Missbrauch. Entsetzen, Ratlosigkeit, sinnvolle und weniger sinnvolle Maßnahmen

7. Februar 2017


Angesichts der fürchterlichen Nachricht aus dem fernen Australien, die mir (und offenbar auch vielen Anderen) sehr nahe gehen, ist das Entsetzen groß.

Das hat seine Gründe. Zum einen sind die Zahlen erschreckend hoch. Das hängt freilich auch von der Darstellung ab. Der große Zeitraum von sechs Jahrzehnten ergibt große Fallzahlen. Dennoch sind diese im Verhältnis zu anderen Regionen signifikant höher. In der Katholischen Kirche Berlins etwa, die – gemessen an der Gläubigenzahl – etwa 15mal kleiner ist als die Australiens, wurden von 1947 bis 2014 insgesamt 31 Kleriker, vom Erzbischof beauftragte Ordensangehörige sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen und erwachsenen Schutzbefohlenen beschuldigt. Selbst dann, wenn man annimmt, dass Täter mehrere Kinder missbraucht haben könnten, käme man nicht auf die Opferzahlen, die in Australien ermittelt wurden. Nähme man etwa an, dass jeder Täter drei Opfer hervorgebracht hat, so käme man – nach Gewichtung – gerade auf ein Drittel der gestern veröffentlichten Zahlen. Man könnte dann sagen: Australien ist dreimal so stark betroffen wie Berlin. Und das trotz des Canisiuskollegs.

Australien oder Berlin: Sexueller Missbrauch ist ein Vergehen – ohne Wenn und Aber. Missbrauch hat zudem eine Langzeitwirkung: Er traumatisiert die Opfer – oft ein Leben lang. Wenn die Missbrauchstat von einem Priester verübt wird, führt dies zusätzlich zu einem dreifachen Vertrauensbruch: das Vertrauen in die Person des Priesters schwindet, das Vertrauen in die Kirche insgesamt und – am schwerwiegendsten – das Vertrauen in Gott. Damit hat die Tat des Priesters immer auch eine spirituelle Dimension. Dessen muss sich ein Priester bewusst sein: Er begeht mit dem Missbrauch nicht nur eine abscheuliche Straftat, sondern konterkariert sein Amt, durch das er die Menschen zu Gott hin führen soll – und nicht von Gott weg. Darum ist das Entsetzen zu Recht gerade bei katholischen Christen groß.

Nur eins ist noch größer als das Entsetzen: die Ratlosigkeit. Wie kann so etwas sein? Die Antwort ist wichtig, wäre sie doch der Schlüssel für eine wirkungsvolle Prävention. Denn die entscheidende Frage ist: Was tun, um künftig Missbrauch in der Kirche zu verhindern? In den Kommentarspalten werden die üblichen Vorschläge gemacht.

1. Aus der Kirche austreten. Diese Reaktion in Ehren – doch dürfte sie für das Thema Missbrauch in der Kirche kaum eine geeignete Maßnahme darstellen. Denn wieso sollte ein potentieller Täter im Raum der Kirche von seinem Tatplan Abstand nehmen, weil irgendjemand aus der Kirche austritt? Der Austritt hätte nur dann einen Effekt, wenn der Austretende selber als Täter in Frage kommt. Doch selbst dann wäre es keine Lösung zum Schutz potentieller Opfer. Ein Täter außerhalb der Kirche ist und bleibt ja ein Täter, der ein traumatisiertes Opfer zurücklässt.

2. Die Kirche verbieten. Das ist ebenfalls keine gute Idee. Zumindest dann nicht, wenn man damit den sexuellen Missbrauch unterbinden will. Denn dann müsste man auch Sportvereine, Chöre, Familien, Schulen, Universitäten, Jugendherbergen, Hotels, Metzgereien, Anwaltskanzleien, die Bundeswehr, die Bundesbank, den Bundestag und alles andere verbieten, wo sexueller Missbrauch stattfindet, kurzum: die moderne Gegenwartsgesellschaft.

3. Den Zölibat abschaffen. Von außerhalb der Kirche wird der Zölibat für Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester verantwortlich gemacht – zu Unrecht, wie Experten sagen. Das Problem ist nicht mit dem Zölibat verbunden. Wenn ein Priester pädophil ist, war er es, bevor er Priester wurde. Auch das führte also ins Leere. Allerdings muss in der Priesterausbildung das Thema Sexualität eine Rolle spielen. Jeder angehende Geistliche muss sich prüfen, offen und ehrlich. Die Kirche sollte denen, die sich dann doch gegen das Priesteramt entscheiden, Angebote einer beruflichen Perspektive machen. Das hieße im Ergebnis, den Zölibat zu stärken. Man kann übrigens durchaus auch über Sinn und Zweck des Zölibats reden (und sogar streiten) – aber eben nicht im Rahmen der Maßnahmen zur Missbrauchsbekämpfung.

Apropos: Maßnahmen zur Missbrauchsbekämpfung. Was tun?

1. Aufklärung. Die Katholische Kirche ist bis vor kurzem in sehr ungeeigneter Weise mit dem Thema Missbrauch umgegangen. Bis zur Jahrtausendwende wurde die Existenz des Problems praktisch verschwiegen. Priester, die des sexuellen Missbrauchs an Kindern oder Jugendlichen schuldig geworden waren, wurden nur versetzt, statt sie aus dem Priesteramt zu entfernen. So konnte ihr Dienst an anderer Stelle weitergehen, zum Teil weiterhin in der Kinder- und Jugendarbeit. Der offensive Umgang mit dem Thema seit der Intervention des damaligen Kurienkardinals Joseph Ratzinger im Jahr 2002 (Weltkirche) bzw. seit der Pressekonferenz des Jesuitenpaters Klaus Mertes, damals Rektor am Canisiuskolleg in Berlin, im Jahr 2010 (Kirche in Deutschland) sind richtige und wichtige Schritte gewesen, um den Missbrauch in der Kirche weitestgehend einzudämmen. Auch die Ergebnisse aus Australien sollten mittelfristig dazu beitragen. Wir müssen als Kirche diesen schmerzhaften Weg gehen. Eine andere Möglickeit gibt es nicht. Zumindest keine gute.

2. Aufarbeitung. Für die deutschen Bistümer läuft derzeit eine breit angelegte offizielle Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, bei der die diözesanen Strukturen der Kirche in Deutschland betrachtet und die darin in den letzten Jahrzehnten tätigen Personen untersucht werden. Dazu werden zehntausende Personalakten aus ganz Deutschland ausgewertet, zahlreiche Interviews mit Opfern geführt und auch Täter befragt. Die Studie wird geleitet von einem siebenköpfigen Expertengremium um den Neurowissenschaftler Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Die Ergebnisse werden für Ende des Jahres erwartet. Das ist für den Bereich der Kirche nicht in allen Ländern und für Deutschland auch nicht in allen Institutionen der Fall. Sollte es aber.

3. Aufmerksamkeit. Es gibt in Deutschland seit 2010 verschärfte Richtlinien, die zu einem großen Bewusstsein aller Beteiligten geführt haben. Das muss in den regionalen Bischofskonferenzen weltweit passieren. Man muss dabei allerdings aufpassen, dass keine Hysterie einzieht, die alle Vollzüge unter die Maßgabe einer Vermeidung von Missbrauch um jeden Preis stellt. Damit drohte eine sterile Pastoral, in der jede Körperlichkeit tabuisiert ist. In diesem Umfeld kann kein Jugendleiter und schon gar kein Kaplan mehr einem weinenden Kind den Arm um die Schulter legen, ohne Gefahr zu laufen dass ihm der Trostzuspruch als Vorstufe sexuellen Missbrauchs ausgelegt wird. Davon hat am Ende keiner was – schon gar nicht das Kind.

(Josef Bordat)

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