Heute vor 84 Jahren erfolgte die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Hitler hatte sich nicht – wie zehn Jahre zuvor vergeblich versucht – an die Spitze des Staates geputscht, sondern er bzw. seine Partei, die NSDAP, erlangte die Macht in mehr oder minder fairen Wahlen. Die Frage, wer die Nationalsozialisten gewählt hat und warum, ist seitdem eine oft gestellte. Etwa in Bezug auf die Konfessionszugehörigkeit der Wählerschaft.

Schon vor der Machtübernahme war klar: Nationalsozialismus und Katholische Kirche – das ist inkompatibel. NS-Ideologe Alfred Rosenberg hatte bereits 1930 in Der Mythus des 20. Jahrhunderts die Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Christentum betont: „Der Mythus des römischen Stellvertreters Gottes muß ebenso überwunden werden wie der Mythus des ‚heiligen Buchstabens‘ im Protestantismus. Im Mythus von Volksseele und Ehre liegt der neue bindende, gestaltende Mittelpunkt“. Eine völkische „Religion des Blutes“ solle das Christentum ersetzen, so Rosenberg, denn dieses sah er durch die Katholische Kirche, vor allem durch die Jesuiten, verdunkelt, verfälscht und „verjudet“.

Ihrerseits hat die Katholische Kirche ihre Mitglieder vor dem Nationalsozialismus gewarnt und bereits 1932 die Zugehörigkeit zur NSDAP für unvereinbar mit dem christlichen Glauben erklärt. In einer Stellungnahme der Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz zur nationalsozialistischen Bewegung vom 5. März 1931 heißt es zuvor unmissverständlich: „Wir katholischen Christen kennen keine Rassenreligion, sondern nur Christi weltbeherrschende Offenbarung, die für alle Völker den gleichen Glaubensschatz, die gleichen Gebote und Heilseinrichtungen gebracht hat. Wir Katholiken kennen kein nationales Kirchengebilde. Katholisch heißt allgemein. Ein Hirt und eine Herde rings auf dem Erdkreise: das ist der Grundplan des Reiches Christi, feierlich verkündigt vor seinem Kreuzestode.“ Als Erwiderung auf die Propaganda Rosenbergs für eine neue völkisch-politische Religion entstand im Erzbistum Köln die von Clemens August Graf von Galen veröffentlichte Schrift Studien zum Mythos des XX. Jahrhunderts (1934), an der insbesondere Theologen der Universität Bonn mitgearbeitet haben.

Viele Katholiken haben offenbar auf ihre Kirche gehört. In ihrer Studie Elite Influence? Religion, Economics, and the Rise of the Nazis (2014) weisen Jörg L. Spenkuch und Philipp Tillmann nach: Dort, wo Katholiken in der Mehrheit waren, waren die NSDAP-Wähler in der Minderheit – und umgekehrt. In Bayern, im Rheinland und in Schlesien, wo damals über 80 Prozent der Menschen katholisch war, erreichte die NSDAP bei den Reichstagswahlen vom November 1932 unter 20 Prozent. In der Diaspora Nord- und Mitteldeutschlands hingegen erreichte sie flächendeckend über 35 Prozent, in einigen Regionen auch die absolute Mehrheit der Wählerstimmen. Die Stimmung in der katholischen Bevölkerung war also keineswegs „Pro Hitler“. Hätten sie allein das Sagen gehabt, wäre Hitler nie an die Macht gekommen. Wäre es nach den Nicht-Katholiken gegangen, hätte Hitler gar nicht erst den Weg über eine Koalitionsregierung gehen müssen, sondern wäre gleich zum „Führer“ aufgestiegen.

Dazu liegt der Befund nur scheinbar quer, dass viele Nazi-Größen selbst christlich sozialisiert waren und sich in den Glaubensinhalten gut auskannten. Nur so konnten sie sich ja auf christliche Begriffe („Vorsehung“, „Erlösung“, „Heil“) beziehen und diese Metaphern mit völlig neuen Bedeutungsgehalten ausstatten. Was man ersetzen will, muss man kennen. Die Metaphorik der rosenbergschen „Blutreligion“ sollte die nationalsozialistische Sache mit der christlichen Tradition „gleichschalten“, was bei vielen Christen der Erkenntnis, wie lächerlich der Nationalsozialismus ist, nur endgültig zum Durchbruch verholfen haben dürfte. Zudem Die „Rassenlehre“ der Nazis ist das glatte Gegenkonzept zum christlichen Menschenbild. Dass sie auch religiös deutbar ist, heißt nicht, dass damit weniger auffiel, wie sehr sie dem christlichen Menschenbild widersprach. Wer fest im Glauben stand, hat den Widerspruch bemerkt.

(Josef Bordat)

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