Nur der halbe Papst

25. November 2014


Katholizismus à la carte?

Ich ärgere mich. Etwas, das mich bereits an der Benedikt-Rezeption ärgerte, ärgert mich nun an der Rezeption seines Nachfolgers Franziskus. Denn die Geschichte wiederholt sich – freilich mit umgekehrten Vorzeichen.

Die Rezipienten filetieren Franziskus’ Botschaft, heute wieder, nach seiner Rede vor dem Europäischen Parlament. Katholizismus à la carte. Einen solchen kann es aber nicht geben – nicht aus Sicht der Kirche, nicht aus Sicht des Papstes. Denn die sozioökonomische Dimension der christlichen Ethik, die Franziskus angeblich so stark betont, wie überall zu hören und zu lesen ist, ergibt sich ja gerade aus ihren anthropologischen Voraussetzungen: Aus der „Heiligkeit der menschlichen Person“ (Franziskus) erwächst gleichermaßen die Forderung nach Lohngerechtigkeit und Solidarität mit den Schwachen, nach Belebung des Arbeitsmarkts und nach Offenheit für Flüchtlinge, aber eben auch nach Maßnahmen für den Schutz des ungeborenen Lebens. Wer sich hier die jeweils passende Konsequenz herauspickt, zeigt nur den halben Papst. Diese publikumswirksame „bessere“ Hälfte wird dann medial so sehr betont, dass man meinen muss, dies sei bereits der ganze Franz.

Bei seinem Vorgänger Benedikt war das genau andersherum: Die vermeintlich „schlechtere“ Hälfte setzte sich medial durch bzw. wurde durchgesetzt. Benedikt sprach 2011 vor dem Deutschen Bundestag vom Naturrecht als Ausgangs- und Orientierungspunkt parlamentarischer Arbeit, von der Ökologie des Menschen, die der Ökologie der nicht-humanen Natur und der Ökonomie vorgelagert sei, und von einer Verantwortung, die sich nicht allein auf das praktische Gelingen politischer Projekte beschränkt. Eine Wahrheit jenseits der Mehrheit zu vermuten, schien vielen Beobachtern reaktionär und undemokratisch (völlig zu Unrecht). Dabei kann man daraus die gleichen Schlüsse ziehen wie aus Franziskus’ Mahnungen vor dem allmächtigen Markt. Bei ihm käme jedoch kein Mensch auf die Idee, das für reaktionär und undemokratisch zu halten (völlig zu Recht im übrigen).

Franziskus ist das soziale Gewissen in einer asozialen Ordnung. Benedikt war der ewiggestrige Moralapostel, der die Moderne verschlafen hat. Zweierlei Maß. Spricht Franziskus von den christlichen Wurzeln Europas, zeigt er sich ökumenisch offen und um die Humanität besorgt. Sprach Benedikt von den christlichen Wurzeln Europas, war das eine Kampfansage an die säkulare Zivilgesellschaft. Und an den Islam. Spricht Franziskus vom Zusammenspiel des Glaubens und der Vernunft, so öffnet er die Kirche endlich für Kritik – so als habe es eine solche Wertschätzung für diese Wechselbeziehung zuvor nie gegeben, so als gäbe es sanktionslose Kirchenkritik erst seit März 2013. Erinnert Benedikt an die Würde des menschlichen Lebens vor der Geburt, ist er ein heuchlerischer Frauenhasser. Erinnert Franziskus an die Würde des menschlichen Lebens vor der Geburt, spricht man nicht weiter darüber.

Ich ärgere mich. Denn die beschnittene Rezeption ist eine verpasste Chance, die Einheit des christlichen Menschenbildes mit den ethischen Forderungen der Kirche zu erkennen bzw. deren Gründe in der menschlichen Person. Weil diese heilig ist, lässt man sie nicht im Stich, wenn sie fliehen muss, bezahlt man ihr einen Lohn, von dem sie leben kann, wenn sie ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellt und betrachtet sie niemals nur unter den Gesichtspunkten wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Man tötet sie allerdings auch nicht – zu keinem Zeitpunkt ihrer Entwicklung. Das gehört zusammen. Sonst bleibt die Moral Stückwerk, ein aktionistisches Tun, das sich am Grad der öffentlichen Empörung orientiert und den Lichtkegel medienwirksam von einem humanitären Drama zum nächsten schwenkt. Ohne wirklich bei der „Heiligkeit der menschlichen Person“ anzusetzen. Und das ist unkatholisch. Der Papst jedoch ist katholisch. Voll und ganz. Und bleibt es, auch als Liebling der Medien.

(Josef Bordat)

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