Liebe zwischen Begehren und Wohlwollen

25. Dezember 2015


Zehn Jahre Deus caritas est

Sprechen wir von Liebe, so können wir der klassischen Unterscheidung von eros und agape folgen, wobei der eros das sinnliche, begehrende Moment der Liebe und die agape die geistige Hingabe, die schenkende, wohlwollende Liebe meint, die dann zur tätigen Nächstenliebe, zur caritas wird. Die Frage ist: Sind das zwei dichotome Arten von Liebe, die nichts miteinander zu tun haben, sich ausschließen oder eher zwei Richtungen des einen Liebens?

Benedikt XVI. hat in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est heute vor zehn Jahren eher den Unterschied verdeutlicht, indem er herausstellte, dass „die beiden Grundwörter Eros als Darstellung der ‚weltlichen‘ Liebe und Agape als Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe“ dem Gegensatz von der Welt des alten Menschen und dem Reich Gottes des neuen Menschen entsprechen. Benedikt weiter: „Beide werden häufig auch als ‚aufsteigende’ und ‚absteigende’ Liebe einander entgegengestellt; verwandt damit sind andere Einteilungen wie etwa die Unterscheidung in begehrende und schenkende Liebe (amor concupiscentiae – amor benevolentiae)“ (Nr. 7). Also: eine deutliche Verschiedenheit.

Man könnte aber auch die These wagen, dass beides unbedingt zusammengehört, dass ich nicht begehren kann, ohne die Absicht zu haben, mich an das Begehrte zu verschenken, dass ich aber umgekehrt auch nicht tätig werden kann im Sinne karitativen Handelns, ohne eine auch sinnliche Beziehung zu dem Adressaten des Handelns aufzubauen. Das meint nicht einfach nur, dass ich bei der Krankenpflege Körperkontakt eingehe, das meint auch nicht, dass ich bei jeder Hilfeleistung Hintergedanken sexueller Natur hege oder nur noch Menschen mit Liebe begegne, in die ich „verliebt“ bin, im engen Sinne des Begehrens nach partnerschaftlicher Nähe, sondern dass ich ein Interesse entwickeln muss, das mich vom abstrakten Nächstenliebegebot ins konkrete Tun zu überführen in der Lage ist.

Dieses Interesse liegt auch auf der Ebene des Eros, etwa im Erkennen des Schönen. Auch ein alter, kranker, sterbender Mensch kann schön sein, weicht er auch vom ästhetischen Ideal der Gesellschaft ab. Pflegerischer Dienst kann daher auch auf die Schönheit abzielen, selbst wenn er vornehmlich von Barmherzigkeit getragen wird. Begehren und Wohlwollen müssen sich nicht ausschließen. Man könnte vielmehr sagen: Es gibt keine echte agape ohne begehrende Sinnlichkeit und keinen echten eros ohne ein sich selbst verschenkendes Wohlwollen.

(Josef Bordat)

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