Philosophische Ethik. Die Ebenen des Diskurses über Moralfragen

26. April 2012


Ethiker argumentieren auf drei Ebenen: auf der deskriptiven Ebene, der normativen Ebene und der Meta-Ebene. Diese Ebenen sollten im Diskurs getrennt werden.

Es ist die Aufgabe der philosophischen Ethik, unseren Moralvorstellungen analytisch auf den Grund zu gehen und auf diese Weise Bedingungen der Möglichkeit einer moralischen Beurteilung unseres Verhaltens zu identifizieren. Daraus entwickelt die Ethik Moraltheorien. Ethiker argumentieren dabei auf drei unterschiedlichen Ebenen: auf der deskriptiven Ebene, der normativen Ebene und der Meta-Ebene.

Die drei Ebenen ethischer Argumentation

Auf der deskriptiven Ebene wird beschrieben, was ist. Psychologen, Soziologen, Ethnologen und Anthropologen liefern empirische Daten über tatsächlich gelebte Moralvorstellungen. Philosophen strukturieren die in der Geschichte erarbeiteten Argumente und die gewonnenen Erkenntnisse und liefern so die Basis für die Arbeit auf der normativen Ebene. Auf dieser wird dann darüber beraten, was sein soll. Hier findet die Kritik des beschriebenen Materials statt, sowohl der empirischen Daten, wie auch der historischen Argumente. Es findet also eine Reflexion auf Moral und Moraltheorie statt. Auf der Meta-Ebene findet nun eine Reflexion auf die Ethik selbst statt. Ihre Instrumente und Techniken werden durchleuchtet, die von ihr verwendeten Begriffe analysiert. Es geht also um mehr als um die „Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung“, es geht um die Bedingungen der Möglichkeit ethischen Argumentierens, also um die allgemeinen Bedingungen dafür, Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung aufstellen zu können.

Die formalisierte Darstellung der Ebenen ethischer Argumentation

Sei p der empirische Befund, dass in einer Kultur K regelmäßig zum Zweck der Unterhaltung Babys gefoltert werden. Sei q die Auffassung einer Moralvorstellung MV, dass es moralisch verwerflich ist, Babys zum Zweck der Unterhaltung zu foltern. Dann entspricht MV der Moraltheorie MT, wenn es in MT ein Prinzip P1 gibt, zu dem q einen Unterfall darstellt, etwa: „Es ist nicht gut, Menschen zum Zweck der Unterhaltung zu foltern.“ P1 lässt sich zum Grundprinzip GP verallgemeinern: „Niemand soll gefoltert werden.“

Die Ethik müsste nun die „Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung“ von p(K) durch q(MV) untersuchen, also schauen, ob q(MV) ein Unterfall von P1(MT) ist und ob P1(MT) kohärent zu GP(MT) verallgemeinerbar ist.

Es könnte sich ja für den Fall der „Baby-Folter zu Unterhaltungszwecken“ zum einen die Frage stellen, ob zwischen Menschen (menschliche Lebewesen) und Personen (Menschen, die fähig sind, „Wünsche zweiter Ordnung“, „Metagedanken“ oder „Interessen“ zu entwickeln) zu unterscheiden ist, zum anderen, ob es Zwecke geben könnte, die Folter rechtfertigen, in denen es also „gut“ wäre zu foltern, etwa die damit möglicherweise zu erreichende Vereitelung eines Terroranschlags.

Die Meta-Ethik fragt nun nach den Bedingungen, unter denen diese Fragen beantwortbar sind. Kurzum: (1) MV hält p mit q nicht für „gut“, (2) MT liefert mit P1 und GP Leitsätze, die untermauern, dass MV richtig ist, es also richtig ist, p nicht für „gut“ zu halten, (3) die Ethik gibt Auskunft darüber, ob MT richtig ist, es also richtig ist, mit MT MV für richtig zu halten, die besagt, dass es richtig ist, p nicht für „gut“ zu halten und (4) die Meta-Ethik fragt: Was heißt „richtig“? Was bedeutet „gut“?

Fazit

Man erkennt, wie wichtig es ist, die Ebenen zu trennen, damit nicht durch die Verquickung völlig unterschiedlich gelagerter Fragestellungen Missverständnisse auftreten, die sich vermeiden ließen, wüsste man, worüber jeweils gesprochen wird: Über die Sachlage, wie sie sich darstellt, über die erwünschte oder die erhoffte Zukunft, über die Gründe für Wünsche und Hoffnungen oder über die Annahmen, die diese Gründe (mit)bestimmen.

(Josef Bordat)

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