. Das Unverständnis gegenüber der Radikalität vieler Heiliger ist ein wenig auch der mangelnden Erfahrung geschuldet, wie viel Freude es macht und wie befreiend es wirkt, auf die äußeren Vergnügungen und Lebensinhalte wie Reichtum, Ruhm und Karriere zu verzichten und sich ganz Gott und dem Mitmenschen zuzuwenden.

Die Komplexität des Fastens schildert eine Stelle aus dem Buch Jesaja, in dem die beiden Aspekte Solidarität und Freiheit eine zentrale Bedeutung haben:

„Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße und du merkst es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt? Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. Der Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt.“ (Jes 58, 3-11).

Der Verzicht führt also nicht nur zur Befreiung des eigenen Körpers und der eigenen Seele („deine Wunden werden schnell vernarben“, in einer anderen Übersetzung heißt es allgemeiner: „deine Heilung wird schnell voranschreiten“), sondern hat auch angenehme Folgen für die gesellschaftliche Wohlfahrt: der Hungrige wird satt, der Nackte bekleidet und der Obdachlose erhält eine Unterkunft. Ein bisschen einfach, oder? Was hat schon mein Verzicht mit der Lage des Anderen zu tun?! Ich denke: Eine ganze Menge. Das erschließt sich heute insbesondere mit dem Blick auf diejenigen, die unsere Konsumartikel unter unmenschlichen Bedingungen herstellen. Die unheilvolle Verbindung von billiger Produktion, teurer Vermarktung und steigendem Konsum betreffen bei weitem nicht allein die Bekleidungs- und Sportartikelindustrie, die häufig im Zentrum von kritischen Kampagnen stehen. Man muss sich bei jedem Einkauf fragen, wer eigentlich für unsere Billigpreise bezahlt – mit Arbeitszeit, Lebensqualität und Würde.

Jeder und jedem sei das Fasten als Technik der Heiligung ans Herz gelegt, aber noch viel mehr das, was Jesus seinen Jüngern sagte: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.“ (Mt 6, 16). Es besteht auch gar kein Grund für die Leidensmiene. Schließlich hat die oder der Fastende am Ende den größten Nutzen: ein Stück Heiligkeit. Und der Gänsebraten schmeckt auch viel besser!

Anmerkungen:

[1] „Buße tun“ heißt dabei im Christentum, umzukehren und sich auf die Botschaft Jesu zu besinnen. Dieser Versuch, zur Quelle des Lebens zurückzukehren, geht mit dem äußeren Akt des Fastens einher. Buße und Fasten in seiner komplexer Form, wie sie hier zugrunde gelegt wird, lassen sich kaum voneinander trennen.

[2] So wird an einigen Bibelstellen die Heiligkeit des Fastens als solches betont („heiliges Fasten“, Joe 1, 14 und 2, 15).

[3] Hier ist der Bezug zum Alten Bund erkennbar, denn die Israeliten zogen nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei auf dem Weg in das verheißene Land 40 Jahre durch die Wüste (vgl. das Buch Exodus).

[4] Hl. Hildegard Heilfasten. Gesundheit für Körper und Seele, hg. von P. Pukownik, München 1992.

[5] Brief an die heilige Klara über das Fasten. Der Brief ist leider nicht erhalten, doch schreibt die heilige Klara von Assisi an die selige Agnes von Prag über den Brief des Franziskus. Daraus lässt sich ableiten, dass Franziskus den gesunden Schwestern riet, das ganze Jahr hindurch zu fasten – außer Sonntags und an Weihnachten (vgl. http://www.schriften.franziskaner-werd.ch/briefe.htm).

[6] Schon Hippokrates soll das Fasten aus gesundheitlichen Gründen empfohlen haben, mit den Worten: „Wer stark, gesund und jung bleiben und seine Lebenszeit verlängern will, der sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung, halte den Kopf kalt, die Füße warm und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arzneien.“ (vgl. www.scherf-hannover.de/geschichte1.doc).

[7] Kern der Unternehmer-Askese ist bei Max Weber der Gedanke, nicht um des möglichen Genusses, sondern um der Ehre Gottes willen, fleißig zu sein und reich zu werden: „Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuss des Reichtums mit seiner Konsequenz von Müßigkeit und Fleischeslust, vor allem von Ablenkung von dem Streben nach ,heiligem’ Leben. Und nur weil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringt, ist er bedenklich. [...] Der Reichtum ist eben nur als Versuchung zu faulem Ausruhen und sündlichem Lebensgenuss bedenklich und das Streben danach nur dann, wenn es geschieht, um später sorglos und lustig leben zu können. Als Ausübung der Berufspflicht aber ist es sittlich nicht nur gestattet, sondern geradezu geboten.“ (Askese und kapitalistischer Geist, in: M. Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1 [Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus], Tübingen 1978, S. 166 ff.).

(Josef Bordat)

Ich hatte bereits über die Entwicklung des Katholizismus in Korea berichtet. Damit war – zumindest was die letzten 60 Jahre betrifft – der Süden der Halbinsel gemeint.

Über Nordkorea weiß ich nicht viel. Dieses Schicksal teile ich mit vielen anderen Menschen, die spärliche Informationen aus zweiter und dritter Hand zusammenbasteln, um sich ein Bild zu machen. Ein Bild von einer scheußlichen Diktatur, in der sich der absolute Herrscher gottgleich verehren und jede andere religiöse Bekundung mit Arbeitslager, Folter und Mord beantworten lässt.

Sind Christen im Süden Koreas mittlerweile ein akzeptierter Bestandteil der traditionell buddhistisch und konfuzianistisch orientierten Gesellschaft, landen sie im Norden allein aufgrund ihres Glaubensbekenntnisses zu Tausenden in den gefürchteten Arbeitslagern, wo sie sich unter unvorstellbar grausamen Bedingungen zu Tode schuften (fast die Hälfte des nordkoreanischen BIP wird in diesen Lagern erzeugt).

Christen gelten in Nordkorea als „Staatsfeinde Nr. 1“. In den Lagern gehören sie zu den Häftlingen der unterster Kategorie, die bevorzugt Objekte der Willkür ihrer Aufseher sind. In der (sicherlich ebenfalls wichtigen) Debatte um Christenverfolgung in China, Indonesien oder in der arabischen Welt wird häufig das kleine Nordkorea übersehen,[1] obwohl Christen nirgendwo sonst so brutal verfolgt werden wie dort. Im „Open Doors Weltverfolgungsindex 2008“ steht das Land an erster Stelle.

Sehr beeindruckt hat mich der Bericht[2] einer der wenigen Überlebenden eines solchen Lagers, Soon Ok Lee. Frau Lee beschreibt die grausamen Bedingungen der Inhaftierung. Doch auch ihr unerschütterlicher Glaube daran, dass Gottes Liebe und nicht der Hass der Menschen das letzte Wort hat, wird in den Schilderungen deutlich, ein Glaube, der Christen in Verfolgung nicht verzweifeln, sondern ganz besonders hoffen lässt auf die Erlösung durch Jesus, der diesen Leidensweg von der Verfolgung über Gefangennahme und Folter bis zum Opfertod selbst gegangen ist. Und der die Gewissheit verbürgt, dass letztlich trotz allem, was sich Menschen ausdenken, um Gott durch den Mitmenschen zu beleidigen, nichts von der ursprünglichen Liebe zurückgenommen wird,[3] damit das Leben in Fülle triumphieren kann. Ewiges Leben.

Anmerkungen:

[1] So vergisst die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer Arbeitshilfe „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit“ (Schwerpunkt: China) leider, explizit auf Nordkorea hinzuweisen. In der Einleitung heißt es: „In verschiedenen Teilen der Welt werden Kirchen, christliche Gemeinschaften und einzelne Gläubige bedrängt und verfolgt. In Ländern wie Vietnam oder China sind solche Repressionen Ausdruck einer systematischen Einschränkung der Religionsfreiheit eines atheistisch ausgerichteten Staates.“ Hier gehörte unbedingt auch Nordkorea erwähnt, obwohl es angesichts der quasireligiösen Kultes um Staatsgründer Kim Il-sung („Gott Vater“ als „Schöpfer“) und um den jetzigen Staatspräsidenten Kim Jong-il („Gottes Sohn“ als „Großer Führer“) schwer fällt, die atheistische Ausrichtung Nordkoreas wiederzufinden. Es scheint in dieser „atheistischen“ Staatsdoktrin wieder einmal darum zu gehen, die Religion abzuschaffen und Gott für tot zu erklären, um sich selbst an die Stelle Gottes setzen zu können.

[2] Soon Ok Lee: Lasst mich eure Stimme sein! Sechs Jahre in Nordkoreas Arbeitslagern. Gießen: Brunnen-Verlag 2005.

[3] In irgendeiner Predigt fiel mal über die unendliche Barmherzigkeit Gottes der schöne Satz: „So sehr können wir Menschen gar nicht hassen, dass Gott – quasi aus Protest – damit aufhörte, uns zu lieben.“

(Josef Bordat)

Am morgigen Sonntag feiert die Gemeinde St. Norbert (Berlin-Schöneberg) den 50. Jahrestag der Kirchweihe des Gotteshauses der ehemaligen Gemeinde St. Konrad (Berlin-Friedenau), das nach der Fusion der beiden Gemeinden weiterhin als Ort für den Gottesdienst genutzt wird. Anlass für einen Blick auf den Heiligen Kapuzinerbruder aus Bayern.

Konrad Ausspruch „Mein Buch ist das Kreuz.“ deutet an, dass ihm demütige Frömmigkeit, Versenkung im Gebet und tätige Liebe wichtiger waren als Studien zu theologischen Fragen und gelehrte Gespräche. Er konzentriert sich ganz auf das Kreuzesgeschehen und stellt sich das Kreuz vor Augen, verliert es nicht aus dem Blick. Er hält es fest in die Hand, wie auf zahlreichen Bildern von ihm zu sehen ist. Ganz nah rückt er an das Kreuz heran und betrachtet den gekreuzigten Christus und damit das Mysterium der Erlösung. Dort wo mancher auf Porträts ein Buch hält und damit repräsentativ seine Bildung zur Schau stellt, dort hält er das Kreuz.

***

Das Kreuz
war sein Buch.
Und fließend las er
Auch jene dunklen Stellen,
bei denen wir uns
trotz Mittlerer Reife
und Abitur
wie Analphabeten
gebärden.

(Rupert Schützbach)

***

Papst Benedikt würdigte Bruder Konrad während seiner Bayernreise am 11. September 2006 in Altötting mit den Worten: „Wir denken natürlich auch ganz besonders an den guten Bruder Konrad. Er hat auf ein großes Erbe verzichtet, weil er ganz Jesus Christus nachfolgen, ganz mit ihm sein wollte. Er hat sich, wie es der Herr im Gleichnis empfiehlt, wirklich auf den letzten Platz gesetzt, als demütiger Pfortenbruder. In seiner Pfortenstube hat er genau das verwirklicht, was uns Markus über die Apostel sagt: Mit ihm sein und gesandt sein zu den Menschen. Er konnte von seiner Zelle aus immer auf den Tabernakel hinschauen, immer „bei ihm sein“. Von diesem Blick her hat er die nicht zu zerstörende Güte gelernt, mit der er den Menschen begegnete, die fast ohne Unterbrechung an seiner Pforte anläuteten – auch manchmal eher bösartig, um ihn bloßzustellen; auch manchmal ungeduldig und laut: Ihnen allen hat er ohne große Worte durch seine Güte und Menschlichkeit eine Botschaft geschenkt, die mehr wert war als bloße Worte. Bitten wir den heiligen Bruder Konrad, daß er uns hilft, den Blick auf den Herrn gerichtet zu halten und daß er uns so hilft, Gottes Liebe zu den Menschen zu bringen. Amen.“

***

Ich muss oft an Konrad denken. Seine betrachtende, demütige Haltung passt scheinbar gar nicht ins Zeitalter instrumenteller Vernunft, in dem das „Buch“, das weltimmanente Wissen, über allem steht und das „Kreuz“, die transzendierende Weisheit, kaum noch Bedeutung hat. Zuletzt musste ich an ihn und seine Spiritualität denken als im Rahmen des XXII. Weltkongresses für Philosophie in Seoul die „World Union of Catholic Philosophical Societies“ eine Sitzung mit dem Thema „Die tiefe Rationalität der Religion“ veranstaltete.

Die tiefe Rationalität der Religion liegt dabei in einer Vernunft, die jenseits der instrumentellen Vernunft des technisch-wissenschaftlichen Weltverständnisses angesiedelt ist. Ohne diese Vernunft ist Glaube nicht möglich. Die Grundgebete der Katholiken etwa enthalten in ihrer tiefen metaphysischen Rationalität Einsichten (man denke an das Apostolische Glaubensbekenntnis), die mit instrumenteller Vernunft allein nicht erfasst werden können. Am Ende steht die Erkenntnis: Eine bloß instrumentelle Vernunft ohne religiöse Aspekte ist eine Vernunft für Roboter, nicht für Menschen.

Um Mensch zu bleiben bedarf es eines weiten Begriffs von Vernunft, wie auch Papst Benedikt XVI. nicht müde wird zu betonen. In einer Ansprache an die Teilnehmer der ersten Begegnung der Dozenten europäischer Universitäten (23.06.2007) betonte er: „Um die Herausforderungen, die die gegenwärtige Kultur stellt, richtig zu verstehen und angemessene Antworten darauf zu finden, ist es notwendig, eine kritische Haltung einzunehmen gegenüber einengenden und letztlich irrationalen Versuchen, den Bereich der Vernunft einzuschränken. Der Vernunftbegriff muss im Gegenteil ,geweitet’ werden, damit man jene Aspekte der Wirklichkeit untersuchen und erfassen kann, die über das rein Empirische hinausgehen. Das ermöglicht einen fruchtbareren und komplementären Zugang zur Beziehung zwischen Glauben und Vernunft. Der Aufstieg der europäischen Universitäten wurde durch die Überzeugung gefördert, dass Glaube und Vernunft bei der Suche nach der Wahrheit zusammenwirken müssen – unter Achtung des Wesens und der rechtmäßigen Autonomie des anderen und dennoch in harmonischer und kreativer Zusammenarbeit, um der Erfüllung des Menschen in Wahrheit und Liebe zu dienen.“

Der Erfüllung des Menschen in Wahrheit und Liebe zu dienen – Bruder Konrad ist dafür ein Zeuge.

(Josef Bordat)

Katholizismus in Korea

September 3, 2008

Am Rande des XXII. Philosophie-Weltkongresses in Seoul (30.7.-5.8.2008), an dem teilzunehmen ich das Glück hatte, habe ich mich mit koreanischen Kirchenvertretern getroffen und mir die bewegte und bewegende Geschichte des Katholizismus in Korea schildern lassen. Anlass für eine Unterbrechung des Urlaubs vom Bloggen. Teil 1 des folgenden Textes basiert auf den intensiven Gesprächen vor Ort und nachträglichen Recherchen, Teil 2 ist eine Betrachtung, die, wie ich finde, gut zu den Fakten der koreanischen Kirchengeschichte passt.

Teil 1 – GESCHICHTE

1. Einleitung

Die Republik Korea („Südkorea“) feierte am 15. August 2008 den 60. Jahrestag ihres Bestehens. Korea ist ein Land zwischen Tradition und Moderne. Die Koreaner sind fröhliche und hilfsbereite Menschen, die in einem Gleichgewicht von Spiritualität und technischem Fortschritt leben und dabei zugleich Bescheidenheit und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Diese Harmonie von Kompetenz und Demut, von Aufstiegsorientierung und Verwurzelung ist es, die die Erfolgsgeschichte dieses asiatischen Landes prägt. Und eine Erfolgsgeschichte ist das, was in den Jahrzehnten nach dem Koreakrieg (1950-53) im Süden der Halbinsel passiert ist, in der Tat. Das Pro-Kopf-Einkommen wurde von 200 US-$ auf 20.000 US-$ gesteigert. Heute hat Südkorea eine stabile Demokratie und eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2007 lag das Land mit seinen 49 Millionen Einwohnern auf Platz 13.

Viele Menschen wissen nicht, dass der Katholizismus eine große Rolle bei der Entwicklung des modernen Korea gespielt hat. Insbesondere das Sozial- und Gesundheitssystem ist fest in kirchlicher Hand, der Bildungssektor wird von vielen konfessionellen Schulen gestützt. Dabei ist der katholische Glaube nicht – wie in anderen Teilen der Welt, etwa in Lateinamerika oder Afrika, aber auch in China – durch Mission von außen angeregt und etabliert worden, sondern erwuchs aus der Kraft eigenständiger intellektueller Auseinandersetzung mit dogmatischen Schriften. Ein Blick in die Geschichte der katholischen Kirche in Korea lohnt sich, weil sie ein Bild lebendiger Glaubensentfaltung aus dem Geist der Vernunft offenbart, das kirchenhistorisch einzigartig ist und weil sie zeigt, wie durch das Nachdenken über Gott, die tätige Nächstenliebe und das kompromisslose Einstehen für die Wahrheit Kirche zur erneuernden Kraft aufblüht.

2. Anfänge

In den 1770ern studieren koreanische Gelehrte, alles Konfuzianer, katholische Schriften aus China, welche die Jesuiten im 17. Jahrhundert dorthin mitgebracht haben. Die Männer sind nach ihren philosophischen Studien davon überzeugt, in den dogmatischen Texten die Wahrheit gefunden zu haben. Wenig später bekennen sich Yi Byeol, Gwon Il-Sin, Yi Gahwan und Jeong Yakjong zum Katholizismus und treffen sich regelmäßig in buddhistischen Tempeln, um sich noch intensiver mit den Schriften aus China zu beschäftigen. Sie ziehen damit die Aufmerksamkeit ihrer Kollegen auf sich. Viele konfuzianische Gelehrte schließen sich ihnen an, so dass die Gruppe der Intellektuellen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts rasch wächst und der Kirche in Korea den Boden bereitet.

1783 wird mit Lee Seung Hun der erste Koreaner auf den Namen „Petrus“ getauft. Als diplomatischer Gesandter in China tätig, hatte er Kontakt zu Christen in Peking aufgenommen. Er kehrt 1784 nach Korea zurück und legt damit den Grundstein für die Kirche in seiner Heimat. Er wird wahrhaftig zum „Fels“, auf den seine zum Glauben gekommenen Landsleute ihre Kirche bauen konnten. 1784 gilt seither als Gründungsjahr der katholischen Kirche in Korea.

Die „Philosophen-Gruppe“ trifft sich unterdessen im Haus von Kim Beom-u, auf dessen Grund ein Jahrhundert später die Kathedrale von Myeongdong gebaut wird. Die Gruppe wächst im Verborgenen, ihre Spiritualität der universellen Liebe aber trägt sie in die Gesellschaft hinein. Erkennbare Charakteristika der jungen Kirche sind die teilweise praktizierte Gütergemeinschaft untereinander sowie das große karitativ-soziale Engagement, das sich auf alle richtet, auch und gerade auf die Schwächsten. Die Sklaven, die in den Haushalten der Konvertiten leben, werden mit Rücksicht auf das Gleichheitsprinzip des Christentums in die Freiheit entlassen. Dieses Verhalten betrachtet das konfuzianische Joseon-Regime als Affront. Eine unbedingte Menschenwürde ist im Konfuzianismus unbekannt, in dessen Leistungsethik es klare Hierarchien gibt, mit undurchlässigen Grenzen zwischen oben und unten und in der Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Universalität und Gleichheit drohen die paternalistische Gesellschaft Koreas ins Wanken zu bringen. Den äußeren Anlass für die Verfolgung bildete die Weigerung der Christen, ihren Ahnen Opfer zu bringen, als Folge der Ablehnung des konfuzianischen Ahnenritus durch den Papst, der diese Praxis bereits im 17. Jahrhundert als Irrlehre verurteilt und entsprechende Weisung an die Jesuiten, die in der China-Mission wirkten, erteilt hatte. Der eigentliche Grund aber ist in der Gefahr der Christen für die Machteliten zu sehen, da sie die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erodieren drohten.

3. Verfolgung

Es beginnt ein Jahrhundert blutiger Verfolgung. 1786 erfolgt die Verhaftung und Ermordung Kim Beom-us. Er wird zum ersten Martyrer Koreas. Er sollte nicht der einzige bleiben – während des 19. Jahrhunderts fallen schätzungsweise 10.000 koreanische Katholiken der Verfolgung zum Opfer. Massenmartyrium als einzigartiges Glaubenszeugnis; in Teil 2 werde ich näher darauf eingehen.

Die Verfolgung der Kirche vollzieht sich in vier Wellen: kurz nach dem Verbot (1801), 1839-1841 (danach musste die Kirche komplett neu organisiert werden, da insbesondere Priester, u. a. der erste Bischof, ermordet wurden), 1846-1850 und schließlich – besonders heftig – in den Jahren 1866-1876 unter Prinzregent Taewongun. Erst mit der Staats- und Gesellschaftsreform im Jahre 1895 ebbt die Christenverfolgung in Korea ab. Auf Druck der Kolonialmacht Japan erfolgt eine Öffnung zum Westen und Religionsfreiheit wird garantiert. Das begünstigt insbesondere die Einreise von evangelikalen Missionaren aus den USA, doch auch die katholische Kirche kann nach einem Jahrhundert der Verfolgung aufatmen.

Im 20. Jahrhunderten führt eine Rehabilitierung der Opfer zu einer weit über den Katholizismus hinausreichenden Verehrung der Kirchenpioniere Koreas. Auch der Vatikan zollt der Geschichte der Kirche in Korea gebührend Respekt: 1925 werden neun, 1968 weitere 24 Martyrer selig gesprochen. Höhepunkt der noch jungen koreanischen Kirchengeschichte ist sicherlich die 1984 – zum 200. Jahrestag der Kirchengründung in Korea – erfolgte Heiligsprechung von 93 koreanischen und 10 französischen Martyrern der Verfolgungszeit durch Papst Johannes Paul II.

4. Kirchenstruktur

Der Wunsch nach priesterlicher Begleitung geht für die Untergrundkirche 1794 in Erfüllung. Aus China kommt Pater Jakob Chou Moon-Mo. Da er den Beginn der Verfolgung 1801 mit seiner Anwesenheit in Verbindung bringt, stellt er sich freiwillig den Behörden. 1831 wird – der Verfolgung zum Trotz – die landesweite Diözese Choson gegründet und wenig später beginnt mit Hilfe von Missionaren aus Frankreich die noch wenig organisierte Ausbildung von Priestern. 1845 wird der erste koreanische Priester geweiht, Andreas Kim Taegon, der 1846 der dritten Verfolgungswelle zum Opfer fällt. 1855 erhält Korea sein eigenes Priesterseminar, das sich eines regen Zulaufs erfreut. Zehn Jahre später gibt es bereits zwölf koreanische Geistliche, die etwa 25.000 Katholiken seelsorgerisch betreuen. Im 20. Jahrhundert erfolgen weitere Schritte in die organisationale Normalität. Die Kirchenstruktur, die noch heute gilt, stammt aus dem Jahr 1962. Danach ist Südkorea in 16 Bistümer unterteilt. Der Erzbischof von Seoul ist dabei zugleich Bischof von Pyongyang, der Hauptstadt Nordkoreas. 1966 wird die koreanische Bischofskonferenz eingerichtet und 1968 zum ersten Mal ein koreanischer Bischof zum Kardinal ernannt.

5. Gegenwart und Zukunft

Seit den 1960er Jahren erlebte das Christentum in Korea einen beispiellosen Aufstieg, der dazu führt, dass Südkorea nach den Philippinen, eine ehemals spanische Kolonie mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung, das asiatische Land mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Christen ist. Jeder vierte Koreaner bekennt sich heute zum Christentum, das macht 12 Mio. Christen, Tendenz weiter steigend. Etwa 3,5 Mio. Koreaner sind katholisch, sie werden von etwa 2.200 koreanischen und 200 ausländischen Priestern betreut.

Der Beitrag der Katholiken zu Wohlfahrt und sozialer Konstitution des Landes ist, wie eingangs bereits ausgeführt, ein bedeutender. Die Encyclopedia of Korean Culture sagt es mit folgenden Worten: Die katholische Kirche habe sich nach „two centuries of miraculous development“ zu einer „de facto representative of the Korean conscience“ entwickelt, die in Koreas Zukunft die „key spiritual authority“ bilden werde. Zudem leiste sie mit ihrem „attitude of service“ eine „invaluable contribution to society“.

Teil 2 – NACHDENKEN ÜBER DAS BLUTZEUGNIS

Sanguis Martyrum Est Semen Christianorum – Das Blut der Martyrer ist der Samen der Christenheit. Wenn dieser Satz je eine Berechtigung hatte, dann sicherlich in Korea, wo nach einer Zeit der Passion, die sich durch das ganze 19. Jahrhundert zog, die Auferstehung folgte.
Der Opfertod tausender Blutzeugen ist nicht nur ein deutlicher Hinweis auf die Wahrheit des Glaubens, sondern er sorgt zudem im 20. Jahrhundert für dessen landesweite Verbreitung und Anerkennung. Heute sind die Martyrer rehabilitiert, sie werden in einer Wallfahrtskirche mit angeschlossenem Museum verehrt – nicht nur von Katholiken, denn ihr Dienst galt immer auch dem koreanischen Volk.

Was aber ist das Wesen und das Geheimnis des Martyriums? In der Nachfolge Christi liegt die enge Verknüpfung von Martyrium und Heiligkeit verwurzelt, denn schließlich ist Jesus Christus der Martyrer schlechthin. Wie könnte man die Nachfolge besser gestalten als bis zur letzten Konsequenz? Das wird in der Todesbereitschaft vieler Heiliger spürbar. Wenn Edith Stein zu ihrer Schwester Rosa in der Stunde ihrer Verhaftung sagt: „Komm, wir gehen für unser Volk!“ ist das die letzte Konsequenz einer Frau, die sich auch im Akt der Stellvertretung ganz in die Nachfolge Christi begibt: So wie Christus „für sein Volk“ den Weg nach Golgatha geht, so will Edith Stein „für ihr Volk“ nach Auschwitz gehen, um durch stellvertretendes Leiden Anteil am Erlösungswerk zu erhalten. Die Haltung des Martyrers ist eine heilige Haltung. Die fama martyrii gilt darum als besondere Tugendübung, gewissermaßen als Spezialfall der fama sanctitatis, der Tugendhaftigkeit, die den Christen ursächlich zum Heiligen macht, weswegen das Martyrium in der Praxis der Heiligsprechungsprozesse eine so überragende Bedeutung hat.

Kulminationspunkt des heiligen Lebens ist die Bereitschaft, um der Tugend willen, also insbesondere um Glaube, Liebe und Hoffnung willen, in den Tod zu gehen und damit zu verdeutlichen, dass ein Leben ohne die heiligenden Tugenden, ein Leben, das nicht im Einklang mit den Geboten Gottes steht, nicht lebenswert ist. Keine Furcht, keine Anpassung, keine Kompromisse, kein Arrangement mit den Verhältnissen, wenn diese nicht den Geboten Gottes entsprechen. Daraus bezieht das Martyrium stets neu seine Aktualität für das Leben eines jeden Christen, auch und gerade heute.

Was aber unterscheidet das Martyrium des Heiligen, der für seinen Glauben an Gott, seine Liebe zu Christus und seine Hoffnung auf das ewige Heil zu sterben bereit ist, von dem des Helden, der für die Freiheit zu sterben bereit ist?

Hierzu lohnt sich ein Blick auf die Auseinandersetzung Karl Rahners mit dem Begriff und Wesen des Martyriums. In seinem Buch Die Theologie des Todes[1] widmet er sich dem Martyrium im letzten Kapitel. Die Verbindung von Martyrium und Tod liegt auch hier nahe („Das Martyrium, so wie wir heute diesen Begriff auffassen, ist der Tod um des christlichen Glaubens oder der christlichen Sitte willen.“, S. 73), obwohl Rahner selbst darauf verweist, dass Martyrium zunächst „Zeugnis“ bedeutet und in der Bibel in diesem Wortsinn verwendet wird (ebd., S. 74). Rahner fragt hinsichtlich des Zusammenhang von Zeugnis und Tod: „Was hat das Zeugnis für Christus mit dem Tod zu tun? Ist das Ergebnis der Begriffsgeschichte doch nur mehr oder weniger Zufall, eine einigermaßen willkürliche Amalgamierung von Zeugnis und Tod, oder haben sich in diesem Begriff Wirklichkeiten gefunden, die innerlichst zusammengehören?“ (ebd., S. 74).

Eine erste Annäherung an diese Frage bestünde darin, festzustellen, dass im Martyrium nicht nur im, sondern mit dem Tod Zeugnis für ein Ideal, etwa den Glauben, abgelegt wird. Der Martyrer bezeugt seinen Glauben, auch auf die Gefahr hin, dabei mit seinem Leben zu bezahlen. Die Bereitschaft, diese letzte Konsequenz zu tragen, passt zur Radikalität des Heiligen, der allen vor Augen führt, dass es ihm ernst war und ernst ist mit seiner Überzeugung, so ernst, dass er ihr treu bleibt, bis in den Tod. Dieses Schema passt aber auch auf die Gesinnung eines Helden, der für eine politische Überzeugung zu sterben bereit ist und mit seinem Tod für sie Zeugnis ablegt; die Geschichte lebt von diesen Menschen, ohne dass sie Heilige wären.

Um nicht nur die Zusammengehörigkeit von Tod und Zeugnis im Akt des Martyriums, sondern auch dessen Heiligkeit zu erahnen, müsste in einer zweiten Betrachtung mit Rahner zwischen den beiden Komponenten, dem freiwilligen Tod als Akt der Wahrung persönlicher Integrität und der damit verbundenen „Heiligung“ des eigenen Lebens sowie dem mit dem Tod gegebenen Zeugnis als Akt der „Heiligung“ eines Ideals, unterschieden werden. Auf dieses Ideal kommt es letztlich an, ob von der Heiligkeit des Martyriums gesprochen werden kann, denn nur, wenn das, was der Martyrer bezeugt, wofür er stirbt, heilig ist, ist auch das Martyrium ein heiliger Akt. Während dies beim Helden, der für die Freiheit stirbt, in den Augen der Kirche nicht der Fall ist, erweist sich der Heilige, der für Gott stirbt, gerade dadurch als heilig, dass er im Tod für das Heilige Zeugnis ablegt.

Zunächst zum Tod und der personalen Integrität des Martyriums. Ausgehend davon, dass im Wissen um den Tod das Wissen um die Transzendenz verborgen liegt, formuliert er die These, dass dieses Wissen um die Transzendenz „nur in der Form des frei vorgelassenen Wissens um die eigene Todesgeweihtheit echt ist“ (ebd., S. 78). Nur wer den Mut zur Freiheit habe, zur letzten Freiheit, zur erfüllten Freiheit, „in der nicht nur dies und das, nicht nur an der Oberfläche des Lebens frei gehandelt wird, sondern in der über das ganze Leben bis in seine Tiefe frei entschieden wird“ (ebd., S. 78), kann die eigentliche Bestimmung des Menschen, die Heiligkeit, realisieren. Dann folgt daraus eine „frei geliebte Freiheit zum Tode“ (ebd., S. 78), die den Heiligen als „Mensch, der er sein sollte“ (ebd., S. 78) auszeichnet. Der Clou liegt im Umkehrfolgerung: Nur wer in dieser Freiheit „ja“ sagt zum Tod, sagt auch „ja“ zum Leben und zum Sinn des Daseins. Wer also im Leben Zeugnis ablegt für seinen Glauben, der muss dies auch im Tod tun, um nicht sein Leben zu entwerten. Umgekehrt heiligt sein „freiwilliger“ (ebd., S. 76) Tod das Leben. In diesem Sinne kann Rahner vom Martyrertod als der „gültigen Vollendung des Daseins“ (ebd., S. 78) sprechen. So wird erklärbar, dass es Menschen gibt, die mit dem Mut zur Freiheit für ihren Glauben oder ihre politischen Ideale freudig in den Tod gehen – personalen Integrität, d. h., man will im Tod bleiben, was man im Leben war. Dazu gehört der Mut zur Freiheit. Im Martyrium als besonderer Fall der Tugendhaftigkeit manifestiert sich also die Tugend der Tapferkeit in herausragender Weise. Die „Vollendung des Daseins“ ist allerdings nicht den Heiligen vorbehalten, sondern gilt auch für Helden, denn sie bleiben ebenfalls ihren Idealen, mit denen sie sich so sehr identifiziert haben, im Tode treu.

Nun zum Zeugnis und der überpersonalen Heiligung im und durch das Martyrium, die nicht nur Heiligkeit des Akts, sondern des Akteurs erweist. Rahner erinnert daran, dass sich im Martyrium Gnade, Glaube und Heil begegnen: „Dort, wo so gestorben wird, frei und gläubig vertrauend, alles einzelne lassend in dem freien Vertrauen, dadurch alles zu erhalten, wo man scheinbar ins Leere und bodenlos Abgründige zu fallen erfährt, dort tut man etwas, was man nur in der Gnade Christi tun kann [...]“(ebd., S. 79). Um nun aber zu erkennen, dass dieser „Glaubenstod wirklich ein Zeugentod [...] ist“ (ebd., S. 89), der auf die Heiligkeit des Zeugen hindeutet, muss man zunächst um die „unauflösliche Einheit von Zeugnis und bezeugter Sache“ wissen, die „durch Gottes gnadenhafte Verfügung“ garantiert ist: „Hier wird in absoluter Gültigkeit und Vollendung vollzogen, was bezeugt wird: das christliche Dasein als siegreiche Gnade Gottes. Das Zeugnis setzt das Bezeugte gegenwärtig, und das Bezeugte schafft sich selbst die Bezeugung, die untrüglich ist.“ (ebd., S. 93). Wenn dem so ist, dann folgt daraus, dass das Zeugnis des Martyrers nicht nur ein persönlicher Glaubensakt ist, mit dem er sich im Sinne der Integrität selbst über den Tod hinaus treu bleibt, sondern dass er den Glauben an sich bezeugt, weil sich im Zeugnis der Glaube an sich, nicht nur der persönliche Glaube, als das Bezeugte manifestiert. Wesen und Akt des Glaubens fallen im Zeugnis in eins, denn das Zeugnis im Tod des Heiligen zeugt vom Wesen des Glaubens und ist zugleich ein Akt des Glaubens. Auch dies könnte noch gelten, ersetzte man „Glauben“ durch „Freiheit“, denn das Zeugnis im Tod des Helden offenbart ebenso als Akt der Freiheit zugleich das Wesen der Freiheit, das nämlich genau darin besteht, freiwillig für seine Ideale sterben zu können. Es geht also auch beim Helden nicht nur um die persönliche Freiheit, sondern um Freiheit an sich.

Doch nur, wenn das Geglaubte etwas Heiliges ist und damit das Heilige an sich bezeugt wird und sich im Zeugnis das Heilige selbst die „untrügliche Bezeugung“ schafft, was die besondere Begnadigung des Zeugen durch das Heilige andeutet, nur dann liegt es nahe, vom Martyrium als einem Akt der Heiligkeit zu sprechen, der den Martyrer zum Heiligen macht.

Dieses bezeugte und sich zugleich Bezeugung schaffende Heilige ist Gott, die christliche Religion, aber auch die Instanz, die „heilig“ spricht, die Kirche. Heiligkeit ist ein Wesensmerkmal der Kirche, nicht nur, weil sie Gott bezeugt, und damit eine „Martyrerin“ ist, sondern weil sich Gott selbst diese „Bezeugung, die untrüglich ist“ durch sein eigenes Martyrium geschaffen hat: durch den Kreuzestod des menschgewordenen Gottes, Jesus Christus. Dessen gedenkt die Kirche in jeder Heiligen Messe. Rahner bindet die Heiligkeit des Martyriums und die Heiligkeit der Kirche folglich sehr fest aneinander, indem er darauf verweist, dass „Kirche und Martyrium [sich] gegenseitig [..] bezeugen“ (ebd., S. 93). Die Kirche zeugt durch das „Wortzeugnis [...] von der eschatologisch siegreichen Gnade“, in dem „die innerste Interpretation des Martyriums gegeben [wird]: es ist wirklich, was es zu sein scheint: die wirklich umfassende Tat des weltüberwindenden Glaubens, die Vollendung des Menschen“ (ebd., S. 93). Umgekehrt zeugt das Martyrium für die „überweltliche Herkunft“ der Kirche, zumindest für den, „der in der Gnade Gottes zu sehen vermag“ (ebd., S. 93). Dieser Akt gegenseitiger Bezeugung verdichtet sich in der Eucharistie, in der die Kirche im „vollendeten kultischen Selbstvollzug“ (ebd., S. 94) die mystische Feier des Todes Christi und unseres eigenen in ihm auch deswegen begeht, um im Messopfer auf die Christen zu deuten, die im Martyrertod „pragmatisch“ (ebd., S. 94) auf die Kirche gedeutet haben.

Das Martyrium ist also notwenig (personale Integrität in der Treue zum Heiligen über den Tod hinaus) und hinreichend (untrügliches Schaffen von Bezeugung durch das Heilige selbst) für die Heiligkeit eines Menschen, wenn das Ideal, für das er lebend und sterbend Zeugnis abgab, selbst heilig ist. Die Bedeutung der Heiligkeit des Martyrers, beispielsweise der 93 koreanischen und 10 französischen Martyrer des 19. Jahrhunderts, die 1984 – zum 200. Jahrestag der Kirchenbegründung in Korea – von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen wurden, liegt also in der umfänglichsten Deutung des christlichen Glaubens: dem Zeigen auf und dem Zeugen von Christus durch die Nachfolgerschaft im heilbringenden Opfertod. Dass dieser Menschen von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen vermag, dafür ist Korea ein exzellentes Beispiel.

[1] Karl Rahner: Die Theologie des Todes. Freiburg i. Br. 1958.

(Josef Bordat)

Halbjahresbilanz

Juli 15, 2008

Dieses Blog gibt es jetzt seit einem halben Jahr. Als ich Anfang des Jahres überlegte, mich auf so eine Publikationsform einzulassen, war ich skeptisch, ob sie angenommen wird, ob sich überhaupt jemand interessiert für die Themen rund um Ethik, Epistemologie und Existenzphilosophie, die hier im Paradigma des katholisch-christlichen Deutungsmusters behandelt wurden.

Aber diese Richtung der Interpretation von Welt und Wirklichkeit scheint doch auf einiges Interesse zu stoßen, davon zeugen rund 4000 Zugriffe auf die etwa 70 Artikel. Vielen Dank für Ihr Interesse.

Bedanken möchte ich mich auch bei den Gastautoren, die dieses Angebot bereichert haben.

Heute gedenkt die Kirche des Hl. Bonaventura. Der Kalenderspruch des Tages erinnert an die besondere Erfahrungsqualität eines gläubigen Zugangs zur Welt, einer (auch) religiösen Haltung gegenüber der Wirklichkeit.

Wenn du fragst,
wie die höchste
Gotteserkenntnis geschieht,
dann befrage
nicht die Gelehrsamkeit,
sondern die Gnade;
nicht den Verstand,
sondern die Sehnsucht.

(Bonaventura)

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern einen schönen Sommer, erholsamen Urlaub und Gottes Segen! Bis Ende September / Anfang Oktober ruht dieses Blog.

Ihr
Josef Bordat

Bevor Joachim Löw seinen Kapitän für das heutige EM-Finale aufstellt, wird er ihm die für den Sportler alles entscheidende Frage stellen: „Bist du fit?“ Das kann nur jeder Sportler selbst wissen, trotz intensiver medizinischer Begutachtung. Er kann in sich hineinhorchen und spürt Blockaden und Bewegungseinschränkungen, die zur Hemmung auf dem Weg zum Erfolg werden. Wer spielen will, obwohl er sich nicht fit fühlt, tut sich und der Mannschaft keinen Gefallen.

Als Jesus den Petrus zu seinem Kapitän macht (Joh 21, 15-19), stellt er ihm eine andere Frage, eine Frage, die für den Menschen alles entscheidet: „Liebst du mich?“ Jesus stellt diese Frage dreimal. Er gibt Petrus Zeit, er gibt ihm Gelegenheit, die Antwort gut zu bedenken. Denn voreilige Lippenbekenntnisse zählen für den Auferstandenen nicht, davon hatte er zu Lebzeiten genug gehört. Auch von Petrus. Die neue Chance, die Jesus Petrus gibt, die er seiner Kirche gibt, soll eine echte sein.

Die Frage zielt direkt auf die Konsequenz der Liebe: Nachfolge – bis in den Tod. Die Liebe steht dabei immer über allem. Zu lieben ist Jesu Auftrag an die Kirche, die er mit der Berufung des Petrus zum Hirten gründet, zu lieben ist unmissverständliche Weisung an uns: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13, 34).

Gestern haben wir uns im Philosophischen Café der KSG Berlin dem Begriff der Liebe gewidmet. Den Einstiegsimpuls möchte ich hier noch einmal veröffentlichen.

***

Liebe. Versuch einer Begriffsbestimmung

I.
Wir beschäftigen uns in diesem Semester noch mit „Liebe“ und „Glück“. Beides sind Begriffe, die nicht nur inhaltlich zusammengehören, sondern die auch die Gemeinsamkeit haben, nicht theoriefähig zu sein. Das bedeutet, wir können keine allgemeingültigen Aussagen über das Wesen von „Liebe“ und „Glück“ machen, die dann analytisch diskutiert werden könnten. Definitionsversuche, also Aussagen der Art „Liebe ist…“ oder „Glück bedeutet…“ sind so beliebig und so subjektiv, dass man hier nicht von Wahrheit und Falschheit sprechen kann, sondern allenfalls von gelungen oder unterhaltsam oder nachvollziehbar. Philosophen meiden deswegen diese Begriffe wie der Teufel das Weihwasser.

Dennoch beschäftigen wir uns mit diesen Begriffen, nicht nur wir hier, sondern wir Menschen überhaupt. Eigentümlicherweise lassen uns „Liebe“ und „Glück“ nicht los. Kein Wohlstand oder Überfluss, keine errungene Freiheit oder in Gesetze gegossene Gerechtigkeit kann uns von diesen Konzepten entfremden. Sie sind uns zueigen. Wir haben eine präreflexive Ahnung von ihnen, die uns aber nicht ausreicht. Wir möchten gerne unsere Vorstellungen mit anderen besprechen, um zumindest Facetten der Begriffe explizit zu machen.

II.
Eine Klärung des Begriffs Liebe kann freilich in der Weise erfolgen, das man die klassische Unterscheidung von Eros und Agape vornimmt, wobei der Eros eher das sinnliche, begehrende Moment der Liebe und die Agape die geistige Hingabe, die schenkende Liebe meint, die dann zur tätigen Nächstenliebe, zur caritas wird. Die Frage ist: Sind das zwei dichotome Arten von Liebe, die nichts miteinander zu tun haben, sich ausschließen oder eher zwei Richtungen des einen Liebens? Papst Benedikt hat in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est vom 25. Dezember 2005 (veröffentlicht am 25. Januar 2006) eher den Unterschied verdeutlicht, indem er unter Nummer 7 herausstellt, dass „die beiden Grundwörter Eros als Darstellung der ‚weltlichen‘ Liebe und Agape als Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe“ dem Gegensatz von der Welt des alten Menschen und dem Reich Gottes des neuen Menschen entsprechen. Benedikt weiter: „Beide werden häufig auch als ‚aufsteigende’ und ‚absteigende’ Liebe einander entgegengestellt; verwandt damit sind andere Einteilungen wie etwa die Unterscheidung in begehrende und schenkende Liebe (amor concupiscentiae – amor benevolentiae)“. Also: eine deutliche Verschiedenheit.

Man könnte aber auch die These wagen, dass beides unbedingt zusammengehört, dass ich nicht begehren kann, ohne die Absicht zu haben, mich an das Begehrte zu verschenken, dass ich aber umgekehrt auch nicht tätig werden kann im Sinne karitativen Handelns, ohne eine sinnliche, erotische Beziehung zu dem Adressaten des Handelns aufzubauen. Das meint nicht einfach nur, dass ich bei der Krankenpflege Körperkontakt eingehe, das meint auch nicht, dass ich bei jeder Hilfeleistung Hintergedanken sexueller Natur hege oder nur noch Menschen mit Liebe begegne, in die ich „verliebt“ bin, in dem engen Sinne des Begehrens nach partnerschaftlicher Nähe, sondern dass ich ein Interesse entwickeln muss, das mich vom abstrakten Nächstenliebegebot ins konkrete Tun zu überführen in der Lage ist. Dieses Interesse liegt auch auf der Ebene des Eros, etwa im Erkennen des Schönen (am anderen Menschen, in der Natur usw.).

III.
Das nur als Eingangsthese. Wir wollen heute Aphorismen lesen und gucken, ob wir durch sie auf Aspekte von Liebe stoßen, die ungewohnt oder uns vielleicht sogar ganz neu sind. Ob sich die höchst subjektiven Perspektiven auf die liebe zu einem Bild verdichten, dass mehr ist als ein Mosaik von Einzelmeinungen. Das wäre schon eine Menge. Wer bei „Wiki-Quote“ unter dem Stichwort „Liebe“ nach Zitaten sucht, findet 24 gedruckte Seiten mit höchst unterschiedlichen Aussprüchen mehr oder minder bekannter Persönlichkeiten. Ich habe mal eine Aussage von Augustinus ausgewählt, weil sie die Essenz christlichen Lebens andeutet: „Liebe und tu, was du willst.“

(Josef Bordat)

Paulusjahr

Juni 28, 2008

Meine Heimatgemeinde ist St. Peter und Paul Straelen. Das Patronat wird am 29. Juni gefeiert. An diesem Tag beginnt das Paulusjahr zu Ehren des Völkerapostels, der vor 2000 Jahren zu Welt kam. An dieser Stelle sei auf drei aktuelle Bücher verwiesen, zwei Monographien und ein Sammelband, welche allen Leserinnen und Lesern, die an Paulus interessiert sind, als informative und inspirierende Begleitlektüre durch das anstehende Jubel-Jahr dienen können, gehen sie doch in einer kompakten und zugänglichen Weise auf das Leben des Paulus und die Begleitumstände seines Wirkens sowie auf sein apostolisches, theologisches und literarisches Werk ein.

Es sind dies:

1.
Horacio E. Lona: Kleine Hinführung zu Paulus. Freiburg i. Br.: Herder (2006), 149 Seiten, ISBN-13: 978-3451290855.

2.
Peter Wick: Paulus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (2006), 219 Seiten, ISBN-13: 978-3825228583.

3.
Oda Wischmeyer (Hg.): Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe. Tübingen: A. Francke (2006), 388 Seiten, ISBN-13: 978-3825227678.

Ihnen und Euch ein gesegnetes Paulusjahr 2008/09!

(Josef Bordat)

Heimat

Juni 27, 2008

Bei einem Kurzurlaub in meiner Heimatstadt Straelen konnte ich etwas Kraft tanken für die anstehenden Aufgaben. In den Tagen am Niederrhein haben meine Frau Roxana und ich nicht nur bei Radtouren und Spaziergängen das schöne Wetter genossen, sondern auch das Stadtfest mitgefeiert. Wir nahmen auch an einem ökumenischen Landgottesdienst mit Prozession durch die Natur teil. Die – in doppeltem Wortsinne – natürliche Verbundenheit der Bauern und Gärtner mit der Schöpfung und ihrem Schöpfer beeindruckt mich immer wieder.

Ich hatte zudem Gelegenheit, mal wieder meinen Freund Franz Grooterhorst zu treffen, der mich 1995 auf Peter Wust aufmerksam gemacht hat, indem er mir dessen Hauptwerk „Ungewissheit und Wagnis“ zum Geburtstag schenkte. Kaum ein Buch hat mich seither mehr bewegt, kaum etwas hat mich so elegant über Phasen des Zweifels hinweggetragen. Wust lässt mich die Spannung von Vereinzelungserfahrung und Geborgenheitssehnsucht, von Begrenztheit und Transzendenzbezug, von homo philosophicus und homo religiosus nicht nur aushalten, sondern seine Worte helfen, diese Spannung durch das „Wagnis der Weisheit“ zu einem lebendigen Glauben umzuformen. Wust half mir damit, eine geistige Heimat zu finden, „Geborgenheit in der Ungeborgenheit“.

Bedanken darf ich mich aber in diesem Zusammenhang nicht nur bei Franz Grooterhorst, sondern auch bei seiner Mutter, die den unmittelbaren Anschluss an Wusts Wirken in Münster hatte, da sie ihr Studium gerade in dem Semester begann, in dem Wust krankheitsbedingt aufhören musste.

(Josef Bordat)

Das Patronatsfest der KSG Edith Stein erreichte mit dem Festgottesdienst am 1. Juni seinen Höhepunkt. Die feierliche Hl. Messe wurde musikalisch gestaltet vom eigens gegründeten Chor. In seiner Predigt hob Studentenpfarrer P. Thomas Treutler O.P. hervor, dass der Schritt von der Ankündigung zur Tat in unserer KSG oft ein weit größerer ist als es das geflügelte Wort „Gesagt, getan!“ suggeriert, dass dies aber nicht als Manko betrachtet werden dürfe, sondern als Ausdruck eines abwägenden „Einerseits, andererseits“. Auch dies darf die Architektur einer Gemeinde prägen, denn sie soll vor allem eins sein: ehrlich. Den Text der Predigt zu Dtn 11, 18.26-28.32 und Mt 7, 21-27 möchte ich hier dokumentieren und damit die Patronatsfest-Trilogie abschließen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir kennen das Wortpärchen „Gesagt, getan …“ aus unserer Alltagssprache. Es bedeutet soviel wie die unmittelbare Umsetzung eines Plans. Jemand will ein Haus bauen: Gesagt, getan – einige Monate später steht es fertig da. Man trifft alte Freunde und denkt: Man müsste sich mal wieder länger unterhalten. Gesagt, getan – sofort wird ein Termin für einen Besuch ausgemacht. So wünschen wir uns auch die Arbeit im Gemeinderat, etwa wenn es um die Formulierung eines neuen „Leitbildes“ der KSG geht, oder um die Gestaltung des Meditationsraumes: Gesagt, getan – die Aufgabe wird sofort erledigt. Und wie oft sind wir enttäuscht oder ärgerlich, wenn es nicht so funktioniert!

Vielleicht war dieser Wunsch auch bei der Auswahl unseres Semesterthemas mit im Spiel, als wir uns für „Moralische Angebote“ entschieden haben. Wenn es um moralische Handlungsanweisungen des Christentums geht, dann schlagen wir nach und informieren uns: Gesagt, getan – morgen beginne ich mit der praktischen Umsetzung in meinem Leben; alles in Ordnung! Oder bei Außenstehenden: Ich kann mich informieren, welche Anforderungen der Glaube an mich stellt:
Gesagt, getan – morgen lasse ich mich taufen!

Doch schon beim Blick in den Katechismus stellen wir enttäuscht fest: So einfach ist das alles nicht. Schon dort tauchen Begriffe wie Umstände, Bedingungen, Werteabwägung und Gewissensentscheidung auf. Noch deutlicher wird es, wenn wir – wie im gestrigen Vortrag – auf die Ethik Jesu schauen: Da fragen Menschen Jesus: Was soll ich tun? und Jesus reagiert mit Gegenfragen oder Gleichnissen. Immer wieder verstört er das klare Gesetzesdenken, etwa der Pharisäer. Die Ethik Jesu lässt sich nicht 1:1 in unseren Alltag übersetzen.
Ich wurde ja schon manches Mal wegen meiner „Sowohl, als auch …“-Predigten gescholten, weil man sich eher solche „Gesagt, getan“-Predigten gewünscht hätte. Nun ist ein „Sowohl, als auch …“ sicher keine Lösung, – erst recht nicht für den, der Jesus nachfolgen will – aber um ein „Einerseits – andererseits“ kommen wir in der Nachfolge Jesu nicht herum. Auf dem Weg vom „Gesagt“ zum „Getan“ gibt es im Glauben viele „Einerseits, – andererseits“.

Gerade die Pharisäer verlangten von Jesus genaue Ge- und Verbote. Jesu Antwort besteht letztlich – wie schon bei Gott im Alten Testament – darin zu sagen: Ich lege dir zwei Wege vor: Segen und Fluch! Wähle den Segen! Die Wege kennen wir, sie zeichnen sich für den gläubigen Hörer des Wortes Gottes deutlich ab. Trotzdem können wir nicht immer verhindern, dass wir vom Weg abkommen und vielleicht sogar eine ganze Strecke neben dem „rechten Weg“ herlaufen. Wichtig ist vor allem aber, dass wir uns immer wieder bemühen, auf den Weg des Segens zurückzufinden.

Auch Edith Steins Leben war geprägt von der ständigen ehrlichen Suche nach dem rechten Weg: Ob als Jüdin oder Atheistin, als überzeugte Anhängerin der Phänomenologie ihres Lehrers Husserl oder als Ordensfrau im Karmel, – immer hat sie sich der Wahrheits- und Gottesfrage gestellt. Wer wollte sagen, dass nur der letzte, kontemplative Abschnitt ihres Weges richtig und heilig war? Auch vorher schon hat sie sich mit ganzer Kraft bemüht, den Weg des Segens zu wählen. Dieses Suchen und Bemühen macht sie zu einer großen Heiligen, nicht erst das Ende ihres Lebens. Dass sie zugleich wegen ihrer jüdischen Abstammung und der Zugehörigkeit zu einem christlichen Orden ermordet und zur Märtyrin wurde, ist dafür – bei allem Schrecken – ein großes Zeichen.

Auch wenn das Haus unserer Gemeinde also nicht immer nach dem Schema „Gesagt, getan …“ schnell fertig ist und am Ende in allem dem Idealplan entspricht, liebe Schwestern und Brüder, so muss es trotzdem nicht auf Sand gebaut sein.
Vielleicht ist dieses Bild des Evangeliums für uns auch überholt, wo doch heutzutage in der Regel jedes Haus auf gutem Grund steht. Angemessener wäre eher die Frage nach der Qualität der Architektur des Hauses. Und gute Architektur, das hat mir unser Sprecher in vielen Diskussionen immer wieder vorgehalten, muss „ehrlich“ sein. Sie muss die Materialien und Konstruktionsprinzipien des Baus widerspiegeln. Zu guter Architektur macht ein Haus nicht der schöne Schein oder eine schöne Fassade. Den langen Weg unseres Bemühens und die Grenzen unserer Möglichkeiten darf man dem Haus unserer Gemeinde und dem Haus unseres eigenen Lebens also ruhig ansehen.
Den langen Weg und die vielen Gedanken, die es bei uns oft braucht, um die beiden Wörtchen zusammenzubringen: Gesagt, getan!

Amen.

Das Patronatsfest der KSG Edith Stein läuft mittlerweile. Gestern gab es einen interessanten Festvortrag, gehalten vom Berliner Theologen Rainer Kampling.

In seinem Vortrag über die „Unangepasstheit Jesu“, in dem der Neutestamentler Kampling über die „Ethik Jesu“ nachdachte, und zwar mehr als Handlungspraxis und weniger als Moraltheorie, stellte er eindrucksvoll die Besonderheit Jesu heraus, indem er dessen revolutionäre Haltung in der „zwänglerischen“ (Kampling) antiken Gesellschaft an der in den Evangelien reichlich betonten Instanz des „Gastmahls“ erläuterte. Jesus, der auf die Verpflegung durch Dritte angewiesen war, führte bei diesen Gelegenheiten regelmäßig „Prostituierte und Kleinkriminelle“ in die hohe Gesellschaft ein – eine Provokation für’s Establishment, eine Anfrage an die Lebensform, deren formalisierte, oberflächliche Gebräuche Jesus angesichts des nahenden Gottesreiches unerheblich erschienen. So antwortete er, wie Kampling sagte, auf Fragen nach dem Gesetz mit Gott.

Jesus leitet damit den Paradigmenwechsel von unreflektierter Gebotstreue zu tätiger Liebe als handlungsleitendes Motiv ein. Der Sinn seines Umgangs mit Sündern liege aber nicht darin, so Kampling, ihre Sündhaftigkeit zu nivellieren, sondern ihnen ein anderes Leben zu zeigen, um ihnen Perspektiven jenseits der Sünde zu eröffnen.

Zentraler Begriff der christlichen Ethik ist „Nächstenliebe“. Hier bot Kampling anhand des bekannten Samariter-Gleichnisses eine interessante Neuinterpretation: Indem sich der Helfende dem Hilfsbedürftigen als Nächster „erweist“, entscheidet das Opfer über den Status des Helfenden als sein „Nächster“ und wird damit zum Subjekt. Wir hingegen seien es gewohnt, den Hilfsbedürftigen zu objektivieren und uns zum Nächsten zu „erklären“. Es obliege aber nicht dem Helfenden, diesen Status zuzuschreiben. Wenn wir hingegen immer lieben, so werden wir – wenn wir Glück haben – mal auch jemanden treffen, der uns zu seinem „Nächsten“ macht. Die Bereitschaft, stets Barmherzigkeit zu üben, sei dabei eine elementare Gesinnung des Christen, auch wenn Gefahr bestünde, dabei „über den Tisch gezogen zu werden“. Kampling: „Wer noch nie über den Tisch gezogen wurde, war auch noch nie barmherzig!“

Kampling machte deutlich: Das Gute wurzelt in Gott und das gute Handeln im Gottvertrauen, gelebt in einer Gemeinschaft mit Menschen, die in der christlichen Gemeinde die Erfahrung der Gottesnähe ermöglicht. Jesus, seine „einfache Botschaft“ (Kampling) und insbesondere sein unangepasstes Tun, sind für unsere Ethik maßgeblich. Jesu praktischer Zugang zu moralischen Fragen kann in seinem Leitbildcharakter nicht ersetzt werden. „Auch nicht durch Ghandi.“

Kampling bezog schließlich diesen praktischen Ethik-Entwurf des Lebens Jesu auf Menschen, die den Weg der Nachfolge Christi konsequent gegangen sind. Neben Franz von Assisi kam damit auch unsere Patronin Edith Stein in den Blick, die vor allem eine Tugend pflegte, die unerlässlich ist für christliche Moralität: die Freude.

In diesem Sinne geht unser Fest heute weiter.

(Josef Bordat)

Denken und Glauben

Mai 23, 2008

Die Philosophin und Ordensfrau Edith Stein als Mystikerin des Sühneleids – und was das für ihre Beziehung zu Peter Wust bedeutet. Ein Beitrag zum Patronatsfest der Katholischen Studierendengemeinde Edith Stein Berlin am 31.5./1.6. 2008

Eine Streitfrage in der Forschung zu Edith Stein ist, ob man die zum Katholizismus konvertierte Jüdin zu Recht eine „Mystikerin“ nennen kann – ihrem Glaubensvorbild Teresa von Avila entsprechend – und woran dies festzustellen ist. Das Urteil steht und fällt freilich mit den jeweiligen Ansprüchen an einen Mystiker respektive eine Mystikerin. Ich für meinen Teil vertrete einen sehr weiten Mystikbegriff, unter den auch ihre Spiritualität des Sühneleids, insbesondere angesichts der Gelassenheit, die die Karmeliterin gerade in den letzten Tagen ihres Lebens offenbarte, zweifelsohne einzuordnen ist.

Schon Ihre „Kreuzeswissenschaft“[1] kann ohne die Annahme einer tiefen, inneren Berührtheit von Gott kaum verstanden werden. Erwägt man dazu Edith Steins spirituelles Grundmotiv, das positiv gewendete Leid, gedacht als „stellvertretendes Leid“, „gelebte Sühne“, „Mitwirkung am Erlösungswerk“, und fernerhin die Erfüllung dieses karmelitischen Glaubensweges im persönlichen Leid, das sie als praktische Chance begriff, die tiefen Erfahrungen umsetzen zu können, so geht dies nur dann auf, wenn man dazu eine innige Verbindung mit Christus bedenkt, die über das normale Maß an Religiosität hinausgeht. Edith Steins Wort zu ihrer Schwester Rosa in der Stunde ihrer Verhaftung – „Komm, wir gehen für unser Volk!“ – ist somit kein pathetischer Heroismus, sondern die logische Konsequenz des Denkens und Glaubens einer Frau, die sich auch im Akt der „Stellvertretung“ ganz in die Nachfolge Christi begibt: So wie Christus den Weg nach Golgatha geht „für sein Volk“, so geht Edith Stein nach Auschwitz „für ihr Volk“, um durch stellvertretendes Leiden Anteil am Erlösungswerk zu erhalten.

Die Leid-Sühne-Rhetorik Edith Steins kann man vor diesem Hintergrund entweder masochistisch nennen – oder mystisch. Eine Masochistin wäre Edith Stein, wenn sie das Leid suchte wie die mittelalterlichen Asketen den Schmerz der körperlichen Abtötungspraxis. Das tut sie aber nicht. Sie lehnt die Instrumentalisierung, die Verzweckung des Leidens ab.[2] Denn das Leid hat keinen Zweck, gleichwohl aber einen Sinn. Diese Erkenntnis, die ihren zweiten Lebensabschnitt und insbesondere ihre Ermordung überstrahlt, ist für die Vernunft der Philosophin unzugänglichen. Sie wird ihr erst in der Spiritualität der Ordensfrau offenbar. Ihre letzten aufgezeichneten Worten waren: „Es geht nach dem Osten.“[3] Es ist dies nicht nur eine geographische Angabe. Der Osten als Ort der Sonne eines neuen Morgens gibt auch eine Ahnung von der tiefen, unerschütterlichen Heilshoffnung, die in Gott selbst verankert ist.

„Wenn Edith Stein von einer solchen Sicherheit mitten in der Absurdität ihres nahenden Endes getragen ist, so weist dies den Resonanzboden bestimmter Erfahrung auf.“[4] Man darf, denke ich, ruhig deutlicher werden. Wenn man bedenkt, dass ihr Glaube an die Erlösung so stark ist, dass sie durch das Kreuz hindurch nur die Auferstehung Christi im Blick hat und im persönlichen Leid das persönliche Heil schaut, dass die Rede von der „gelebten Sühne“ nicht zur Lebensaufgabe, sondern zur Lebenssteigerung geführt hat – davon geben ihre Schriften bis zuletzt kraftvoll Zeugnis –, dann kommt man nicht umhin, diese Erfahrung „mystisch“ zu nennen.

Wenn es noch eines Beweises bedarf, dass Edith Stein bis zuletzt aus der subjektiven Gewissheit mystischer Erfahrung lebte, dann mag dazu jene Notiz dienen, die in einem kleinen Brief vom 6. August 1942 stand, den sie aus dem Durchgangslager nach Echt sandte, um für ihre Schwester und sich einige Gebrauchsgegenstände zu erbitten. Sie lautet: „Konnte bisher herrlich beten.“ Wer in dieser grauenhaften, gottfernen Umgebung solche Sätze zu Papier bringt, ist erfüllt vom Heiligen Geist und greift auf Erfahrungen zurück, die unmittelbar die eigene Finsternis zu erhellen vermögen. Und ein solcher Mensch ist dann auch noch in der Lage, das Licht des Herrn weiterzugeben. Ein Augenzeuge berichtet: „Unter den Gefangenen fiel Schwester Benedicta auf durch ihre große Ruhe und Gelassenheit. Der Jammer und die Aufregung waren unbeschreiblich. Schwester Benedicta ging unter den Frauen umher, tröstend, helfend, beruhigend wie ein Engel.“[5]

Diesen Trost konnte sie zuvor schon Peter Wust spenden, dessen Kehlkopfkrebs sie als eine „außerordentliche Gnade“[6] bezeichnete, weil sie dem Leid des geschätzten Kollegen, den sie in ihrer Münsteraner Zeit (1932/33) kennen gelernt hatte, „sühnende Kraft“ beimaß. Nach Edith Stein gilt, dass nur aus der Vereinigung mit Gott menschliches Leiden sühnende Kraft bekommt, dass Sühneleid nur bei Menschen möglich ist, in denen der Geist Christi lebt, von dem sie ihr Leben empfangen und der sie orientiert. Unter diesen Bedingungen konnte sie das Sühneleid in der Tat bei kaum jemandem eher vermuten als bei Wust, der immer wieder die Abhängigkeit seines Denkens von seinem Glauben betont hat, der die Reflexion des homo philosophicus in letzter Konsequenz der Devotion des homo religiosus unterordnete.

Das verbindet schließlich Edith Stein mit Peter Wust: Die beiden tief gläubigen katholischen Philosophierenden standen zwischen der Erkenntnis des glaubend Denkenden und dem Bekenntnis des denkend Glaubenden. Und taten den Sprung von der Ungewissheit menschlicher Erkenntnis ins Wagnis der göttlichen Weisheit. Beide auf ihre je eigene Art, Peter Wust in seiner Arbeit als Professor und Autor, Edith Stein als Ordensfrau und Mystikerin, als Teresia Benedicta a Cruce – Teresia vom Kreuz gesegnet.

***

Anmerkungen:

[1] Edith Stein (1942): Kreuzeswissenschaft. Studie über Joannes a Cruce. In: Edith Stein Gesamtausgabe, Bd. 18, Freiburg i. Br. 2003.

[2] Einige Bemerkungen dazu finden sich bei Beate Beckmann-Zöller: Zugänge zum Leib-Seele-Problem bei Edith Stein im Hinblick auf das Ereignis des religiösen Erlebnisses, in: Catrin Nielsen, Michael Steinmann, Frank Töpfer (Hg.): Das Leib-Seele-Problem und die Phänomenologie. Würzburg 2007, S. 155-170. Beckmann-Zöller zeigt, wie sich bei Edith Stein Leib und Seele in einer „Lebenskraft“ verbinden, die durch Erlebnisse gestärkt oder gemindert wird. Zentral ist in ihrer Vorstellung das religiöse Erlebnis, zu dem es neben den seelischen auch leibliche Zugänge gibt. Hinsichtlich der Seele erinnert ihre Darstellung an die mystische Rede von der Einheit mit Gott oder Gottesgeburt in der Seele bzw. dem „Seelengrund“ (Meister Eckhart; Edith Stein spricht ganz ähnlich von der „Tiefe der Seele“ oder dem „Innersten der Seele“), bezüglich des Leibes sieht sie zwar in der Askese eine Ausdrucksform körperlich wirkender Gotteserfahrung, doch die Realisierung der „leiblich-sakramentalen Dimension“ des Glaubens sei nur dann sinnvoll, wenn sich über sie ein neuer Zugang zum Geistigen entfalte, aus dem der Seele „Kraft-Erneuerung und Gnadenwirkung“ begegnen kann. Askese werde zu oft als bloßer Befreiungsakt der Seele vom Leib-Gefängnis missverstanden und nur im negativen Modus der „Abtötung des Körpers“ geübt. Beckmann-Zöller macht deutlich, dass Edith Stein damit wichtige „Anregungen sowohl für eine nicht leibvergessene Philosophie als auch Theologie“ (S. 169) gibt.

[3] Am späten Nachmittag des 7. August 1942 wird Edith Stein in Schifferstadt bei Speyer zum letzten mal von überlebenden Zeugen gesehen. Sie ließ Grüße an die Schwestern in St. Magdalena in Speyer bestellen. Bei dieser Gelegenheit fiel der bedeutungsvolle Satz, zitiert nach: Hirtenwort der deutschen Bischöfe zur Heiligsprechung von Edith Stein am 11.Oktober 1998.

[4] Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Edith Stein (1891-1942), eine Mystikerin? Hervorhebung von mir.

[5] Zitiert nach: Hirtenwort der deutschen Bischöfe zur Heiligsprechung von Edith Stein am 11.Oktober 1998.

[6] In einem Brief an Peter Wust vom 28. August 1939; Wust erlag dem Krebs am 3. April 1940.

Weiterführende Literatur:

Alois Huning: Edith Stein und Peter Wust. Von der Philosophie zum Glaubenszeugnis. Münster 1969.

Peter Wust: Briefe an Edith Stein, in: Peter Wust. Briefe an Freunde, hrsg. von Wilhelm Vernekohl. München 1955, S. 93-99.

(Josef Bordat)

Pfingsten

Mai 12, 2008

Wie das so ist an Geburtstagen: Feiern, Rückschau und der Blick in die Zukunft. Das gilt auch für Einrichtungen wie die Kirche. Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Die pfingstliche Kirche ist der Gegenentwurf zu Babel. Hier die Verwirrung derer, die im gesteigerten Größenwahn immer waghalsigere Projekte in Angriff nahmen, die in einem Klima der Selbstvergötzung lebten, dort die Verständigung über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Der Geist Gottes, der ermöglicht, dass sich die junge Kirche Christi das Fremde zueigen macht, öffnet die Perspektive und wandelt die, die sich von ihm berühren lassen. Aus Angst wird Aktion. Aus der dichten Innerlichkeit des intensiven Gebets hinter verschlossenen Türen wird der Glaube in der Mission nach außen gestülpt. Er wird öffentlich und – allen Widerständen und Schwierigkeiten zum Trotz – global. Kirche ist von Beginn an darauf ausgelegt, Weltkirche zu sein.

Um auch in Zukunft Weltkirche sein zu können, muss die Kirche heute, neben der einen Stimme, mit der sie spricht, auch den richtigen Ton treffen, um einschließend und nicht ausgrenzend zu sein, um Menschen wirklich zu überzeugen. Dazu sollte Religiosität im Rahmen katholischer Kirchlichkeit nicht nur als esoterisch-mystisches Privatissimum verinnerlicht, sondern auch als exoterisch-symbolisches Politikum nach außen hin gelebt werden. Entscheidend für eine treffende Ansprache ist die Klarheit und Gewissheit der eigenen Position, die allein durch das Gebet erlangt werden kann.

Für Peter Wust, der den Menschen zwischen Ungewissheit und Wagnis gestellt sieht, ist das Gebet ein Weg zur Klärung und Vergewisserung, ein Wagnis, das sich einzugehen lohnt. In seinem Abschiedswort schreibt Wust1939 an seine Studentinnen und Studenten: „Und wenn Sie mich nun noch fragen sollten, bevor ich jetzt gehe und endgültig gehe, ob ich nicht einen Zauberschlüssel kenne, der einem das letzte Tor zur Weisheit des Lebens erschließen könne, dann würde ich Ihnen antworten: ,Jawohl’. – Und zwar ist dieser Zauberschlüssel nicht die Reflexion, wie Sie es von einem Philosophen vielleicht erwarten möchten, sondern das Gebet. Das Gebet, als letzte Hingabe gefaßt, macht still, macht kindlich, macht objektiv. Ein Mensch wächst für mich in dem Maße immer tiefer hinein in den Raum der Humanität – nicht des Humanismus –, wie er zu beten imstande ist, wofern nur das rechte Beten gemeint ist. Gebet kennzeichnet alle letzte ,Humilitas’ des Geistes. Die großen Dinge des Daseins werden nur den betenden Geistern geschenkt.“

Soweit sich Zeit findet, werde ich hier in den nächsten Monaten gelegentlich wieder auf das eigentliche Anliegen des Projekts zurückkommen, auf eben jenen Peter Wust. Ich möchte sein Werk „Die Auferstehung der Metaphysik“ (1920) behandeln, das mir von brennender Aktualität zu sein scheint.

(Josef Bordat)

Anselm und Konrad

April 21, 2008

Heute wird in der Katholischen Kirche zweier Heiliger gedacht, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten: der Philosoph Anselm of Canterbury („Credo ut intelligam.“) und der Klosterpförtner Konrad von Parzham („Mein Buch ist das Kreuz.“).

Der Hl. Konrad ist Patron meiner Gemeinde. Sein Ausspruch „Mein Buch ist das Kreuz.“ deutet an, dass ihm demütige Frömmigkeit, Versenkung im Gebet und tätige Liebe wichtiger waren als Studien zu theologischen Fragen und gelehrte Gespräche. Er konzentriert sich ganz auf das Kreuzesgeschehen und stellt sich das Kreuz vor Augen, verliert es nicht aus dem Blick. Er hält es fest in die Hand, wie auf zahlreichen Bildern von ihm zu sehen ist. Ganz nah rückt er an das Kreuz heran und betrachtet den gekreuzigten Christus und damit das Mysterium der Erlösung. Dort wo mancher auf Porträts ein Buch hält und damit repräsentativ seine Bildung zur Schau stellt, dort hält er das Kreuz.

Bei seinem Besuch in Bayern im September 2006 würdigte Papst Benedikt XVI. Konrad in seiner Predigt beim Vesper-Gottesdienst in Altötting mit folgenden Worten:

„Er hat sich, wie es der Herr im Gleichnis empfiehlt, wirklich auf den letzten Platz gesetzt, als demütiger Pfortenbruder. Er konnte von seiner Zelle aus immer auf den Tabernakel hinschauen, immer bei ihm sein. Von diesem Blick her hat er die nicht zu zerstörende Güte gelernt, mit der er den Menschen begegnete, die fast ohne Unterbrechung an seiner Pforte anläuteten – auch manchmal eher bösartig, um ihn bloßzustellen; auch manchmal ungeduldig und laut: Ihnen allen hat er ohne große Worte durch seine Güte und Menschlichkeit eine Botschaft geschenkt, die mehr wert war als bloße Worte.“

So können wir Menschen des technisch-wissenschaftlichen Zeitalters vom Hl. Konrad vor allem eines lernen: Demut. Vor dem Leben, den eigenen Grenzen und der rational unergründlichen, nur im Glauben erfahrbaren Finalität des göttlichen Plans.

Das wiederum passt zu Anselms „Credo ut intelligam.“ Der zweite Blick offenbart also eine erstaunliche Gemeinsamkeit zwischen Pförtner und Philosoph: der Vorrang des Glaubens vor dem Wissen, genauer: die Schlüsselfunktion, die der christliche Glaube bei der vernünftigen Orientierung im Leben spielt.

Weil ich es nicht besser sagen könnte, sei es Anselm of Canterbury vergönnt, mein Lebensmotto für die nächsten Wochen darzutun:

Pausen der Stille
In meinem Leben,
ich brauche sie.
Sie helfen mir:
Kräfte zu sammeln,
mich auf das Wesentliche zu besinnen,
zu mir selbst zu finden und –
Gott zu finden.

In diesem Sinne wird es hier eine kleine Pause geben. In einem Monat melde ich mich zurück.

(Josef Bordat)

Drei Jahre Benedikt

April 20, 2008

Ein Beitrag außer der Reihe

Bestimmte Aktualitäten bringen es mit sich, die anvisierte Zielrichtung dieses Projektes kurz aus dem Fokus der Beiträge zu nehmen. Vor drei Jahren wurde aus Joseph Kardinal Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, der 265. Papst. Er gab sich den Namen Benedikt XVI. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Der Papst und die Bürde des Amtes

Um es gleich zu sagen: Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, dass Ratzinger da, wo er vorher saß, besser aufgehoben war, als dort, wo er jetzt ist. Der Gelehrte, der Denker, der Stille-Arbeiter, der Bürokrat, der Tief- und Hintergründler, es scheint, als trage er den Entscheid des Konklave mehr als Last denn mit große Freude. Er ist auch als Papst Benedikt der Theologe Ratzinger geblieben, was Probleme mit sich bringt, denn als Papst kann er nicht mal versuchsweise in die spekulative Philosophie abtauchen oder gewagte theologische Thesen aufstellen, wie dies in der akademischen Welt alltäglich ist. Das, was er als Papst sagt, und sei es noch so informell und behelfsmäßig, geht eine halbe Stunde später über die Ticker der Agenturen als das, was die Kirche meint. Weltweit. Mit seiner Regensburger Rede (September 2006) hat Benedikt diese Erfahrung machen müssen. Er hat aus ihr gelernt und wirkt heute bei seinen öffentlichen Auftritten mehr wie ein staatsmännischer Diplomat denn ein Dogmatiker, der gerade aus dem Studierzimmer kommt. Er verlegt sich mehr auf den pastoralen Dienst des Bischofs als sich in Reminiszenzen an die Vergangenheit als Theologieprofessor zu ergehen, ohne freilich seinen brillanten Intellekt außen vor zu lassen. Langsam scheint Benedikt in seinem Amt angekommen zu sein und gelernt zu haben, mit dessen Bürge umzugehen.

Der Papst und die Jugend

Benedikt trat vor drei Jahren ein schweres Erbe an, war sein Vorgänger Johannes Paul II. doch insbesondere bei der Jugend sehr beliebt. Ihr schenkte er ein Mega-Event, den Weltjugendtag, der bei seiner zehnten Auflage 1995 in Manila die größte Versammlung in der Menschheitsgeschichte erlebte: fast 4 Millionen junge Christen hatten sich in der Hauptstadt der Philippinen zusammengefunden. Zehn Jahre später sollten immerhin 1,2 Millionen nach Köln kommen – eine organisatorische Bewährungsprobe für die Stadt und eine würdige „Taufe“ für den gerade wenige Wochen im Petrusamt befindlichen Ratzinger, den man mit allem möglichen assoziiert, nur nicht mit „Jugend“. Umso überraschender, dass der zurückhaltende, konservative Gelehrte die Jugendlichen in Köln in seinen Bann zog und binnen weniger Tage zum Popstar einer Generation wurde. Wer dabei war, wird die Woche in der Rheinmetropole nicht mehr vergessen.

Der Papst auf Reisen

Johannes Paul galt als „Reise-Papst“, er hat auf 104 Reisen 127 Länder besucht. Benedikt ist in dieser Hinsicht etwas zurückhaltender. Nach seinem Auftritt in Köln (August 2005) war er in Polen (Mai 2006), Spanien (Juli 2006), ein weiteres Mal in Deutschland, genauer: in Bayern (September 2006), in der Türkei (November 2006), in Brasilien (Mai 2007) und Österreich (September 2007); derzeit ist er in den USA. Von seinen Reisen gingen immer wieder Impulse aus und auch das, was er in der Ferne sagte, ließ aufhorchen. Von Regensburg war schon die Rede. Viele Feinde, die er sich mit dem Zitat eines scharfen Urteils des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos über den Islam als einer angeblich widervernünftigen Religion mit großer Gewaltbereitschaft gemacht hatte, versöhnte er einige Wochen später bei seinem Türkeiaufenthalt, wo er den Muslimen Respekt bezeugte. Dagegen löste er in Brasilien mit seiner positiven Deutung der Missionierung Lateinamerikas im 16. Jahrhundert eine Kontroverse aus. Vertreter der Indio-Nachfahren verwiesen darauf, dass die Christianisierung sehr wohl ein gewaltsames Aufzwingen einer fremden Kultur war, etwas, dass Benedikt mit Blick auf die universale Sehnsucht nach Erlösung durch Jesus und sein Evangelium verneint hatte, eine Position, der sich Lateinamerika-Kenner Mariano Delgado anschloss, während der Historiker Hans-Jürgen Prien offen von „Geschichtsklitterung“ sprach. Man kann Benedikt wohl nur dann folgen, wenn man es für richtig hält, eine theologisch-metaphysische Betrachtung zum Leitmotiv eines Urteils über historische Epochen zu erklären und dabei den Blick von den empirischen Befunden bewusst zu lösen, um ihn auf das soteriologische Ganze zu lenken. Das ist eine geschichtsphilosophische Frage, aber auch eine, die so eng mit Glaubenskonstituten („Erlösung“) verbunden ist, dass es keine klare Antwort gibt. Nur eines ist klar: Diplomatisch geschickt kann die Äußerung des Papstes wohl nicht genannt werden.

Der Papst und seine Kirche

Liturgisch gilt für den Papst: Keine Experimente! Benedikt bleibt der konservativen Linie aus seinem Werk „Der Geist der Liturgie. Eine Einführung“ treu. Die „Rolle rückwärts“ Richtung vorkonziliarem Ritus in der Eucharistiefeier („Tridentinische Messe“) wird unterdessen überschätzt, denn zum einen handelt es sich ausdrücklich um eine Sonderform, zum anderen hat der Vatikan betont, damit die Liturgiereform des Konzils nicht rückgängig machen zu wollen.

Unter Benedikt dürften theologische Debatten um das Zölibat und das Ordinariat der Frau theologische Debatten bleiben. In dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Sacramentum Caritatis“ (Februar 2007) wird die Bedeutung des Zölibats für die Radikalität eines christlichen Lebensstils, bei dem sich sakramentale Kompromisse (hier: Ehe und Priesterweihe) ausschließen, betont: „Es ist notwendig, den tiefen Sinn des priesterlichen Zölibats zu bekräftigen, der zu Recht als ein unschätzbarer Reichtum betrachtet wird. [...] In dieser Wahl des Priesters kommen nämlich in ganz eigener Weise seine Hingabe, die ihn Christus gleichgestaltet, und seine Selbstaufopferung ausschließlich für das Reich Gottes zum Ausdruck. [...] Deshalb reicht es nicht aus, den priesterlichen Zölibat unter rein funktionalen Gesichtspunkten zu verstehen. In Wirklichkeit stellt er eine besondere Angleichung an den Lebensstil Christi selbst dar.“ (Nr. 24).

Der Papst und die anderen christlichen Kirchen

Es wäre vermessen, von Benedikt Impulse für die Ökumene zu erwarten. Was er in diesem Punkt bislang geleistet hat, ist überschaubar und betrifft die weitere Einbeziehung der Orthodoxen in den ökumenischen Diskurs, die häufig vergessen werden, in Europa aber nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Für viele evangelische, aber auch katholische Christen hierzulande war die neuerliche Betonung des ausschließlich auf die römisch-katholische Kirche bezogenen Kirchenbegriffs des Vatikan eine bittere Enttäuschung. Man darf dabei aber zweierlei nicht vergessen: erstens, dass der Papst nur das wiederholt hat, was sowieso Stand der Dinge ist und zweitens, dass der Papst Oberhaupt der Weltkirche ist und – auch als Deutscher – auf deutsche Sonderbefindlichkeiten keine Rücksicht nehmen kann. Die „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ (Juni 2007) kamen wenige Wochen nach der Brasilienreise, wo Benedikt zur Kenntnis nehmen musste, in welch tiefer Krise die Kirche im größten lateinamerikanischen Land steckt, weil die Katholiken ihrer Kirche zunehmend den Rücken kehren und in den letzten Jahren vermehrt zu den eifrig werbenden evangelikalen Freikirchen gewechselt sind. Hier tut Abgrenzung Not. Nicht jeder, der kostenlos Milch und Müsliriegel verteilt und spirituelle Angebote unterbreitet, kann „Kirche“ sein – bei allem Respekt vor dem jeweiligen Bekenntnis. Der starre Kirchenbegriff des Vatikan (nur die römisch-katholische Kirche ist wahrhaft „Kirche“), den im Lande Luthers kaum jemand versteht, hat jedenfalls seine Vorgeschichte in der Auseinandersetzung des amerikanischen Klerus (die Hälfte der Katholiken lebt in Amerika) mit diesen neuen, dynamischen Strömungen des Proselytismus, die oft genug Anlass geben zu zweifeln, ob auch überall Kirchlichkeit drin ist, wo „Kirche“ drauf steht. Insoweit schafft die erwähnte Verlautbarung, so schmerzlich sie sein mag, vor allem eines: Klarheit.

Der Papst als Staatschef

Wie so ziemlich jedes andere Land hat auch der Vatikan seine Probleme mit China. Benedikts erklärtes Ziel ist es, die Beziehungen zur neuen Supermacht zu verbessern, um damit zu erreichen, dass den Katholiken im bevölkerungsreichsten Land der Erde die freie Religionsausübung gewährleistet wird. Bange Blicke gingen aber auch immer wieder Richtung Irak, wo die Christenverfolgung besonders dramatische Formen angenommen hat. Doch Benedikt scheut sich nicht, darauf hinzuweisen, dass auch in anderen Teilen der Welt Christen um ihres Glaubens willen verfolgt und ermordet werden – jährlich sind etwa 170.000 Todesopfer zu beklagen; rund 80% aller wegen ihrer Religion diskriminierten Menschen sind Christen. Der Papst macht, wie sein Vorgänger, immer wieder deutlich, dass Religionsfreiheit ein elementares Menschenrecht ist.

Der Papst und die post-säkulare Welt

Benedikt ist ein Papst, der wie kaum ein anderer vor ihm in der Lage ist, eine Brücke zwischen Religion und Gesellschaft, Glauben und Wissen, Kirche und Staat zu schlagen. Seine Diskussionen mit Jürgen Habermas und mit Paolo Flores d’Arcais zeigen die Bereitschaft und Fähigkeit des Papstes, am gemeinsamen Bau einer post-säkularen Gesellschaft intellektuell und spirituell mitzuwirken. Hier nähert er sich seinem theologischen Antipoden Hans Küng, der das Gespräch der Kirche mit Nichtreligiösen für ebenso wichtig hält wie den Trialog der monotheistischen Religionen. Es geht Benedikt (und wie sich immer wieder, zuletzt bei einem Vortrag in Münster, zeigt, auch Habermas) darum, das Phänomen der neuen Religiosität fruchtbar zu machen für Sozialbeziehungen, politische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse sowie die Wirtschaft. Gerade der hat Benedikt mit der Enzyklika „Deus Caritas est“ (Januar 2006) erneut die katholische Soziallehre ins Stammbuch geschrieben, die heute, 160 Jahre nach Kettelers „Mainzer Manifest“ (1848), aktueller denn je erscheint, um nach den totalitären Staatsutopien des 20. Jahrhunderts eine neue Utopie zu verhindern, die nicht weniger totalitär ist: den freien Markt. Kritik des Liberalismus – man wünschte sich, die Union schaute in dieser Angelegenheit mal öfter gen Rom.

Benedikt übte ferner deutliche Kritik an dem auf Kultur und Geist übergreifenden Erklärungs- und Deutungsanspruch der Wissenschaft (Enzyklika „Spe salvi“, November 2007), er sucht aber zugleich den Dialog mit Wissenschaftlern, auch wenn nicht alle ihn anzunehmen bereit sind. So musste im Januar 2008 eine Rede Benedikts an der römischen Universität La Sapienza nach Protesten einiger Hochschulangehöriger abgesagt werden. Man kann nur hoffen, dass sich der Papst nicht entmutigen lässt und weiter versucht, Brücken zwischen Religion und Wissenschaft zu schlagen, um gemeinsam mit den Akademikern guten Willens die menschliche Vernunft auf die Wahrheit hin zu orientieren und mitzuhelfen, ein Klima in den Wissenschaften zu erzeugen, in dem soziale und ethische Folgen der Forschung stets mitbedacht werden.

Der Papst und die Heimat

Der Papst ist Deutscher, der Papst ist Bayer. Daraus macht er keinen Hehl, warum auch. Auch wenn die Hysterie einiger Medien Formen der Berichterstattung hervorbrachten, die gewöhnungsbedürftig sind und Ratzinger selbst wohl am wenigsten zugesagt haben dürften, gibt er der weitgehend entkirchlichten Heimat einige dringend benötigte spirituelle Impulse, auch wenn der ökumenische Dialog weniger Rückenwind erhält als zu wünschen wäre. Seine Besuchsreisen waren Medienereignisse und interessierten nicht nur das katholische Stammpublikum.

Vielleicht kommt der Papst ja im November 2009 nach Berlin, zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Dann könnte das Kirchenoberhaupt versuchen, nach den katholischen Bayern und Rheinländern auch die protestantischen Preußen zu erobern. Einen prominenten Protestanten hat der Papst schon auf seiner Seite: Christoph Markschies, Kirchenhistoriker und Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin. Markschies hatte angesichts der La Sapienza-Affäre betont, an seiner Hochschule sei Benedikt im Falle eines Berlin-Besuchs jederzeit willkommen. Offenheit der akademischen Welt und Zeichen gelebter Ökumene – kein schlechter Lockruf aus einer Stadt, in der die Menschen wissen, wie lebensfeindlich Grenzen sind, die trennen, was zusammengehört.

(Josef Bordat)

Zum besseren Verständnis der unio mystica scheint es mit wichtig und hilfreich, sich die Vorstellungen Meister Eckharts zum „Ort des Geschehens“ zu vergegenwärtigen, sich also klar zu machen, wie Meister Eckhart das Konzept „Seele“ versteht.

1.
Für die Seele findet Meister Eckhart viele Metaphern. Er nennt sie „Licht“, „Funken“, „Tropfen“, „kleine Burg“ oder auch „Strahl der Herrlichkeit Gottes“. Für Menschen ist die Seele eine unbezwingbare „Festung“, Gott aber kann in die Seele eindringen, als Lichtstrahl oder als Funke, so wie das Sonnenlicht durch jede kleinste Ritze einer Festungsmauer hindurchscheint. Und dies ist nicht nur notwendig so, sondern auch wünschenswert, denn nur der Anteil der Seele am göttlichen Glanz eröffnet dem Menschen den Zugang zu Gott.

2.
Ziel aller mystischen Spiritualität ist die Einheit mit Gott, die unio mystica durch die Geburt Gottes in der Seele. Dass Gott in mir geboren wird, so Eckhart mit Augustinus, daran sei „alles gelegen“ (Quint 1963: 415). Der „Ort“ dieser Geburt ist die Seele des Menschen, genauer: der namelose „Seelengrund“. Die Gottesgeburt vollzieht sich durch mystische Erfahrung, was bei Meister Eckhart ein Erkennen Gottes meint. Um Erkennen zu können, müssen die Sinne des Erkennens ledig sein von allem, „leer werden“, auch vom Gegenstand des Erkennens. Die Seele, in der die Erkenntnis Gottes stattfinden soll, muss also „leer werden“ von Gott und gleichsam für Gott. Der Mensch, so Eckhart, muss „um Gottes Willen“ von Gott selbst lassen. Kurt Flasch stellt hier die Verbindung von aristotelisch-averroistischer Intellekttheorie und eckhartscher Seelenkonzeption heraus. In seinem Kommentar zu De anima hatte Averroes Bilder für die Negativität des Intellekts entwickelt, die, so Flasch, später erst von Dietrich von Freiberg und dann von Meister Eckhart aufgegriffen wurden: Entblößtsein, Leersein, Nacktsein, Farblos-Sein (Flasch 2006: 62). Bei diesem führt das dann zum Schlüsselbegriff Gelassenheit: „Die Ethik der Gelassenheit realisiert, daß der Intellekt ,entblöst’ ist, denudatum, daß er, wie Anaxagoras, Aristoteles und Averroes sagen, nichts von allem sein darf, um alles zu erfassen. Indem der Intellekt nichts hat, hat er das gesamt Sein.“ (Flasch 2006: 114). Gott aber ist für Eckhart das gesamte Sein (die geschaffene Welt besitzt von sich aus kein Sein, sondern verhält sich wie ein Akzidens zur Ursubstanz, also: zu Gott). Um dieses Sein erfassen, also: erkennen, zu können, muss die Seele „ledig“ sein.

3.
Andererseits geschieht das Erkennen der menschlichen Seele in Einheit mit Gott, mehr noch, es beruht auf Gegenseitigkeit: „Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge, und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.“ (Quint 1963, 216). Im Erkennen partizipiert der Erkennende an der Realität des Erkenntnisgegenstands, der sich im Erkennenden befindet. Der Widerspruch von An- und Abwesenheit lässt sich auflösen, wenn zwischen der ontologischen Seinswirklichkeit und den Erfahrungswirklichkeiten unterschieden wird. Ich muss jenen Gott lassen, den ich mir als empirische Qualität facettenreich vorstelle, damit für das wahre Sein Gottes Raum entsteht in meiner Seele. Denn Gott als reine Substanz ist ohne Eigenschaften, ohne Akzidentien. Die Zuschreibungen, die das christliche Gottesverständnis vornimmt, sind substantiell, also Güte, Allmacht, Allwissenheit.

4.
Die auf Platon zurückgehende Haltung, Erkenntnis resultiere aus der Identität der Seinsqualitäten, spielt eine Schlüsselrolle in Meister Eckharts Vorstellung von der Seele. Die Seele ist im Stande, Gott in sich aufzunehmen, weil ihr Bild mit dem Bild Gottes „ein Sein [hat]“ (Quint 1963: 264). Eckhart sagt: „Ich kann kein Ding sehen, es sei mir denn gleich; noch kann ich ein Ding erkennen, es sei mir denn gleich.“ (ebd.). Dies darf jedoch nicht verstanden werden als ein Rezeptionsvorgang einer vorhandenen Entität, die eine andere Entität „schluckt“, sondern als Prozess der ontologischen Selbstwerdung, d. h. die Seele erlangt ihr Sein erst durch die Gotteserkenntnis. Gott gibt der Seele für diese Entwicklung nicht „etwas“ mit auf den Weg, sondern „sich“, denn wenn Gott Sein stiftet, dann gibt Er sich, da Er nichts als Sein ist und, wie ich schon sagte, nur Er Sein ist und außer durch Ihn kein Sein ist. Meister Eckhart sagt: „Wenn Gott die Kreatur ansieht, gibt er ihr damit ihr Sein; wenn die Kreatur Gott ansieht, empfängt sie damit ihr Sein.“ (Quint 1963: 206f.).

5.
In die so entstehende und wachsende Seele wird aber nicht nur die Idee Gottes eingebracht, die sich überall in der Schöpfung findet, sondern Gott selbst, mit der Folge: „[W]o Gott ist, da ist die Seele, und wo die Seele ist, da ist Gott.“ (Quint 1963: 207). Dabei sind „Seele“ und „Gott“ in ihrer ontologischen Zusammengehörigkeit nicht vollkommen identisch, also ein und dasselbe, sondern nehmen ihre spezifische Rolle ein im Erfahrens- und Erkenntnisprozess des Menschen, der davon getragen wird, dass beide, Seele und Gott, am gleichen Sein teilhaben, ohne gleich zu werden. Denn die Seele bleibt das Empfangende und das Zurückgebende, Gott das Schenkende und Schaffende. Das Sein aber umfasst alles, das werdende Sein (die Seele), und das absolute Sein (Gott), das geschaffene, abhängige Sein (die Seele) und das ursprüngliche Sein (Gott). Die ontologische Identität von Seele und Gott – wohlverstanden als die Unterordnung unter das eine Sein, nicht als substanzielle Gleichheit – garantiert die Teilhabe des Menschen an Gott durch die Erfahrung bzw. Erkenntnis, die der Seele als Brücke zwischen Mensch und Gott offenbar wird, eben dadurch, dass sie teilhat am göttlichen Sein.

6.
Erkenntnis Gottes bedeutet also Einswerden mit Gott, bedeutet unio mystica. Die Seele richtig vorzubereiten, damit diese Möglichkeit der Einheit aktualisiert wird und aus dem „göttlichen Funken“ eine Leuchtspur zu Gott wird, die nicht nur das Licht der Erkenntnis Gottes, sondern auch ein Feuer des Glaubens entfacht, darin besteht die Lebensaufgabe des Christen. Meister Eckhart spricht die Bedeutung des „Wachsens“ im Glauben an, wieder mit einem Bild, dem von „Jungfrau“ und „Weib“: „Nun gebt acht und seht genau zu! Wenn nun der Mensch immerfort Jungfrau wäre, so käme keine Frucht von ihm. Soll er fruchtbar werden, so ist es notwendig, daß er Weib sei. ,Weib’ ist der edelste Name, den man der Seele zulegen kann, und ist viel edler als ,Jungfrau’. Daß der Mensch Gott in sich empfängt, das ist gut, und in dieser Empfänglichkeit ist er Jungfrau. Daß aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser; denn Fruchtbarwerden der Gabe das allein ist Dankbarkeit für die Gabe, und da ist der Geist Weib in der wiedergebärenden Dankbarkeit [...]“ (Quint 1963: 159f.).

Zitierte Texte:

Kurt Flasch: Meister Eckhart. Die Geburt der „Deutschen Mystik“ aus dem Geist der arabischen Philosophie. München 2006.

Josef Quint: Meister Eckhart: Deutsche Predigten und Traktate. München 1963.

(Josef Bordat)

Christliche Existenzphilosophie, diesmal im Anschluss an Meister Eckhart

Meister Eckhart (um 1260-1328) war jemand, der mit beiden Beinen im Leben stand und neben der Kontemplation und der Unterweisung noch Energie aufzubringen hatte für die Organisation und Administration innerhalb des Dominikanerordens und der Proto-Universität zu Köln. Eine Existenz in Einheit von Lehre und Leben, etwas, das er selbst immer gepredigt hat. Es geht ihm in seinen Unterweisungen tatsächlich darum, die Differenz von lêre und leben gerade auch durch die eigene Praxis der Lebensgestaltung aufzuheben.

Man nähert sich Meister Eckhart am besten von oben, also vom Anliegen her. Dabei ist als das Ziel des eckhartschen Denkens in der Einheit des Menschen mit Gott zu sehen, eine Einheit, die man, wie ich finde, am treffendsten als unio mystica bezeichnet, auch wenn Eckhart diesen Begriff selbst nicht verwendet. Diese Einheit mit Gott geschieht durch die „Gottesgeburt in der Seele“.

Gott aber ist für Eckhart das gesamte Sein – die geschaffene Welt besitzt von sich aus kein Sein, sondern verhält sich wie ein Akzidens zur Ur-Substanz, also: zu Gott. Um dieses Sein erfassen, also: erkennen, zu können, muss die Seele ledig sein. Die Seele ist nicht an den Körper gebunden. Sie verleiht ihm Leben, ist aber frei bzw. nur dann im Körper gebunden, wenn bzw. solange es ihr nicht gelingt, sich von den sinnlichen Eindrücken loszulösen, die sie durch den Körper aufnimmt. Die Seele muss die sinnlichen Eindrücke lassen, um frei zu werden – ledig.

Das Motiv des Bloß-Seins, Arm-Seins und Leer-Seins der Seele kommt in den Predigten als Ergebnis der Bibelexegese häufig vor, v. a. in seiner „Armutspredigt“ zu Mt 5, 3: Beati pauperes spiritu, quia ipsorum est regnum coelorum („Selig sind die Armen im Geiste, das Himmelreich ist ihrer“).[1]

Eckhart versucht darin, die rechte Armut zu bestimmen: Nichts wollen, nichts wissen, nichts haben. Dies tut er in einer Radikalität, die den Zuhörern einiges abverlangt. Aus seinem hohen Anspruch macht der Prediger Eckhart keinen Hehl, sagt er doch gleich zu Beginn: „Nun gibt es zweierlei Armut. Die eine ist eine äußere Armut, und die ist gut und sehr zu loben an dem Menschen, der sie mit Willen auf sich nimmt aus Liebe zu unserm Herrn Jesus Christus, weil der sie selbst auf Erden gehabt hat. Von dieser Armut will ich nicht weiter sprechen. Indessen, es gibt noch eine andere Armut, eine innere Armut, die unter jenem Wort unseres Herrn zu verstehen ist, wenn er sagt: ,Selig sind die Armen im Geiste’. Nun bitte ich euch, ebenso (arm) zu sein, auf daß ihr diese Rede verstehet; denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Wenn ihr dieser Wahrheit, von der wir nun sprechen wollen, nicht gleicht, so könnt ihr mich nicht verstehen.“[2]

Einige Zitate belegen diese Radikalität.

1. Zum „nichts wollen“: „Wenn einer mich nun fragte, was denn aber das sei: ein armer Mensch, der nichts will, so antworte ich darauf und sage so: Solange der Mensch dies noch an sich hat, daß es sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes erfüllen zu wollen, so hat ein solcher Mensch nicht die Armut, von der wir sprechen wollen; denn dieser Mensch hat (noch) einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genügen will, und das ist nicht rechte Armut.“[3]

2. Zum „nichts wissen“: „Wir haben gelegentlich gesagt, daß der Mensch so leben sollte, daß er weder sich selber noch der Wahrheit noch Gott lebe. Jetzt aber sagen wir’s anders und wollen weitergehend sagen: Der Mensch, der diese Armut haben soll, der muß so leben, daß er nicht (einmal) weiß, daß er weder sich selber noch der Wahrheit noch Gott lebe. Er muß vielmehr so ledig sein alles Wissens, daß er nicht wisse noch erkenne noch empfinde, daß Gott in ihm lebt“.[4]

3. Zum „nichts haben“: „Ich habe es (schon) oft gesagt, und große Meister sagen es auch: der Mensch solle aller Dinge und aller Werke, innerer wie äußerer, so ledig sein, daß er eine eigene Stätte Gottes sein könne, darin Gott wirken könne. Jetzt aber sagen wir anders. Ist es so, daß der Mensch aller Dinge ledig steht, aller Kreaturen und seiner selbst und Gottes, steht es aber noch so mit ihm, daß Gott in ihm eine Stätte zum Wirken findet, so sagen wir: Solange es das noch in dem Menschen gibt, ist der Mensch (noch) nicht arm in der eigentlichsten Armut. Denn Gott strebt für sein Wirken nicht danach, daß der Mensch eine Stätte in sich habe, darin Gott wirken könne; sondern das (nur) ist Armut im Geiste, wenn der Mensch so ledig Gottes und aller seiner Werke steht, daß Gott, dafern er in der Seele wirken wolle, jeweils selbst die Stätte sei, darin er wirken will, — und dies täte er (gewiß) gern.“[5]

Am Ende kehrt der in dieser Weise „arme Mensch“ als „göttlicher Mensch“, so nennt Eckhart den Menschen in Einheit mit Gott, durch die Gottesgeburt in der Seele nicht nur zu Gott, sondern zu seiner eigenen Ursächlichkeit zurück und erreicht eben nicht nur eine Einheit mit Gott, sondern auch mit sich, mit dem Ich, das Eckhart mit der ursächlichen Gottheit assoziiert, die Ursache ihrer selbst ist und zugleich Selbstbewusstsein und Selbstzweck ausbildet – unvermittelt, voraussetzungslos, ewig.

Das zeitliche Ich verschmilzt mit dem ursprünglichen Ich in der Gotteserkenntnis bei Meister Eckhart so wie bei Kant das empirische Ich mit dem transzendentalen Ich eine Bindung eingeht, wenn die „Achtung vom dem Moralgesetz“ den Menschen bestimmt. Bei Eckhart ist es die „Achtung vor dem Gesetz der Armut“, das den Christen bestimmen soll, damit über die Ledigkeit eine Öffnung zur Transzendenz erfolgen kann, die gerade in ihrer Passivität die Erkenntnis Gottes in der Einung mit Gott ermöglicht. Und diese Erkenntnis Gottes ist Grundanliegen und Quintessenz der eckhartschen Mystik, weil er sie für das Grundanliegen und die Quintessenz des menschlichen Lebens schlechthin hält. Das wiederum bedeutet nicht, dass sich die christliche Existenz in der Suche nach spektakulären seelischen Ereignissen erschöpft, die wir umgangssprachlich „mystische Erfahrungen“ nennen, obgleich diese senkrecht einfallenden Theophanien im Sinne der älteren Kontemplationsmystik rara hora et parva mora [Bernhard von Clairveaux] durchaus geschehen können. Die Erfahrung der Einheit mit Gott, die Meister Eckhart meint, ist jedoch kein isoliertes seelisches Ereignis, sondern „die währende Seinsgegenwart Gottes am Grund der menschlichen Existenz“[6]. Ein schöner Lohn für die Armutsübung christlicher Existenz!

Anmerkungen:

[1] Pred. 52. In: Meister Eckhart. Die Deutschen und Lateinischen Werke. Hg. im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft von Josef Quint, Deutsche Werke (DW), Bd. 2 (Meister Eckharts Predigten 25-59), Stuttgart 1971 [unveränderter Nachdruck 1988], S. 478-524. Vgl. dazu auch Rodrigo Guerizoli: Die Verinnerlichung des Göttlichen: Eine Studie über den Gottesgeburtszyklus und die Armutspredigt Meister Eckharts. Leiden 2006, S. 183-205. Interessant ist, dass in Peter Dinzelbachers Wörterbuch der Mystik unter dem Stichwort „Gelassenheit“ auf den Begriff „Armut“ verwiesen wird (Vgl. Bernhard Fraling: Gelassenheit. In: Peter Dinzelbacher [Hg.]: Wörterbuch der Mystik. Stuttgart 1989, S. 185).

[2] Pred. 52. A. a. O., S. 486-487.

[3] Pred. 52. A. a. O., S. 491.

[4] Pred. 52. A. a. O., S. 494-495.

[5] Pred. 52. A. a. O., S. 499-501.

[6] Alois M. Haas: Meister Eckhart, in: Gerhard Ruhbach, Josef Sudbrack (Hg.): Große Mystiker. Leben und Wirken. München 1984, S. 156-170, hier: S. 161.

(Josef Bordat)

Vater unser

April 7, 2008

Nach Karl Rahner (1904-1984)

Vater unser, der Du bist im Himmel meines Herzens,
wenn es auch eine Hölle zu sein scheint;
geheiligt werde Dein Name,
er werde angerufen in der tödlichen Stille meines ratlosen Verstummens;
zu uns komme Dein Reich, wenn alles uns verlässt;
Dein Wille geschehe, auch wenn er uns tötet,
weil er das Leben ist und was auf Erden wie ein Untergang aussieht
im Himmel der Aufgang Deines Lebens ist;
gib uns heute unser tägliches Brot,
lass uns auch darum bitten, damit wir uns nie mit Dir verwechseln,
selbst nicht in der Stunde, da Du uns nahe bist,
sondern wenigstens an unserem Hunger merken,
dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind;
befreie uns von unserer Schuld und behüte uns in der Versuchung von der
Schuld und Anfechtung, die eigentlich nur eine ist: nicht zu glauben an Dich
und an die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe;
sondern erlöse uns – erlöse uns von uns selbst,
erlöse uns in Dich hinein,
erlöse uns in Deine Freiheit
und in Dein Leben.

Einige Hinweise auf weitere Texte zur Wirtschaftsethik

Josef Bordat (2005a): Von Verzicht und Vollbeschäftigung. Utopische Gedanken zu Wirtschaft, Gesellschaft, Konsum und Arbeit. In: Sic et Non. Zeitschrift für Philosophie und Kultur. Sektion „Politische Philosophie“.

Josef Bordat (2005b): Erziehungsethos ohne Zeigefingermoral. Die fetten Jahre sind vorbei (2004) als globalisierungskritisches Aufklärungskino. In: Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart. Jg. 6, Nr. 2.

Josef Bordat (2006a): Alte Kritik des neuen Liberalismus. Zur Aktualität der katholischen Soziallehre des 19. Jahrhunderts. In: Poligrafi. International Edition (Solidarity and Interculturality). Vol. 11, No. 41/42, Ljubljana, S. 151-170.

Josef Bordat (2006b): Globalisierung. Versuch einer Annäherung. In: Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart. Jg. 7, Nr. 1.

Josef Bordat (2006c): Jenseits der eindimensionalen ökonomischen Verwertungslogik. Der Berliner Philosoph Hans Poser hat den Begriff der Technodizee entwickelt. In: Scheinschlag. Berliner Stadtzeitung. Jg. 17, Nr. 10, Berlin, S. 14.

Josef Bordat (2007a): Biopiracy. The undesirable effects of intellectual property rights. In: Ohmy News International.

Josef Bordat (2007b): Wirtschaftsliberalismus. Grundlagen – Entwicklung – Probleme – Alternativen. In: Die Neue Lese-Homepage. Newsfeeds, Texte und mehr.

Josef Bordat (2008): Verzicht und Vollbeschäftigung. Der Faktor Zeit als Schlüssel zu einer alternativen Wirtschaftsweise. In: Le Temps (in) saisissable? Actes du 2ème colloque transfrontalier des jeunes chercheurs en Sciences Humaines et Sociales de l’Université Marc Bloch de Strasbourg. Straßburg, S. 43-49.

Die katholische Soziallehre und die Globalisierung

I.
Mehrfach wurde Rerum novarum bestätigt. Vierzig Jahre nach ihrem Erscheinen, inmitten der Weltwirtschaftskrise, folgt Quadragesimo anno (1931) von Papst Pius XI. Die Enzyklika charakterisiert die Entwicklung in deutlichen und hochaktuellen Worten: „Der freie Wettbewerb hat zu seiner Selbstaufhebung geführt; an die Stelle der freien Marktwirtschaft trat die Vermachtung der Wirtschaft [...] Im zwischenstaatlichen Leben aber entsprang der gleichen Quelle ein doppeltes Übel: hier ein übersteigerter Nationalismus und Imperialismus wirtschaftlicher Art, dort ein nicht minder verderblicher und verwerflicher finanzkapitalistischer Internationalismus oder Imperialismus des internationalen Finanzkapitals, das sich überall da zu Hause fühlt, wo sich ein Beutefeld auftut.“ (KAB 1977: 91 ff.). Letzteres Übel hat das erste überdauert und stellt heute das zentrale Problem im Kontext der Weltwirtschaft dar.

Siebzig Jahre nach Rerum novarum geht es in Mater et magistra (1961) von Johannes XXIII. um das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter, insbesondere aber um die Probleme der Entwicklungsländer, die erstmals explizit Thema einer Enzyklika werden. Es geht in Mater et magistra nicht mehr nur um das Wohl des eigenen Volkes, sondern um eine globale Perspektive auf das Armutsproblem. Seine berühmte Friedensenzyklika Pacem in terris (1963) nimmt einige dieser Gedanken auf und betont die Bedeutung der gerechtigkeit für den Frieden. Ergänzt wird diese Phase der Rerum novarum-Rezeption durch die Entwicklungs-Enzyklika Populorum progressio (1967) Pauls VI., in der die Bedingung für den Forschritt der ehemaligen Kolonialstaaten Lateinamerikas, Süd-Ost-Asiens und Afrikas dargelegt wird: die internationale Solidarität.

II.
Jener Paul VI. veröffentlichte 1971 mit Octogesima adveniens ein sehr wirkmächtiges Apostolisches Schreiben, in dem er zu den politischen und sozialen Herausforderungen der Gegenwart deutlich Position bezieht. Er vertieft darin einige Themen, die bislang in den päpstlichen Sozialenzykliken eher am Rande vorkamen. Insbesondere betont Paul VI. einen Pluralismus politischer Überzeugungen in der Kirche und gesteht den Laien eine weitgehende Autonomie beim politischen Handeln zu, beansprucht jedoch für das Lehramt, Grenzziehungen aus Gründen des Glaubens oder der Sitten vorzunehmen (so bei Themen wie Abtreibung, Völkermord, Terrorismus und Organisiertem Verbrechen).

Sehr aktuell liest sich eine Zusammenstellung von Positionen aus Populorum progressio und Octogesima adveniens: „In unserer augenblicklichen aufgewühlten und unsicheren Zeit hat die Kirche eine besondere Botschaft zu verkünden und den Bemühungen der Menschen, die ihre Zukunft in die Hand nehmen wollen und sich zu orientieren suchen, einen festen Halt zu geben. Seit der Zeit, in der die Enzyklika Rerum Novarum in lebendiger und eindringlicher Weise die unerträgliche Situation der Arbeiter in der werdenden Industriegesellschaft aufzeigte, wurde sich die geschichtliche Entwicklung, wie die Enzykliken Quadragesimo Anno und Mater et Magistra feststellten, anderer Auswirkungen und Ausmaße in der sozialen Frage bewußt. Das letzte Konzil hat sich seinerseits dafür eingesetzt, diese Fragen zu behandeln, besonders in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes. Wir selbst haben schon durch Unsere Enzyklika Populorum Progressio auf diese richtungweisenden Normen hingewiesen: „Die große Tatsache – sagten Wir – deren sich jeder heute bewußt werden muß, besteht darin, daß die soziale Frage weltweit geworden ist“ (Populorum Progressio, Nr. 3). Ein erneutes Bewußtsein der Forderungen des Evangeliums macht es der Kirche zur Pflicht, sich in den Dienst der Menschen zu stellen, um ihnen behilflich zu sein, das ganze Ausmaß dieses schweren Problems zu begreifen und sie zu überzeugen, sich in diesem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte dringlich zu vereintem Handeln zusammenzuschließen (Octogesima Adveniens, Nr. 5).“

III.
Ein wirklich epochaler „Wendepunkt der Menschheitsgeschichte“ stellt der Revolutionswinter 1989/90 dar. Als am 9. November 1989 auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor Menschen aus Ost und West tanzten und feierten, schien eine Ära mit utopischem Charakter anzubrechen, eine Zeit der Überwindung von Teilung und Trennung, eine Zeit des Friedens und der Zusammenarbeit im „globalen Dorf“ (Mc Luhan). Das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) schien nahe. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte Johannes Paul II. im Jahre 1991 – zum hundersten Jahrestag der Enzyklika Rerum novarum – die Enzyklika Centesimus annus, in welcher der Papst die Lehre von Rerum novarum würdigt und die Relevanz ihres Kerngedankens – Privateigentum und Marktwirtschaft in sozialer Verantwortung – für die Reformländer Osteuropas und die Entwicklungsländer des Südens betont. Immer wieder hat Johannes Paul II. hervorgehoben, dass der „Globalisierung des Profits und des Elends“ eine „Globalisierung der Solidarität“ entgegenzuhalten sei.

IV.
Und heute? In unserer Zeit der neoliberalen Globalisierung, in der Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, in der „Heuschrecken“ die Ernte jahrhundertelanger politischer Kulturalisierung kahl fressen, in der immer noch 2 Mrd. Menschen mit weniger als 2 US-Dollar pro Tag auskommen müssen, in dieser Zeit ist der Traum vom „ewigen Frieden“ durch freiheitliche Ökonomie längst geplatzt. Die Aufhebung der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges hat zwar zum Ende ideologischer Spannungen geführt, aber an ihre Stelle traten ethnische und ökonomische Auseinandersetzungen, die in ihrer Asymmetrie und Unberechenbarkeit in allen Regionen der Welt Kriege auslösten und auslösen und jederzeit neu auslösen können. Globalisierung steht heute trotz der Reformerfolge in Osteuropa, trotz der insgesamt guten wirtschaftlichen Entwicklung in Lateinamerika und Asien mehr denn je für die weltweite Ausbreitung von Armut, Terror und Krieg. Hinzu kommt die Globalität der ökologischen Risiken expandierender Wirtschaftsaktivitäten, die sich im Schlagwort des „Klimawandels“ bündeln, ein Begriff, der längst zum Gegenkonzept der Globalisierung geworden ist.

Und die Kirche? Was ist ihre Reaktion auf die unbefriedigende Entwicklung im globalisierten Zeitalter? Papst Benedikt XVI., der schon in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est (2005) bemerkenswerte Aussagen zur Ökonomie gemacht hat, sagte zur Feier des XLI. Weltfriedenstags am 1. Januar 2008 unter dem Punkt Familie, menschliche Gemeinschaft und Wirtschaft etwas sehr bemerkenswertes, indem er die Familie als Sinnbild der Menschheit heraushob und an ihr grundlegende Zusammenhänge des fruchtbaren Miteinanders erläuterte: „Eine wesentliche Voraussetzung für den Frieden in den einzelnen Familien ist, daß sie sich auf ein solides Fundament gemeinsam anerkannter geistiger und ethischer Werte stützen. Dazu ist aber ergänzend zu bemerken, daß die Familie eine echte Erfahrung von Frieden macht, wenn keinem das Nötige fehlt und das familiäre Vermögen — die Frucht der Arbeit einiger, des Sparens anderer und der aktiven Zusammenarbeit aller — gut verwaltet wird in Solidarität, ohne Unmäßigkeiten und ohne Verschwendungen. Für den familiären Frieden ist also einerseits die Öffnung auf ein transzendentes Erbe an Werten notwendig, andererseits aber ist es zugleich nicht bedeutungslos, sowohl die materiellen Güter klug zu verwalten als auch die zwischenmenschlichen Beziehungen mit Umsicht zu pflegen. Eine Vernachlässigung dieses Aspektes hat zur Folge, daß aufgrund der unsicheren Aussichten, welche die Zukunft der Familie bedrohen, das gegenseitige Vertrauen Schaden nimmt. Ähnliches ist über jene andere große Familie zu sagen, welche die Menschheit im ganzen ist. Auch die Menschheitsfamilie, die heute durch das Phänomen der Globalisierung noch enger vereint ist, braucht außer einem Fundament an gemeinsam anerkannten Werten eine Wirtschaft, die wirklich den Erfordernissen eines Allgemeinwohls in weltweiten Dimensionen gerecht wird. Die Bezugnahme auf die natürliche Familie erweist sich auch unter diesem Gesichtspunkt als besonders aufschlußreich. Zwischen den einzelnen Menschen und unter den Völkern müssen korrekte und ehrliche Beziehungen gefördert werden, die allen die Möglichkeit geben, auf einer Basis der Parität und der Gerechtigkeit zusammenzuarbeiten. Zugleich muß man sich um eine kluge Nutzung der Ressourcen und um eine gerechte Verteilung der Güter bemühen. Im besonderen müssen die den armen Ländern gewährten Hilfen den Kriterien einer gesunden wirtschaftlichen Logik entsprechen, indem Verschwendungen vermieden werden, die letztlich vor allem der Erhaltung kostspieliger bürokratischer Apparate dienen. Ebenfalls gebührend zu berücksichtigen ist der moralische Anspruch, dafür zu sorgen, daß die wirtschaftliche Organisation nicht nur den strengen Gesetzen des schnellen Profits entspricht, die sich als unmenschlich erweisen können.“

V.
Eine Ideologie wie der (Neo-)Liberalismus, der von sich behauptet, schicksalhaften, „natürlichen“ Charakter zu haben, fordert eine Gegenideologie heraus. Die radikale Gegenposition zum Liberalismus wurde einst von Marx und Engels eingenommen (Sozialismus) und dann von der katholischen Soziallehre auf der Basis idealistischer Ökonomiekritik für die bürgerliche Mitte salonfähig gemacht. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die Kritik der katholischen Kirche am Wirtschaftsliberalismus von der nationalen auf die globale Ebene durchdringt, da das Motiv der Verbesserung materieller Lebensbedingungen aus einer christlichen Anthropologie und mit Referenz auf die menschliche Würde nicht gebunden ist an Nationen oder Regionen. Die aktualisierenden und globalisierenden „Erneuerungsenzykliken“ in der Tradition von Rerum Novarum zeigen dies. Und wenn die Situationsbeschreibung deutscher Städte vor 150 Jahren der Lage in den Großstädten der „Dritten Welt“ heute entspricht, dann liegt es nahe zu hoffen, mit der alternativen Wirtschaftsweise auch global die Früchte ernten zu können, die sie national durchaus schon zu tragen vermochte. Solidarität, d. h. die Zügelung des Erwerbstriebs und die Überwindung der materiellen Selbstsucht, sind auch heute die zentrale Aspekte, an denen sich eine Wirtschaftsorganisation messen lassen muss – national und global.

(Josef Bordat)

Sozialethik ex cathedra: Rerum novarum (1891)

Am Ende des 19. Jahrhunderts steht eine offizielle katholische Soziallehre, die deutlich die Handschrift Kettelers trägt, in ihrer Weiterentwicklung im 20. Jahrhundert auf das Werk Peschs zurückgeht (Pesch wirkte v. a. auf Quadragesimo anno, 1931) und die auch im 21. Jahrhundert in wesentlichen Teilen noch Gültigkeit beansprucht.

In der Enzyklika Rerum novarum von 1891 entwirft Papst Leo XIII. die „Magna Charta“ des sozialen Katholizismus, die den Sozialismus ablehnt, das Naturrecht auf Privateigentum unterstreicht sowie Kirche und Staat in die soziale Pflicht nimmt.

Zuvor hatten bereits Pius IX. (1864) und eben jener Leo XIII. (1878) mit antisozialistischen Verlautbarungen die Position der Kirche verdeutlicht. Der Syllabus von Pius IX. richtet sich gegen die Irrtümer der Zeit und rechnet den Sozialismus dazu, weil er sich „gegen die Familie und das Privateigentum wendet“ (Ockenfels 1992: 36), die Enzyklika Quod Apostolici muneris Leos XIII. warnt vor dem christlichen Duktus des „anarchischen, Moral und Ehe verneinenden, das Eigentumsrecht mißachtenden, radikale Gleichheit fordernden Frühsozialismus“, der die Lehre Christi für seine Zwecke bewusst fehl deute und den es wie eine „todbringende Seuche“ oder eine „Giftpflanze“ auszurotten gelte (Ockenfels 1992: 36). Leider scheint es, als habe der Kampf gegen den Sozialismus die Kräfte des Vatikan gebündelt, so dass sich die „offizielle“ katholische Kirche nur zögernd auf die soziale Frage eingelassen und sich erst sehr spät mit den Leittragenden beschäftigt hat: „Der ,Pauperismus’, das Massenelend der Arbeiter, existierte schon fast fünfzig Jahre, bis seine Dringlichkeit auch dem obersten Hirten bewußt war.“ (Fröhlich 1990: 215).

Die Problematik des Spagats zwischen der Analyse der bestehenden Verhältnissen und möglichen sozialistischen Heilsentwürfen, die strikt abgelehnt werden, macht Leo XIII. deutlich, wenn er zu der mit Rerum novarum verbundenen Aufgabenstellung sagt: „Die ganze Frage ist ohne Zweifel schwierig und voller Gefahren; schwierig, weil Recht und Pflicht im gegenseitigen Verhältnis von Reichen und Besitzlosen, von denen, welche die Arbeitsmittel, und denen, welche die Arbeit liefern, abzumessen in der Tat keine geringe Aufgabe ist; und voller Gefahren, weil eine wühlerische Partei nur allzu geschickt das Urteil irreführt und Aufregung und Empörungsgeist unter den unzufriedenen Massen verbreitet.“ (KAB 1977: 31).

Die Zielsetzung Leos XIII. mit Rerum novarum ist eine dreifach: „das Arbeiterelend beseitigen; die Konflikte in der Gesellschaft beilegen; den Kommunismus bekämpfen“ (Fröhlich 1990: 215). Das Vertrauen auf die Opferbereitschaft wohlhabender und wohlwollender Christen, wie sie Ketteler vortrug, weicht dabei sozialpolitischer Realität, d. h. der Forderung nach subsidiärer „Hilfe zur Selbsthilfe“ und strikter Gemeinwohlorientierung des Staates, wie sie bei Pesch angedacht ist. Die Situation der Arbeiter soll durch höhere Löhne verbessert werden, die er jenseits des Marktmechanismus von Arbeiterorganisationen reglementiert sehen möchte, wobei er staatliche Unterstützung dieser Organisationen nicht grundsätzlich ablehnt: „Wenn also auch immerhin die Vereinbarung zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, insbesondere hinsichtlich des Lohnes, beiderseitig frei geschieht, so bleibt dennoch eine Forderung der natürlichen Gerechtigkeit bestehen, die nämlich, daß der Lohn nicht etwa so niedrig sei, daß er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft. Diese schwerwiegende Forderung ist unabhängig von dem freien Willen der Vereinbarenden. Gesetzt, der Arbeiter beugt sich aus reiner Not oder um einem schlimmeren Zustande zu entgehen, den allzu harten Bedingungen, die ihm nun einmal vom Arbeitsherrn oder Unternehmer auferlegt werden, so heißt das Gewalt leiden, und die Gerechtigkeit erhebt gegen einen solchen Zwang Einspruch. Damit aber in solchen Fragen wie diejenige der täglichen Arbeitszeit die verschiedenen Arbeitsarten, und diejenige der Schutzmaßregeln gegen körperliche Gefährdung, zumal in Fabriken, die öffentliche Gewalt sich nicht in ungehöriger Weise einmische, so erscheint es in Anbetracht der Verschiedenheit der zeitlichen und örtlichen Umstände durchaus ratsam, jene Fragen vor die Ausschüsse zu bringen, von denen Wir unten näher handeln werden, oder einen andern Weg zur Vertretung der Interessen der Arbeiter einzuschlagen, je nach Erfordernis unter Mitwirkung und Leitung des Staates.“ (KAB 1977: 57). Dem marxistischen Klassenkampf in der gespaltenen Gesellschaft hält Leo XIII. das christliche Bild des Leibes entgegen, an dem „Kapital“ und „Arbeit“ einander bedürfende Glieder darstellen: „So wenig das Kapital ohne die Arbeit, so wenig kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen.“ (KAB 1977: 41). Die Kirche führt beide zur natürlichen Harmonie, die entsteht, wenn – ganz im platonischen Sinne – jede Seite ihre Pflicht erfüllt. „Die Natur hat vielmehr alles zur Eintracht, zu gegenseitiger Harmonie hingeordnet; und so wie im menschlichen Leibe bei aller Verschiedenheit der Glieder im wechselseitigen Verhältnis Einklang und Gleichmaß vorhanden ist, so hat auch die Natur gewollt, daß im Körper der Gesellschaft jene beiden Klassen in einträchtiger Beziehung zueinander stehen und ein gewisses Gleichgewicht darstellen.“ (KAB 1977: 41). Das Eigentum schließlich wird im Rückgriff auf Thomas von Aquin als „erlaubt“ und „notwendig“ bezeichnet, wobei für die Nutzung eine Einschränkung hinsichtlich der Rücksicht auf Bedürftige gemacht wird: „Fragt man nun, wie der Gebrauch des Besitzes beschaffen sein müsse, so antwortet die Kirche mit dem nämlichen heiligen Lehrer: ,Der Mensch muß die äußern Dinge nicht wie ein Eigentum, sondern wie gemeinsames Gut betrachten und behandeln, insofern nämlich, als er sich zur Mitteilung derselben an Notleidende leicht verstehen soll.’“ (KAB 1977: 44). Bezug genommen wird auf Thomas v. Aquins Summa theologica (II-II, 66, 2) und auf zahlreiche Bibelstellen, die die Pflicht des Reichen thematisieren: 1 Tim. 6, 17 („Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen.“), Lk 11, 41 („Gebt lieber, was in den Schüsseln ist, den Armen, dann ist für euch alles rein.“), Apg 20, 35 („[...] Geben ist seliger als nehmen.“) und Mt 25, 40 („Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“).

Literatur:

Bundesverband der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Deutschlands (KAB) (1977): Texte zur katholischen Soziallehre. Die sozialen Rundschreiben der Päpste und andere kirchliche Dokumente. Kevelaer.

Fröhlich, R. (1990): Lebendige Kirchengeschichte. Die Erfahrung von 2000 Jahren. Freiburg.

Ockenfels, W. (1992): Kleine katholische Soziallehre. Eine Einführung. Trier.

Thomas v. Aquin (1933 ff): Deutsche Thomas-Ausgabe. Vollständige, ungekürzte deutsch-lateinische Ausgabe der Summa theologica. 36 Bde. Hrsg. v. d. Albertus-Magnus-Akademie Walberberg b. Köln, Heidelberg / München u. Graz / Wien / Salzburg.

(Josef Bordat)

Solidarismus. Heinrich Pesch (1854-1926)

Der Jesuit Pesch, den Grenner als „zurückgezogen lebenden Gelehrten“ beschreibt, dem es „in sympathischer Menschlichkeit nicht um persönliche Polemik, sondern stets um die Sache ging“ (Grenner 1967: 267), war zeitlebens auf der Suche nach einem nationalökonomischen System, „das die Extreme des manchesterlich-freiwirtschaftlichen Individualismus und des kollektivistischen Sozialismus zu vermeiden suchte, indem es auf die mitmenschliche Solidarität als Tatsache und ethische Pflicht verwies“ (Grenner 1967: 267). Ausgehend von der These, dass der Wirtschaftsliberalismus – „Smithianismus“, wie Pesch ihn nannte – versagt habe, entwickelt er in seinem Hauptwerk, dem fünfbändigen Lehrbuch der Nationalökonomie, den Gedanken des Solidarismus als „sozialphilosophisches Seinsprinzip und ethische Maxime“ (Grenner 1967: 268), die jener Unsittlichkeit entgegenstehe, welche dem Wirtschaftsliberalismus immanent sei. Die schrankenlose Konkurrenz, die Smith’ „unsichtbare Hand“ noch zum Gemeinwohl treibt, verschlechtert in den Augen Peschs nach und nach den Maßstab der geschäftlichen Moralität und ende schließlich im faktischen Monopol der gewissenlosesten Unternehmen und dem materiellen, sozialen und moralischen Ruin der Bevölkerung (Pesch 1898 ff.: 426). Er billigt Smith zwar zu, selbst keinen solch schrankenlosen Egoismus gepredigt zu haben (in der Tat spricht Smith von einer Bindung der egoistischen Neigung an die sympathy als Neigung zum Hineinfühlen in den Anderen), wirft ihm aber vor, leichtfertig von der Annahme ausgegangen zu sein, „daß die [...] dem individuellen Erwerbstrieb gesetzten Schranken für die Zwecke einer gesunden Volkswirtschaft [...] ausreichen“ (Pesch 1898 ff.: 158) und kritisiert Smith’ individualistischen Gerechtigkeitsbegriff, der zeige, dass „der schottische Moralphilosoph sich nicht zu [...] wahrhaft nationalökonomischen Auffassungen emporzuschwingen [vermochte]“ (Pesch 1898 ff.: 147). Pesch fasst seinen Vorwurf dem Wirtschaftsliberalismus gegenüber zusammen mit den eindringlichen Worten: „Das Evangelium der Selbstsucht ist schuld an all diesem Elend, all diesem Unrecht [...]“(Pesch 1898 ff.: 315).

Um dem konstruktiv zu begegnen, proklamiert er eine solidarische Wirtschaftsordnung, jenseits der fragmentarischen Privatwirtschaft des Liberalismus und der sozialistischen Individualwirtschaft des Staates, als „Organisation des wirtschaftlichen Lebens, wie sie in ihren Elementen zum Teil spontan sich bildet, von der staatlichen Verwaltung aber energische Förderung, von der staatlichen Rechtsordnung feste Gestalt und wirksamen Schutz verlangt“, mit dem Ziel, „eine den natürlichen und erworbenen Rechten der Einzelnen wie dem Wohle der Gesamtheit entsprechende, d. h. die gerechte und darum auch gesunde Verteilung der Güter“ zu erreichen (Pesch 1898 ff.: 190 f). Der Staat erscheint in seiner Eingriffsbefugnis subsidiär, was diese wirtschaftliche Organisation vom Sozialismus abgrenzt. Pesch hält – wie Ketteler – das Christentum in Gestalt der Kirche für den Garanten der wahren Freiheit, der vor totalitär-absolutistischem Gehabe des Staates ebenso bewahrt wie vor falschem Individualismus.

Literatur:

Grenner, K. H. (1967): Wirtschaftsliberalismus und katholisches Denken. Ihre Begegnung und Auseinandersetzung im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Köln.

Pesch, H. (21898 ff.): Liberalismus, Sozialismus und christliche Gesellschaftsordnung. Freiburg.

(Josef Bordat)

Das Mainzer Manifest (1848): Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877)

Zum philosophischen Einfluss des Idealismus trat die konkrete praktische Situation in der beginnenden Industrialisierung hinzu, die mit Zuspitzung der sozialen Frage nur unzureichend beschrieben ist. Unmenschliche Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, Frauen- und Kinderarbeit und katastrophale Wohnverhältnisse, das waren die herausfordernden Umstände, die im Revolutionsjahr 1848 zu drei unterschiedlichen Manifesten führten: dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, dem Manifest der Inneren Mission der evangelischen Kirche, das mit dem Namen Johann Hinrich Wichern verbunden ist, und dem Mainzer Manifest der katholischen Kirche, das auf dem ersten deutschen Katholikentag vom späteren Mainzer Bischof (seit 1850) und Reichstagsabgeordneten Wilhelm Emmanuel von Ketteler entwickelt wurde. Auch wenn Ketteler in der Analyse der sozioökonomischen Situation sowie in der theoretischen Lehrentwicklung keine nachhaltigen Weichen stellte, sollte sein sozial vorbildlich Engagement als Bischof gewürdigt werden, schon um die Möglichkeit einer fruchtbaren Verbindung von Theorie und Praxis aufzuweisen.

Weil er aus „pastoraler Sorge“ (Grenner 1967: 206) um den Bestand der Kirche und um das „Seelenheil der ihm anvertrauten Menschen“ (Vigner 1924: 732) beherzt die Probleme beim Namen nennt, wird er zum „Erwecker des sozialen Gewissens“ (Höffner 1962: 5). In seiner zweiten Dompredigt am 3.12.1848 sagt er: „Man kann [...] von der jetzigen Zeit nicht reden und noch weniger ihre Lage in Wahrheit erkennen, ohne immer wieder auf unsere sozialen Verhältnisse und insbesondere auf die Spaltung zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, auf den Zustand unserer armen Mitbrüder, auf die Mittel, hier zu helfen, zurückzukommen.“ (Ketteler 1924b: 227 f.).

Kein anderer Kirchenvertreter seiner Zeit hat „mit solcher Eindringlichkeit und in solcher Breite die sozialen Probleme analysiert und vor das christliche Gewissen gestellt wie Bischof Ketteler“ (Höffner 1962: 20). Dabei bleibt er nicht auf akademisch-distanzierter Ebene, sondern tritt im Alltag für die Armen seiner Zeit ein, getrieben von „Epochebewusstsein, [..] pastorale[r] Sorge und [..] karitative[r] Einstellung“ (Grenner 1967: 209).

Ketteler verbindet Glauben und soziale Frage, indem er Not und Elend der Massen auf Unmoral und diese wiederum auf Unglauben zurückführt: „Der Unglaube erscheint mir als die einzige Quelle des ganzen Verderbens.“ (zit nach Gutschera/Thierfelder 1976: 205). Dieser Unglaube entsteht für ihn aus dem sich auf allen Lebensbereichen ausbreitenden Liberalismus. Er unterscheidet jedoch sehr klar zwischen einer freiheitlichen Gesinnung, „die ebenso echt human wie christlich ist und im Christentum ihre volle Verwirklichung findet“ (Ketteler 1924c: 244) und dem christentumsfeindlichen Liberalismus, der mit seinem Materialismus und seiner mechanisch-rationalistischen Wirtschaftslehre zu „eine[r] wahre[n] Pulverisierung des Menschengeschlechts“ (Ketteler 1924c: 29) führt, da sie die personale Würde des Arbeiters verletzte, wenn sie ihn allein „als Arbeitskraft, als Maschine, als Sache“ in Betracht ziehe, die man „egoistisch ausbeutet“ (Ketteler 1924c: 152).

Gerade in der „Versachlichung“ liegt die entscheidende Differenz sowohl zur christlichen dignitas humana als auch zu Kants Forderung, den Menschen niemals bloß als Mittel zu gebrauchen. Im Zusammenhang mit der Konfrontation des wirtschaftsliberalistischen mit dem christlichen Menschenbild verweist Ketteler auf das „eherne Lohngesetz“, welches besagt, dass die Arbeiter im Rahmen eines freien Arbeitsmarkts nie mehr verdienen könnten, als gerade zum Überleben nötig sei. Dieses „eherne Lohngesetz“ übernimmt Ketteler von Ferdinand Lassalle, dem Mitbegründer des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ (1863), der ersten sozialdemokratischen Organisation in Deutschland.

Ketteler macht deutlich, „daß nur Christus und das Christentum der Welt und insbesondere dem Arbeiterstande helfen kann“ (Ketteler 1924c: 5). Der „Wohlstand der Nationen“ kommt bei Ketteler weder durch die ungehindert wirksamen Marktkräfte (Liberalismus), noch durch staatliche Maßnahmen (Sozialismus), sondern christliche Tugenden, zu denen Fleiß ebenso zählt wie Bescheidenheit als Lebensstil zwischen den Extremen „reich“ und „arm“ (Grenner 1967: 219). Ein Leben in Luxus bedeute „Empörung gegen Gott, der dem Menschen das Gebot der Arbeit gegeben hat“ (Grenner 1967: 209), wobei „nur die Arbeit [..] wahrhaft gottgefällig [ist], mit der treue Pflichterfüllung und mehr oder weniger Mühe und Anstrengung verbunden ist“ (Ketteler 1924a: 201). Er strebt – ähnlich wie Ferdinand Lassalle – „Produktiv-Assoziationen“ an, in denen die Arbeiter nicht nur einen kärglichen Lohn bekommen sollten, sondern Anteile am Unternehmensgewinn. Die Zusammenführung der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit, die im Wirtschaftsliberalismus streng getrennt sind, sollte jedoch nicht von Staats wegen erfolgen, sondern aus der Einsicht der christlichen Unternehmer erwachsen, nur in der Ermöglichung einer Umkehr zur ganzheitlichen Teilhabe des wieder Mensch werdenden Arbeiters ihrem Glauben gerecht zu werden.

Darin unterschied er sich von Lassalle, der eine staatliche Kapitalisierung der Assoziationen forderte, die Ketteler ablehnte, mit dem Hinweis darauf, „daß es nicht in der Befugnis der Staatsgewalt liegt, in dieser Weise und für solche Zwecke in das Recht des Privateigentums einzugreifen“ (Ketteler 1924c: 73). Diese Positionen zur Rolle des Staates und zum Eigentum markieren zugleich die Unterschiede zwischen den beiden zeitgenössischen liberalismuskritischen Alternativen Marxismus und katholische Soziallehre.

Kettelers Konzept von der „kirchliche[n] Gemeinschaft als alleinige[r] Helferin“ (Grenner 1967: 217) basierte auf der Erwartung, die freiwillige Opferbereitschaft der begüterten Christen werde die nötigen Gelder zur Gründung der Assoziationen bereitstellen. Diese Hoffnung wurde jedoch nicht erfüllt. Kettelers Enttäuschung half ihm jedoch, am Ende seines Wirkens als Bischof und Politiker realpolitische Konzepte zu vertreten, die auf Lohnsteigerungen und eine sukzessive Verbesserung der Arbeitsbedingungen gerichtet waren. Dieser Wandel wird in seinen Schriften ab 1869 deutlich, in denen er konkrete sozialpolitische Forderungen nannte: 1. Lohn- und Arbeiterschutz, 2. Arbeitszeitverkürzungen, 3. Verbot der Sonntags – und Kinderarbeit, 4. Einschränkung der Frauenarbeit, 5. Entschädigung bei zeitweiliger oder dauernder Arbeitsunfähigkeit, 6. Gesundheitskontrollen und Inspektionen in den Fabrikbetrieben und 7. Förderung gemeinnütziger Genossenschaften (vgl. Gutschera/Thierfelder 1976: 205).

Konstruktive Argumente und Konzepte zu einer wirtschaftlichen Alternative wurden in der katholischen Kirche im Gefolge Kettelers von „katholischen Einzelpersönlichkeiten“ (Grenner 1967: 139) formuliert, unter denen v. a. Heinrich Pesch herausragt, dessen Konzept des „Solidarismus“ in der nächsten Folge vorgestellt werden soll. Grenner nennt neben Pesch noch Peter Franz Reichensperger (1810-1892), der sich ebenso wie List für Schutzzölle einsetzte, und Franz Hitze (1851-1921), der das freiwillige Eingehen sozialistischer Assoziationen zur Überwindung von Egoismus und Konkurrenz proklamiert und damit eine Art „christlichen Sozialismus“ entwickelte.

Literatur:

Grenner, K. H. (1967): Wirtschaftsliberalismus und katholisches Denken. Ihre Begegnung und Auseinandersetzung im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Köln.

Gutschera, H./Thierfelder, J. (1976): Brennpunkte der Kirchengeschichte. Paderborn.

Höffner, J. (1962): Wilhelm Emmanuel von Ketteler und die katholische Sozialbewegung im 19. Jahrhundert. Wiesbaden.

Ketteler, W. E. v. (1924a): Schriften, Bd. 1, hrsg. v. J. Mumbauer, Kempten/München.
Ders. (1924b): Schriften. Bd. 2, Hrsg. v. J. Mumbauer, Kempten/München.
Ders. (1924c): Schriften. Bd. 3, Hrsg. v. J. Mumbauer, Kempten/München.

Vigner, F. (1924): Ketteler. Ein deutsches Bischofsleben des 19. Jahrhunderts. München/Berlin.

(Josef Bordat)

Die Rolle des Idealismus

Anthropologisch-theologische Grundlage der katholischen Soziallehre ist das Personalitätsprinzip, also die Achtung des Menschen als ein ebenbildliches Geschöpf Gottes, genauer: der drei göttlichen Personen. Der Mensch wäre nicht Mensch und nicht selbst Person, wenn er nicht Gottes Ebenbild wäre. Und er ist Gottes Ebenbild, indem er menschliche Person ist. Damit ist die Gottebenbildlichkeit und die Personalität des Menschen nicht von ihm zu trennen, solange er lebt. Daraus erwächst ein zweiter Grundsatz: das Solidaritätsprinzip. Der Mensch ist immer auch ens sociale, also Gemeinschaftswesen und auf die Gemeinschaft hin geordnet, sodass immer auch die Solidarität der (Welt-)Gemeinschaft in gesellschaftlichen, aber auch wirtschaftlichen Fragen zu achten ist. Ein dritter Grundsatz der katholischen Soziallehre ist das Subsidiaritätsprinzip als „Recht der kleineren Lebenskreise“. Der jeweils kleineren Gemeinschaft – etwa der Familie – darf durch eine größere – etwa den Staat – nichts von dem abgenommen werden, wozu ihre eigene Leistungsfähigkeit reicht.

Zusammenfassen lässt sich die katholische Soziallehre mit ihren drei Prinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität in einem Wort: Verantwortung. Diese Verantwortlichkeit tritt als Kerngedanke des Humanitätsideals bereits in der Philosophie des deutschen Idealismus auf. Schon Kants Betonung der Gemeinschaft und der sittlichen Pflicht“, die er über alles individualistische Nützlichkeitsdenken stellt, zeigt die Differenz zum Liberalismus deutlich und gibt die Gedanken vor, welche schließlich die deutsche wissenschaftliche Kritik am ökonomischen Liberalismus begründen halfen.

Der Einfluss der Idealisten auf die Ideengeber der katholische Soziallehre ist mannigfaltig: die Staatslehre Fichtes beeinflusste Friedrich List, Hegels Philosophie die Historische Schule der Nationalökonomie und Schelling die Ideen der romantischen Staats- und Wirtschaftslehre Adam Heinrich Müllers (1779-1829). Müller gilt als eine der umstrittensten Gestalten der deutschen Romantik, der sich v. a. durch seine Polemik gegen den wirtschaftlichen Liberalismus auszeichnete. Doch im Gefolge dieser Polemik entdeckt die Wirtschaftswissenschaft das idealistische Humanitätsideal der Wirtschaft. Aus dem Idealismus stammt ferner der entscheidende Gedanke einer prinzipiellen Veränderbarkeit wirtschaftlicher Strukturen durch den Menschen: „Gegen das ,natürliche System’ der Wirtschaft mit seinen angeblich vom Menschen unabhängigen Gesetzmäßigkeiten wurde die von Persönlichkeiten und von Völkern gestaltete Geschichte entdeckt, in deren Rahmen auch die Wirtschaft vom Menschen getätigt wird. Gegen die vielbeklagte Selbstsucht, der unedlen Triebfeder des Zeitalters, wandte sich das Verlangen, den Bereich der Wirtschaft menschlich zu veredeln und sittlich zu durchdringen“ (Grenner, K. H.: Wirtschaftsliberalismus und katholisches Denken. Ihre Begegnung und Auseinandersetzung im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Köln 1967, S. 39).

Wenn die Wirtschaft nicht Teil der Natur, sondern Teil der Geschichte ist, also nicht dem Natürlichen, sondern dem vom Menschen Gestalteten zugeordnet werden kann, dann ist sie kein unveränderliches Schicksal, wie dies die neoliberalen Globalisten als ihr „Hauptargument“ heute noch ins Feld führen, sondern sie lässt sich hinsichtlich der Zielvorgaben und der eingesetzten Mittel gestalten und verändern. Die so gewonnene alternative Ordnung bewegt sich zwischen Markt- und Staatsdiktat und orientiert sich am Menschen, ganz im Sinne der idealistischen Humanitätsvorstellung.

(Josef Bordat)

Einführung, oder: Die katholische Soziallehre als Antwort auf die Frage nach den rechten Bedingungen für die Daseins-Ebene christlichen Lebens

Es ist sinnvoll, mit Jaspers das menschliche Leben auf der Daseins- von dem auf der Existenzebene zu unterscheiden oder mit Wust die Fortuna-Ebene von der höheren Sphäre des homo philosophicus und diese schließlich von der Sphäre höchster Vollendung des menschliches Lebens im Drange nach Gott, der Sphäre des homo religiosus zu trennen. Doch es wäre fatal, über die existenzphilosophische Reflexion des christlichen Lebens die basale Ebene des leiblich-materialen Daseins zu vergessen. Liegt auch in der vergeistigenden Selbsttranszendierung der eigentliche Zweck des Menschen, so liegt gleichwohl in der Körperlichkeit ebenso seine Würde verborgen, weil hier die Seele ihren Sitz hat – die individuierte Seele im individuellen Leib. Leib und Seele bilden eine Einheit, denn – um es mit den Worten Edith Steins zu sagen – „die Seele durchdringt den Leib so sehr, daß die organisierte Materie des Leibes zum ,durchgeistigten Leib’ wird“ . Sich um den Körper zu kümmern, bedeutet daher immer auch Seelsorge. Mens sana in corpore sano.

Gesundheit, Hygiene und Ernährung sind demnach letztlich auch Themen der christlichen Existenzphilosophie. So rücken die Bedingungen des Daseins in den Mittelpunkt des Apostolats der Kirche. Dabei stehen insbesondere die Menschen im Zentrum, deren Leib geschunden ist durch die äußeren Lebensbedingungen und deren Seele darüber Schaden nimmt. Die Option für die Armen zu ziehen, ist deswegen keine Mode in Zeiten der Globalisierung, sondern unmittelbarer evangelikaler Auftrag Christi, der implizit in der Rede vom „Weltgericht“ (Mt 25, 31-46) enthalten ist, als Christus mit Blick auf die „Schafe“ formuliert: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40). Papst Johannes Paul II., der Autor der „Jubiläums-Enzyklika“ Centesimus Annus (1991) hat dazu gesagt: „In den Armen ist Christus in besonderer Weise gegenwärtig, was der Kirche eine vorrangige Option für sie auferlegt.“ Diese Option hat neben der ganz praktischen Arbeit einen theoretischen Überbau: die katholische Soziallehre.

Die katholische Soziallehre entfaltet sich entlang der neun Sozialenzykliken, die auf die jeweilige historische Situation eingehen, in Abgrenzung zu Liberalismus und Sozialismus, und die aufeinander Bezugnehmen: Rerum Novarum (1891), Quadragesimo Anno (1931), Mater et Magistra (1961), Pacem in terris (1963), Populorum Progressio (1967), Laborem exercens (1981), Sollicitudo Rei Socialis (1987), Centesimus Annus (1991) und Deus Caritas Est (2005).

Mich interessiert hier weniger die breit rezipierte Wirkungsgeschichte der katholischen Soziallehre, die etwa den geistigen Hintergrund für die „Soziale Marktwirtschaft“ der Ära Adenauer/Erhardt bildete, als vielmehr die philosophischen und pastoraltheologischen Bedingungen, unter denen sich die katholische Soziallehre zum Ende des 19. Jahrhunderts herausbilden konnte sowie selbstverständlich die Frage nach der Aktualität der katholischen Soziallehre in der globalisierten Welt. In fünf Texten möchte ich diesen Blickwinkel ausleuchten:

- Die Rolle des Idealismus in der ersten Hälfte des 19. Jh.
- Das „Mainzer Manifest“ (1848): Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877)
- Der Solidarismus: Heinrich Pesch (1854-1926)
- Die Magna Charta des sozialen Katholizismus: Rerum Novarum (1891)
- Die katholische Soziallehre und die Globalisierung

(Josef Bordat)

Ostermorgen

März 23, 2008

Der Herr ist auferstanden, Halleluja!

Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Ihr
Josef Bordat

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Credo, quia absurdum est.
(Tertullian)

Oder – anders gesagt:

Ganz dialektisch Tertullian
Nimmt Glauben als unglaublich an:

„Unglaublich!“ sagt Tertullian
- er war der Stoa zugetan -
„ein Gott, der als Verbrecher stirbt,
schon dadurch sich den Ruf erwirbt,
er sei ein Gott in Menschsgestalt,
drum glaub’ ich’s ohne Vorbehalt.
Und daß vom Tod er auferstanden
- man sah das nie in unsern Landen -,
das ist so höchst absonderlich!
Und darum überzeugt es mich.“

(aus: Lutz Geldsetzer, Die Philosophenwelt / In Versen vorgestellt, Stuttgart 1995, S. 46)