Missbrauch. Ein grausames Verbrechen, das auch vor Kirchentüren und Klostermauern nicht Halt macht. Seit den 1950er Jahren hat es in kirchlichen Einrichtungen weltweit Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben, in Deutschland, in den USA, in Irland, in anderen europäischen Staaten und auch in anderen Regionen der Welt – zuletzt erreichten uns Horrormeldungen aus Australien. Eine der großen Aufgaben ist die Prävention, in Rücksicht auf das, was geschehen ist. Die Aufarbeitung gehört dazu, wissenschaftlich, exakt, flächendeckend, aber auch die Anerkennung des Leids der Betroffenen. Besonders bedeutsam: Den Opfern eine Stimme zu geben, sie zu Wort kommen zu lassen.

Daniel Pittet ist eines der Opfer. Als Ministrant wurde er vier Jahre lang von Pater Joël Allaz, einem Kapuzinermönch, missbraucht. In seiner ohnehin schweren Kindheit – seine Eltern lassen sich scheiden als er acht Jahre alt ist – erleidet er ein schier unvorstellbares Martyrium. Dass er nun, fast ein halbes Jahrhundert danach, seine Geschichte erzählt, ist notwendig, kostbar und mutig, wie Papst Franziskus im Vorwort schreibt.

„Pater, ich vergebe Euch!“, so lautet der Titel des Buches, dass die komplizierte Kindheit, den Missbrauch und die Zeit danach schonungslos offen beschreibt. Den Titel bittet Daniel Pittet wörtlich zu nehmen. Er habe ihm vergeben, auch, wenn das nicht leicht fiel. Schließlich ist es die Kraft seines Glaubens, den er sich bewahren konnte und der ihn trotz der Zweifel trägt.

Pittet Zeugnis geht unter die Haut: „Warum hat Jesus vier Jahre lang nicht unternommen, um mich aus meinem Leid zu befreien? Ich trage diese Wunde in mir, und ich versorge sie Tag für Tag, vor allem durch das Gebet, aber auch durch die Beichte, diesen Moment der Zweisamkeit und des Gehört-Werdens, der sehr intensiv sein kann“. Die Kraft des Glaubens ermöglicht ihm Vergebung, die Vergebung ein weitgehend „normales“ Leben: Berufsausbildung, Heirat, Familiengründung. Heute arbeitet Daniel Pittet in Fribourg als Bibliothekar und ist Vater von sechs Kindern.

Und der Täter, der mittlerweile laisiert ist? Zur Vergebung gehört wohl auch, ihn anzuhören, seine Gedanken, Gefühle und Motive auszulooten. Pater Joël Allaz, der sich selbst als „Monster“ bezeichnet, wird in Pittets Buch die Gelegenheit gegeben, ausführlich zu seiner Vergangenheit als Missbrauchstäter Stellung zu nehmen. Auch das zeugt von der Größe des Menschen, der seinen Peiniger nicht hassen will, der das Leben nach dem Missbrauch auf das „Fundament der Vergebung aufgebaut“ hat: „Ich empfinde weder Respekt noch Mitleid für meinen Peiniger. Ich habe ihm vergeben“.

Doch was bedeutet das für Pittet – „Vergebung“? Es ist keine leichtfertige Verharmlosung oder gar Verdrängung der Tatsachen, etwa aus Gründen des Selbstschutzes, um die es bei der Vergebung geht, sie ist keine „Entschuldigung, die das Problem verkennt“. Vielmehr geht es um Abgrenzung vom Täter und das Wiedererlangen von Freiheit: „Die Vergebung heilt weder die Wunde noch löscht sie das zugefügte Leid aus. Die Vergebung bedeutet, dass ich in meinem Peiniger einen Menschen sehe, der Verantwortung trägt. Mit dieser Vergebung fühle ich mich nicht mehr an ihn gebunden, ich bin nicht mehr von ihm abhängig. Ihm zu vergeben, hat hat es mir ermöglicht, die Ketten zu sprengen, die mich an ihn fesselten und die mich daran gehindert hätten, zu leben“.

Ein schmerzlicher Einblick in die Abgründe des Missbrauchsverbrechens („Abstieg in die Hölle“), ein beeindruckendes Glaubenszeugnis und eine erhellende Darlegung des Prinzips Vergebung – ein in mehrfacher Hinsicht wichtiges Buch.

Bibliographische Angaben:

Daniel Pittet: Pater, ich vergebe Euch! Missbraucht, aber nicht zerbrochen. Mit einem Vorwort von Papst Franziskus.
Freiburg i. Br.: Herder 2017.
224 Seiten, € 22.
ISBN 978-3-451-37914-7.

(Josef Bordat)

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