Gegen die Angst

28. November 2017


Notker Wolf macht Deutschland Mut – leider etwas spät. Zu spät?

Angst, so sagt es ein populäres Online-Lexikon in seinem so urigen Stil, sei „ein Grundgefühl, das sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert“ . Besorgte und „unlustbetont“ erregte Bürger haben hierzulande zwar noch nicht die Macht übernommen, bestimmen aber ganz entscheidend die Debatten mit. In vielen Bereiche reklamieren sie die Deutungshoheit über Begriffe und konnotieren erfolgreich Phänomene wie Migration negativ („Strom“, „Krise“ – das liest man mittlerweile nicht nur bei den Rechten).

Es sind insbesondere Verlustängste, die viele Menschen hierzulande in ihrem (Wahl-)Verhalten bestimmen, Angst vor dem sozialen Abstieg, Angst davor, Opfer einer beschleunigten Zeit zu werden, Angst vor Globalisierung, Terror, Überfremdung, Kriminalität und Islamisierung. Oder ist es tatsächlich „Furcht“, also weniger ein diffuses Empfinden von Verunsicherung als vielmehr begründete Sorge mit nachvollziehbarer Empirie? Genau daran scheiden sich die Geister, genau diese Debatte muss Deutschland führen.

Einen Beitrag dazu leistet nun der Benediktiner Notker Wolf mit seinem Buch Schluss mit der Angst – Deutschland schafft sich nicht ab!, erschienen im Herder-Verlag. Das Buch nimmt in der äußeren Gestaltung und im Titel Bezug auf den Besteller Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen von Thilo Sarrazin, ein Buch, das bereits 2010 erschienen ist und seitdem rund 1,5 Millionen mal verkauft wurde, so oft wie kaum ein anderes Sachbuch in deutscher Sprache. Sieben Jahre danach – und nach dem Ende der öffentlichen Diskussionen über „den Sarrazin“ – genau damit zu kokettieren, wirkt in seinem Bemühen etwas krampfhaft.

Überzeugender ist da schon der Inhalt. Notker Wolf entkräftet populistische Stereotype von der Bedrohung durch das Fremde bis zum Boot, das voll sei. Dabei tut er das, was man zunächst am besten tut: Er klärt die Begriffe. Der Benediktiner erreicht so eine Perspektive auf das Phänomen der Angst, das dieses nicht einfach negiert oder pathologisiert (im Sinne der vielen neuen „-phobien“), sondern sinnvoll einordnet. Angst zu haben sei richtig und wichtig, doch es komme eben darauf an, wie man mit diesem Grundgefühl umgeht.

Notker Wolf beschreibt durchaus persönlich seine Erfahrungen mit der Angst, um als Seelsorger einen geistlichen Ausweg zu weisen: Gottvertrauen. Diese beginnt mit der Gottesfurcht, denn: „Nur, wer Furcht vor Gott hat, hat keine Heidenangst mehr. Weil der Gottesfürchtige an Gott glaubt und ihm vertraut“. Gottvertrauen, so der 77jährige, sei für sein Leben „eine der wichtigsten, vielleicht sogar die wichtigste Konstante gewesen“.

Das Buch ist ein engagierter Anti-Sarrazin. Es macht aus christlicher Perspektive Mut, indem es das Gottvertrauen gegen die Heidenangst setzt, Vertrauen gegen Kontrolle, Verantwortung gegen Schuldzuweisung, Tatkraft gegen die Opferrolle, Hoffnung gegen Resignation, kurzum: den Mutbürger gegen den Wutbürger. Einziges Manko: Es erscheint einige Jahre zu spät. Ende 2017 steht es im Geruch, selbst ein Ergebnis von Versicherung zu sein, angesichts eines zu wirkmächtig gewordenen Populismus‘, der in den 13 Prozent AfD-Anteil im Bundestag seinen politischen Ausdruck findet – und in den fast zehn Prozent für die Linken. Es fragt sich also, wen Notker Wolfs aufbauende Botschaft jetzt noch erreichen soll. Wen sie noch erreichen kann.

Bibliographische Angaben:

Notker Wolf: Schluss mit der Angst – Deutschland schafft sich nicht ab!
Freiburg i. Br.: Herder-Verlag 2017.
160 Seiten, € 16,99.
ISBN 978-3451376207.

(Josef Bordat)

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