Antisemitismus

25. April 2017


Eine Studie zum Antisemitismus lässt aufhorchen. Wenn in Deutschland (wieder) gilt: „Juden sorgen sich zunehmend um ihre Sicherheit“ (so der Titel des gestrigen Zeit-Artikels zur Veröffentlichung des Berichts der Unabhängigen Expertenkommission Antisemitismus der Bundesregierung), dann ist das beschämend und alarmierend zugleich. Besonders unter muslimischen Jugendlichen ist eine gefährliche Mixtur aus halbgarer Kritik an aktuellen politischen Entwicklungen in Israel, eine ohnehin größere Aggressivität als Modus der Selbstbehauptung und ganz ordinärer Judenhass zu verzeichnen.

Dennoch stellen Rechtsextreme nach wie vor das größte Problem dar. Ihre wirren Thesen zum „verderblichen Einfluss“ des Judentums auf alles Deutsche (oder besser: was man dafür hält) sind offenbar auch nach der siebzehnten Widerlegung nicht totzukriegen. Das Internet ist für diese Gruppe eine zusätzliche Bühne, die sich gefahrlos betreten lässt – schließlich gibt es für die anonyme Bedrohung jüdischer Einrichtungen und Persönlichkeiten praktische Instant-E-Mailaccounts, die auch unsere Polizei machtlos sein lassen.

So schlimm das bereits ist, manchmal schwappt der Hass in die reale Welt hinein. Mobbing auf dem Schulhof, Ausspucken vor dem Mann mit Kippa (sei er Jude oder nicht), dumme Sprüche, Übergriffe auf Personen und Sachen. Im Jahr 2016 hat es in Berlin 28 Angriffe auf Sakralbauten gegeben, acht davon richteten sich gegen Synagogen. Das sind fast 30 Prozent, obwohl der Anteil der Synagogen (insgesamt gibt es in Berlin genau elf) an den Sakralbauten Berlins irgendwo im unteren einstelligen Bereich liegen dürfte. In 16 der 28 Fälle waren Rechtsextremisten die Täter.

Aber nicht nur Dumpfbacken mit Springerstiefeln und Baseballschlägern haben Probleme mit Juden. Antisemitismus ist – übrigens schon seit dem 19. Jahrhunderten – gesellschaftsfähig. Jeder fünfte Mensch in Deutschland hegt „latente Vorbehalte“ gegen Juden, jeder 20. Deutsche meint: „Die Juden sind mitschuldig, wenn sie gehaßt und verfolgt werden“, wie Studien herausfanden. Wenn ich nun noch rein qualitativ hinzu nehme, was allein mir im Rahmen der Beschneidungsdebatte vor einigen Jahren an Äußerungen untergekommen ist, dann verdichtet sich das Ganze schon zu einen ziemlich düsteren Bild.

Und die Kirche? Heute steht sie an der Seite der Juden, aber wie war es früher? Mir geht es jetzt um die gemeinsame Geschichte der Christenheit und die Geschichte der Katholischen Kirche – Luthers Judenhass, der von keinem seriösen protestantischen Theologen oder Historiker bestritten wird, sowie die unrühmlichen „Entjudungsversuche“ der „Deutschen Christen“ möchte ich hier nicht abhandeln.

Die Kirche steht dem Judentum von Beginn an skeptisch, aber nicht feindselig gegenüber. Natürlich musste sich die junge Christenheit in Lehre und Leben von den jüdischen Traditionen lösen (Jesus selbst beginnt ja damit) und selbstverständlich ging das nicht immer reibungslos von statten (das erste Apostelkonzil diente der Beilegung des urkirchlichen Grundkonflikts zwischen Juden und Heiden in den christlichen Gemeinden) und leider schoss auch mancher Theologe der Antike, auch mancher Kirchenvater, in seiner Abgrenzungsbemühung über das Ziel hinaus (bekannt sind die polemischen „Adversus Judaeos-Traktate“ des Johannes Chrysostomus; es gab aber in der Patristik auch gewichtige christliche Fürsprecher des Judentums, etwa Origenes oder Gregor von Nazianz).

Feindschaft, wie sie in späteren Zeiten – gerade in unserer jüngsten Vergangenheit – auftrat, war das jedoch nicht. Der Antijudaismus der christlichen Antike war theologischer Natur, er trug keine rassistischen Züge, wie der Antisemitismus der Moderne. Die Kirche steht dem Judentum nicht feindselig gegenüber – und tat dies auch nicht im Mittelalter. Dennoch gab es in der christlichen Mehrheitsgesellschaft schon früh einen weit verbreiteten Antijudaismus. Grund für den volkstümlichen Judenhass war vor allem die Annahme, die Juden seien für den Tod Jesu verantwortlich („Christus-Mörder“). Zudem spielte der Vorwurf der Gotteslästerung im Verfahren gegen Jesus eine Rolle: Hatten die Juden Jesus wegen Blasphemie verurteilt (Mt 26, 65-66), so verurteilten nun viele Christen die Juden ebenso wegen Gotteslästerung, aufgrund ihrer Weigerung, Jesus als den Messias anzuerkennen.

Es gab im Volk weiterhin massive kulturelle Vorbehalte gegen Juden. Die kulminierten in drei Hauptvorwürfen: Den Juden wurde vorgeworfen, das Trinkwasser vergiftet und so die Pest ausgelöst zu haben (Brunnenvergiftung). Es wurde ihnen weiterhin vorgeworfen, christliche Kinder zu entführen und im Rahmen kultischer Handlungen zu töten (Ritualmord). Schließlich gab es den Vorwurf, Juden raubten geweihte Hostien, um sie zu schänden (Hostienschändung). Das führte schon früh zu Gewalt gegen Juden. Neben zahlreichen minderschweren Ausschreitungen, die sich an den Vorwürfen „Ritualmord” und “Hostienschändung” entzündeten, gab es 1096 schwere, jedoch lokal begrenzte Pogrome, die im zeitlichen, aber nicht in unmittelbarem sachlichen Zusammenhang mit dem Ersten Kreuzzug (1095) standen.

Auch jüdische Quellen machen für diese Pogrome nicht Papst Urban II. verantwortlich, der zum Ersten Kreuzzug aufgerufen hatte, nicht aber zur Judenverfolgung. Die Ausschreitungen wurden vielmehr von einigen wenigen unorganisiert handelnden Rittern getragen, die von Volkspredigern angestiftet wurden. Die Juden behielten Rechtsschutz (das heißt: die Ritter wurden bestraft) und erfuhren teilweise die Unterstützung der Kirche in Person des Ortsbischofs, der schützend seine Hand über sie hielt (etwa in Köln). Weitere große Pogrome gab es 1236 in Frankreich. Dagegen wandte sich Papst Gregor IX. in einem Schreiben an die französischen Bischöfe.

Die größte Pogromwelle rollte Mitte des 14. Jahrhunderts durch Europa, wegen der grassierenden Pest, für die die Juden verantwortlich gemacht wurden (Vorwurf der Brunnenvergiftung). Diese Pogrome fanden ebenfalls gegen den entschiedenen Widerstand der Kirche statt (Papst Clemens VI. verfasste zwei Bullen gegen die Judenjagd, die jedoch im Volk ohne Wirkung blieben). Antijudaismus war also eine Angelegenheit des Volkes, die von den Päpsten scharf kritisiert wurde.

Was sagt die Kirchenlehre und die zeitgenössische katholische Theologie? Die Lehre der Kirche hat stets betont, die Menschen (alle Menschen) trügen die Schuld am Kreuz, soweit sie Sünder sind und der Erlösung bedürfen. Die Vorstellung, die Juden seien Nachfahren der „Christus-Mörder“, wurde zwar lange Zeit im christlich motivierten Antijudaismus tradiert, sie stand aber in klarem Gegensatz zur Lehre des Konzils von Trient (1545-1563), in dem festgestellt wurde: „Wenn man den Grund sucht, warum der Sohn Gottes ein so bitteres Leiden erduldet hat, wird man finden, daß dies vor allem die Verbrechen und Sünden sind, welche die Menschen vom Anbeginn der Welt bis auf den heutigen Tag begangen haben und die sie noch bis zum Ende der Zeit begehen werden“.

Papst Gregor IX. brachte die gebotene Toleranz der Christen den Juden gegenüber bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf eine der Goldenen Regel entsprechende Formel: „Es ist den Juden jenes Wohlwollen entgegenzubringen, das wir im Heidenland den Christen gewährt zu sehen wünschen“. Damit wollte er vor allem gegen die im Volk übliche Praxis der Unterstellungen vorgehen, die den Antijudaismus motivieren sollten (insbesondere mit dem Vorwurf des Ritualmords und der Hostienschändung). Ende des 13. Jahrhunderts legte Papst Nikolaus IV. in diesem Sinne nach: „Die Kirche erträgt nicht gefühllos, daß die Juden Unrecht und Anwürfe erfahren von seiten der Bekenner des christlichen Namens“.

Bereits im 12. Jahrhundert begann im christlichen Europa eine intensive Beschäftigung mit dem Judentum, die sich auch in einem zunehmenden Austausch von christlichen Exegeten mit jüdischen Schriftgelehrten zeigt. Zahlreiche Größen der mittelalterlichen Theologie und Kirchengeschichte haben sich im 12. Jahrhundert wohlwollend mit dem Judentum befasst, etwa Hugo von Sankt Viktor, Bernhard von Clairvaux und Hildegard von Bingen. Zentral wird dann die Rezeption bei Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert, der dem Judentum eine bleibende Heilsbedeutung zuspricht und in diesem Zusammenhang die Beschneidung als „Voraustaufe“ in einer quasi-sakramentalen Funktion anerkennt. Die treffendste Beschreibung des Verhältnisses der Juden zum Christentum aus Sicht der Kirche ist jene, die das Judentum als Mutter und das Christentum als Tochter versteht.

Zum Schutz der Juden vor Übergriffen, vor Verunreinigung durch Eingriffe in die Intimsphäre, die gerade in stark gemischten Gesellschaften wie beispielsweise im mittelalterlichen Spanien eine reale Gefahr darstellten, beschloss das IV. Laterankonzil (1215) die Kenntlichmachung der Juden durch besondere Kleidung oder Abzeichen. Fälschlich wurde das oft als soziale Ausgrenzung und rechtliche Diskriminierung von Juden gedeutet, obwohl es eigentlich eine Schutzmaßnahme aus Rücksicht auf die jüdischen Reinheitsvorstellungen war, konkret: um die bereits von Mose (vgl. Lev 19, 19) verbotene geschlechtliche Vermischung von Juden und Nichtjuden zu verhindern.

Kommen wir zur jüngeren Vergangenheit. Fest steht: Der Antijudaismus in der Bevölkerung des mittelalterlichen Europa war zwar unbestritten eine Quelle des europäischen Antisemitismus, der sich im 19. Jahrhundert – wie bereits erwähnt – in allen gesellschaftlichen Bereichen ausbreitete und im 20. Jahrhundert zur Schoa führte, doch die lokal begrenzten Pogrome des Mittelalters haben zur systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Europa durch die Nationalsozialisten keinen direkten Bezug. Entscheidend ist dabei, dass die Juden-Pogrome im Mittelalter nicht von oben (weder von der Kirche noch vom Staat) unterstützt oder gar angeordnet wurden. Das war insbesondere im nationalsozialistischen Deutschland anders: Hier wurde das antijüdische Vorgehen auf allen Ebenen von oben geplant und gesteuert.

Fest steht aber auch: Die fortschreitende Säkularisierung des Judentums und der jüdische Intellektualismus sowie die Entwicklung einer jüdisch geprägten linken Kunst- und Kulturavantgarde wurde von den christlichen Kirchen im 19. Jahrhundert mit Argwohn zur Kenntnis genommen. Die Wahrnehmung des Judentums als „zersetzend“ und „wurzellos“ hat hier ihren Ursprung. Die Juden standen für die Moderne, die vom Katholizismus sowohl theologisch als auch praktisch mit großer Skepsis bedacht wurde; erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich das grundlegend geändert. Dennoch lässt sich hier keine direkte Linie zur Schoa ziehen.

Dass direkter Antisemitismus in die Lehre, Liturgie und Verkündigung der katholischen Kirche eingedrungen wäre, ist aber eine Ausnahme, die nicht den Episkopat und die Gemeinden betraf. Und das muss als besondere Leistung anerkannt werden, vor allem dann, wenn man bedenkt, wie schnell das Gift des Antisemitismus in andere gesellschaftliche Institutionen eindrang, in den Kulturbetrieb etwa oder in die Sportverbände. Doch nicht allein, dass die Katholische Kirche nicht dezidiert antisemitisch war – vielmehr gilt, dass sie von hoher Stelle für die Juden Partei ergriff: Bereits 1934 erschienen die Adventspredigten von Kardinal Faulhaber, der acht Jahre zuvor in Rom mit über 300 Bischöfen und über 3000 Priestern das Opus sacerdotale Amici Israel („Priesterliche Vereinigung der Freunde Israels“) gründete, dessen Ziel die christlich-jüdische Versöhnung war.

Papst Pius XI., Autor der Enzyklika Mit brennender Sorge (1937), hat ausdrücklich den modernen Rassismus verurteilt und handelte demonstrativ projüdisch. Seinem Nachfolger Pius XII. wird von (inzwischen gründlich widerlegten) Historikern wie Daniel Goldhagen und tendenziösen Schriftstellern wie Rolf Hochhuth insbesondere der Vorwurf gemacht, zur Schoa geschwiegen zu haben. Er wird dabei zu einer Art „Sündenbock“, auf den die damals schweigende Mehrheit in Europa schon sehr bald nach dem Krieg ihre Schuldgefühle projizieren konnte. Die Frage, warum der Papst schwieg, also etwa die von seinem Vorgänger erarbeitete Anti-Rassismus-Enzyklika nicht veröffentlichte, wird oft mit „Antisemitismus“ zu beantworten versucht, obgleich darin eine kluge Vorsicht zum Ausdruck kommt und die zutiefst christliche Haltung aufscheint, aus Imagegründen keine Menschenleben zu gefährden, was höchstwahrscheinlich der Fall gewesen wäre, wie die Konsequenzen der offenen Regimekritik seitens der katholischen Bischöfe in den Niederlanden sehr deutlich zeigen.

Die beiden Pius-Päpste waren weder Rassisten noch Antisemiten, der Vatikan insgesamt ist von Antisemitismus freizusprechen. Das kann man weniger ihren Worten entnehmen, als vielmehr ihren Taten: Pius XI. hatte einige konvertierte Juden im Vatikan aufgenommen, Pius XII. handelte ebenso. In Gebäuden im Vatikan, in Räumen der Päpstlichen Universität Gregoriana sowie in der Sommerresidenz des Papstes in Castel Gandolfo wurden zwischen 100.000 und 200.000 Juden versteckt und konnten somit gerettet werden.

Israel Zolli, Oberrabbiner in Rom während des Zweiten Weltkriegs, notiert 1945 in seinem Tagebuch: „Das Judentum hat Pius XII. gegenüber eine große Dankesschuld. Bände könnten über seine vielfältige Hilfe geschrieben werden. Kein Held der Geschichte hat ein tapfereres und stärker bekämpftes Heer angeführt als Pius XII. im Namen der christlichen Nächstenliebe. Das außergewöhnliche Werk der Kirche für die Juden Roms ist nur ein Beispiel der ungeheuren Hilfe, die von Pius XII. und den Katholiken in aller Welt mit einem Geist unvergleichlicher Menschlichkeit und christlicher Liebe geleistet wurde.“ Keine Lorbeeren zum Ausruhen.

(Josef Bordat)

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