An die Terroristen, die mir mit dem Tod (oder was auch immer) drohen

4. November 2015


Eine neue Mail mit konkreter Bedrohung ist eingegangen. Darin werde ich aufgefordert, binnen 24 Stunden… Lesen Sie selbst.

Crop

Wisst ihr was, Terroristen – das macht mich jetzt wütend! Das macht mich jetzt kämpferisch! Das ändert meine Einstellung! Komplett. Gestern war ich wirklich verängstigt, eingeschüchtert, irritiert, frustriert, nachdenklich (Hausratversicherung abschließen?), zerknirscht, traurig, all das. Vor allen Dingen, um ganz ehrlich zu sein, war ich überrascht. Ich meine, ihr seid wahnsinnig, aber ich bin nicht John Lennon. Ihr seid genauso feige wie die RAF, aber ich bin nicht Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank (noch nicht mal deren Pressesprecher). Also: Irgendwie passt da was nicht zusammen.

Und nun also das (Rechtschreibung beibehalten – kennen Terroristen keine Kommata?): „Falls Du noch einmal in Deinem Leben etwas auf Gloria.tv posten sollten wird es problematisch für Dich! Jede Unterstützung dieses konservativen Drecksportals steht absofort unter Strafe. Wir werden nicht zögern die Bestrafung konsequent durchzusetzen!!!!! Als erste Massnahme hast Du deinen Gloria.tv Account und alle Beiträge zu löschen – innerhalb der nächsten 24 Stunden. Du weisst, Deine Adresse ist bekannt.“

So, und genau hier ist jetzt Feierabend mit Furcht und Schrecken. Hier beginnt der Zorn. Denn das betrifft nicht nur mich, sondern unsere zivilisatorische Ordnung, in der wir leben: Das Gewaltmonopol liegt bei der Polizei und wer aus welchen Gründen wofür in was für einem Umfang bestraft wird, entscheiden nicht anonyme E-Mail-Schreiber, sondern unabhängige Gerichte. Dieser Erpressung kann ich also schon aus Prinzip nicht nachgeben. Das sagt mir mein Gewissen. Dazu habe ich mal ein Buch geschrieben (vielleicht verkauft sich das ja wenigstens posthum).

Ihr könnt mein Hab und Gut zerstören (wobei ich zur Miete wohne, aber um mein Fahrrad tät’s mir Leid), ihr könnt mich verfolgen, ihr könnt mich durch das Land und die ganze Welt jagen, ihr könnt mich töten – einer Erpressung beugen werde ich mich nicht. Und was ich zu tun und zu lassen habe, sagt mir in erster Linie mein Gewissen (gut, meine Frau auch, aber das ist ein anderes Thema). Und mein Gewissen sagt mir: So nicht, Terroristen, so nicht!

Wir können gerne über Gloria.tv sprechen und über meine Motive, mich auch dort zu beteiligen. Wir können im Einzelnen über jeden meiner Texte diskutieren – Zeile für Zeile. Wir können gerne darüber reden, wie ich auf Gloria.tv von Kommentatoren zum Teil in extrem unsachlicher Weise angegangen werde, für das, was ich denke und glaube. Wir können gerne über meine Reaktionen darauf debattieren. Und darüber, dass ich oft genug schon selbst die Brocken hinwerfen wollte, weil ich mit vielem, was dort veröffentlicht wird, nicht einverstanden bin, nicht einmal im Grundsatz.

Aber ich lasse mir von Terroristen – und nichts anderes seid ihr – nicht sagen, wann ich was in welcher Weise zu tun oder zu unterlassen habe. Was käme dann als nächstes? Hüpfe auf einem Bein über den Wittenbergplatz? Finde zehn Gegenstände im Keller, klebe sie aneinander und stelle sie als Skulptur in den Garten? Setze 10 Euro auf Darmstadt 98 als DFB-Pokal-Sieger? – Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?!

Nur eins noch: Steckt hier nicht alles in Brand! Hier leben Deutsche, hier leben Ausländer, hier lebt (neuerdings) ein Flüchtling. Hier leben alte Menschen und Kleinkinder. Hier gibt es ein Kirchengebäude und einen Kindergarten. Hier ist an mehreren Tagen in der Woche die syrisch-orthodoxe Gemeinde zu Gast (Pfarrsaal). Ich weiß: Ich kann euch da keine Vorschriften machen (ihr seid ja schließlich die Herrenmenschen, die über Leben und Tod entscheiden), aber – kurzer Appell an das, wo normalerweise Vernunft und Mitgefühl ihren Platz haben: Reißt euch ein bisschen zusammen!

Noch ein allerletztes: Ich erfahre im Moment eine unbeschreibliche Welle der Solidarität, gerade auch von Menschen, die eine andere (auch in Grundsatzfragen andere) Meinung vertreten als ich. Dafür bin ich unendlich dankbar! Es ist also kein schlechter Zeitpunkt, aus diesem Leben zu scheiden. Mit einem Lächeln, und einem Gedanken an die Bestärkung durch den Glauben, mit der festen Hoffnung auf einen Gott, der gerecht und barmherzig urteilt. Was ich in Seinem Urteil zu hören bekomme, das zählt für mich. Nicht das, was Terroristen in E-Mails schreiben. Anonym. Ihr Helden.

(Josef Bordat)

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