Glaube als Wagnis

5. Januar 2017


Tobias Klein reflektiert mit Kierkegaard über das Wesen des Glaubens, vielmehr: des Glaubenwollens. Die Entscheidung für den Glauben ist bei Kierkegaard ein Sprung ins Ungewisse. Dazu passt, wie Peter Wust den Glauben versteht: als Wagnis. Aber eben nicht als unkalkulierbares Risiko, sondern als Wagnis der Weisheit. Die menschliche Vernunft wird dabei nicht aus Denkträgheit oder einem angeborenen Mangel an Intelligenz zurückgelassen, sondern in der Erahnung ihrer unzureichenden Orientierungsleistung überwunden. Wodurch? Durch eine Weisheit, die einsehen lässt, dass Gott größer ist als der Mensch und es daher nicht unvernünftig sein kann, Ihm zu vertrauen. – Eine ganz kurze Ergänzung zu Klein.

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Tatsächlich ist der Glaube, soweit er Vertrauen bedeutet, ein Wagnis. Karl Rahner hat es einmal deutlich auf den Punkt gebracht: Zu glauben bedeute, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten. Das ist es, genau das! Ich möchte mit Peter Wust eine Antwort auf die Frage zu geben versuchen, wie das Wagnis des Glaubens gelingen kann. Sein Werk Ungewissheit und Wagnis (1937) war für meinen Glauben in einer längeren Phase des Zweifels vor rund 20 Jahren, als ich mich intensiver mit Philosophie zu beschäftigen begann, sehr wichtig. Die Antwort, die Wust darin gibt, läuft darauf hinaus, dass der Glaube zwar ein Wagnis ist, aber nicht eines, mit dem jemand sein Schicksal todesmutig herausfordert, sondern eines, dem Weisheit zugrunde liegt. Der religiöse Glaube ist das Wagnis der Weisheit.

Auch Wust nimmt das Wissen, genauer: die „Ungewissheit“, als Ausgangspunkt einer Betrachtung des Glaubens. Er unterscheidet hinsichtlich der Ungewissheit hierarchisch drei Bereiche: die lebensweltliche Fortuna-Ebene, die Ebene der philosophischen Erkenntnis (Ur- und Gottesgewissheit) und die Ebene der theologischen Erkenntnis (Existenz Gottes, Offenbarung und Heil).

Auf der untersten Ebene des Schicksalhaften scheint der Mensch Spielball der Glücksgöttin Fortuna zu sein: Sowohl individuell, als auch in Volksgruppen und Gemeinschaften, erlebt der Mensch ein stetes Auf und Ab, dessen Erscheinungsformen ihm nicht selten irrational erscheinen, vor allem dann, wenn es offenbar den Guten schlecht und den Schlechten gut ergeht. In diesem alogischen Kontext ist der Mensch nach Wust zwischen Trotz und Hingabe gestellt, Begriffe, die auf den Existenzphilosophen Karl Jaspers zurückgehen. Der Trotz kann einerseits als heroisch bezeichnet werden, wenn der Mensch aus der Natur Kultur schafft, andererseits aber kann er zum „Wahnsinn“ werden, wenn sich der Mensch gegen die objektiven Zwänge des Seins auflehnt. Die Hingabe erscheint zunächst wie ein feiger Fatalismus, bietet dem Menschen jedoch die Möglichkeit, den Weg in Richtung seiner eigentlichen Bestimmung als homo religiosus in Angriff zu nehmen, der hinter allen irdischen Hiobsphänomenen den vernünftigen Plan eines höheren Wesens annimmt.

Auf der mittleren Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit geht es Wust zunächst darum, die relative Hilflosigkeit der Philosophie angesichts der Fragen nach gesicherter Erst- und Letzterkenntnis deutlich zu machen, um ihr dann den Rücken zu stärken. Das besondere Problem des Philosophen ist, dass er einerseits mit seinem eigenen Verstand arbeiten (Selbsteinsatz), andererseits diesen in einigen Fragen ausschalten soll (Selbstaufgabe), ein Paradoxon, das vom Menschen nicht gehandhabt werden kann, obwohl Wust einen Ausweg für den Philosophen bereit hält: Er verspricht ihm segensreiches Arbeiten, solange er nur die „seinsfromme Haltung“ (sapientia) an die Stelle der „unfrommen Erkenntnishaltung“ (curiositas) setzt. Ich denke, dass diese Differenzierung für die Wissenschaft im Allgemeinen gilt und – obwohl aus den 1930er Jahren – hochaktuell ist, wenn wir an die bioethischen Fragen denken, mit denen wir heute konfrontiert sind. Sie lassen sich in einer Frage bündeln: Dürfen wir alles, was wir können? Nein! Es gibt Formen von curiositas, die lebensfeindlich sind. Es gibt eine Neugier, die wir nicht befriedigen sollten.

Nach Wust deuten die untere Fortuna-Ebene und die mittlere Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit auf die obere Ebene der Ungewissheit hin, auf der sich der homo religiosus im Halbdunkel an Antworten auf die Grundfragen des Glaubens versucht, also den Fragen nach Gott, seiner Offenbarung und dem Heil des Menschen, wobei in diesem Zusammenhang die Frage des persönlichen Heils alles überschattet. Erst der homo religiosus erreicht nach Wust die eigentliche Bestimmung des Menschen.

Der Mensch kann der Ungewissheit durch das Wagnis der Weisheit entrinnen, das Wust vom Entscheidungsirrationalismus Jaspers deutlich abgrenzt, der wiederum eine Synthese der Entwürfe Kierkegaards (absoluter Glaubenspositivismus) und Nietzsches (absoluter Nihilismus) anstrengt. Wust grenzt in der Herleitung seines Weisheitsbegriffs zunächst den dogmatischen Vernunftoptimismus, der zur Wissenssattheit neigt, vom pyrrhonianischen Vernunftpessimismus ab, der Gefahr läuft, der Wissensgier anheimzufallen. Weisheit heißt für ihn nicht wissenschaftliches, akademisches oder philosophisches, sondern existentielles Wissen, das seinen Ausdruck in einer Lebenshaltung findet, die zu ehrfürchtigem Gottvertrauen führt, das zu Gelassenheit und Liebe befähigt.

Dennoch bleibt diese Weisheit ein Wagnis. Das Wagnis der Weisheit, also den religiösen Glauben, nennt Wust auch „Wagnis des vernünftigen Gehorchens“ oder „Wagnis aller Wagnisse“. Jeder suchende Mensch, der bereit ist, dieses Wagnis einzugehen, ist geborgen auf seinem Weg zum letzten Ziel. Wust nennt das die „Geborgenheit in der Ungeborgenheit“. Der religiöse Glaube hebt den wagemutigen, den beherzten Menschen also aus seinen Urzuständen „Ungewissheit“ und „Ungeborgenheit“ in die Zustände „Weisheit“ (existenzielles Wissen) und „Geborgenheit“ (ehrfürchtiges Gottvertrauen). Glaube ist nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sowohl die zaudernde Indifferenz einer oberflächlichen Skepsis als auch die überhebliche Verabsolutierung der religiösen Selbsterfahrung müssen im Glauben überwunden werden, damit es ein fester, vernünftiger, ein guter Glaube ist.

(Josef Bordat)

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