Unsterblich. Loriots Sprachwitz

21. Februar 2012


Vor einem halbe Jahr starb Vicco von Bülow – Loriot.

„Er ist leicht überheblich, übt gern Kritik, auch an Vorgesetzten. Bestimmend für sein Wesen ist seine ausgesprochen mimische und darstellerische Begabung. Er ist geistig beweglich und verfügt über eine gute Auffassungsgabe.“ Diese Beurteilung des „Leutnant von Bülow, Bernhard-Viktor“ vom 5. April 1945, die sich in den Akten der Wehrmacht fand, beinhaltet vieles von dem, was in Nachrufen zu beschreiben versucht wurde, in den Wochen nach dem Tod von Bülows, der den meisten Menschen weniger als Soldat denn als Humorist bekannt sein dürfte – und dann auch vielmehr unter seinem Künstlernamen: „Loriot“. Der vielfach ausgezeichnete und überaus populäre Zeichner, Schauspieler, Filmemacher und Hochschullehrer verstarb am 22. August 2011 im Alter von 87 Jahren.

Der blitzgescheite Loriot (wo die Personaler der Wehrmacht Recht hatten, hatten sie Recht) war nie gehässig oder verletzend. Er nahm die Welt auf’s Korn, ohne sie zu vernichten. Er spottete nicht zuletzt über sich und die Anstandsformen in besseren Kreisen („Kapitel 4 – Obst“), die er aus eigener Erfahrung bestens kannte. Wir haben Loriot sehr viel zu verdanken, etwa die wertwollen Erkenntnisse, dass „Männer sind und Frauen auch“, dass es schwer sein kann, am Flughafen eine Bananenschale los zu werden, dass man schiefhängende Bilder in fremden Wohnzimmern besser nicht zurechtrückt, dass Atomschutzbunker eine intime Atmosphäre vermitteln, dass Weihnachten gemütlich sein kann, wenn man es im Schoße der Familie feiert.

In den diversen Nachrufen auf Loriot, die in den letzten sechs Monaten zu lesen waren, wird regelmäßig der Humorist Loriot gepriesen, der Sprachvirtuose Loriot kommt jedoch etwas zu kurz. Das wiederum soll nicht heißen, es sei etwas Besonderes, dass Sprüche von Kabarettisten und Komikern in den Sprachgebrauch eingehen. Beiträge von Humoristen zur Sprachkultur (oder wenigstens zum Wortschatz) des Deutschen sind eher die Regel als die Ausnahme, denn was ist kulturschaffender als der Witz? Man denke an Heinz Ehrhardts „Einen hab ich noch!“, das von Otto Walkes oft zitiert wurde. Otto selbst prägte mit seinen albernen Kalauern und witzigen Wortspielen sowie mit diversen Geräuschen und ausdrucksstarker nonverbaler Kommunikation eine ganze Comedy-Ära. Seine hintergründige Nonsense-Sprache geht dabei auf Ideen der „Neuen Frankfurter Schule“ zurück („Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche!“), die von Redakteuren der Satirezeitschrift pardon ins Leben gerufen wurde; das Titelblatt der pardon-Erstausgabe (August 1962) gestaltete übrigens – Loriot. Oder man denke auch an Olli Dietrichs Figur „Dittsche“ und dessen „Schumiletten“ (Badelatschen), die „Muggeligkeit“ (Gemütlichkeit) und das Phänomen des „Überperlens“ als euphemistische Erklärung für überlaufendes Bier.

Ein kreativer Umgang mit Sprache ist also kein Alleinstellungsmerkmal Loriots. Doch einen Eintrag in das medizinische Fachwörterbuch Pschyrembel schaffte nur er, mit seiner ebenso niedlichen wie gefährlichen „Steinlaus“, der Loriot in einer Persiflage auf die ARD-Dauerserie „Ein Platz für Tiere“ des stets etwas spröden Zoologen Bernhard Grzimek zur wissenschaftlichen Berühmtheit verhalf. Der legendäre Nihilartikel über die „Steinlaus“ erklärt u. a., das fiktive Nagetier sei akut vom Aussterben bedroht, da mit dem Fall der Berliner Mauer eine wichtige „Nahrungsgrundlage“ verschwunden sei. Einen ähnlich aufsehenerregenden Sprung in die reale Welt schaffte der „Kosakenzipfel“, ein Phantasiedessert, den mancher Konditor schon (erfolglos) zu verwirklichen versuchte. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die erste „Jodelschule“ ihre Pforten öffnet.

Ein Markezeichen Loriots ist das souveräne Spiel mit unterschiedlichen Sprachniveaus. In seinen Sketchen kritisiert er Status- und Fachsprachen in ihrer exkludierenden Wirkung, vor allem aber in ihrer unsinnigen Gestelztheit, die in dieser Weise wohl nur im Deutschen zur vollen Entfaltung kommen kann. Die Kunst der positiven Umschreibung an sich banaler, oftmals auch unangenehmer Sachverhalte, wie sie in Politik und Werbung immer neue Varianten erfährt, wird bei ihm ins Absurde übersteigert: Ein „Doppelbett“ wird zum „klassischen Horizontalensemble“, die Landung eines aus dem Weltraum auf die Erde prallenden Bunkers gilt als „sportlich“ und eine viel zu lange Hose wird mit der beruhigenden Bemerkung schöngefärbt, man trage heute „das Beinkleid etwas reichlich“. Loriots berühmte Bundestagsrede, die ausschließlich Phrasen enthält, lässt sich von manchem Politiker-Statement kaum unterscheiden.

Loriot hat mit scharfem Sinn die Schwächen der Kommunikation durchschaut, zwischen Politesse und Autofahrer, zwischen Verkäufer und Kunde, zwischen Mann und Frau. Umgekehrt prägt er mit seinen überzogen positiven Formulierungen die Sprache der Freunde feiner Ironie. Bekommt man zu wenig auf den Teller, beschwert man sich nicht, sondern sagt mit Loriot: „Das ist übersichtlich!“ Auch „Das ist fein beobachtet“, „Dann hab’ ich wirklich was Eigenes!“ und „Ein Klavier, ein Klavier!“ lassen sich gelegentlich platzieren, vor allem dann, wenn einem sonst die Worte fehlen.

Loriots Sprachwitz ist einfach unsterblich. Behaupte ich einfach mal so.

(Josef Bordat)

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