Zum Tode Zygmunt Baumans

10. Januar 2017


Zygmunt Bauman ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in Leeds. An der dortigen Universität lehrte und forschte Bauman in den 1970er und 1980er Jahren. Nach seiner Emeritierung blieb der in Posen gebürtige und in Warschau ausgebildete Philosoph und Soziologe seiner englischen Wirkungsstätte treu.

Während die zweite Hälfte seines langen Lebens damit eine gewisse Kontinuität aufweist, ist die erste Lebenshälfte geprägt von Umbrüchen durch Krieg und Diktatur. Und vom Antisemitismus. Der Jude Zygmunt Bauman muss zwei mal fliehen – vor den Nazis und später vor den Kommunisten. Das lässt ihn kurzzeitig nach Israel emigrieren, bevor er seinen Ruf nach Leed erhält.

Die Erfahrungen mit dem Totalitarismus und der Verfolgung prägen seine Arbeit. In Modernity and the Holocaust (1989) beschreibt Bauman, wie der Gedanke des Völkermords am Jüdischen Volk einerseits aus modernen Erkenntnissen entstand, um dann mit dem modernen Prinzip automatisierter Abläufe verwirklicht zu werden.

Zygmunt Baumans fast schon triviale Kernthese lautet: „Der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hochentwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen: er muß daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.“

Also: Kein Rückfall in die Barbarei, dem man mit Fortschritt begegnen könnte, nein: der Fortschritt ist selbst Teil des Schreckens. Kein deutsches Problem, nein: ein Problem der modernen Zivilisation. Kein jüdisches Thema, nein: ein globales Thema. Keine Singularität, nein: jederzeit und überall wiederholbar.

Wenn die Shoah als jederzeit und überall wiederholbar angesehen werden muss, weil sie eben Teil unserer modernen Kultur ist, müssen wir besonders aufmerksam sein und jegwelcher Anfänge wehren. Das hat uns Zygmunt Bauman ins Stammbuch geschrieben.

(Josef Bordat)

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