Schweigen

21. November 2014


Si tacuisses, philosophus mansisses. – „Hättest Du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben.“ Das auf Boëthius zurückgehende Diktum bedeutet uns den Wert des Unausgesprochenen, des Nichtgesagten, des ganz bewussten Stillehaltens. In einer Kultur des Getöses, in der die permanente Statusmeldung den Ton angibt, ist Lautlosigkeit schwer vermittelbar. Doch je nichtssagender die Äußerung, desto bedeutsamer die Erinnerung an die Erhabenheit des Nichtsagens, des Schweigens, der Stille.

Das Schweigen ist eine Form des philosophischen Handelns. Denn: Schweigen ist nicht Untätigkeit, sondern lautlose Betrachtung, Annäherung an das Wahre, Gute und Schöne. Es ist dem Staunen verwandt, das auch kein Geräusch macht, der Andacht, der Demut. „Wovon man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen“, sagt der Sprachphilosoph Wittgenstein. Schweigen gehört zur Sprache, Schweigen ist Sprechakt. Und manchmal will man einfach nicht sprechen, wovon man lieber schweigt.

Das Schweigen angesichts des Unsagbaren ist Weisheit, ist Freundschaft zur Wahrheit, einer Wahrheit, die im Verborgenen liegt. Thomas von Aquin, ein Großdenker und Vielschreiber, hat dies am Ende seines kurzen Lebens erkannt: „Alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein im Vergleich mit dem, was ich gesehen habe und was mir offenbart worden ist“.

Das Schweigen ist lautlos, nicht bedeutungslos. Es kann Auskunft geben, sogar verletzen, reden – beredtes Schweigen. Der Laut ist vergänglich, er verweht im Wind. Allein das Schweigen bleibt. „Schweigen ist die Sprache der Ewigkeit; Lärm geht vorüber“, meint die Mystikerin Gertrud von Le Fort. Das Schweigen gibt uns Einsicht in Dinge, die wir in ihrer Zartheit nur zerredeten, die zerfielen, versuchten wir, sie in den Be-Griff zu bekommen.

Von Gott kann man unmöglich schweigen. Vor Gott wird man es. Macht nicht viele Worte, rät Jesus Seinen Jüngern. Christus selbst zieht sich regelmäßig zurück, zum Beten, zum Meditieren, zum Schweigen. Sein Schweigen zeugt dann nicht von Sprachnot, hat nichts mit dem Verstummen des Kraftlosen zu tun, der Ver-Sagt, dem es die Sprache verschlägt, dem die Argumente ausgehen, sondern vom stillen Verweis auf die Botschaft, die man hört, weil sie lautlos ist: Liebe.

(Josef Bordat)

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