Wikipedia. Wo Atheisten über den Glauben richten

3. Januar 2017


Die Wikipedia-Strategie bei religionsphilosophischen Themen (oder auch schlichter: Glaubensfragen) ist folgende: Man lässt religionskritische Stimmen ausführlich zu Wort kommen und lehnt zugleich theologische oder apologetische Stimmen mit Hinweis auf deren mangelnde Neutralität gegenüber dem Gegenstand ab. Ein Glaubender, der über seinen Glauben spricht, ist nicht neutral – wie sollte er. Umgekehrt ist jedoch die Frage, ob ein Religionskritiker, der über Religion spricht, per se neutral ist, ja, ob er das überhaupt sein will und sein kann. Ja, sagt Wikipedia. Und so urteilen in der Wikipedia vorwiegend Atheisten (bekennende bis militante) über Fragen des Glaubens, d.h. eigentlich: sie richten. Letztinstanzlich. Was das für die Qualität der Darlegungen bedeutet, muss dann wohl erstmal offen bleiben. Neutral gesagt.

Ein gutes Beispiel ist der Artikel Euthyphron-Dilemma. Anstatt dieses zweite Lieblingskind jeder handelsüblichen Religionskritik (das erste wäre die Theodizeefrage) auch mal aus christlicher Perspektive zu rekonstruieren (in der es sich in Luft auflöst – warum, zeige ich später), wird von Beginn an in naseweiser Tonalität das Ende jeden vernünftigen Glaubens besungen, indem subtil die unbedingte Treue zum göttlichen Gebot und die Einsicht in das Gute gegeneinander ausgespielt werden. Zwischenfazit: „Das ist mit manchen theologischen Lehren nicht vereinbar.“ Wikipedias unfreiwillig infantile Diktion im Verbund mit dem erkennbaren Willen, die Unkenntnis einer Sache durch den Spott neunmalkluger Überheblichkeit in den Hintergrund zu drängen, ist doch immer wieder schön.

So wird das Euthyphron-Dilemma bereits als religionskritischer Topos vorgestellt (obwohl es von Platon nicht so gemeint war, zumal es in dem Dialog Euthyphron um Frömmigkeit geht, nicht um Moralität): Entweder das Gute ist gut, weil Gott es gebietet (dann hat sich der Gläubige auch einem „unberechenbaren Tyrannen“ zu unterwerfen, der selbstherrlich das Gute definiert, ob wir das nun einsehen oder nicht; der Glaube wäre damit moralisch diskreditiert) oder aber Gott gebietet das Gute, weil es gut ist (dann wäre das Gute ganz unabhängig von Gott gut und das Gebot bestenfalls ein moralpädagogisches Instrument mit Erinnerungs- und Verstetigungscharakter; der Glaube wäre damit für die Ethik überflüssig).

Dass das Problem des „Problems“ im strikten Entweder-Oder liegt, das wenn nicht einen Gegensatz, so doch einen Unterschied oder wenigstens eine Unterscheidbarkeit von Gott und Güte unterstellt, wird dabei nicht erkannt. Beziehungsweise nicht erwogen. Hätte man leicht drauf kommen können, wenn sich die Schwarmintelligenz nur etwas intensiver mit der Behandlung des Euthyphron-Dilemmas in der christlichen Literatur der vergangenen zwei Jahrtausende auseinandergesetzt hätte. Zumindest etwas intensiver als gar nicht. War aber offenbar nicht der Fall. Zur Rezeptionsgeschichte wird auf das „Mittelalter“ mit einem Halbsatz eingegangen (so als hätte es Thomas von Aquin nie gegeben), während Autoren aus dem, nun, ja: religionskritischen Lager ausführlich zu Wort kommen. Neutralität gewahrt? Man wird das in Frage stellen dürfen, wenn die Auseinandersetzung mit christlichem Denken sich erschöpft in (Achtung!): „Im Mittelalter wurde das Problem von katholischen Theologen erörtert.“ Ende der Durchsage.

So, kommen wir nun zumindest hier, in einem apologetischen und irrelevanten Blog, zu einer christlichen Sicht der Dinge. Dass es sich – wiederum aus der Perspektive des christlichen Glaubens – beim Euthyphron-Dilemma um ein Scheinproblem handelt, da Gott im Christentum die Güte ist, also mit dem Guten nichts ihm Äußerliches, ihm Hinzukommendes, ihm Fremdes gebietet, sondern sich selbst als Gebot erlässt, als Gebot des höchsten Gutes, der Liebe, in Jesus Christus, der Weg, Wahrheit und Leben ist, somit seinem Wesen nach gebunden bleibt an das Gute, also gar nichts Anderes gebieten kann als das, was gut ist, hat bereits Thomas von Aquin gezeigt. Bei Thomas entsteht Moral durch die gleichzeitige Einsicht in das Gute des göttlichen Gesetzes und in die Notwendigkeit der Befolgung desselben. Beide Einsichten werden von der praktischen Vernunft gewährleistet. Sie ist das erste Prinzip der menschlichen Akte (Summa theologica, II-I, 90, 1). Es ist für jeden Menschen – ganz gleich, welche Kultur, Religion oder Gesellschaftsordnung ihn sonst noch geprägt haben mag – die wichtigste Handlungsgrundlage. Daran hat er, der Mensch, sich zu halten, soweit er als Mensch seinem Sein entsprechen, man könnte sagen: soweit er als Mensch menschlich sein möchte. Mehr als ein halbes Jahrtausend bevor Kant seine Landsleute in Preußen auffordert, den Mut zu haben, ihren Verstand zu gebrauchen, erkennt Thomas die Notwendigkeit der Vernunft für die Lebensführung. Im Ergebnis steht bei Thomas, man solle das Gute, das Gott gebietet, nicht tun, weil es Gott gebietet, sondern weil es eingedenk der praktischen Vernunft gut ist, doch da Gott, der seinem Wesen nach Güte ist, nur Gutes gebietet und uns dies im Geschenk der Einsicht erkennen lässt, kann daraus kein Problem erwachsen.

Also: Das Problem erwächst aus einem unchristlichen Gottesbild oder einer ebenfalls unchristlichen Leugnung der menschlichen Vernunftnatur. Christen glauben, dass Gott nur das Gute gebietet und das entscheidende Liebesgebot in Jesus Christus selbst bezeugt. Und: Christen glauben, dass Gott uns die Fähigkeit zur Erkenntnis dieses Zusammenhangs geschenkt hat. Es mag hier nun konfessionelle Differenzen dahingehend geben, woran man sich vornehmlich orientiert, doch letztlich fällt beides zusammen: das strenge Befolgen des Gebots (eine eher pietistisch-protestantische Lösung) bzw. das Urteilen aus Gründen der praktischen Vernunft (seit Thomas die eher katholische Lösung). Noch einmal: Da Gott, der seinem Wesen nach Güte ist, nur Gutes gebietet, ist das kein Problem, schon gar nicht in der Ökumene. Vielmehr enthält die christliche Lesart des Euthyphron-Dilemmas eine Chance für alle, die nicht an Gott glauben, denn Gott hat das Gute ja gerade so geschaffen, dass wir es unserer Natur nach erkennen können, eingedenk unserer praktischen Vernunft , in unserem Gewissen – auch ohne Glauben an Gott oder Kenntnis der göttlichen Gebote.

Wenn Gott Güte ist, dann ist er selbstverständlich dem Guten „unterworfen“ (das zu zeigen ist ja das Ziel der religionskritischen Sicht auf das Euthyphron-Dilemma – der Glaube soll sich als schädlich erweisen, weil er x-beliebige Anweisungen Gottes sklavisch zu befolgen aufträgt, bestensfalls überflüssig werden, weil er nicht mehr leisten kann als eine x-beliebige Ethik, die ebenfalls behauptet, zum Guten zu führen). Diese „Unterwerfung“ schwächt aber nicht den Glauben an Gott, soweit sie eben nicht den Glauben an das Gute schwächt. Für den Christen fällt beides zusammen. Zugleich muss niemand an Gott glauben, um das Gute zu tun – auch das ist bereits bei Thomas von Aquin (Mittelalter!) so gedacht worden. Woher sonst die hohe Wertschätzung der aristotelischen (nicht-christlichen) Moraltheorie?

Also: Nichts gegen Religionskritik, auch nichts gegen Wikipedia, aber dass diese jener bei Fragen des Glaubens die Deutungshoheit verleiht, zum Teil gar einen exklusiven Zugang gewährt und das dann mit „Neutralität“ begründet, ist schon bedenklich. Meine ich. Auch, wenn nicht relevant ist, was ich meine.

(Josef Bordat)

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