Barthold Heinrich Brockes

18. Januar 2013


Anlässlich seines 266. Todestages würdigt Claudia Sperlich heute den Dichter Barthold Heinrich Brockes. Sie schreibt: „In seinem Hauptwerk, dem Gedichtband Irdisches Vergnügen in Gott, schildert er anschaulich die umgebende Natur. Seine staunende Freude über die Schöpfung ist immer auch religiöse Betrachtung. Mit offenen Augen und liebevollem Blick ging er durch die Welt – und zugleich mit dem tiefen Bewußtsein, daß diese Welt noch lange nicht alles ist.“

Genau. Damit wird Brockes zum belletristischen Hauptvertreter der Physikotheologie des 18. Jahrhunderts, deren Motiv es war, von der Anschauung der Natur (physis) auf Gott (theos) zu schließen. In der sehr umfänglichen Gedichtsammlung Irdisches Vergnügen in Gott (es erschienen insgesamt neun Bände) beschreibt Brockes das Kleine und Gewöhnliche und schließt daraus auf den Schöpfer.

Exemplarisch sei das Gedicht die „Die kleine Fliege“ (V, 120 f.) genannt: „Neulich sah ich mit Ergetzen, / Eine kleine Fliege sich, /Auf ein Erlen-Blättchen setzen, / Deren Form verwunderlich / Von den Fingern der Natur, / So an Farb’, als an Figur, / Und an bunten Glantz gebildet.“ Die „Finger der Natur“ gehören zur „Hand Gottes“: „Liebster Gott! wie kann doch hier / Sich so mancher Farben Zier / Auf so kleinem Platz vereinen, / Und mit solchem Glantz vermählen, / Daß sie wie Metallen scheinen!“

Gottes wunderbare Schöpfung ist aber keine l’art pour l’art, sondern soll dem verzückten Betrachter zur Gotteserkenntnis, dem „Endzweck“ der Schöpfung, verhelfen: „Hast du also, kleine Fliege, / Da ich mich an Dir vergnüge, / Selbst zur Gottheit mich geleitet.“ Hier stehen die Schönheit und Ordnung, die sich im Einzelnen erblicken lässt, im Vordergrund. Sie nötigen, so Brockes, dem Menschen den logischen Rückschluss auf das Ganze ab, vom Geschöpf auf den Schöpfer, von der Welt auf Gott.

Brockes formuliert in den Anfangsversen von „Unumstößliche Gründe“ (VI, 348 ff.) den Kerngedanken der Physikotheologie: „Alle menschliche Vernunft stimmt der Wahrheit hierin bey, / Jeder faßt, daß er nicht Ursach seines Wesens sey. / In der Ordnung der Geschöpfe, die so regelrecht, als schön, / Da auch sie sich nicht gemachet, ist ein Schöpfer klar zu sehn.“ Der Blick geht also immer auf das (einzelne) Geschöpf, um den Schluss auf den Schöpfer zu ermöglichen, ja sogar zu erzwingen, denn nicht nur die Sinne werden überzeugt, sondern auch die Vernunft gebietet dem Menschen den Glauben an den Schöpfer.

Auch der Evolutionismus im Paradigma einer materialistischen Ontologie kommt an dem Phänomen, dass die Welt, so wie sie ist, dem Menschen – sei er religiös oder nicht – die Idee der Schöpfung geradezu aufdrängt, nicht ganz vorbei. Bloß versucht eine Weltsicht, die ohne Gott auszukommen glaubt, den Spieß umzudrehen und zu erklären, dass es evolutionär betrachtet Sinn ergibt, dass die Welt gerade so erscheint, als sei sie geschaffen. Die überwältigende Perfektion eines Fliegenflügels, die Brockes besingt, ist dann das Ergebnis von Selektions- und Mutationsvorgängen, die im Laufe der Naturgeschichte stattfanden und für eine optimale Anpassung der Fliege an ihre Umgebung sorgten. Evolution wird damit zur täuschend echten Schöpfungsimitation, die Natur zu einer Betrügerin, die uns in ihrer Schönheit die Existenz Gottes nur vorgaukelt.

Dem Christen, der nach Brockes und auch nach Darwin lebt, stellen sich Fragen. Kann man nicht auch jenes ehrfürchtige Staunen, das bei Brockes noch der einzelnen Fliege gilt, eben jener Evolution der Fliege entgegenbringen, von der Darwin spricht? Kann man nicht Gott gerade dafür preisen, dass Er den Lauf der Geschichte begleitet, dass Er Herr ist über Raum und Zeit und daher über alles, was sich vor unseren Augen als hochentwickelt vorstellt? Ist es nicht möglich zu glauben, dass Gott „macht, dass sich die Dinge selber machen“ (Teilhard de Chardin)? Dass also hinter der kleinen Fliege ein großer Gott steht, der zwar nicht jede einzelne Fliege in ihrer Schönheit gemacht hat, wohl aber ihrer Entwicklung eine schöpferische Kraft verlieh, eben jene „den Dingen eingestiftete Vernunft einer Art Kunst, nämlich der göttlichen, durch welche diese Dinge auf ein bestimmtes Ziel hingeordnet werden“, von der Thomas von Aquin in seinem Kommentar zur Aristotelischen Physik spricht?

Ich glaube, das geht. Doch vor dem unmittelbaren Eindruck, den die Natur beim Betrachter hinterlässt, muss auch der abstrakteste Gedankengang zurückweichen. Oder, mit den Worten Barthold Heinrich Brockes‘: „Die Bewunderung entsteht aus der Creatur Betrachtung, / Und aus der Bewunderung solcher Wunder, quillet Achtung, / Ehrfurcht, Andacht, Dank und Liebe, deren süssen Eindruck man, / Sonder der Natur Betrachtung, schwerlich recht empfinden kann.“ Also: Hinaus in die Natur! Zum Beispiel am Wochenende. Nicht als Ersatz für den Gottesdienst, sondern in Ergänzung zum Gottesdienst. Eine geradezu aufdringliche Gottesbegegnung Brockes’schen Ausmaßes ist dabei nicht garantiert, doch man begegnet Dingen, die Anlass geben, über Gott nachzudenken.

(Josef Bordat)

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